TEACCH und Paul

Paul wird nach dem TEACCH-Ansatz gefördert. Wobei „gefördert“ nicht der richtige Begriff ist, TEACCH ist eine Grundhaltung, die keine speziellen Techniken vorschlägt.

TEACCH geht davon aus, dass die Schwierigkeiten bei Autisten auf der anderen Wahrnehmung basieren. Außerdem beachtet es die Schwierigkeiten bei der Generalisierung, die oft auftretende hohe Ablenkbarkeit (z.B. durch Außenreize) und die erschwerte Handlungsplanung. Die ethische Grundhaltung von TEACCH ist dabei wertneutral und an der jeweiligen Person orientiert. Das langfristige Ziel ist es nicht, Autisten zu unauffälligen „Normmenschen“ zu machen sondern ihnen die passenden Werkzeuge zu geben, um ein möglichst selbständiges Leben führen zu können und die Teilhabe zu vereinfachen. Bei der Auswahl dieser „Werkzeuge“ orientiert man sich an der aktuellen Entwicklung, den persönlichen Bedürfnissen, den individuellen Stärken und auch Schwächen. Es gibt also keine Anleitung, die besagt: „Wenn Situation X eintritt, machen Sie mit dem Kind Handlung Z“. Das halte ich ohnehin nicht für sinnvoll. TEACCH legt auch sehr viel Wert auf die Umfeldarbeit und die Aufklärung über Autismus. Was nutzt es auch, wenn ein Kind in einer Trainingssituation in der Therapie etwas erlernt, was es dann zu Hause nicht umsetzen kann weil alles anders ist?
Bei TEACCH wird sehr häufig Visualisierung gewählt. Durch Piktogramme, Bildkarten, Fotos oder farbige Markierungen, räumliche Trennungen und Sichtbarmachung zeitlicher Abfolgen. Auch da wird aber genau darauf geachtet, welche Bedürfnisse der jeweilige Mensch hat. Eher weniger als gleich zuviel. Nach Möglichkeit sollen die Hilfen später auch wieder Stück für Stück zurückgefahren werden können, weil sie sich selbst überflüssig gemacht haben.

Soviel zur Theorie. Wie sieht das denn nun aber ganz praktisch z.B. bei Paul aus?

Ein wenig hatte ich in meinem Beitrag „Und was macht ihr dagegen?“ schon geschrieben. Als wir mit der Autismustherapie (eigentlich nicht wirklich das passende Wort, aber so nennt es sich nun mal) begannen, war von Anfang an das Ziel klar: Paul ist Autist und er darf (natürlich!) Autist bleiben. Aber wir wollten lernen, wie wir ihm helfen können in der Welt zurecht zu kommen. Damals war es für uns alle eine sehr schwierige Zeit. Natürlich besonders für Paul. Wir begannen ja gerade erst zu begreifen, dass er nicht immerzu schreit, weint, sich und uns verletzt, weil er wütend oder trotzig oder bösartig ist. Er war einfach heillos überfordert. Ihm fehlte Sicherheit, alles stürmte unkontrolliert auf ihn ein, er war eigentlich im Dauer-Overload. Ich wünsche mir heute noch, dass wir viel früher erfahren hätten, was mit ihm los ist, wir hätten ihm eine Menge ersparen können. Wir haben zwar auch vor der Diagnose manche Dinge instinktiv richtig gemacht (Rückzugsmöglichkeiten, Berührungen vermeiden u.Ä.), aber eben auch ganz viel falsch.
Am Anfang fanden erstmal lange Gespräche mit der Therapeutin statt. Wir sprachen über die Wahrnehmung, über die Notwendigkeit klarer Strukturen, welche Dinge und Situationen offensichtlich besonders belastend für Paul sind, wie sich das äußert und was er besonders gern mag, seine Stärken und Vorlieben. Sie erklärte uns, wie wichtig das Umfeld ist. Dass es quasi essentiell ist, dass das Umfeld sich auf den Autisten einstellt und seinen Bedürfnissen so weit wie möglich entgegen kommt. Damit er überhaupt erstmal die Möglichkeit bekommt, zur Ruhe zu kommen und sich zu öffnen. Zu der Zeit war Paul ungefähr 90% seiner Wachzeit nicht wirklich ansprechbar für uns. Heute kann ich mir das nur noch sehr schwer wieder in Erinnerung rufen.

Wir fingen klein an mit der Strukturierung nach TEACCH. Wir bastelten einen Tagesplan und legten für alles bestimmte Uhrzeiten fest, um erstmal Verlässlichkeit und Sicherheit in den täglichen Abläufen für Paul zu schaffen. Wir visualisierten markante Stationen auf dem Tagesplan durch Piktogramme. Anfangs nur 3 oder 4. Als wir merkten, dass dieser Plan Paul hilft, kamen noch ein paar dazu. Es war aber mitnichten so, dass der ganze Tag minutiös durchgeplant wurde. Wir hatten Piktogramme für den morgendlichen Ablauf – Aufstehen, Anziehen, Frühstück, Zähneputzen, zum Taxi gehen. Ein Piktogramm für die jeweilige Nachmittagsgestaltung – Garten oder Spielplatz oder Spazieren gehen oder zu Hause bleiben, und dann wieder ein paar mehr für die Abendroutine – Baden (2mal pro Woche), Abendessen, Zähneputzen, Schlafengehen. Im Badezimmer hing neben dem Waschbecken eine kleine Zahnputzroutine aus 4 Bildern. Wir gestalteten Pauls Zimmer reizärmer indem wir für seine geliebten Spielsachen ein Regal mit geschlossenen Kisten statt offenen Fächern anschafften und bauten ihm unter seinem Hochbett eine Rückzugshöhle, ein wenig an Snoezelen-Räumen orientiert. Das war alles für den Anfang. Und es war ein absoluter Durchbruch. Verblüffend. Paul nahm den Plan quasi sofort an und man konnte zusehen wie er sich entspannte. Aus dem Tagesplan wurde bald ein Wochenplan von Montag bis Sonntag. Nach nur 2 Monaten gestaltete Paul den Plan jeden Sonntag Abend mit mir zusammen. Nach einem Jahr ignorierte er ihn zunehmend und schickte zu der Zeit auch seinen Tagesplan im Kindergarten in die Pause. Er sagte, er bräuchte ihn momentan nicht mehr. Zu Hause schafften wir den detaillierten Wochenplan bald zu Gunsten eines groben Familienplaners mit nur noch 2 Bildern pro Tag (Kindergarten und Nachmittagsgestaltung) ab. Inzwischen hängt auch der ungenutzt an der Wand, Paul hat in seinem Zimmer einen großen Monats-Wandkalender, in dem auch nur noch besondere Dinge wie Besuche bei den Großeltern weiter weg, Ferien, Geburtstage oder Arzttermine eingetragen werden. Das reicht ihm aus.

