Warum ich ABA für falsch halte

Heute möchte ich mal einen älteren Beitrag von mir veröffentlichen. Ursprünglich habe ich ihn in einem Forum verfasst.


Mir stört am Ansatz ABA (steht jetzt stellvertretend auch für Knospe, BET und Ähnliches):

1. die Menge an beteiligten Therapeuten Da ist ein Kind, welches meist ohnehin schon Probleme mit fremden Menschen und sozialen Anforderungen hat. Und dieses Kind muss sich auf einmal an etliche neue Personen gewöhnen, die auf engem Raum Anforderungen an es stellen. Es kann nicht sagen „Heute nicht, ich möchte alleine sein“

2. Die Stundenanzahl Ich lese immer wieder von 30-40 Wochenstunden Therapiezeit. Soviel geht mancher Erwachsene nicht arbeiten. Und häufig finden die Therapien dann zu Hause statt, nach Kindergarten und Transport. Das entspricht dann häufig einem 12 Stundentag. Wir reden hier von Kindern, meist im Vorschulalter.

3. Das Kind wird als „falsch“ deklariert Gerade bei ABA und Co. fällt mir extrem auf, dass immer nur am Kind gearbeitet wird. Das Kind soll sich an die neurotypische Gesellschaft anpassen. Es wird nicht geschaut, ob das „falsche“ Verhalten nicht eine wichtige Funktion für das Kind erfüllt sondern es wird einfach wegtrainiert. Niemand käme auf die Idee einem Beinamputierten die Prothese wegzunehmen und dann mit ihm für einen Triathlon zu trainieren. Bei Autisten wird aber genau das versucht.
Außerdem wird es auch dem Kind recht bald auffallen, dass mit ihm etwas nicht stimmt(sonst müsste es ja nicht ständig therapiert werden). Umso schlimmer, wenn ABA dann sogar noch im Kindergarten oder in der Schule fortgesetzt wird, dann sehen auch die anderen Kinder, dass der Autist das Problem ist. Welche Folgen das haben kann, sollte jedem klar sein.

4. Es findet kein „normales“ Familienleben mehr statt Alles wird zur Therapiesituation. Ich hatte kürzlich Kontakt zu einer Mutter, die mit ihrem Kind ABA machte (inzwischen wohl nicht mehr). Sie schrieb davon, dass das Essen, das Einkaufen, das Spielen (Gesellschaftsspiele)…eigentlich alles, was im Alltag so vorkommt, erarbeitet wird. Sie konnte nicht nachvollziehen, dass ich mein Kind an seinen schlechten Tagen einfach nicht mit zum Einkaufen nehme, um ihn nicht zu überlasten. Wie er es denn lernen sollte? Ja Himmel, wir reden hier immer noch von kleinen Kindern, die lernen es im Normalfall auch ganz ohne Zwang und künstlich hergestellte Situationen. Und vor allem, wenn sie dazu bereit sind. Wenn ich meinen Sohn in einen Overload bringe, lernt er höchstens, dass er auch bei mir nicht sicher ist und nicht verstanden wird.

5. Keine Rückzugsmöglichkeit für Autisten Ich verstehe das Zuhause als einen Ort, an dem wir als Familie uns geborgen fühlen können und wir sein können, wie wir als Persönlichkeiten eben sind. Die „Außenwelt“ ist schon anstrengend genug. Natürlich gibt es auch in einer Familie Regeln, die das Zusammenleben vereinfachen oder erst ermöglichen. Wenn ich jetzt aber anfangen würde, mein Kind täglich zu Hause von fremden Leuten stundenlang „therapieren“ zu lassen, nehme ich ihm jede Chance auf einen Rückzug in die sichere Wohnung. Hier zu Hause achte ich darauf, dass ich Paul das Leben erleichtere, indem ich den Alltag strukturiere, ihm Pläne anbiete und immer gleiche Abläufe. Im Gegenzug öffnet er sich mir gegenüber, weil er sich verstanden fühlt. Gesellschaftsspiele werden hier nur gespielt, wenn wir Lust dazu haben und wenn er weint oder schreit, weil er verloren hat, tröste ich ihn statt ihm das Weinen abzutrainieren. Wenn er Besuchern nicht die Hand geben möchte, dann muss er nicht. Sagt er nicht „Hallo“ oder „Tschüss“, was ich durchaus einfordere (aber nicht erzwinge), sage ich ihm, dass ich es unhöflich finde. Usw.

6. Falsche Grundannahmen ABA geht davon aus, dass Autisten sich einfach nur „falsch“ oder „unangemessen“ verhalten. Es wird völlig außer Acht gelassen, was die Ursache für das „Fehlverhalten“ ist. Dementsprechend wird einfach nur das „richtige“ Verhalten trainiert. Das wiederum kann langfristig verheerende Auswirkungen haben, die Ursache ist ja noch da. Beispiel Glasscherbe im Fuß: Statt die Scherbe zu entfernen und die Wunde heilen zu lassen, bringt ABA den Verletzten dazu, mit dem ganzen Fuß aufzutreten, weil er sich die Schmerzen ja nur einbildet. (Das Beispiel ist nicht von mir, das habe ich im Internet gelesen, finde es aber perfekt).

