Oh, du fröhliche

In den letzten Wochen wurde an einigen Stellen im Internet diskutiert: Mögen Autisten Weihnachten oder nicht? Meine Meinung dazu: Das ist genauso individuell und von Autist zu Autist verschieden wie die persönliche Lieblingsfarbe.
Paul mag Weihnachten. Er wartet jedes Jahr sehnsüchtig auf seinen Adventskalender. Dieses Jahr hat er es sogar geschafft, wirklich nur 1 Türchen pro Tag aufzumachen 😉 Er liebt die Weihnachtsdekoration mit den vielen Lichtern – und achtet darauf, dass sie ungefähr genauso aussieht wie im vorigen Jahr. Schon ab August erzählte er uns, was er sich zu Weihnachten wünscht – Geschenke findet er einfach toll. Inzwischen dürfen die Geschenke auch eingepackt sein, das war ein großes Problem für ihn als er jünger war. Er singt gerne Weihnachtslieder und hat in diesem Jahr sogar eine Rolle bei der Weihnachtsfeier seiner Schule übernommen (ich bin sehr stolz auf ihn).

Eigentlich sollte also einem entspannten Heiligabend nichts im Weg stehen…
Eigentlich.
Doch kurz nach der Bescherung eskalierte die Situation. Der Auslöser* war ein Geschwisterstreit um die Benutzung eines Geschenkes des kleinen Bruders. Jonathan wollte es nicht hergeben, aber Paul wollte unbedingt sofort auch damit spielen. Kurz danach knallten die Türen, Paul schrie die Großeltern an, sie sollten verschwinden und versuchte, mich aus der Wohnung zu werfen. Ich war die Böse, weil ich ihn zu bremsen versuchte. Die armen Großeltern saßen da wie vom Blitz getroffen, so hatten sie Paul noch nie erlebt. Sie verabschiedeten sich dann auch relativ bald.

Und ich habe wieder eine Menge gelernt. Einen so heftigen Meltdown hatte Paul lange nicht mehr. Ich habe seine Kompensationsfähigkeiten in letzter Zeit wohl zu sehr überschätzt. Ich muss wieder mehr auf seine Zeichen achten.

Ein happy End gab es dann trotzdem noch. Nach 2 Stunden spielten die Geschwister friedlich miteinander neben dem duftenden Weihnachtsbaum. Paul selbst sagte heute, dass ihm dieses Weihnachten besonders gut gefallen hat.

Ich hoffe, ihr hattet ebenfalls ein paar schöne Stunden im Kreise eurer Lieben. Ich wünsche euch noch ein schönes Restweihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

* Die eigentliche Ursache dürfte wohl die Hektik und Unruhe der Weihnachtsvorbereitungen in Kombination mit der Aufregung gewesen sein.

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2 Kommentare zu “Oh, du fröhliche

  1. Ich denke, dass wir Eltern von autistischen Kindern, vor allem, wenn wir selber autistisch sind und ‚grandios‘ kompensieren, schnell übersehen, wozu unsere Kinder fähig sind. Weil in der Familie (so erlebe ich es zumindest) ein geschützter Raum besteht, in dem die Kinder überhaupt nicht auffallen. 1. weil man sie ja anders gar nicht kennt, 2. weil sowieso das meiste perfekt auf sie abgestimmt ist, 3. wenn man selber autistisch ist fällt einem sowas ohnehin nicht auf. So passiert es an den großen Festtagen wie Weihnachten, Ostern auch, sowie Geburtstag schnell, dass ein Overload oder Meltdown entsteht. Bei uns war es früher ganz genau so, wie Du es beschreibst. Inzwischen hat es sich glücklicher Weise entzerrt, irgendwie, ein Bisschen (inzwischen liegt das Problem eher bei mir).

  2. Pingback: Eine kleine Weihnachtsgeschichte | butterblumenland

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