Mit der Therapeutin lernte er anfangs erstmal das strukturierte Handeln kennen. Es gibt bei TEACCH dafür sogenannte Korb- oder Tablettaufgaben. Dabei wurden die verschiedenen Arbeitsschritte durch unterschiedliche Symbole in nebeneinander stehenden Körbchen eingeteilt. Diese Einteilung fand sich ebenfalls als eine Art „Liste“ am „Arbeitsplatz“ wieder und wurden dann der Reihe nach abgearbeitet. Da wurde aber natürlich auch darauf geachtet, was Paul interessieren könnte und in welchen Bereichen er Förderung brauchte. Auch hier ein Beispiel. Obstsalat machen zur Förderung der Feinmotorik. Im ersten Korb lag dann das Obst. Im zweiten ein Trockentuch. Im dritten ein Messer und eine Schüssel. Im vierten zwei Löffel. Der Ablauf war dann also: Das Obst nehmen, abwaschen und abtrocknen, schälen und schneiden und zum Schluss aufessen und alles wieder in den „Fertig“-Korb stellen. Natürlich wurde nicht von ihm verlangt, dass er das alleine macht sondern er wurde dabei begleitet und unterstützt. Auch da ganz nach seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Und an schlechten Tagen durften die Körbe einfach Körbe sein und es wurde nur geschaut, was Paul gerade machen wollte. Mittlerweile braucht er auch keine Körbe mehr, eine geschriebene Aufgabenliste reicht. Nächste Woche möchte Paul mit seiner Therapeutin Kekse backen. Das hat er sich gewünscht. Also haben sie sich hingesetzt, gemeinsam die nötigen Arbeitsschritte besprochen (Stichwort Handlungsplanung), ein Rezept ausgesucht und den Einkaufszettel geschrieben. Nächste Woche fahren sie dann gemeinsam einkaufen und backen die Kekse. Das ist Förderung auf so vielen verschiedenen Ebenen. Klar muss Paul auch mal Aufgaben machen, die er nicht so mag, aber es wird auch nichts von ihm verlangt, was nicht möglich für ihn wäre. Und auch bei den „doofen und anstrengenden Aufgaben“ (Zitat Paul) endet es für ihn immer mit einem positiven Gefühl. Daraus zieht er viel Stärke und Selbstbewusstsein, er traut sich zunehmend an komplexere Aufgaben heran und ist Neuem gegenüber nicht mehr so abweisend. Ich bin unglaublich stolz auf ihn. Und an ganz schlechten Tagen wie letzte Woche, als er kaum aufnahmefähig war, weil er noch unter den Nachwirkungen des Geburtstages seines Bruders litt, wurden dann einfach die Anforderungen minimiert. Weil TEACCH davon ausgeht, dass Überforderung kontraproduktiv ist.

Den letzten Teil zur Umfeldarbeit halte ich kurz. Wir haben regelmäßig Termine zur Elternberatung bzw. zum Austausch. Dabei geht es um akute Probleme (haben wir sehr selten), neue Interessen (um sie z.B. gezielt zu fördern), neue Förderziele, Fortschritte und (wenn nötig) neue „Werkzeuge“. Außerdem finden Beratungen der Lehrer, der Schulbegleitung und der beteiligten Therapeuten (in Pauls Fall mit dem Ergotherapeut) statt. Damit alle „an einem Strang ziehen“.


Kritik an TEACCH: Ich habe keine Kritik. Aber natürlich ist der TEACCH-Ansatz basierend auf der kognitiven Verhaltenstherapie (also das Gegenteil vom Behaviorismus) auch ein ziemlich mächtiges Instrument. Auch er kann natürlich (wie eigentlich jede Form von Förderung/Therapie irgendwie) missbraucht werden, um Menschen zu schaden. Man sollte also auch hier immer wieder genau hinschauen, ob auch wirklich der allerwichtigste Grundsatz „Streben nach dem Optimum, nicht der Heilung“ eingehalten wird und wirklich der Autist als Taktgeber im Mittelpunkt steht. Ich habe auch schon gehört, dass ABA in Kombination mit TEACCH-Elementen durchgeführt wird und das dann als TEACCH deklariert wird. Wie diese beiden völlig verschiedenen Lerntheorien und ethischen Grundhaltungen zusammenpassen sollen, kann ich mir allerdings persönlich nicht erklären. Darüber gibt es auch kaum Informationen zu finden, wenn ihr also etwas habt, dann immer her damit. Und es wird auch manchmal kritisiert, dass die Visualisierung und Strukturierung nach TEACCH Autisten eher noch mehr einzwängen und starrer in ihren Abläufen und Routinen machen würde. Paul ist das komplette Gegenteil, er löst sich eben dadurch immer mehr, weil er zunehmend an Sicherheit gewinnt, aus sich heraus lernt, sich selbst zu strukturieren und von sich aus die äußeren Hilfen immer weniger benötigt. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass andere da eben wirklich auch anders reagieren. Da sollte dann aber wieder der ethische Grundgedanke hinter TEACCH greifen.

Ich habe sicherlich bei Weitem nicht alle Aspekte von TEACCH erfassen können. Ich bin auch kein Fachmann. Ich habe mir zwar vieles angelesen und erlernt, aber es gibt sicherlich Punkte, die ich einfach nicht weiß. Sollte ich also etwas gravierendes übersehen haben, lasst es mich einfach wissen.


Edit vom 04.10.2015: Da es offensichtlich zu Missverständnissen kam, hier nochmal die deutliche Differenzierung und Klarstellung. Mein Text bezieht sich ausschließlich auf den TEACCH-Ansatz. Ich distanziere mich ausdrücklich vom TEACCH-Programm, wie es von bestimmten Einrichtungen in den USA (keine Ahnung, ob auch woanders) durchgeführt wird. Dieses Programm weicht vom TEACCH-Ansatz in mehreren gravierenden Punkten ab. Unter anderem wird in diesem Programm auch operant konditioniert. etwas, was dem Grundgedanken hinter dem TEACCH-Ansatz deutlich entgegen geht.

Advertisements

33 Kommentare zu “TEACCH und Paul

  1. Vielen Dank für diesen wichtigen Einblick.
    So ähnlich habe ich mir TEACCH auch immer vorgestellt nach den Infos, die ich bis jetzt dazu bekam.
    Wichtig ist dabei diese Grundhaltung, dass die Fähigkeiten und Interessen des Autisten im Vordergrund stehen, die er so ausbauen kann. Und eben Struktur.
    Ich selbst mache mir viele Zettel mit Plänen, wenn ich Termine habe oder mir etwas Bestimmtes vornehme. Das finde ich für mich unglaublich hilfreich.
    Und ich wünsche mir ein großes Whiteboard. In der von mir gewünschten Qualität ist es bis jetzt aber nicht erschwinglich für mich, leider.