Ich könnte noch viel mehr schreiben, aber ich denke, die wichtigsten Punkte habe ich jetzt genannt.

Advertisements

12 Kommentare zu “Warum ich ABA für falsch halte

  1. Danke für Deine Einstellung zu diesem Thema.

    Du sagtest, dass es hauptsächlich bei kleinen Kindern eingesetzt wird,

    Ich habe erfahren müssen, dass auch spätdiagnostizierte Autisten damit konfrontriert werden. Das sie gewollt in Überforderungssituationen geschoben werden. Das erwartet wird, dass sie zu funktionieren haben, auch wenn sie grad nicht können. Bei Quergedachtes hatte ich Erfahrungen als Kommentar niedergeschrieben

    http://quergedachtes.wordpress.com/2014/06/11/das-geschaft-mit-der-angst/

    Zitat: „Aber ich habe in einem Schulgespräch an einer Förderschule (die bereits mehrere Autisten unterrichtet), erfahren müssen, dass dies so nicht gewünscht ist. Es ist gewünscht, dass “der Autist” funktioniert.
    Dass er eben nicht stumm am Tisch sitzen darf, wenn er in den Overload abrutscht, sondern gelernt zu haben hat, dass er dann immer noch sagen können muss “ich kann grad nicht antworten”.
    Dass er sich nicht die Nase zu halten darf, oder ein Tuch vor die Nase, weil die Gerüche für ihn unerträglich sind.
    Dass er sich zusammenreißen soll und sich nicht mit dem kneten eines Uhrbandes beschäftigen darf, weil er ist ja schließlich schon fast 18 und sollte nun doch endlich gelernt haben, sich gesellschafstkonform verhalten können.
    Dass er gefälligst die Hand zu geben hat, egal wie schwer es ihm fällt.
    Dass er nicht in den Rückzug gehen darf, um sich selber zu schützen, er sollte halt gelernt haben, wie man ein schwieriges Gespräch mit fremden Menschen in einer fremden Umgebung händelt. Dabei ist völlig unerheblich, dass er zu dem Gespräch quasi gezwungen wurde.“

    Denn die „Fach“Leute, die ABA und ähnliches propagieren, dies in die Förderschulen als „wundervolles“ Konzept tragen und die Erfolge demonstrieren, erzeugen eine Erwartungshaltung.

    Wenn wir erreichen möchten, dass die Autisten in der Gesellschaft überlebenfhäig werden, dann mus auch die Gesellschaft ihren Beitrag dazu leisten. Rollstuhlfahrer bekommen Rampen, Ampeln sind für Blinde mit Geräuschen ausgesteattet. Aber ein Autist soll alles ertragen und erleiden müssen.

    NEIN!

    • Hallo Anita,
      dein Kommentar lässt mich gerade ziemlich sprachlos hier sitzen. Von einer Förderschule hätte ich weit mehr Wissen über den Umgang mit Autisten erwartet. Die Forderung, sich anzupassen ist da so fehl am Platz wie sie es nur irgendwie sein kann. Ich habe gerade auch deinen Link zu Quergedachtes verfolgt. Ich schließe mich der Forderung nach viel mehr Aufklärung uneingeschränkt an. Und hoffe, dass in absehbarer Zeit kein Autist mehr mit mittelalterlichen Methoden „therapiert“ wird.
      Ich selbst stecke auch mitten drin in diesem Kampf um Aufklärung, im Kleinen momentan, aber mit größeren Zielen. Aber es braucht Zeit und Kraft. Und es ist nicht leicht, wenn man versucht, Mütter aufzuklären, die aber stur auf ihrer Position verharren. Dann kommen so tolle Totschlagargumente wie „Ich weiß am besten, was gut für mein Kind ist“ oder „Asperger-Autismus ist ja etwas ganz anderes als frühkindlicher, die haben ja keine Ahnung“. Das kann man beliebig fortsetzen. Aus einer solchen Diskussion ist auch mein Beitrag entstanden.

      Ich gebe jedenfalls die Hoffnung nicht auf, dass wir alle zusammen ein Umdenken anstoßen können.

      • Zitat: „Dann kommen so tolle Totschlagargumente wie “Ich weiß am besten, was gut für mein Kind ist” oder “Asperger-Autismus ist ja etwas ganz anderes als frühkindlicher, die haben ja keine Ahnung”. “

        ähhhh

        aaaaalso, wenn die Diagnose bis 3 Jahre gestellt worden wäre, würden meine Jungs als HFA oder Kanner durchgegangen sein. Beim Ältesten kam die Diagnose aber erst mit 13,5 und beim Zwerg mit 5. Bis dahin habe ich das Glück gehabt, dass sich Lernfortschritte einstellten.

        Meine Mädchen haben die Diagnose Asperger (mit 15) und atypisch (mit 12) erhalten.

