Machs gut, lieber Kindergarten

Es war so weit. Pauls wunderschöne Kindergartenzeit ist nun zu Ende. Nach dem stürmischen Beginn, über den ich bereits geschrieben habe, lief es im Kindergarten einfach nur fantastisch. Ich habe beim Abschied tatsächlich geweint und auch die Bezugserzieherinnen hatten rote Augen.

Dieser Kindergarten war das Beste, was Paul passieren konnte. Er durfte dort Inklusion erleben wie sie sein sollte. Paul war das erste Kind im Sprachheilkindergarten, das tatsächlich eigentlich in den heilpädagogischen Kindergarten gesollt hätte. Da wir anfangs aber nur einen Platz im Sprachheilkindergarten beantragt hatten (die Diagnostik stand erst vor der Tür), waren alle Plätze im heilpädagogischen Kindergarten besetzt. Der Sprachheilgutachter erkannte allerdings schnell, dass Paul mehr an Förderung bräuchte. Die Lebenshilfe reagierte schnell und unkompliziert, als ich nach der Begutachtung ziemlich aufgelöst dort anrief. Paul bekam kurzerhand den freigehaltenen Platz in der Sprachheilgruppe und die volle heilpädagogische Förderung. Die Therapeuten kamen dann einfach zu ihm.

Beim Erstgespräch saßen die Erzieherinnen und wir Eltern uns sehr unsicher gegenüber. Wir, weil wir nicht wussten, ob Paul überhaupt mit dem Kindergarten zurecht kommen würde. Die Erzieherinnen, weil sie bisher immer nur Sprachheilkinder betreut hatten und nicht wussten, was auf sie zu kommt.  Als wir ihnen sagten, dass die Verdachtsdiagnose auf Autismus lautet, konnte man ihnen die Unsicherheit förmlich auf der Stirn ablesen. Und trotzdem waren sie bereit, es zu versuchen. Das rechne ich ihnen auch heute noch sehr hoch an.

Und es lief gut. Viel besser als wir alle geglaubt haben. Es zeigte sich, dass Paul einer jener Autisten ist, die nach außen hin stark kompensieren und erst in absolut sicherer Umgebung oder bei sehr vertrauten Bezugspersonen ihren Stress und die Anspannung raus lassen. Im Kindergarten merkte man zwar, dass er anders ist als andere Kinder, aber die gefürchteten Ausbrüche bekam er erst im Auto oder zu Hause. Die Erzieherinnen waren immer sehr erstaunt, wenn ich berichtete, dass er zu Hause stundenlang schrie und tobte. Im Kindergarten erlebten sie eine sehr abgeschwächte Form eines Meltdowns erst nach mehr als 6 Monaten, als Paul sich dort ebenfalls sicher und geborgen fühlte.

Die Kinder akzeptierten Paul von Anfang an so wie er war, Mobbing oder Ausgrenzung gab es nie. Lange Gesichter gab es eher bei manchen Eltern, wenn sie mitbekamen, dass ein „behindertes Kind“ in der Gruppe war. Doch auch die Sprachheilkinder profitierten von Paul. Als Paul nach ein paar Monaten mit der Autismustherapie nach TEACCH begann und sein Tagesplan mit den Piktogrammen in der Gruppe hing, merkten die Erzieherinnen schnell, dass auch die anderen Kinder sich an diesem Plan orientierten. Also wurde auch der Wochenplan der Gruppe mit Fotos und Piktogrammen umgestaltet, die Fächer der Kinder wurden in unterschiedlichen Farben gestaltet und die jeweils aktuellen „Lernaufgaben“ wurden mit dem Namen des jeweiligen Kindes an einer Filztafel gut sichtbar aufgehängt. Relativ bald übernahm Paul übrigens die „Überwachung“ des Planes. Er sagte den jeweiligen Kindern, wann sie zu welcher Therapie gehen sollten und achtete darauf, dass die Pläne immer aktuell gehalten wurden. Dies wurde bis zum Ende seiner Kindergartenzeit zu seiner „Aufgabe“, die er mit Feuereifer erfüllte. Paul diente im letzten Jahr als „Sprachvorbild“ für die Kinder, dafür lernte er von ihnen eine Menge im Sozialverhalten. Er half den Neuzugängen beim Zurechtfinden, dafür bekam er Hilfe, wenn er beim Basteln Probleme hatte.

Wenn ich jetzt die ganzen vielen Kleinigkeiten, die diese Kindergartenzeit zu etwas Besonderem machten, aufschreiben wollte, wäre es wahrscheinlich ein halber Roman. Jedenfalls bin ich überzeugt davon, dass Paul in den letzten Jahren auch deswegen so gravierende Fortschritte machte, weil er genau in diesen Kindergarten mit diesem engagierten Personal gehen durfte. Wir alle haben viel gelernt in den fast 3 Jahren. Und Paul ist Vorreiter der Inklusion dort, auch wenn er es gar nicht weiß. Auch in diesem Jahr werden wieder „heilpädagogische Kinder“ mit den „Sprachheilkindern“ zusammen in eine Gruppe gehen.

Und ich sage einfach an dieser Stelle: Lieber Kindergarten, liebe Erzieher und Therapeuten, danke für alles. Wir werden euch vermissen, aber Paul hat schon angekündigt, euch besuchen zu kommen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s