    Leider las ich auch schon davon, dass manche ABA-Fritzen ein paar TEACCH-Elemente übernehmen und dann behaupten, es wäre TEACCH, was sie da tun. Das ist ziemlich ätzend, wenn das so vermixt wird. Und führt dann mitunter zur kompletten Verurteilung von TEACCH, wenn nicht dahintergestiegen wird, dass es eigentlich ABA ist, was da passiert. Kontraproduktiv auf so vielen Ebenen.

    Jedenfalls kann man mit deinem Artikel sicherlich ganz gut einschätzen, ob man auf einem Weg ist, der was taugt, wenn man mit seinem Kind in ähnlicher Situation steckt, oder ob man auf irgendwas reingefallen ist, was den Autisten nicht wertschätzt.

    • Immer gerne. Ich überlege auch gerade, ob ich den Post noch um Fotos ergänze, damit man sich das besser vorstellen kann oder dazu einen separaten Beitrag mache.
      Eigentlich nutzt ja jeder Mensch auf die eine oder andere Art Strukturierungshilfen. Sei es der Terminkalender, ein nach Dringlichkeit sortierter Postablagekorb, To-Do-Listen, Schubladenunterteilungen, Timer oder ähnliches. TEACCH baut dieses System einfach nur aus. Angepasst auf die autistische Wahrnehmung und das jeweilige Individuum. Sinnesstille schrieb es in ihrem Kommentar, über allem schwebt „Hilf mir es selbst zu tun“. Ich ergänze noch um „Soviel wie nötig, so wenig wie möglich.“

      • Ja, genau.

        Ich hab zum Beispiel inzwischen für mich gelernt, dass mir für bestimmte Termine detalliertere Pläne wirklich helfen, angefangen von der Aufstehzeit über die Duschzeit bis zur Losfahrzeit. Also wirklich recht kleinschrittig und mit Notizen über die Dinge, die ich mitnehmen will.
        Einfach nur „17:00 Uhr Theater“ ist da für mich einfach zu wenig. Dann bin ich gehetzt, hab die ganze Zeit Zeiten im Kopf schwirren und komm zu jeder Zeit da an, aber nicht um 17:00 Uhr. Und hab dann noch irgendwas zu Hause liegen gelassen.
        Anders, wenn ich an einem freien Tag in den Wald will. Der hat immer offen und keine genaue Startuhrzeit. Da lass ich das dann mehr auf mich zukommen, kann ganz in Ruhe auch ohne Zeitplan meinen Kram nehmen und losgehen, wie es dann eben kommt, sobald es dann eben passt.

        Das muss man für sich aber erst mal rausfinden, was genau bei welcher Tätigkeit einem hilft.
        Und sich auch eingestehen, dass man für bestimmte Dinge einfach genauere Pläne braucht als andere Menschen. Und für sich annehmen, dass man deshalb nicht blöde ist oder so, sondern einfach andere Wege geht.

  2. Vielen Dank für diesen Artikel mit den lebensnahen Beispielen! Auch bei uns gibt es viele Hilfen in Form von Plänen, verschiedenen Kalendern und PostIts. Dabei ist alles so gestaltet, dass es einem wichtigen Motto entspricht: „Hilf mir, es selbst zu tun“
    TEACCH und ABA (o.ä.) zu vereinen erscheint mir nicht möglich, weil mMn die Grundstruktur gegensätzlich ist.

    • Ja, Behaviorismus und kognitive Verhaltenstherapie, die ja als Gegenbewegung zum Behaviorismus entstand, sind so grundverschieden in ihrem Menschenbild und ihren Annahmen, wie der Mensch lernt, dass man das nicht sinnvoll miteinander verknüpfen kann. Man kann natürlich Elemente der einen Seite auch in die andere Seite implementieren, aber dann fällt halt auch die ethische Haltung dahinter. Und dann ist es nicht mehr TEACCH im eigentlichen Sinn.

  3. Vielen Dank für diesen direkten Einblick! Das liest sich gut und sinnvoll und es wird vor allem eine vernünftige Haltung bei euch Erwachsenen deutlich 🙂

    Ich habe ein paar Fragen.

    1. Ich habe die Kritik gelesen, dass TEACCH auch dazu eingesetzt wird, als „abnormal“ eingestuftes Verhalten abzubauen und gewünschtes Verhalten aufzubauen. Das geschieht in aller Regel durch nichtautistische Personen, die mitunter ein sehr anderes Verständnis von „Normalität“ oder „Funktionalität“ von Verhalten haben, als Autist_innen. Das ist ja auch einer der Kritikpunkte an ABA, auch wenn wir hier von einem komplett zerstörerischen System reden, das mit Brutalität vorgeht, um Anpassung zu erzwingen. TEACCH stelle ich da explizit nicht auf die selbe Stufe (nur um mal Missverständnissen vorzubeugen). Aber TEACCH ist eben auch ein Instrument zur Verhaltensmodifikation. Kognitive Verhaltenstherapie ist immernoch Verhaltenstherapie (die ich nicht grundsätzlich ablehne, aber es gilt Einiges zu beachten).

    Hierzu Zitate aus einem Buch des TEACCH-Erfinders Eric Schopler (PEP-R Entwicklungs- und Verhaltensprofil, verlag modernes lernen, 2009), in denen er die Erstellung eines Verhaltensprofils beschreibt.
    „Die gesamte Anzahl der ungewöhnlichen oder dysfunktionalen Verhaltensweisen wird qualitativ und quantitativ ausgewertet, um den Schweregrad der Verhaltensschwierigkeiten des Kindes zu ermitteln. Verhaltensweisen werden als “angemessen”, “leicht auffällig” oder “stark auffällig” beurteilt. Die Items der Verhaltensskala sind nicht – wie die der Entwicklungsskala – an Normen orientiert; diese spezifischen Verhaltensweisen sind sowohl in milder als auch extremer Form für Kinder jeden Alters abnormal.“

    und

    „Sie bietet […] Informationen über den Schweregrad von desorganisiertem und gestörtem Verhalten des untersuchten Kindes […]. Die Items der Verhaltensskala dienen zum Beispiel dazu festzustellen, ob das Kind Blickkontakt aufrecht erhält, Materialien in unangemessener Weise erkundet, ein ungewöhnliches oder exzessives Interesse daran hat, Dinge zu beriechen oder zu belecken, ob es Wörter in seltsamer Weise gebraucht oder ob es sein Verhalten organisieren kann, während es mit einer Aufgabe beschäftigt ist. Drei neue Verhaltensitems […] wurden in die Skala des PEP-R aufgenommen; diese untersuchen die Reaktionen des Kindes auf verschiedene Formen der Verstärkung.“

    und

    „Die Testsituation bietet auch eine Gelegenheit, die effektivsten Wege auszuprobieren, wie sich das Kind am besten motivieren läßt. Während der Sitzung können verschiedene Formen der Verstärkung ausprobiert werden: Eßbares, aber auch Lieblingsspielzeug, Pausen, körperliche Stimulation und verbales Lob. Der Untersucher sollte darauf achten, wie häufig eine Belohnung eingesetzt werden muß (sofort, nach einer bestimmten Zeit oder in regelmäßigen Abständen) und welche Abfolgen der Verstärker notwendig sind, um das Kind zu einer gewünschten Reaktion zu bewegen.“

