Inklusion – Begutachtung

Ich hätte diesen Beitrag alternativ auch „Warum einfach wenn es auch kompliziert geht?“ nennen können. Bereits vor der Schulrückstellung hatten wir einen „Antrag auf Feststellung eines sonderpädagogischen Förderbedarfes“ (was für ein bürokratisches Wortmonster!) gestellt. Nach der Rückstellung ruhte der Antrag vorläufig. Nachdem wir uns für die zukünftige Grundschule entschieden hatten, sollte das Verfahren wieder aufgenommen werden. Es passierte 2 Monate lang nichts. Also stellten wir vorsichtshalber nochmals schriftlich einen Wiederaufnahmeantrag. Dass Paul in der Schule gezielte Unterstützung braucht ist uns ja klar. Diese Unterstützung wollten wir ihm durch die Begutachtung ermöglichen. Außerdem war auch nicht wirklich klar, ob Paul nun als lern- oder geistig behindert einzustufen ist oder nicht. Dementsprechend wäre er dann „zieldifferent“ unterrichtet worden.

Es wurde Februar, wir hörten nichts von unserem Antrag. Die zweite Einschulungsuntersuchung fand statt. Der Amtsarzt war mit Pauls Entwicklung sehr zufrieden, befürwortete die inklusive Beschulung und war erstaunt, dass noch keine sonderpädagogische Begutachtung stattgefunden hatte.

Mitte März klingelte dann mein Telefon. Die Sonderpädagogin, die für Pauls Gutachten zuständig ist, gab uns relativ kurzfristig den Termin für das „Kennenlerngespräch“ in der Förderschule bekannt. Dort angekommen warteten wir erst mal 20 Minuten in der Eingangshalle. Es gibt ein Sprichwort: „Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck“. Das passt ganz gut. Rechts und links vom Eingang hingen Landkarten. Einmal unser heimisches Mittelgebirge und eine Deutschlandkarte. Irgend etwas daran war auf den ersten Blick schon merkwürdig. Aber wir mussten zweimal hinsehen, weil wir kaum glauben konnten, was wir sahen: Auf jeder Karte war noch die DDR-Grenze eingezeichnet. Und wir schreiben heuer das Jahr 2014…
Für jemanden wie Paul, der visuell lernt, ist so etwas fatal. Die Lehrerin kam und war eigentlich auch recht sympathisch. Sie führte uns ins Sprechzimmer und hatte dort auch schon Spielzeug für die Kinder vorbereitet. Leider hat sie sich dabei gewaltig verschätzt, mit Holzpuzzles für 2jährige kann man weder Paul noch den zweijährigen Bruder begeistern. Zum Glück hatte ich einen Schreibblock und Stifte mit. Paul malte dann ein Bild für die Lehrerin. Seinen ersten Menschen. Wir waren alle positiv überrascht. Zu den Tests, die durchgeführt werden sollten, äußerte sich die Lehrerin sehr zurückhaltend. Sie sprach mit uns den Termin zur Hospitation im Kindergarten ab und die Tage, an denen er in die Förderschule kommen sollte. Sie sagte zu, sich um den Fahrdienst zu kümmern. Es klang ziemlich gut. Die Hospitation klappte auch problemlos.

Die 2 Tage, an denen Paul in die Förderschule kommen sollte, rückten näher und wir wurden unruhig, weil wir noch nichts vom Fahrdienst gehört hatten. Selber fahren war nur unter größtem Aufwand machbar. Wir fragten in der Taxizentrale nach. Dort wussten sie von nichts. Wir riefen in der Schule an und bekamen die Auskunft, es würde alles wie abgesprochen klappen. Wir baten auch um einen Rückruf der Lehrerin, die uns noch einige Einzelheiten über den Ablauf mitteilen wollte, damit wir Paul in groben Zügen auf die unbekannte Situation vorbereiten könnten. Wir erinnern uns an dieser Stelle kurz daran, dass Paul Autist ist und mit neuen Personen und unbekannten Situationen sehr große Schwierigkeiten hat. Sie rief nicht zurück. Und sie hatte sich auch nicht um die Beförderung gekümmert. Zu guter Letzt fuhren wir doch selbst. Im Nachhinein habe ich übrigens erfahren, dass die meisten Sonderpädagogen ihre Testungen in der vertrauten Umgebung des Kindes durchführen, in unserem Fall wäre das im Kindergarten gewesen.

Es war inzwischen Mitte Mai. Das Gutachten sollte bis spätestens Ende Mai fertig sein. Daran hing unter anderem auch die Bewilligung des Schulbegleiters und die Planung der zukünftigen Grundschule. Immerhin ist es vom Förderschwerpunkt abhängig, wie viele Stunden pro Woche der Sonderpädagoge dann für Paul bekommt. Doch erst nach mehrmaligem Nachhaken kam endlich das Gutachten in der Grundschule an. Ich wurde am Telefon noch angepflaumt, es wäre schon längst dorthin geschickt worden. Die Grundschule sagt, sie hat nichts erhalten. Ich glaube der Schule, schließlich wollten die das Verfahren nun auch endlich erledigt wissen. Ich selbst musste mir das Gutachten von der Grundschule besorgen, angeblich hätte ich kein Recht, es von der begutachtenden Lehrerin ausgehändigt zu bekommen. Das ist natürlich völliger Blödsinn. Erst recht, weil wir Eltern den Antrag gestellt haben und nicht die aufnehmende Schule.

Letzten Montag (es ist Juli!) konnte dann endlich die vorgeschriebene Förderkommission statt finden. Die Terminmitteilung kam noch nicht mal eine Woche davor und natürlich musste es zu einer Zeit sein, wo wir Eltern beide arbeiten. Und nein, verlegen konnte man ihn selbstverständlich nicht. Merkt man, dass ich genervt bin? Beide Elternteile mussten sich für ein Gespräch frei nehmen, was darin bestand, dass das schriftliche Gutachten nochmal Wort für Wort vorgelesen wurde. Und das vorgeschriebene Protokoll wurde auch nicht ausgefüllt, hoffentlich bekommen wir nicht deswegen auch noch Probleme…

Irgendwie lief nichts wirklich so, wie es eigentlich vorgesehen ist.

Zu guter Letzt noch das Ergebnis der Begutachtung: Ziemlich überraschend bekam Paul den Förderschwerpunkt „KME“ (körperliche und motorische Entwicklung). Den Schwerpunkt „Autismus“ gibt es in unserem Bundesland nicht und ein Anhaltspunkt auf eine Lernbehinderung liegt nicht vor. Mit dieser Einschätzung bin ich völlig einverstanden. Für die Grundschule bedeutet es, dass der Sonderpädagoge 3 Stunden pro Woche für Paul bekommt.

Mein Fazit: Es war gut, den Antrag im Vorfeld zu stellen. So wird Paul von Anfang an gefördert. Aber wie es gelaufen ist, ist stark verbesserungswürdig.

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