        Ich habe immer so gehandelt, dass gewisse Dinge sein mussten. Das es Regeln gab, die ich wegen fehlender anderer Möglichkeiten auch durchsetzte. Aber ich habe zB Einkaufen auf ein Minimum reduziert, wenn es eben ging.

        Ich kenne auch eine Mutter, die Verhaltenstherapie und ABA in Teilen bzw. Ideen aus diesem Konzepten nutzt, um sich selber Input zu geben, wie man an eine Sache neu herangehen kann. In aller erster Linie jedoch betreibt sie Ursachenforschung, warum etwas nicht geht.

        Und mein Ältester, gezwungen zu Hospitationen, musste zu einem Gespräch. Alles war neu, alles roch schrecklich (incl. Lavendelparfüm), es wurden Fragen gestellt von einer fremden Person ……….. keine Zeit sich darauf einzustellen. In diesen Momenten wirkt er fast mutistisch.

        Und ja, diese Schule ist von einem ATZ „geimpft“ erwartet den „Schalter“. Zumindest habe ich es so verstanden (kann aber auch ein MissTverständnis sein, denn ich bin in der Wahrnehmung meinen Kindern seeeeeeehr nah 😆 ). Diese Schule würde alles (Therapeuten, Schulbegleitung usw.) von jetzt auf gleich vollkommen umstellen. Das es aber gerade das ist, was an Sicherheit nötig wäre, um eine neue Situation überhaupt aushalten zu können, ist ihnen fremd.

        Und ABA setzt das dortige ATZ auch noch bei den pubertären, spät diagnostizierten Asperger Autisten um, die eigentlich auf einem Regelgym klar kämen. Nur halt nicht auf der sozialen Ebene. Meinen diese Menschen ehrlich, dass sie nicht durchschaut würden?? Meinen sie wirklich, dass in einer solchen Therapiesituation etwas gelernt würde??

        Und meinen diese Menschen, dass Kanner-Autisten non-verbal, wenn diese über gestützte Kommunikation dann endlich Worte finden, es nicht genauso beschreiben würden wie die oben erwähnten??

        Wenn ich höre, dass jemand zu Therapiezwecken absichtlich in die Überforderung geschoben wurde, dann wird mir schlecht. Wenn ich in dem Moment, wo ich etwas von meinen Kndern will, merke dass es nicht geht und es nicht zwingend notwendig ist, dann versuche ich es später noch einmal.

        Ich habe so nicht mit meinen Kindern gearbeitet. Ich habe es über langwieriger Reflektion und Beobachtung und dem DA sein versucht und einiges hinbekommen. Das Umsetzen geht nur halt nicht immer.

        Beim Querdenker gab es noch einen nachfolgenden Post. Der sich auch mit dieser Thematik befasst. 💡

        • Da bin ich ganz und gar bei dir. Würde Paul heute in die Diagnostik gehen, würde wohl HFA oder Asperger als Ergebnis raus kommen.

          Was die Schule, angeleitet durch ein ATZ (!) da macht, kann ich nur durch fassungsloses Kopfschütteln kommentieren. Solche Lehrer und Therapeuten möchte ich ja zu gerne dauerhaft mit ihren eigenen Ängsten und Überforderungssituationen konfrontieren und dann immer noch mehr Druck auf sie ausüben, damit sie mal am eigenen Leib spüren, was sie da tun.

          Das „Kammerspiel“ vom Querdenker ist fantastisch. Das musste ich gleich mal weiter teilen. 😉

          • Zitat: „Solche Lehrer und Therapeuten möchte ich ja zu gerne dauerhaft mit ihren eigenen Ängsten und Überforderungssituationen konfrontieren und dann immer noch mehr Druck auf sie ausüben, damit sie mal am eigenen Leib spüren, was sie da tun.“

            ja, der Gedanke ist mir auch schon gekommen.

            Nur, dass viele die „nur“ eine „einfache“ Phobie haben, mit einer Konfrontationstherapie evtl. dem ganzen entkommen könnten.

            Aber ein Autist kann selber nur dann „entkommen“, wenn er die Sicherheiten kennt, den Rückzug nehmen darf und nicht gezwungen wird, in einer Situation zu bleiben.

            Dieses ATZ arbeitet übrigens jetzt mit ABA in allen Bereichen und von mehreren Seiten habe ich gehört, dass die Kinder zT aggressiv aus der Therapie zurückkommen. Die Verweigerung ist der nächste Schritt.

            Und dann, im schlimmsten Fall. wird den Kindern Therapieresistenz und den Eltern Beratungsresistenz unterstellt.

            Den weiteren Weg darfst Du Dir gerne selber ausmalen. Mir wird schlecht bei den Gedankengängen, die sich da bei mir bilden. Denn die lauten: Klinik, Heim und Abschiebung von Amts wegen!

            Tja, wie entgeht man so etwasa?? Mit Resistenz und zT Verzicht auf Hilfen!

  2. Pingback: Markierungen 06/28/2014 | Snippets

  3. Pingback: ABA – Der Umgang mit Kritik will gelernt sein | butterblumenland

  4. Pingback: Autismus (Achtung viel zu lesen) | Sunnys Space

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s