Inklusion – Ein Positivbeispiel

Wir haben uns die Schulentscheidung wirklich nicht leicht gemacht. Uns aber letztendlich für eine Regelschule entschieden. Allerdings nicht die zuständige Grundschule im Einzugsgebiet sondern eine Schule in einem Ortsteil. Dort fanden wir fast ideale Bedingungen. Eine kleine Schule (ca. 60 Schüler gesamt), bereits etwas Erfahrung mit Autisten und Lehrer, die Inklusion auch wirklich wollten. Außer Pauls Autismustherapeutin und dem Amtsarzt waren alle dagegen. Der Kindergarten glaubte nicht, dass Paul es schaffen könnte, der Ärztin im SPZ entgleisten die Gesichtszüge und sie versuchte massiv uns davon abzubringen. Die Förderschule wollte ihn ohnehin am liebsten selbst nehmen. In ein paar Wochen ist das erste Schuljahr vorbei und es wird Zeit für eine kleine Bilanz.

Kurzfassung: Es war die beste Entscheidung, die wir treffen konnten.

Langfassung: Mit einem ziemlich mulmigen Gefühl schulten wir Paul ein. Er bekam den Förderschwerpunkt KME (körperlich-motorische Entwicklung), weil nach dem AOSF klar war, dass er definitiv nicht geistig behindert ist und er auch über dem IQ-Bereich für den Schwerpunkt Lernen liegt. Einen extra Förderschwerpunkt Autismus gibt es in unserem Bundesland nicht. Durch KME stehen ihm 3 Stunden sonderpädagogische Förderung pro Woche zu. Das Sozialamt bewilligte uns auch eine Fachkraft als Schulbegleitung in Vollzeit für den Unterricht und die Pausen. Die Schule zeigte sich sehr offen für Gespräche und unsere Ideen, wie wir Paul die Eingewöhnung erleichtern können. Er durfte vor der Einschulung bereits die Schule in Ruhe besichtigen, lernte die Lehrer und seine Schulbegleitung kennen und wir machten ein Album mit Fotos von allen Lehrern und den Räumlichkeiten für ihn. Das alles funktionierte sehr gut, Paul war zwar die letzten Wochen vor der Einschulung sehr aufgeregt, freute sich aber auch. Was soll ich sagen? Es lief viel reibungsloser als wir es erwarteten. Die anderen Kinder haben die Schulbegleitung der beiden Inklusionskinder problemlos akzeptiert, es gab auch in anderen Klassen schon Schulbegleiter. Für die Eltern habe ich am ersten Elternabend einen Brief geschrieben, in dem ich kurz erklärt habe, warum Paul die Schulbegleitung hat und was Autismus eigentlich ist. Damit wollte ich möglichen Gerüchten vorbeugen und auch gleich ein wenig Aufklärung leisten. Es hat funktioniert. Paul wurde von seinen Klassenkameraden akzeptiert, es gab und gibt sogar gegenseitige Einladungen zu Kindergeburtstagen. Im Unterricht arbeitet Paul gut mit und seine Eigenheiten werden akzeptiert. Wenn es ihm zu viel wird, er nicht mehr stillsitzen kann oder es einfach zu laut ist, darf er die Klasse verlassen. Seine Schulbegleitung geht dann mit ihm in die Turnhalle oder auf den Schulhof oder arbeitet mit ihm in einem Nebenraum weiter. Meist geht er dann zur nächsten Stunde wieder ganz normal zurück in seine Klasse.

Klar holpert es in manchen Punkten auch etwas. Es gab missverständliche Aufgabenstellungen in Klassenarbeiten, die Mathelehrerin, die zum Halbjahr kam, wurde das erste Mal mit einem autistischen Inklusionskind konfrontiert und machte dementsprechend ein paar Fehler im Umgang mit ihm. So versteht Paul bis heute nicht, warum er die Hausaufgaben mit einem Partner vergleichen soll, er hat es doch zu Hause gerechnet und weiß, dass sein Ergebnis richtig ist.  Beim ersten Mal hat er ihr damit die Stunde „gesprengt“, weil sie nicht wusste, wie sie reagieren sollte. Die Sonderpädagogin hat dann eingegriffen und wir haben Paul gemeinsam vermittelt, dass er das zwar blöd finden darf, aber dies eben die Regel dieser Lehrerin ist. Jetzt macht er bei der Hausaufgabenkontrolle mit. Hätte das nicht geklappt, dann hätte er eben in dieser Zeit etwas anderes gemacht. Es gab auch ein paar zwischenmenschliche Missverständnisse zwischen Paul und seinen Klassenkameraden, weil er beispielsweise nicht versteht, ob eine verbale Hänselei als Spaß gemeint ist oder tatsächlich bösartig. Auch das ließ sich aber letztendlich klären. Vom Prinzip her waren die negativen Sachen also alles eher Kleinigkeiten.

Unser absolutes Highlight allerdings war es, dass für die Schule selbstverständlich war, dass Paul an der Klassenfahrt teilnimmt, wie alle anderen auch. Darüber wurde gar nicht groß nachgedacht oder diskutiert, wir bekamen den Zettel nach Hause und fertig. Im Vorfeld habe ich mir total viele Sorgen gemacht, aber auch die Klassenfahrt verlief wunderbar.

Inklusion, wie sie sein sollte.

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7 Kommentare zu “Inklusion – Ein Positivbeispiel

  1. Hallo,
    ich glaube, der entscheidende Satz ist: „Lehrer (und Schulleitungen), die Inklusion auch wirklich wollen“. Dann kann es funktionieren und das ist so toll. Unser Sohn (Asperger) hatte leider eine schreckliche Grundschulzeit an einer Regelschule, jetzt geht er auf ein sehr kleines privates Gymnasium und dort geht es ihm so gut wie noch nie. Aber eben auch hier steht die Schulleitung und Lehrerschaft hinter dem Inklusions- Gedanken und ist auch bereit, sich sehr dafür zu engagieren.
    Alles Gute weiterhin!

    Viele Grüße
    Julia

  2. Huhu,
    das ind ich richtig super, dass es dein Paul (mein kleiner Sohn -Baby- heißt auch Paul) es auf der Regelschule geschafft hat. Aber wie du schon schreibst: Es kommt auf den Willen der Lehrer an.
    Alles Gute für Paul! ❤

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