Unser Weg zur Inklusion – Der Anfang

Paul wird im September diesen Jahres eingeschult. Für ein „Normkind“ wäre der Ablauf ungefähr so: Schulanmeldung in der zuständigen Grundschule, Einschulungsuntersuchung, Einschulung.

Nicht so, wenn das Kind „besondere Bedürfnisse“ hat.

Alleine schon die Vorgeschichte bis heute ist ziemlich abenteuerlich. Paul wurde vor einem Jahr vom Schulbesuch zurückgestellt. Der Amtsarzt im Gesundheitsamt war der Meinung, dass ihm ein weiteres Kindergartenjahr mit heilpädagogischer Förderung und Autismustherapie sehr gut tun würde. Damit lag er auch vollkommen richtig. Die zuständige Grundschule war sehr erleichtert und stimmte der Zurückstellung sofort zu. Im Vorfeld gab es ein Gespräch zwischen dem Rektor und mir, in dem er mir sehr deutlich vermittelte, dass Paul dort nicht willkommen wäre. Zitat: „Wo kommen wir denn hin, wenn wir auf jedes Kind individuell eingehen“. Damit war Schule Nr. 1 für uns schon gestrichen. Wer gibt sein Kind denn freiwillig irgendwo hin, wo es schon im Vorfeld dermaßen abgelehnt wird?

Die zuständige Förderschule schied ebenfalls sehr schnell aus, aus mehreren Gründen: Paul wäre von 7 Uhr bis ca. 16.30 Uhr unterwegs (viel zu lange für ihn), schulische Bildung ist dort eher Nebensache (keine Möglichkeit auf einen Schulabschluss, egal in welchem Förderzweig!), die versprochenen Therapien finden eher sporadisch statt und noch einige andere Minuspunkte. Schule Nr. 2 war damit auch gestrichen.

Option Nr. 3 war eine „Außenklasse“ der Tagesbildungsstätte der Lebenshilfe. Ich hospitierte dort und war begeistert. Individuelle Förderung, gemeinsamer Unterricht nach den jeweiligen Bedürfnissen des Schülers und ein sehr verschulter Lehrplan. Ein Schulabschluss wäre zwar auch dort nicht möglich, die Schüler würden aber unterstützt, wenn sich die Option ergäbe. Diese Möglichkeit halten wir uns offen, falls die Inklusion doch scheitern sollte.

Paul machte in seinem zusätzlichen Kindergartenjahr so große Fortschritte, dass wir uns entschieden, ihn als Inklusionskind in eine Regelschule einzuschulen. In unserem Bundesland gibt es inzwischen einen Rechtsanspruch auf inklusiven Unterricht. Übergangsweise werden Schwerpunktschulen eingerichtet. Nach welchen Kriterien diese Schulen ausgewählt werden, erschließt  sich mir allerdings nicht. Die Schwerpunktschule, die für Paul zuständig wäre, hat keinerlei Erfahrung mit Inklusion oder Integration und keine Ahnung von Autismus. Sie wollten mich zwar zurückrufen aber auf diesen Anruf warte ich noch heute. Wie auf die Anrufe zweier weiterer Grundschulen auch. Schule Nr. 3, 4 und 5 fielen also auch raus.

Zu guter Letzt haben wir aber doch noch eine Schule für Paul gefunden. Und diese Schule scheint bisher wirklich optimal zu sein. Sie haben Erfahrung mit Binnendifferenzierung* im Unterricht, da sie jahrgangsübergreifende Klassen haben. Die Klassen sind klein (zwischen 10 und 18 Schülern) und (der für uns wichtigste Punkt) sie WOLLEN Inklusion und haben bereits Erfahrung mit autistischen Schülern. Dort wird Paul dann eingeschult.

Wir dachten, das Gutachten auf sonderpädagogischen Förderbedarf wäre nur noch eine reine Formsache, damit Paul die nötigen Fördermaßnahmen bekommt, als wir den Antrag stellten. Wir haben nicht damit gerechnet, dass uns ausgerechnet das Fachpersonal völlig unnötige Hindernisse in den Weg stellen würde. Doch so kam es.

Darüber berichte ich dann in meinem nächsten Post.

*Binnendifferenzierung: Die Schüler werden innerhalb einer Klasse in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden unterrichtet, je nach Können und Leistungsstand.

Advertisements

2 Kommentare zu “Unser Weg zur Inklusion – Der Anfang

  1. Du wirst in den nächsten Schuljahren noch viel Kraft brauchen, aber das ahnst du sicher schon. Ich nehme dich beim Lesen so voller Energie wahr, dass du auch das ganz sicher wuppst! Ich wünsche euch jetzt erst einmal viel Erfolg in der Grundschule und für Paul, dass er dort gut „wurzeln“ kann und sich wohlfühlt! Ergebnisorientierung ist erst mal nebensächlich, dafür hat er noch ganz viel Zeit. Genießt euern Sommer, habt eine schöne Schuleinführung und du kannst dir ganz sicher sein: Du bist nicht alleine! Herzliche Grüße, Rike

  2. Ich freue mich zu lesen, dass ihr für Paul eine geeignete Schule gefudnen habt und hoffe, dass er sich schnell einleben und wohlfühlen wird. Ich drücke Euch auch die Daumen, dass ihr möglichst wenig während der Schulzeit von Paul zu kämpfen haben werdet, bin mir aber sicher, dass ihr jeden Kampf erfolgreich geführt bekommt. LG Sabrina

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s