    Es wird also nach Verhaltensweisen gesucht, die absolut „abnormal“ sind, ohne sich dabei aber an Normen zu orientieren. Das ergibt für mich einerseits keinen Sinn, andererseits klingt es halt schon sehr nach Verhaltensmodifikation anhand äußerer Bewertungen von Normalität und durch den gezielten Einsatz von „Verstärkern“. Dieser Ansatz ist nichts Anderes, als operante Konditionierung. Wendet man in allen Lebensbereichen ein TEACCH-Programm an, wobei alle Bezugspersonen an der Korrektur bestimmter vorher festgelegter Verhaltensweisen oder deren Antrainierung mitarbeiten, dann halte ich das für sehr bedenklich. Es erinnert dann stark an andere ähnlich intensive Programme, die z.B. auf ABA basieren. Es gibt dann auch hier sozusagen „kein Entkommen“ aus dem Programm. Zwar passt man nach TEACCH die Anforderungen den individuellen Bedingungen an und geht offenbar weniger drastisch, sondern sanfter vor, aber das Prinzip bleibt bestehen.

    Jetzt die Frage: gibt es für Paul auch derartige Verhaltensprofile und entsprechende Ziele? In deiner Beschreibung klingt das nämlich nicht so, sondern es liest sich wesentlich flexibler. Auch, dass er selbst an der Formulierung der Ziele und Wünsche beteiligt ist (eben gemäß seiner Fähigkeiten). Ich weiß, dass das in vielen Einrichtungen der Behindertenhilfe nicht so praktiziert wird. Dort ist TEACCH oft gleichbedeutend mit einem quasi lebenslangen Programm, mit dem die Lebenszeit durchstrukturiert ist und dauert an irgendeinem Verhalten „herumgefördert“ wird. Tagesstruktur anhand von Plänen sind einzuhalten und Abweichungen oft (seitens des Personals) unerwünscht. Jedenfalls sind spontane Ideen und Bedürfnisse nicht eingeplant. Ich habe Zweifel, ob TEACCH als Konzept diese Art der umfassenden Anwendung zur Verhaltenskontrolle wirklich ausschließt, oder ob es nur dem gesunden Menschenverstand und der ethischen Haltung einiger Anwender zu verdanken ist, dass es auch so sinnvoll ablaufen kann, wie bei euch. Oder mit anderen Worten: werden vielleicht oft einfach stärker die sinnvollen, weniger drastischen Aspekte von TEACCH eingesetzt, während die problematischeren Aspekte weniger bekannt sind?

    Wenn wir TEACCH empfehlen, sollten wir uns darüber Gedanken machen, ob wir wirklich alle Aspekte davon kennen und dahinter stehen können. Wenn nicht, sollten wir mindestens klare Einschränkungen gemeinsam mit der Empfehlung äußern.

    2. Frage: Was passiert, wenn Eltern/Therapeut_innen/Lehrer_innen ein Ziel festlegen, idealerweise ihrer Ansicht nach natürlich im Sinne des Kindes, und das Kind dann diese Aufgaben verweigert? Wird das respektiert oder wird so lange an der Art der Vermittlung und den Bedingungen herumgeschraubt, bis das Kind doch tut, was man gerne hätte? Diese Gefahr sehe ich nämlich schon auch. Das ist wohl was Kinder angeht kein TEACCH-spezifisches Thema, sondern ein grundsätzliches. Manchmal müssen Erwachsene es besser wissen, wenn es darum geht Dinge zu lernen, und wir können alle nur hoffen, dass sie diese Macht weise einsetzen.
    Aber was ist, wenn wir von erwachsenen Menschen sprechen? Die mithilfe von TEACCH dazu gebracht werden Dinge zu tun / zu lernen, die sie nicht möchten.

    Das war jetzt ziemlich viel, aber ich versuche wirklich zu begreifen, was dahinter steckt. Einerseits weiß ich von vielen positiven Erfahrungen, andererseits gibt es auch bedenkliche Aspekte, deren unreflektierte Anwendung ich falsch fände. Sie ist aber eben im Konzept (auch) vorgesehen und wird so praktiziert. Meistens da, wo keine engagierten Eltern immer zusehen, sondern wo erwachsene Behinderte ihr restliches Leben verbringen.

    Vielleicht ist es wichtiger, dass wir uns – statt ein einzelnes Konzept als DIE Lösung zu empfehlen (ich sage nicht, dass du das tust, aber die Tendenz ist in der „Szene“ vorhanden) – stärker darauf konzentrieren eine HALTUNG zu vermitteln. Und die Tatsache, dass es immer eine individuelle Suche sein muss, die sich an den Wünschen des betreffenden Menschen orientiert, auch wenn sie von der Umwelt nicht nachvollzogen werden können. Dabei können Aspekte von TEACCH genauso sinnvoll eingesetzt werden, wie viele Andere. Durch die Nennung einer bestimmten Methode lässt sich aber leider noch nicht ausschließen, dass diese für viele Menschen schädlich sein kann, selbst wenn sie für Andere hilfreich sein mag.

    • Ich habe noch weitere Zitate, die mir Bauchweh machen, alle vom TEACCH-Erfinder:

      “ Problem: Während der Mahlzeiten vom Tisch aufspringen

      […]

      Der wichtigste Punkt, an den Sie stets denken müssen, ist der, daß Sie angemessenes Verhalten mit Aufmerksamkeit und Lob belohnen und unangemessenes Verhalten nicht durch Beachtung gleich welcher Art ebenfalls belohnen. Setzen Sie [das Kind] so an den Tisch, daß [es] von einem Platz aus außer seinem eigenen Teller keinen anderen erreichen kann. Wenn [es] aufsteht, ignorieren Sie dies völlig. Rufen Sie [es] nicht zurück und schauen Sie sich nicht einmal nach ihm um. Wenn [es] zurückkommt und sich hinsetzt, schauen Sie [es] an, lächeln und sagen: “Gut, wir sitzen zum Essen.” Wenn [es] versucht, sich etwas vom Teller zu nehmen, ohne sich hinzusetzen, sprechen Sie nicht mit ihm. Ziehen Sie stattdessen einfach seinen Teller in die Mitte des Tisches und geben Sie ihm diesen nicht zurück, bevor [es] wieder auf seinem Stuhl sitzt. Wenn die Familie mit dem Essen fertig ist (nach ungefähr 20 Minuten), stellen Sie alle Reste fort. Geben Sie [dem Kind] dann nichts mehr zu essen – nur Erfrischungen sind noch erlaubt. Damit diese Maßnahme Erfolg hat, muß [das Kind] bis zur nächsten Mahlzeit warten – auch wenn [es] noch Hunger hat. Führen Sie Buch darüber, wie oft [es] während der Mahlzeiten den Tisch verläßt.“
      (Übungsanleitungen zur Förderung autistischer und entwicklungsbehinderter Kinder, v-7 Unterbrechen von Tätigkeiten, Eric Schopler, verlag modernes lernen, Dortmund, 5. Auflage 2011)

