Himmelhochjauchzendzutodebetrübt

Der gestrige Tag hat mich ziemlich kalt erwischt. Ich dachte wir wären gut vorbereitet. Ich dachte wir kriegen das hin. Ich lag völlig falsch. Aber von Anfang an.

Pauls kleiner Bruder hatte gestern Geburtstag. Ein Feiertag, ein fröhlicher Tag. Der mit einem sehr guten Morgen begann. Beide Kinder wachten gut gelaunt auf, wir sangen alle gemeinsam das Geburtstagslied und es gab die ersten Geschenke von uns Eltern für Jonathan. Bevor Paul zur Schule startete trug er mir noch auf, etwas zu besorgen, dass er seinem Bruder schenken könnte. Er wusste sehr genau, was das sein sollte und es hat mich sehr beeindruckt, wie fürsorglich und liebevoll seine Gedanken waren. Er sagte: „Ich möchte ihm etwas von Feuerwehrmann Sam schenken, weil er ein großer Fan davon ist und sich darüber ganz bestimmt freut.“ Damit hat er absolut recht und diesen Satz werde ich dem nächsten, der mal wieder behauptet, Autisten wären egoistisch und empathielos, rechts und links um die Ohren hauen. Auch am Mittag war die Welt noch in Ordnung. Die Oma von weiter weg war bereits hier als Paul nach Hause kam, sie hatte natürlich auch Geschenke für das Geburtstagskind. Und auch für Paul. Die Großeltern von weiter weg bringen eigentlich immer etwas mit, wir sehen uns ja auch nur wenige Male im Jahr. Paul freute sich. Für den Nachmittag war eine Runde Kaffee und Kuchen geplant, in „kleiner“ Runde mit der Oma von weiter weg und den Großeltern, die hier am Ort wohnen. Das wusste Paul natürlich und wir haben das auch alles bereits lange im Vorfeld geplant und besprochen. Als ich ihm sagte, dass er vorher noch seine Hausaufgaben machen sollte (wie immer eigentlich und wie gewohnt mit mir zusammen), begann seine Stimmung langsam zu kippen. Offensichtlich hatte er das so wohl nicht eingeplant, machte dann allerdings trotz Murren die Hausaufgaben. Während ich den Tisch deckte reagierte er sich in seinem Zimmer ab – auch wie gewohnt. Als dann aber die Großeltern von hier klingelten und natürlich ebenfalls Geschenke für Jonathan mitbrachten, eskalierte die Situation rapide. Paul wurde wohl eifersüchtig (er ist ebenfalls Fan von Feuerwehrmann Sam) und fühlte sich zurückgesetzt. Er schrie, dass ihn wohl niemand lieb hätte und verbarrikadierte sich im Badezimmer, wo er laut weinte. Wir lassen ihm dann immer ein paar Minuten zum Runterfahren, ehe wir dann das Gespräch mit ihm suchen. So auch gestern. Es sah auch kurz so aus als würde sich alles zum Besseren wenden. Er kam ins Wohnzimmer, wo die Kaffeetafel gedeckt war und das Geburtstagskind und die Großeltern warteten. Doch dann passierte, wovor wir schon seit Jahren warnen und Paul wurde angesprochen, dass er sich doch setzen möge, damit wir endlich anfangen können. Das war dann allerdings der sprichwörtliche letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. So einen heftigen Meltdown haben wir hier sehr lange nicht mehr erlebt. Und schon gar nicht vor Zeugen. Paul ist immer sehr darauf bedacht, sich so lange wie möglich zu kontrollieren, damit niemand „Außenstehendes“ ihn so erlebt. Gestern versagten alle seine Kontrollmechanismen. Er schrie, er tobte, er weinte und trat und schlug um sich. Zog sich dann türenknallend in sein Zimmer zurück, um dort weiter zu schreien und zu toben. Verletzte sich selbst (was wir schon seit Jahren überwunden glaubten) und weinte hemmungslos. Ich hätte am liebsten mitgeweint, saß hilflos neben ihm. Ich weiß nicht wie lange es dauerte, gefühlt waren es Stunden, real vermutlich ungefähr 20 Minuten. Nachdem er zumindest wieder ansprechbar war, gingen wir beide raus ins Freie, aus der Wohnung, komplett aus der Situation. Eine Flucht. Nicht nur für ihn sondern auch für mich. Nach unserer Rückkehr versteckte sich Paul in seinem Zimmer während ich meinen kalten Kaffee trank, mich bemühte, den Nachmittag für Jonathan noch irgendwie schön zu machen und den üblichen Smalltalk mit den Gästen zu halten. Meine Gedanken jagten. Bisher dachte ich immer, dass Jonathan durch Pauls Bedürfnisse nicht wirklich eingeschränkt würde. Diese Illusion habe ich inzwischen nicht mehr. Doch, sein Leben verläuft schon irgendwie etwas anders als das Leben eines Geschwisterkindes eines Nicht-Autisten. Andererseits ist auch Jonathan nicht das, was man gemeinhin als ein „normales“ Kind bezeichnen würde, auch er zeigt Anzeichen und Verhaltensweisen, die uns auch bei ihm Richtung Autismus-Spektrum denken lassen. Allerdings weitaus weniger ausgeprägt als bei Paul in dem Alter. Nicht genug, um bei uns den Gedanken auf eine Diagnostik akut werden zu lassen, aber ausreichend, um es immer im Hinterkopf zu behalten. Aber das ist ein anderes Thema…
Jonathan war auch der einzige, der Pauls Meltdown mit relativer Gelassenheit aufnahm und sich einfach still in eine Ecke zum Spielen verzog.
Die Großeltern von hier aus dem Ort gingen irgendwann, die Oma von weiter weg blieb bis zum Abend. Paul kam auch nochmal zu uns ins Wohnzimmer, wollte aber nicht angesprochen werden sondern einfach nur still beobachten. Das durfte er selbstverständlich. Beim ins-Bett-bringen weinte er wieder. Und beschrieb sehr klar, was in ihm vorging: „Es war Chaos in meinem Kopf. Die waren alle so laut vorhin und haben lauter langweiligen alte-Leute-Kram gemacht. Die sollten nicht reden, dann war Chaos.“ Und dann wieder so ein Satz, der mitten ins Herz trifft „Ich bin ein Monster. Keiner hat mich lieb.“ Wir wissen immer noch nicht, wo er das her hat und wie auf diese Dinge kommt. Und natürlich haben wir ihm wieder versichert, dass er kein Monster ist und er sehr wohl geliebt wird. Auch in der Nacht hat er sich noch mehrmals deshalb bei uns rückversichert. Und heute Morgen vor der Schule. Heute Mittag war er wieder sehr reflektiert und stellte selbst fest, dass er dies ja auch eigentlich wisse, sich das aber gestern alles „so blöd angefühlt“ hat.

