Berührungen und Körperkontakt

Es scheint eine Gemeinsamkeit vieler Autisten zu sein, dass unerwünschte Berührungen problematisch sind. So ist es auch bei Paul.

Schon auf der Frühchenstation konnte man beobachten, dass Paul Berührungen aktiv ausgewichen ist. Er machte seinen Körper steif oder riss sich mit ruckartigen Bewegungen los, wenn man versuchte, ihm die Hand zu halten. Beruhigend wirkte auf ihn eigentlich nur, wenn man mit festerem Druck und ohne Streicheln die Hand auf seinen Rücken oder Bauch legte. Das wurde uns auch von den Ärzten so erklärt und mit den noch nicht ausgereiften Nerven begründet. Das klingt für mich plausibel.
Es wurde allerdings auch nicht besser als Paul dann endlich zu Hause war. Fläschchen geben auf dem Arm ging gerade so, er trank aber besser, wenn er dabei in das Stillkissen eingekuschelt war und keinen direkten Körperkontakt hatte. Kuscheln war ihm ein Graus. Wenn man ihn länger auf dem Arm hatte, machte er sich richtig steif und drückte sich mit aller Kraft weg. Hielt man ihn dann noch länger in den Armen, fing er irgendwann an zu schreien und beruhigte sich erst wieder, wenn er in seinem Bettchen oder auf seiner Krabbeldecke lag. Das brachte mir durchaus Vorwürfe ein, ich wäre zu wenig zärtlich zu ihm. Nein, ich machte nur, was mein Instinkt mir sagte.

Paul wurde älter. Ganz extrem war die Phase zwischen 18 Monaten und ungefähr 3 Jahren. Wickeln und Anziehen? Eine Qual für alle Beteiligten. Zähneputzen und Haare kämmen? Zähneputzen ging irgendwie mit Mühe und Not, weil es sein musste. Wir haben allerdings täglich damit gerechnet, dass das Jugendamt mal vor der Tür steht, weil die Nachbarn glauben, wir misshandeln das Kind. Das Kämmen haben wir irgendwann komplett gelassen, was bei seinen feinen Haaren auch nicht wirklich ein Problem war. Finger- und Zehennägel schneiden? Das haben wir immer rausgezögert, bis es wirklich nicht mehr zu vermeiden war. Im Schlaf brauchte man das übrigens auch nicht versuchen (ist ja ein gern gegebener Tipp), er wurde bei der kleinsten Berührung wach. Baden war okay für ihn, aber wehe wir wollten ihn waschen. Also hat er nur gebadet. Abtrocknen führte natürlich auch wieder prompt zu Gebrüll. Besuche beim Arzt wurden ein Garant für schlechte Tage. Er brüllte die komplette Praxis zusammen und beruhigte sich auch danach lange nicht.

Mit 3 Jahren verbesserte sich die Berührungsproblematik, sie schlug teilweise sogar ins Gegenteil um. Plötzlich kletterte Paul manchmal bei wildfremden Menschen auf den Schoß oder kuschelte sich an sie. Gleichzeitig lehnte er aber weiterhin Körperkontakt und Berührungen strikt ab, wenn sie nicht von ihm initiiert wurden. Immer häufiger kam er aber mal zu uns Eltern und berührte uns kurz. etwas später drückte er sich auch manchmal an uns. Und noch mal ein paar Monate später forderte er die erste feste Umarmung ein. An dem Tag habe ich geweint vor Freude.

Heute ist er 7 Jahre alt. Er kuschelt gern. Er liebt spielerische Raufereien mit uns Eltern und seinem Bruder. Er wird gerne gekitzelt. Die Initiative dazu muss aber immer von ihm ausgehen. Manchmal darf ich ihn auf eine freundliche Bitte meinerseits hin auch zwischendurch mal in den Arm nehmen. Er lässt sich inzwischen untersuchen bei Ärzten, Haare schneiden beim Friseur macht ihm Spaß und ab und zu umarmt er von sich aus den kleinen Bruder und küsst ihn sogar. Ein unglaublicher Fortschritt.