      Hier geht es darum, Blickkontakt anzutrainieren:

      “ Üben Sie mit [dem Kind] zunächst, daß [es] während der Sprachübungen (Was-, Wer-, Wo-Fragen über ein Bild beantworten) beim Antworten Sie anschaut. Zeigen Sie ihm ein Bild und fragen Sie: “Sag mir, [Name des Kindes]: Wer spielt mit dem Ball?” Dann decken Sie das Bild ab, damit [es dies] nicht länger anschauen kann, und wiederholen Sie: “Sag es mir!” Wenn [es] beim Antworten nach unten oder zur Seite schaut, wiederholen Sie: “Sag es mir!” und drehen vorsichtig seinen Kopf in Ihre Richtung. Loben oder belohnen Sie seine Antwort nicht, bevor [es] Sie angeschaut hat, auch wenn [es dies] anfangs nur kurz tut. Immer wenn [das Kind] sich an Sie wendet (“Darf ich spielen gehen? … Ich möchte mehr haben!”) reagieren Sie nicht, bevor [es] sie angeschaut hat. Erinnern Sie [es] an die neue Regel, indem Sie [es] sanft an der Wange berühren, wenn es nicht zu verstehen scheint, warum Sie auf eine Frage nicht antworten.

      Das Abdecken des Bildes unterbrach [seine] natürliche Tendenz, nach unten zu schauen. Das Verzögern von Lob oder Belohnung gab ihm Ansporn, eine neue Gewohnheit zu entwickeln, nämlich Personen anzuschauen. Das wiederholte Üben während strukturierter Aufgaben half ihm, sich diese Gewohnheit anzueignen. Später wurde das neue Verhalten auch während des Alltags von ihm erwartet.“

      (Übungsanleitungen zur Förderung autistischer und entwicklungsbehinderter Kinder, v-27 Verhaltensdefizite, Eric Schopler, verlag modernes lernen, Dortmund, 5. Auflage 2011)

      Ich wusste eben bis vor Kurzem auch nicht, dass diese Art von Training Teil von TEACCH ist.

    • Puh, du forderst mich da gerade massiv. Ich habe jede Menge über TEACCH gelesen, angefangen von Studien über diverse wissenschaftliche Abhandlungen, Diplom- und Hausarbeiten bis hin zu einigen Büchern. Aber ich bin kein Experte. Ich versuche trotzdem aus meiner Sicht zu antworten, allerdings ohne Gewähr auf Vollständigkeit bzw. 100%ige Richtigkeit. Deswegen oben auch mein Aufruf, mich zu kontaktieren, wenn ich etwas übersehen habe.

      Zu 1. Klar kann und wird TEACCH auch dazu eingesetzt, das Verhalten zu modifizieren. Es ist zu einem großen Teil Verhaltenstherapie, dessen sollte man sich bewusst sein. Allerdings kenne ich TEACCH nur so, dass die Funktionalität und die Auslöser bestimmter Verhaltensweisen im Vordergrund stehen, ehe man dann schaut, ob und wie man dieses Verhalten beeinflussen kann bzw. überhaupt beeinflussen sollte. Den erwähnten PEP-R kenne ich kaum, halte ihn aber für ein Diagnosewerkzeug, dass unabhängig von TEACCH steht, auch wenn es vom selben „Erfinder“ stammt. Soweit ich den PEP-R überblicke, wird dabei das Verhalten in unterschiedlichen Punkten bewertet und nach diversen Kriterien beurteilt. Tatsächlich aus der Außensicht, wenn ich das bisher Gelesene richtig deute. Mit stellt sich da die Frage, inwieweit diese Beurteilung dann relevant für den Einsatz von TEACCH ist. Gefunden habe ich den PEP-R auch als eingesetztes Werkzeug bei ABA. Ich neige also dazu, ihn nicht als Element von TEACCH zu betrachten sondern unabhängig zu sehen.
      Nichtsdestotrotz werde ich mich da auch noch genauer informieren, das interessiert mich nämlich auch. Ich kann momentan den Gedanken, dass ich das Verhalten meines Kindes trainieren soll mit dem Grundgedanken dass die Bedürfnisse meines Kindes im Mittelpunkt stehen, nicht in Einklang bringen.
      Motiviert wird auch bei der Förderung nach TEACCH, allerdings nicht im Sinne von operanter Konditionierung. Klar werden z.B. Spezialinteressen genutzt, um zu motivieren. Allerdings wird dafür weder der Zugang dazu eingeschränkt noch wird irgendwie ständig belohnt.
      Mal wieder ein praktisches Beispiel von Paul. Schneiden mit der Schere bereitete ihm Probleme, sowohl motorisch als auch durch eingeschränkte Auge-Hand-Koordination. Eines seiner Spezialinteressen waren zu dieser Zeit Autos. Besonders Automarken. Also bekam er Korbaufgaben, bei denen er Logos von Automarken ausschneiden und aufkleben sollte/durfte.
      Du fragst, ob wir auch für Paul Verhaltensprofile und entsprechende Förderziele haben. Meine Antwort lautet Jein. Ja, bestimmte Verhaltensweisen werden thematisiert und auch mal schriftlich festgehalten. Dabei wird auch bewertet, welche Verhaltensweise für die Umwelt besonders belastend ist. Diese wird dann priorisiert angegangen. Ja, es werden dann auch Förderziele formuliert, die auf eine Änderung dieser Verhaltensweise abzielen. Nein, vorrangig geht es nicht einfach um Abbau oder Abstellen einer „unerwünschten“ Verhaltensweise, das würde sich auch wieder mit den ethischen Grundsätzen beißen. Wenn wir Verhaltensweisen thematisieren, dann ist das allererste, was getan wird eine Analyse, wofür diese Verhaltensweise dient bzw. was die möglichen Auslöser sind. Und da wird dann angesetzt.
      Sah in der Praxis beispielsweise so aus: Wenn Paul überfordert war konnte er nicht kommunizieren, dass er genau jetzt eine Auszeit bräuchte. Stattdessen sprang er auf, lief im Raum herum und schlug und trat Bezugspersonen bis er dadurch eben die Auszeit bekam. War im Hinblick auf die bestehende Einschulung und auch zu Hause ziemlich kontraproduktiv. Sicherlich nicht nur aus der Außensicht sondern auch für Paul. Also haben wir uns alternative Verhaltensmöglichkeiten überlegt und kamen auf Visualisierung. Ich bastelte ein gelbes Achtung-Symbol und ein rotes Stoppschild als handliche dicke Kärtchen. Wenn Paul unruhig wurde, zeigte ich ihm das gelbe Achtung-Symbol und fragte, ob er eine Auszeit bräuchte. Schnell verknüpfte er die beiden Dinge miteinander. Das rote Stoppschild war als Notsignal konzipiert. Ich hielt ihm das hin, wenn er schlug oder trat, bevor ich ihn dann wie üblich zur Auszeit in sein Zimmer brachte. „Stopp“ stand früher schon für „Hier ist sofortiges Handeln angesagt“, Stopp war das Codewort für „keinen Schritt weiter sonst stehst du auf der Straße“ oder auch für „Gegenstand sofort fallen lassen, Gefahr“. Das Ziel war es, dass Paul lernt, mit den Schildern zu signalisieren, wenn er eine Auszeit bräuchte. Das verstand er auch schnell und schlug und trat nicht mehr, weil es ja reichte, das Schild zu zeigen. Die Schilder gingen auch in der Federtasche mit zur Schule, wurden aber nie eingesetzt, weil Paul bis dahin gemerkt hatte, dass sein Bedürfnis nach Rückzug auch erfüllt wird, wenn er es einfach sagt. Und er konnte es dann auch sagen. Verhalten erfolgreich „modifiziert“, wenn man es so sehen will.

