Es gibt keine Entschuldigung

In den letzten Tagen ging das Bild eines wunderschönen 6jährigen Jungen durch einige Medien und über Facebook. Leider aus einem sehr traurigen Anlass. London McCabe wurde von seiner Mutter von einer Brücke geworfen. Er starb. Alleine das macht mich traurig.

Richtig fassungslos bin ich aber über Kommentare, die es verurteilen, dass die Mutter als Mörderin bezeichnet wird. Man solle doch erst mal „in ihren Schuhen gelaufen sein“, dann erst dürfe man ein Urteil fällen. Die arme Frau sei doch so sehr belastet gewesen, weil ihr Sohn Autist ist. Da müsse man doch Verständnis haben. Und nicht sie sei schuld am Tod ihres Kindes sondern „das Umfeld“.

Nein!

Es ist die Aufgabe einer Mutter, ihr Kind zu beschützen. Notfalls eben auch vor sich selbst. Es gibt keine Rechtfertigung, keine Entschuldigung für solche Taten.Man zieht nicht einfach an einem Herbsttag sein Kind an, geht mit ihm zu einer Brücke und wirft es runter. Oder ersticht, vergiftet, ertränkt, erschießt es. Autismus (oder jede andere Art von Behinderung) ist genauso wenig eine Erklärung für Mord wie Geldsorgen, schlechtes Wetter oder Langeweile. Mir wird Angst und Bange, wenn ich lese, wie viele (hauptsächlich) Mütter autistischer Kinder da sagen „Ach, die arme Frau“. Denkt denn niemand an das Kind? Es freut sich, mit seiner geliebten Mutter spazieren zu gehen. „Oh, was macht Mami denn jetzt? Sie hebt mich hoch, damit ich besser gucken kann.“ Dann fiel er über 40 Meter tief in den eiskalten Fluss. Niemand weiß, wie lange sein Todeskampf dauerte. Er wurde erst nach Stunden gefunden. Dafür gibt es kein Verständnis, darf es nicht geben.

Niemand sagt, dass es immer einfach ist, mit einem oder mehreren autistischen Kindern zu leben. Aber für Mord darf es keinen Grund geben und keine Gnade, nur weil das Kind autistisch ist.

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8 Kommentare zu “Es gibt keine Entschuldigung

  1. Ich war schockiert, als ich diesen Bericht gelesen habe und muss sagen, dass ich froh bin die von Dir angesprochenen Kommentarte nicht gelesen zu haben, denn das ist einfach nur furchtbar. Es gibt soooo viele Möglichkeiten sich Hilfe zu holen, wenn man überfordert ist und das darf niemals eine Rechtfertigung sein ein Leben zu beenden! Es ist zwar immer wieder mal anstrengend mit einem Kind, dass ein Handicap hat, aber mit welchem Kind (egal ob mit oder ohne Handicap) ist es das nicht? Was wäre bei einem „gesunden“ KInd die Erklärung gewesen? Da hätten die kommentierenden Mütter sicher ganz anders reagiert und das stimmt mich sehr traurig, macht mich aber auch wütend und das Kind, dass einen schrecklichen Kampf um sein Leben führen musste, um diesen dann völlig alleine zu verlieren wird dabei vollkommen vergessen 😦 . Ich möchte Dir aber auch danken, dass Du über diesen Fall bloggst, weil auch das nicht selbstverständlich ist – man ist schockiert, es wird eine zeitlang darüber berichtet (in welcher Form auch immer) und dann wird es meist vergesssen…

    • Ich verfolge die Autism Memorial-Seite schon einige Zeit. Jeder einzelne Fall ist schrecklich traurig. Der Tod von London McCabe hat mich jetzt allerdings noch auf eine ganz besondere Art berührt. Er war meinem Paul so sehr ähnlich. 😦

      Ich habe bei der Ermordung „gesunder“ Kinder durch ihre Eltern bisher noch nicht erlebt, dass die Mörder in öffentlichen Diskussionen so viel Verständnis bekamen und ihr Verhalten sogar verteidigt wurde. Das erschüttert mich zutiefst.

  2. Ich finde, man kann alles verstehen können, jedoch noch längst nicht alles entschuldigen und schon garnicht alles ertragen.
    Beispiel: Eine Klientin, sehr jung., in sehr unsicheren Verhältnissen, wurde schwanger. Dann ging sie, angeregt durch ihre gesetzliche Betreuerin, zur Beratung. Für meine Kollegen war klar, dass das auf einen Abbruch hinausläuft. Blöde Sache, aber halt Alltag. – In mir aber brach ein Sturm los. Ich fand mich in der Situation wieder, bald mit einer Täterin Alltag meistern zu müssen. Ich wurde bei der Aussicht abwechselnd in Gefühle der Angst, des Zorns und des Ekels geworfen. Undenkbar! – Ein weiterer Test war nun negativ. Falscher Alarm. Meine Reaktionen, hätte sie jemanden bemerkt, waren absolut politisch unkorrekt. Ich wäre also voraussichtlich alleine dagestanden und hätte irgendwie klarkommen müssen.

  3. Pingback: Markierungen 11/10/2014 - Snippets

  4. Unser(e) Wege sind hart. Keine Frage

    Aber Mord, NEIN.

    Das wir mal die Kraft verlieren, dass uns alles zuviel wird, ja kann ich nachvollziehen. Wenn niemand da ist, der einen stützt und unterstützt und hilft.

    Es gibt keine Entschuldigung……….

    und die, die in den Kommentaren die Mutter bemitleiden…………. wo waren die denn vorher??

  5. Pingback: Sowas wie Gerechtigkeit – butterblumenland

  6. Pingback: Mord ist nicht gesellschaftsfähig – oder doch? Oder darf man bei behinderten Menschen zumindest relativieren? – Autismus – Keep calm and carry on

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