Lieber Paul, es tut mir leid. Es tut mir leid, dass ich gedacht habe, du würdest es „schon schaffen“, da du ja weißt, was auf dich zukommt. Es tut mir leid, dass ich wohl deine ersten Signale, dass etwas schief läuft, übersehen habe. Es tut mir leid, dass du glaubst, an dir zweifeln zu müssen. Dafür gibt es keinen Grund und ich werde alles dafür tun, dir diese Zweifel zu nehmen. Ich würde dich jetzt gerne ganz fest in den Arm nehmen und dir sagen, wie sehr wir dich lieben, weiß aber, dass du das gerade nicht magst und lasse es deshalb. Und ich verspreche dir, dass wir eine andere Lösung finden werden für Geburtstage.Wir wohnen schließlich alle hier. Ich bin mir sicher, dass wir auch das hinkriegen.

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4 Kommentare zu “Himmelhochjauchzendzutodebetrübt

  1. Hi,

    ich kenne solche Situationen (mit ein Grund warum wir mittlerweile bis ins letzte „Glied“ planen) sehr genau! Und auch diese Zusammenbrüche.

    Gut ist, Dein Sohn hat sich verständlich gemacht. WAS für ein TOLLES Geschenk an Euch, dass er darüber spricht!!
    Gut ist, Dein Sohn hat Vertrauen zu Euch!

    Ob und Wie Dein anderer Sohn noch verarbeitet (wenn wirklich auch ASS dabei ist, kann diese Verarbeitung spät kommen, aber das weißt Du).

    Gut ist, er erlebt, dass bei Euch alle angenommen sind, wie sie eben sind!

    Das ist sehr wichtig!

    Zerfleische Dich nicht in Selbstvorwürfen sondern nutze Deine Kraft, für Deine Kinder da zu sein!