      Ende Teil 1 der Antwort, ich schreib gleich weiter.

      • Keine Sorge, ich erwarte garnicht, dass jemand / du hier alle Unklarheiten beseitig(s)t. Aber du hast vermutlich viel mehr darüber gelesen, als ich.

        Zum PEP-R: das ist wohl ein Diagnose-/Messinstrument, das schon klar aus der TEACCH-Ecke kommt und das u.A. misst, wie angepasst/normal/unauffällig oder auch „unautistisch“ das Verhalten des Kindes ist. Es wird u.A. verwendet, um die Effektivität von TEACCH (und evtl. auch anderer Methoden) nachzuweisen. Dazu habe ich eben auch noch etwas nachgeforscht. Also es ist jetzt kein Bestandteil von TEACCH an sich, aber es zeigt doch schon, welche Ziele verfolgt werden, wenn in den darin enthaltenen Aspekten die „Effektivität“ von TEACCH gemessen wird. In dieser Studie: http://www.uwo.ca/fhs/csd/ebp/reviews/2006-07/ButlerC.pdf zeigte sich wohl (wenn auch methodische Mängel bestehen), dass TEACCH, gemessen am PEP-R, „erfolgreich“ ist. Also weil Verhalten „normalisiert“ wurde. Generell wird TEACCH im Englischen nicht selten als Verhaltensmanagement-Tool bezeichnet. Du sagst zwar auch, dass (idealerweise) immer nach dem „Warum“ und „Wozu“ eines Verhaltens gefragt wird, letztlich aber auch mit dem Ziel es nach den Wünschen außenstehender Personen zu formen. Wenn man an gute Menschen gerät allerdings mit Rücksicht auf den autistischen Menschen. Wie gesagt, es ist sicherlich immer auch mal nötig störende / einschränkende Dinge zu verändern. Aber es stimmt halt dann nicht, wenn TEACCH einfach immer nur als „Sturkturierungshilfe“ bezeichnet wird, wenn es doch tatsächlich darauf angelegt ist Verhaltens nach Wünschen anderer Menschen zu formen und damit hat es das Potenzial eigene Wünsche und Entwicklungen zu unterdrücken. Ich will das wie gesagt nicht pauschal schlecht machen. Ich möchte nur, dass gesehen wird, dass es offenbar nicht alles so harmlos ist, wie gerne behauptet wird.

        Ich weiß, du tippst noch an Teil 2. Mach dir bitte keinen Stress mit dem Antworten! 🙂

        Das Stoppschild-Beispiel. Da wäre jetzt halt die Frage, ob er seine Auszeit nur dann bekommt, wenn er das gewünschte Kommunikationsverhalten (Schild) zeigt. Wenn das der Fall ist, ist es falsch. Das ist einer der Kritikpunkte an ABA. Wenn er seine Auszeit auf jeden Fall bekommt, weil er sie eben einfach braucht und „nebenbei“ trotzdem alternative Ausdrucksmöglichkeiten geübt werden, halte ich das für völlig sinnvoll. Aber letztlich ist das halt schon auch eine Konditionierung, die idealerweise (wie in deinem Beispiel) aber nur ein Krückstock ist und von echtem Verständnis und Einsicht abgelöst wird. Wieder geht es mir nur darum, sich darüber im Klaren zu sein, was da gemacht wird. Es ist eben nicht per se harmlos, was aber nicht heißt, dass es nicht auch sinnvoll eingesetzt werden kann.

    • -Antwort Teil 2-

      Zu 2. Das ist eine gute und ziemlich heikle Frage. Du sagst richtig, dass es immer wieder Dinge gibt, die Kinder einfach lernen müssen. Schule ist da das naheliegendste Beispiel. Und ja, das empfinde ich auch als Gratwanderung, bei der ich völlig situationsabhängig entscheide, was sein muss und wie ich das angehe. Beispiel Hausaufgaben. Alle (in dem Fall die Lehrer und die Therapeutin) wollen, dass Paul seine Hausaufgaben alleine macht. Das kann er aber nicht. Da stehen ihm seine Probleme bei der Handlungsplanung und seine Neigung zur Ablenkung massiv im Weg. Er braucht jemanden, der ihn immer wieder auf die aktuelle Aufgabe „stupst“ und ihn anleitet, weiter zu arbeiten. Also mache ich das. Wir haben zwar seinen Schreibtisch nach TEACCH strukturiert und legen ihm auch seine Hausaufgaben so zurecht, aber das ist eben nicht ausreichend. Ich sehe keine Notwendigkeit, dass er unbedingt gerade jetzt lernen soll, alleine zurecht zu kommen, also ist mir egal, dass ich immer neben ihm stehen muss und auf die aktuell zu bearbeitende Aufgabe hinweise. Aber ist das jetzt TEACCH oder ist das einfach unsere individuelle familieninterne Lösung? Ich begreife TEACCH nicht als Programm sondern eben als Werkzeugkasten. Dieser Kasten enthält viele nützliche Dinge, ob und wie ich diese Dinge aber einsetze, entscheide ich. Mal bildlich gesprochen: Ob ich ein Bild mit einem 8er oder 10er Dübel oder nur mit einem Nagel an der Wand aufhänge, ist mir überlassen. Und Paul entscheidet, wo in seinem Zimmer dieses Bild aufgehängt werden soll. Verstehst du, wie ich das meine?

