„Handle like a pro“? – Ganz sicher nicht!

Es traf mich vollkommen unvorbereitet. Ich scrollte nichtsahnend über meine Timeline bei Facebook und dann war da dieses Video. Dieses Video mit einer Bildunterschrift, die keinen Zweifel daran lässt, dass das Vorgehen des Vaters in diesem Video gegen seinen autistischen Sohn „vorbildlich“, „wie ein Pro(fi)“, „bewundernswert“ sei. Ich kenne dieses Video, ich habe es im letzten Jahr schon gesehen. Es zeigt minutenlang ein autistisches, halbnacktes Kind in einem Meltdown, 5 Jahre alt, wie es von seinem Vater mit aller Gewalt festgehalten wird. Der Familienhund versucht zu intervenieren, damit der Vater den Jungen loslässt. Als das nicht funktioniert, versucht er (der Hund) die Person hinter der Kamera zum Eingreifen zu bewegen. Die filmt aber ungerührt weiter. Im letzten Drittel des Videos sieht man dann, wie der autistische Junge ziemlich unsanft aus dem Haus geschleift wird und in ein Schaukeltuch gesteckt wird. Dort beruhigt er sich dann irgendwann. Unter dem Video und in dazugehörigen Artikeln, die über Facebook geteilt werden, wird dann gefragt: „Benutzt ihr auch Schaukeln“? So als wäre das gewaltsame Festhalten völlig normal. Kritische Kommentare sucht man fast vergeblich. Stattdessen gibt es Lob über Lob für den Vater. Ich möchte ihm vor die Füße spucken. Und mir drängt sich unweigerlich die Frage auf, wo die Grenze zwischen Misshandlung Schutzbefohlener und dem Gesehenen zu ziehen ist. Für mich ist beides Misshandlung. In meinen Augen werden die Rechte des Kindes massiv verletzt. Ich habe an anderer Stelle schon über ungewollten Körperkontakt geschrieben. Das in dem Video ist noch viel schlimmer, das ist Festhaltetherapie in Reinform, auch wenn nicht noch zusätzlich Blickkontakt erzwungen wird. Auf die wenigen (viel zu wenigen!) und leisen kritischen Stimmen wird von den Menschen, die dieses Vorgehen toll und nachahmenswert finden geantwortet, dass manche autistische Kinder ja auch eine feste Umarmung brauchen und dadurch Schutz und Ruhe finden. Das streite ich auch gar nicht ab, diese Kinder gibt es. Das Kind im Video gehört aber offensichtlich nicht dazu. Und da komme ich wieder an den Punkt, an dem ich mich verwirrt und ratlos frage: Kann denn tatsächlich keiner der Begeisterten die deutlichen Signale des Kindes erkennen? Merkt denn tatsächlich keiner, dass der Hund das Kind retten will? Und wenn die Schaukel tatsächlich dem Kind hilft, sich zu beruhigen, warum in aller Welt wird es dann erst so ewig mit Körperkontakt traktiert und darf nicht gleich schaukeln? Dass die Familie dann laut Erklärungstext bei Youtube auch noch ABA macht, verwundert mich dann auch nicht mehr wirklich.

Ich habe mich auf eine Diskussion mit der Person, die das Video begeistert geteilt hat, eingelassen. Vermute aber, dass wieder nur die altbekannten Argumente kommen. Mit der Einsicht, dass man Meltdowns auch ganz anders und viel besser händeln kann, rechne ich definitiv nicht.

Ich habe mich bewusst entschlossen, den Link zum Video hier nicht zu posten, um niemanden unvorbereitet zu triggern. Wer es unbedingt ansehen will, gibt bitte die Suchworte „Meltdown“ und „Autism“ bei Youtube ein. Der halbnackte Vater mit dem halbnackten Kind ist es.

Zum Weiterlesen über die möglichen Folgen des Festhaltens:

Artikel bei der Berliner Zeitung

Beschreibung eines frühkindlichen Autisten

Video der „Initiative gegen Festhaltetherapie“

Edit: Dieser Beitrag war noch nicht ganz fertig gestellt, da wurde ich bereits von der Seite und der Person, die das Video geteilt hat, geblockt. Ich konnte noch nicht mal mehr die Antwort auf meinen Kommentar unter dem Beitrag lesen.

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6 Kommentare zu “„Handle like a pro“? – Ganz sicher nicht!

