Kleinkindzeit oder irgendwas ist anders

Einige Monate nach Pauls Geburt fiel ich emotional in ein tiefes Loch. Ich zweifelte an mir als Mutter und an meiner Liebe zu diesem kleinen Wesen. Überall las und hörte ich, man könne am Schreien des Babys seine Bedürfnisse erkennen. Ich konnte es auch nach Monaten nicht. Er schrie immer gleich. Ich musste immer raten, ob es nun Hunger, Müdigkeit oder eine volle Windel waren, die ihn störten. Das einzige Schreien, das sich unterschied, war wenn er Schmerzen hatte. Das erkannte ich sofort. Ansonsten machte ich mir Vorwürfe und wurde depressiv. Die Ärztin schickte mich zu einer Psychologin mit Verdacht auf postpartale Depression. Die Psychologin war mir allerdings auch keine Hilfe, sie erzählte mir nur, wieviel schlechter es doch anderen Menschen ginge. Aber zumindest weckte sie dadurch meine Trotzhaltung und „Jetzt erst recht“ wurde mein neues Motto.

Paul indes entwickelte sich recht gut. Die Ärzte in der Frühchensprechstunde im SPZ waren sehr zufrieden. Er krabbelte und schien keine motorischen Defizite aufzuweisen, wenn man das korrigierte Alter annahm. Auch dem Kinderarzt fiel bei den U-Untersuchungen nichts auf. Der erste Verdacht, dass etwas nicht so läuft wie es sein sollte, kam uns Eltern. Paul war da etwas über ein Jahr alt. Er sprach genau mit 12 Monaten die ersten 2 Wörter: „Teddy“ und „Ball“. Jedes Wort sagte er nur ein einziges Mal und dann nicht wieder. Auch neue Wörter kamen nicht. Wir sprachen es beim Kinderarzt an. Der fand dies jedoch nicht beunruhigend, wir sollten nicht so ungeduldig sein, Jungen sprechen einfach später. Mit 13 Monaten stand Paul das erste Mal am Schrank, mit 18 Monaten lief er frei. Wir waren absolut stolz auf ihn. Wir übersahen, dass er seine Umgebung nicht erkundete. Er zog keine Bücher aus dem Regal, machte keine Schubladen oder Schranktüren auf. Er spielte auch nicht wie ein normales Kind. Er drehte Gegenstände vor seinen Augen und er trommelte stundenlang auf einem kleinen Lederhocker, der im Wohnzimmer stand. Draußen zu sein war ihm immer noch unheimlich, er weinte jedes Mal. Dafür liebte er das Autofahren. Eigentlich. Wenn es regnete und der Scheibenwischer eingeschaltet wurde, brüllte er. Und brüllte und brüllte. Den Zusammenhang erkannten wir erst nach einer Weile und vermieden ab da, bei Regen mit dem Auto unterwegs zu sein.

Besuche mit Übernachtung auswärts endeten immer in Katastrophen. Meine Eltern wohnen 4 Stunden Autofahrt entfernt. Wir fuhren zu ihnen, geplant waren 2 Tage. Als wir dort ankamen, war Paul zwar etwas unruhig, aber es ging ihm gut. Bis wir schlafen gehen wollten. Er fing an zu schreien und bekam plötzlich hohes Fieber. Noch in der gleichen Nacht fuhren wir wieder nach Hause, weil wir uns sehr große Sorgen um ihn machten und er auch das Essen und Trinken komplett verweigerte. Kaum zu Hause angekommen, war das Fieber so plötzlich verschwunden wie es gekommen war. Die nächsten Auswärtsbesuche verliefen dann etwas besser, er wurde nicht mehr krank, aß allerdings fast nichts und konnte lange auch nicht schlafen, was zu tiefen Augenringen bei uns Eltern führte.

Die Sprache blieb weiterhin aus, der Kinderarzt fand das auch weiterhin nicht beunruhigend: „Er ist ein Frühchen, der darf das…“

Nichtsdestotrotz wollte ich nach 2 Jahren wieder arbeiten gehen. Wir begannen also mit der Eingewöhnung bei einer Tagesmutter. Und scheiterten grandios. Liebe Marlene, falls du das hier jemals liest: Dich trifft keine Schuld! Paul stand immer am Fenster, wenn ich ging und schrie mir hinterher. Soweit, so normal. Aber er war durch nichts zu motivieren, sich an den Aktivitäten zu beteiligen. Er wollte nicht am Essen teilnehmen, nicht vorgelesen bekommen, nicht spielen. Bestenfalls legte er sich hin und schlief erschöpft ein, aber auch dies war für die Tagesmutter nicht händelbar, da dadurch die anderen Kinder nicht spielen oder rausgehen konnten. Und wenn Paul nach 3 Stunden nach Hause kam schrie er. Stundenlang. Und war durch nichts zu beruhigen. Mein kurzer Ausflug in die Arbeitswelt endete nach 5 Wochen.

Dabei blieb es für die nächsten 2 Jahre. Heute ist mir nicht mehr ganz klar, wie ich diese Zeit zu Hause überstand. Pauls Verhalten wurde immer auffälliger, Hilfe war nicht in Sicht.
Darüber schreibe ich demnächst mehr.

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