      „Während der Mahlzeiten vom Tisch aufspringen.“ War und ist tatsächlich ein Problem bei uns. Mich nervt das wahnsinnig, dieses Rumgerenne beim Essen. Aber ich habe mich mehr oder weniger erstmal damit abgefunden. Eine Zeit lang haben wir am Tisch mit einem Timer gearbeitet, mit dem Wunsch, dass Paul mindestens 5 Minuten beim Essen sitzen bleibt. Das ging relativ gut und wurde deshalb irgendwann überflüssig. Ich habe ihm auch mal das Essen dann weggenommen bzw. abgeräumt, wenn wir anderen alle fertig waren. Und fand das selbst total doof. Ich will so auch nicht behandelt werden. Also haben wir es wieder gelassen. Außerdem hat Paul sehr lange mit akutem Untergewicht gekämpft. In Kombination mit seinem damals stark eingeschränktem Speiseplan hätte ich mit der Verweigerung von Essen mehr Schaden als Nutzen angerichtet.

      „Blickkontakt“ Wird hier nicht trainiert, kommt mir nicht ins Haus. Ich bin aber auch der Meinung, dass die Forderung nach Blickkontakt von falschen Grundannahmen ausgeht. Dass Autisten aus dem Blickkontakt gar nicht die Informationen ziehen können wie sie ein NA dadurch bekommt, setzt sich ja erst in den letzten paar Jahren so ganz langsam mal im Bewusstsein der Fachleute fest. Das wäre z.B. ein Thema, was ich wirklich gerne mal persönlich mit dem Herrn Schopler diskutieren würde, um zu erfahren wie er unter Berücksichtigung der heutigen Erkenntnisse darüber denkt. Was wir allerdings machen ist, Paul zu vermitteln, dass die Mehrheit der Menschen Wert darauf legt, dass man sie zumindest anschaut. Das machen wir aber durch einfache Erklärungen. Und wir zeigen ihm Möglichkeiten, wie er den Eindruck vermitteln kann, ohne der Überforderung durch den Blickkontakt ausgesetzt zu sein. Indem wir ihm z.B. sagen und zeigen, dass er auf die Stirn oder die Nase oder das Ohr schauen kann, weil die meisten eh keinen Unterschied bemerken. Das ist aber noch sehr fiktiv, momentan ist er durch andere Dinge so belastet, dass wir froh sind, wenn er sich zumindest der Person zuwendet, mit der er spricht.

      Du sprichst TEACCH im Rahmen der Unterbringung erwachsener Autisten in geschlossenen Wohnformen an. Dazu habe ich eine klare Meinung. Wohnheime mit rigiden Strukturen und festen allgemeingültigen Plänen gehören schnellstmöglich abgeschafft. Man kann dort gar nicht den Grundsatz von TEACCH leben, dass jeder individuell zu betrachten ist. Ich las ein Beispiel der angeblichen Anwendung von TEACCH, um einem erwachsenen Bewohner zu vermitteln, dass er täglich nur noch 3 statt 4 Tassen Kaffee bekommen soll. Meiner Meinung nach hat die Visualisierung der täglichen Kaffeeration durch Bilder an einer Leiste mit seinem Namen nichts mit TEACCH zu tun. In dem Moment, wo das Personal beschließt, dass der Bewohner nur noch 3 Tassen trinken soll (übrigens ohne irgendeine plausible Begründung), ist die ethische Grundhaltung von TEACCH schon ad absurdum geführt.

      Du fragst nach dem Stoppschild: Natürlich bekam er die Auszeit so oder so. Er benötigte sie. Optimalerweise timen wir den Tagesablauf so, dass er die Auszeiten bekommt, bevor er sie aktiv einfordern muss. Das gelingt aber nicht immer. In der Schule hat er unter anderem auch deshalb eine Schulbegleitung, weil die Pausen zwischen den Unterrichtsstunden manchmal einfach nicht ausreichen zur Regeneration. Oder sonstige äußere Faktoren dazu führen, dass er überlastet werden würde. Dann muss es die Möglichkeit geben, dass er die belastende Situation verlassen kann, ehe er in einen Overload gerät oder schlimmeres.

      • Vielen Dank für die ausführlichen Antworten!

        „Ich begreife TEACCH nicht als Programm sondern eben als Werkzeugkasten. Dieser Kasten enthält viele nützliche Dinge, ob und wie ich diese Dinge aber einsetze, entscheide ich. Mal bildlich gesprochen: Ob ich ein Bild mit einem 8er oder 10er Dübel oder nur mit einem Nagel an der Wand aufhänge, ist mir überlassen. Und Paul entscheidet, wo in seinem Zimmer dieses Bild aufgehängt werden soll. Verstehst du, wie ich das meine?“

        Ja, ich verstehe. Meine Frage wäre dann, was passiert, wenn er das Bild überhaupt nicht haben will?

        Dann wäre es völlig egal, ob du den perfekt passenden TEACCH-Bohrer verwendest oder aber mit einem Vorschlaghammer ein Loch in die Wand haust (das wäre dann ABA). Du würdest zwar auf den ersten Blick weniger sichtbaren schaden anrichten, hättest ihm aber trotzdem deinen Willen aufgezwungen.

        Ich verstehe dich so, dass dir das wirklich fern liegt und dass du die Bedürfnisse deines Sohnes (sofern du sie kennst / vermutest) an oberste Stelle stellst. Das ist etwas, was ich mir für alle Autist_innen wünsche, so sehr! Aber ist das TEACCH oder ist das eine Mutter, die Werkzeuge sinnvoll einsetzt? Wenn du nur sinnvolle Aspekte von TEACCH einsetzt, heißt das, dass TEACCH an sich keine schädlichen Aspekte beinhaltet?

        Wir können den Erfinder wohl nicht mehr fragen. Aber allein die Tatsache, dass sein Messinstrument für die Effektivität von TEACCH keine Einbeziehung der Wünsche, empfundenen Lebensqualität oder sonstigen Rückmeldungen und Gedanken des autistischen Kindes beinhaltet, gibt zu denken. Es ist ein Instrument, dass auch die Effektivität von ABA messen kann. Und wir kritisieren an ABA unter Anderem, dass Erfolg im Rahmen ihrer „Evidenzbasierung-Propagande“ nur anhand von durch Dritte beobachtetem Verhalten gemessen wird. Das Selbe ist offenbar bei TEACCH auch der Fall. Der kognitive Aspekt dieser Art von Verhaltenstherapie ist halt nicht besonders ausgprägt. Es wird zwar angenommen, dass innere Prozesse, Kognition, Wahrnehmungsverarbeitung etc. existiert. Aber am Ende zählt doch nur messbares Verhalten und damit ist TEACCH basiert TEACCH ganz sicher auf dem „Gegenteil“ des Behaviorismus, jedenfalls nicht konsequent. Falls du bei https://nonaba.wordpress.com lesen kannst (Anfragen sind wohl okay), empfehle ich dir die TEACCH-Artikel. Dort wird deutlich, dass TEACCH nicht nur auf eine Art und Weise wahrgenommen/angewendet/interpretiert werden kann und das ist offenbar auch den Vertreibern der Methode bewusst.

