Sommer, Sonne, Rollkragenpullover

Heute waren es bei uns knapp 30°C, Hochsommer also. Das würde man allerdings nicht vermuten, wenn man gesehen hätte, wie Paul heute zu Hause angezogen war. Er trug eine warme Stoffhose und einen dicken Fleece-Pullover mit Rollkragen.

Das Thema „witterungsangepasste Kleidung“ scheint bei autistischen Kindern ein ziemlich großes zu sein, viele Eltern berichten darüber. Bei Paul zeigte sich schon früh, dass er beim Thema Kleidung einen eigenen Kopf hatte. Mützen hasste er inbrünstig, Handschuhe flogen sofort in die nächste Ecke, zu Hause lief er am liebsten nackt (nur mit Windel) herum. Der Jahreszeitenwechsel war hier immer ein heftiger Kampf. Winterjacke oder gar Winterstiefel? Es dauerte Wochen, bis Paul sie akzeptierte. Meist so lange, dass kurz danach der nächste Jahreszeitenwechsel anstand. Dort gab es das Spielchen erneut. Kurze Hose und T-Shirts? Gar Sandalen? Nicht mit Paul.

Ich weiß nicht mehr genau, was eigentlich den gedanklichen Durchbruch bei mir brachte. Aber irgendwann vor ein paar Jahren dämmerte mir, dass nicht die Kleidung an sich das Problem war sondern eher der Wechsel. Natürlich ist Paul auch bei den einzelnen Kleidungsstücken sehr wählerisch. Sie dürfen nicht kratzen, kneifen, der Druck und die Farbe müssen ihm gefallen, manche Stoffarten gehen gar nicht usw. Aber das war bei der Witterungsumstellung im Kleiderschrank nicht das eigentliche Problem. Paul hatte Probleme mit der Veränderung. der gewohnte Ablauf beim Anziehen, das gewohnte Gefühl der Kleidung (ein T-Shirt fühlt sich anders an als ein Pullover, eine lange Hose anders als eine kurze), das gewohnte Tragegefühl bei Schuhen, als dies änderte sich auf einmal. Dagegen wehrte er sich. Ich suchte nach Lösungen und fand sie in der Visualisierung. Ich bastelte ein Thermometer mit den passenden Kleidungsstücken neben der jeweiligen Temperaturzone. Wir erklärten immer wieder. Ließen ihn die Temperatur fühlen, was allerdings nur eingeschränkt hilfreich war, da Paul auch ein anderes Temperaturempfinden hat, welches sich erst in den letzten 2 Jahren etwas normalisiert. Und nach und nach wurde es tatsächlich einfacher. Inzwischen sehen wir dem Jahreszeitenwechsel ziemlich gelassen entgegen. Er trägt seit letztem Sommer sogar kurze Hosen. 🙂
Nur zu Hause ist bei uns der Sommer noch nicht angekommen. Wir haben uns irgendwann mit Paul geeinigt, dass er zu Hause nicht mehr nur in Unterhose rumläuft sondern sich „Kuschelsachen“ anzieht. Die wechseln eigentlich auch mit den Jahreszeiten. Momentan herrscht bei den Kuschelsachen aber noch tiefster Winter. Inzwischen sehe ich das auch ganz gelassen. Er muss sich wohlfühlen, nicht wir.

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4 Kommentare zu “Sommer, Sonne, Rollkragenpullover

  1. Natürlich ist es immer mal wieder ungewohnt zu sehen womit sich unsere Kinder so wohlfühlen (meiner mag zwar auch kurze Sachen und nimmt den Wechsel ziemlich gut hin, mummelt sich aber im Hochsommer noch unter seine dicke Winterdecke), aber genau der Pubnkt ist den Du zum Schluß ansprichts ist wichtig, dass sich unsere Kinder damit wohlfüheln.

  2. Hier ist es auch kniffelig mit der Klamottenwahl. Das Tochterkind ist generell immer sehr schnell am schwitzen und rennt halbnackt durch die Gegend wo ich schon halb erfriere und schwitzt immer noch. Zudem wird nichts anderes als Kleider getragen. Sommer wie Winter. Inzwischen müssen wir nicht nur acht geben auf Material und Verarbeitung, sondern auch noch auf modischen Schick der ganz anders ist als das was ich als ästhetisch empfinde. Aber ich versuche soweit als möglich Rücksicht zu nehmen.

  3. Unser Sohn ist 22.Jahre und ihm ging es genauso.Auch heute fragt er mich oft wie warm er sich anziehen muss.Für ihn ist es ungewohnt ohne Unterhemd rumzulaufen.Aber er soll sich ja wohlfühlen.

  4. Über großer Herzbube (Jahrgang 2008, frühkindlicher Autist) ist früher immer nackig durch den Garten gerannt, sobald sich der Sommer näherte.
    Dieses Jahr: erst kurze Kleidung, nun lange, bevorzugt seine heißgeliebten Fleecehosen. Ich lasse ihn und gebe immer kurze Sachen mit in die Kita.
    Oberteile trägt er immer verkehrt herum, wenn sie einen Aufdruckhaben, ist dieser auf dem Rücken (ist ja logisch, also wird Bedrucktes nicht mehr gekauft), das Innenschild muss immer vorne sein.
    LG von Frieda

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