Gestern las ich von einem Fall, in dem eine Therapeutin ein autistisches Kind zu Körperkontakt zwang und ihm dann sogar noch über den Kopf streichelte. Das Kind war sofort im Overload, schrie und wehrte sich. Sogar ich krieg Beklemmungen bei dieser Schilderung. Als Begründung wurde gesagt, das Kind müsse „desensibilisiert werden“ und lernen „Körperkontakt zu ertragen“. Ich schreie NEIN! Körperkontakt wird ja nicht mal eben einfach so abgelehnt sondern es gibt einen guten Grund dafür. Viele empfinden Berührungen als schmerzhaft. Und gegen Schmerzen kann man nicht mit Zwang desensibilisieren. Wenn mich eine Wespe sticht, dann tut das weh. Wenn mich später erneut eine Wespe sticht, tut das wieder weh. An dem Schmerz ändert sich auch nichts, wenn zwischenzeitlich ein Therapeut zu mir kommt und mich zwangsweise von Wespen stechen lässt. Ein Stich wird auch beim 50. Mal noch schmerzhaft sein. Was aber ziemlich sicher passieren wird, sollte ein Therapeut auf so eine Idee kommen: Ich werde garantiert jegliches Vertrauen zu ihm verlieren und vermutlich panische Angst vor Wespen entwickeln. Also das genaue Gegenteil einer „Desensibilisierung“. Mit Zwang zum Ertragen von Körperkontakt erreicht man nur Eines: Das Kind lernt, dass der Stärkere alles mit ihm machen darf. Und Widerstand zwecklos ist. In meinen Augen ebnet das den Weg zu noch viel schlimmeren körperlichen Übergriffen.

Paul wäre nicht der Mensch, der er heute ist, wenn wir ihn zu Körperkontakt gezwungen hätten. Er kann deutlich „Nein“ sagen, wenn ihn jemand nicht anfassen soll. Er bestimmt selbst über seinen Körper. Das ist der beste Schutz vor sexuellem Missbrauch. Kinder können nur dann ihre persönlichen Grenzen aufzeigen, wenn diese auch von ihren Vertrauten akzeptiert werden!

 

Advertisements

10 Kommentare zu “Berührungen und Körperkontakt

  1. Ich habe gestern auch von diesem Fall gelsen und innerlich laut „Nein!“ geschrien – ich habe auch im kopf so vieles gehabt was ich dieser Therapeutin gerne gesagt hätte, hoffe aber vor allem, dass das Kind zu Hause wieder zur Ruhe kommen konnte und idealerweise einen anderen Theraoeuten bekommt…

  2. Der Fall ist auch hier

    http://erdlingskunde.wordpress.com/2014/10/15/das-wissen-liegt-auf-der-strase-rw/

    Thema.

    Und wundert Euch bitte nicht, wenn Eure Autisten mit 12 oder 14 oder 18 noch mit ABA konfrontiert werden.

    Einige Therapieinstitute meinen tatsächlich, dass man nur mit Konfrontation etwas an der Lebenssituation der Autisten ändern kann.

    Und das Schlimme daran, es sind Institute, an die man eigentlich immer mangels Alternative verweisen würde. Ich erspare es mir mittlerweile.

    • Das geht leider alles irgendwie Hand in Hand. Das erzwingen von Körperkontakt ist schon ziemlich nah an Festhaltetherapie dran und ABA ist da auch nicht weit. Es wird noch ein langer Kampf werden, bis das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung auch selbstverständlich für Autisten gilt. Ich werde nicht aufhören, dagegen zu protestieren.

  3. Pingback: Missbrauch als Therapie? | Sunnys Space

  4. Pingback: Wenn Festhalten zur Folter wird, ein Erklärungsversuch | innerwelt

  5. Pingback: “Handle like a pro”? – Ganz sicher nicht! | butterblumenland

  6. Pingback: Liebt mich mein Kind? – butterblumenland

  7. Leider weiß man wohl im Westen zu wenig über das Nervensystem. Das mit dem Overload hatte ich letztes Jahr auch. Ich lief mit Kribbeln von den Händen bis zum Ellenbogen rum. Durch Impulse von außen wurde es schlimmer, bis hin zum Zittern. Und dann reichten kleinste Impulse, und dann schossen alle möglichen Emotionen durch mich, Wut, Traurigkeit, minutenlanges Fluchen. Das ging einige Wochen lang so. Als sich meine Lebenssituation wieder etwas entspannte wurde es wieder besser, bzw. jetzt ist das wieder weg. Aber seitdem nahme ich viel bewusster fremde Emotionen wahr. Heute war jemand im Auto neben mir wütend, mir pochte dafür die Halsschlagader. Ich bin wohl hochsensibel. Eine gute Übung zur Beruhigung des Nervensystems ist wohl Tai Chi. Vielleicht wäre das etwas für Paul.

    Achso, wenn das Nervensystem mit fremden Emotionen aufgeladen ist, dann bedeuten fremde Berührungen evtl. Gefahr und lösen somit die Impulse aus und diese können sehr schmerzhaft sein. Beim Berühren mit Einverständnis ist das etwas anderes, die Entladung unterbleibt. Da Paul vermutlich hochsensibel ist, wird dies sein Leben lang so bleiben. Aber es gibt sanfte Methoden, sein Nervensystem zu beruhigen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s