    Das wird schon!! Alles Liebe Anita

    • Hallo Anita,

      danke. Und ja, ich finde es wirklich großartig, dass Paul beginnt darüber mit uns zu sprechen. Dass er versucht, seine Gefühle zu verbalisieren. Er hat dafür meinen absoluten Respekt.

      Zum ersten Mal hat auch jemand halbwegs Außenstehendes den Gedanken geäußert, dass Jonathan möglicherweise ebenfalls Richtung Spektrum einzustufen ist. Und das heißt bei dieser Person wirklich was, gehörte sie doch bei Paul zu den hartnäckigsten Leugnern. Ja, Jonathan verarbeitet zeitverzögert. Über die vergangene Nacht möchte ich gerne den schützenden Mantel des Schweigens breiten 😉

      Zerfleischen mit Selbstvorwürfen würde ich es nicht nennen. Ich fühle mich schlecht, dass es so eskalieren musste, das wäre gesichert vermeidbar gewesen. Ich bin ratlos wie ich damit umgehen soll und zukünftig solche Situationen vermeiden kann, ohne z.B. Jonathans (der seinen Geburtstag seiner Aussage nach toll fand) Bedürfnisse zu übergehen. Du kennst ja diese Gratwanderung zwischen den verschiedenen Ansprüchen und Bedürfnissen, wenn du also Ideen hast: Immer her damit.

      Danke nochmals für alles.

      • Zum ersten, eine Geburtstagsfeier in den normalen Alltag einzubauen, klappt bei uns absolut nicht.
        Da reichen schon die Geschenke für den, der Geburtstag hat, um alle anderen zum „durchknallen“ zu bringen.
        Eine Feier wird hier max. Samstags angedacht. Weil dann ist ausreichend „Freilauf“ vorher und vor allem nachher, damit jeder für sich wieder zur Ruhe kommen kann. An diesen Tagen wird auch keine weitere Anforderung an jedweden (außer mir) gestellt. Weil das geht einfach nicht. So leider die hier leidvollen Erfahrungen.

        Die muss offen und in Ruhe fernab von allen „Feiertagen“ kommunziert werden, mit allen die es betrifft. Nicht, das zB Großeltern sich ausgeschlossen fühlen.

        Dann muss dem Besuch klar sein, dass größere Anforderungen an die beteiligten Personen (wie zB setz Dich hin) nicht von Vorteil sind. Ich habe mich da bei Besuch schon in „die Nesseln gesetzt“, seit wir die Diagnose haben. Aber anders geht es nun mal nicht.

        Das hat nichts damit zu tun, dass man die Kinder nicht erzieht, sondern dass das nicht an so einem Tag stattfinden muss.

        Und das es keinem, außer den Eltern zusteht, hier erzieherisch wirksam einzugreifen. Das bedeutet, dass der Besuch Vertrauen zu den Eltern hat und diese gewähren lässt. Gerade Besuch, der nur ein paarmal im Jahr kommt, ist so eine große Veränderung und stellt unbewusst solche Anforderungen (NICHT willentlich!!!!), das alleine das schon reicht, um zb meine Kinder abzuschießen.

        Also muss der Besuch gut „eingestellt“ werden, um diese Situation händelbar zu behalten.

        Das kann Konflikte geben, muss aber nicht. Und wenn, dann muss man alles etwas strecken (zeitlich). Oder auf gewisse Dinge verzichten.

        So reicht bei uns schon ein Telefonat mit meiner Schwiemu, um hier die Kinder abzuschießen, weil sie es niemals mehr kapieren wird. Sie meint es gut und richtet doch Chaos an. DAS kann ich aber nicht mehr aushalten.

        Für mich ist das Wohlbefinden der Kinder und eine stressfreie Umgebung mittlerweile wichtiger, als irgendwelchen Konventionen zu genügen.

        Der entstehende Sozialstress ist leider nicht zu verachten. Selbst wenn die Feier „störungsfrei“ war, wirkt dies immer noch lange nach! 💡

        Ich wünsche Dir ein geduldiges Händchen beim Aufklären und Timen. 😉

  2. Ich kann Dir leider keine Tipps geben, möchte Dich und Paul und Jonathan, dem ich alles LIebe nachträglich wünsche, gerne mal virtuell drücken und bin mir sicher, dass ihr da zusammen eine gute Lösung finden werdet, die allen gerecht werden wird 😉

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