  1. Naja, soweit ich sehen kann hättest Du keine Antwort gesehen, denn die Beträge sind gelöscht. Zumindest finde ich keine kritischen Beiträge. God bless you! 😉

    • Die Facebookseite über autistische Kinder, die den Link geteilt hatte, wurde kurzerhand gelöscht. Ob das jetzt an meiner Kritik lag, kann ich nicht beurteilen.

      Mit „die wenigen und leisen kritischen Stimmen“ bezog ich mich hauptsächlich auf Youtube und die Kommentare unter dem Video.

  2. Das ist genau DAS, was mich langsam an Facebook verzweifel lässt… Ich fange an Facebook ‚Wegwerfgesellschaft‘ zu nennen… egal. Danke für Deinen Blog!!!

  3. Tjo, desto weniger ICH-Stärke von einem Menschen ausgeht, desto stärker sind Macht-Typen provoziert diesen zu beherrschen.

    Das auf viele Autisten die Beschreibung „licht + lärm scheues Reh“ zutreffen könnte und entsprechend feinfühlige Behandlung nötig ist, das erzeugt die Gier zur Kontrolle erst. Das Beherrschen ist auch der Kernaspekt der Festehaltetherapie. Liebe ist aber das Gegenteil von Festhalten, nämlich loslassen können und dem anderen Raum geben und ihn dort stützen wo er es braucht, dort fördern, wo er es braucht, dort halt geben, wo er es braucht. Die Bedürfnisse des Anderen sind bei der Liebe ausschlaggebend nicht die Macht- und Kontrollwünsche und -bedürfnisse der Täter.
    Das jedoch können die Täter nicht realisieren. Sie sind getrieben von der Idee, über das Kind, den Anderen bestimmen zu dürfen, kontrollieren zu dürfen, weil sie glauben den Anderen zu besitzen.

    Das darf man jetzt nicht falsch verstehen, viele Eltern meinen es trotzdem gut, aber diese innere Haltung, oft triebhaft befeuert und euphorisch manchmal sogar lustvoll gesteigert bis hinein in den Sadismus, kommt für die meisten gar nicht ins Bewußtsein, darf es auch nicht, weil sonst die Illusion aufgebrochen würde. Deshalb ist auch keine Kritik erlaubt.

    Letztlich wird bei diesen Therapiemaßnahmen ein Trauma weiter gegeben. Eltern, die bereits in ihrem Selbst beschädigt sind, die Herrschaft über Liebe setzen geben ihr eigenes Trauma an die Kinder weiter und psychopatische Therapeuten sind dabei die moralische Rechtfertigungsinstanz in diesem Rollenspiel der Unterdrückung.

    Wirklich Schuld sind nicht so wirklich die Eltern, die wissen es oft einfach nicht besser. Als Schuldig kann man aber jeden Therapeuten ansehen, der diese Mißhandlung als Therapie ausgibt und die Rolle als Rechtfertigungsinstanz gegenüber den Eltern annimmt. Wem so sehr die Empathie fehlt, der ist als Therapeut schlicht ungeeignet.

    Was kann man machen? Eigentlich nur weiter Lobbyismus bei bekannten Therapeuten die gegen diese Foltertherapie sind, bei passenden Verbänden, bei Krankenkassen, beim Staat. Strafanzeigen gegen Eltern und erst Recht gegen Therapeuten, die diese Mißhandlung ausführen.

    Viel Erfolg

    • Danke für deine Worte! Deine Definition von Liebe ist auch meine. Meine Kinder sind eigenständige Persönlichkeiten. Ich habe die Ehre, sie auf dem Weg ins Erwachsenenleben begleiten und unterstützen zu dürfen.

      Deine Gedanken, warum Eltern solche Methoden wählen, unterschreibe ich so. Und die Therapeuten machen eben, was ihnen Geld bringt. Außerdem greift da wieder das Problem, dass sie Autismus nur aus Lehrbüchern kennen und die Innensicht ignorieren.

  4. Vielleicht noch eine kleine Ergänzung:

    Eine Vergewaltigung geht nach 10,20 oder 30 Minuten vorbei. Festhalte“Therapie“ geht über Stunden!

    In diesem Sinne sollte diese Nötigung und brutale Unterwerfung auch rechtlich und erst Recht moralisch gestellt werden.

    MFG

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