        Im Grunde sehe ich alle möglichen Therapie-, Förder- oder einfach nur Lebens- und Management-Techniken als den Werkzeugkasten, den du beschreibst. Das wichtigste ist immer die respektvolle und *wirklich* akzeptierende Haltung des Menschen, der die Werkzeuge einsetzt. Und wir müssen immer die Frage stellen, warum etwas überhaupt eingesetzt wird und wem es dient.

        Ich bleibe dabei, dass TEACCH ohne weitere Einschränkungen zuviel Nähe zu veralteten verhaltenstherapeutischen Konzepten aufweist. Das schließt wie gesagt einen sinnvollen Einsatz von Teilaspekten nicht aus. Aber so lange das nur ein Teil der möglichen Einsatzweisen ist, kann ich mich einer pauschalen Empfehlung nicht (mehr) anschließen.

        Ich verstehe nicht ganz, weshalb TEACCH als einzeiges Gegenbeispiel zu ABA in dem Offenen Brief stehen muss, zumal es tatsächlich eben als volles Programm interpretiert und instrumentalisiert werden kan. Es würde unseren Forderungen besser entsprechen, wenn wir auf den individuellen Einsatz vielfältiger Methoden verweisen, der so auch von den allermeisten guten Therapeut_innen und Eltern eingesetzt wird. Die Alternative zu ABA ist eben nicht TEACCH, sondern das Wegkommen von vereinheitlichten Therapien und die Akzeptanz der Vielfalt und Unterschiedlichkeit und Einzigartigkeit autistischer Menschen und damit auch der Notwendigkeit von individualisierten Hilfen. Das ist es doch, was wir wollen? Es ist jedenfalls, was ich will. Und ich möchte niemand sein, der die Bedürfnisse von Leuten ignoriert, die mit etwas negative Erfahrungen machen mussten und darunter bis heute leiden.

        Ich denke, wir sind eigentlich inhaltlich einer Meinung. Nur dass du die positiven Aspekte, die du selbst erlebst, stärker wahrnimmst, als die möglichen Gefahren. Beides ist vorhanden und löscht sich nicht gegenseitig aus.

        • Ich meinte:

          Aber am Ende zählt doch nur messbares Verhalten und damit basiert TEACCH ganz sicher nicht auf dem “Gegenteil” des Behaviorismus, jedenfalls nicht konsequent.

        • Das habe ich eben nirgendwo gefunden. Weder dass TEACCH ein Programm ist noch dass der Erfolg von TEACCH anhand externer Verhaltensskalen bewertet wird.

          In der Erklärung zu TEACCH steht ganz klar, dass es eine Grundhaltung ist. Und ethischen Grundsätzen folgt. Und auf der Annahme der kognitiven Verhaltenstherapie basiert, dass Lernen durch Verstehen ermöglicht wird. Nirgendwo in meinen Quellen steht, dass bei TEACCH Erfolge durch messbares Verhalten nachgewiesen werden müssen. Nur weil der Erfinder von TEACCH auch den PEP-R entwickelt hat, muss das ja nicht den Rückschluss bedeuten. Einstein war auch maßgeblich an der Erfindung der Atombombe beteiligt, deswegen ist er trotzdem kein Massenmörder.
          Das ist es auch wie ich TEACCH sehe und weshalb ich es empfehle. Weil es multimodal und ganzheitlich und klientenzentriert ist.

          Ich hätte die Kritik auf nonaba gerne gelesen, habe auch angefragt und eine Freigabe erhalten. Und stehe jetzt vor lauter passwortgeschützten Artikeln ohne Möglichkeit, nach dem Passwort zu fragen.

          Wenn Paul kein Bild haben will, warum sollte ich dann eines aufhängen wollen? Das ergibt doch keinen Sinn.

          Ich kann von innen nicht beurteilen, ob ich nun TEACCH mache oder einfach nur mit meiner Familie zusammenlebe. Ob ich mein Kind gerade einfach nur erziehe wie Millionen anderer Kinder auch erzogen werden oder ob ich es fördere oder fordere. Da gibt es keine scharfe Trennung meiner Meinung nach, kann es unter alltäglichen Bedingungen doch auch gar nicht geben. Wir leben ja nicht in einem luftleeren, sterilen Raum. Ich agiere und reagiere. Mache Fehler und Dinge richtig. Und versuche, das Beste für Paul zu tun. Das gelingt mir mal mehr und mal weniger gut, wie man auf dem Blog ja auch nachlesen kann.

          • Lies bei dem genannten Blog mal die Seite „Hinweise“, da ist alles erklärt 🙂

            Was das Bild angeht: es ist eine Metapher dafür etwas durchzusetzen und anzutrainieren, was der Mensch garnicht möchte. Dass das nicht in deinem Sinne ist, hab ich verstanden. Dass TEACCH sehr leicht dafür eingesetzt werden kann, ist aber halt auch richtig. Mehr wollte ich damit nicht sagen.

            Einen kurzen Überblick gibt der Deutsche Wikipedia-Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/TEACCH#Die_Entstehung_des_TEACCH-Programms, ansonsten die Seite des Anbieters direkt: http://teacch.com/about-us
            TEACCH ist, dort wo es entstanden ist, als ein umfassendes Programm gedacht, in das alle möglichen Lebensbereiche und -orte einbezogen werden. Wie gesagt, vermutlich sind einfach gewisse Aspekte des Programms hier bei uns besonders beliebt und jeder pickt sich halt das raus, was er gut brauchen kann? Das ist ja sinnvoll! Aber es lässt dann halt keine Aussage über das Gesamt-Ding zu.

            Der Einstein-Vergleich hinkt. Der Erfinder hat das nicht einfach so entwickelt, sondern um die Defizite von Autist_innen zu diagnostizieren und zu überprüfen, ob TEACCH wirkt. Dazu wird es heute auch verwendet. Es hat nicht irgendjemand eine Bombe draus gebaut. Er hat das selbst implementiert.

            Meine Kritik zusammengefasst:
            * Es ist angelegt als ein lebensumfassendes Programm, auch wenn nicht alle das so betreiben. Also krasser Umfang, potenziell lebenslang und den ganzen Tag umfassend.
            * Diagnostik (und Überprüfung) findet wohl unter Anderem mithilfe des PEP-R statt, das stark auf von außen „messbaren“ Verhaltensnormen beruht und Verhalten in abnormal und angemessen, funktional und dysfunktional einteilt (im Vergleich zu allen Menschen, nicht individuell oder autismustypisch) und dabei eben NICHT die Gründe oder Innensicht oder wirkliche Funktionalität betrachtet.
            * Trainingseinheiten, die nichts Anderes machen, als Verhalten durch operante Konditionierung an von außen gesetzte Normen anzupassen sind Bestandteil (Blickkontakt, Stillsitzen und Strafe durch Essenwegnehmen, wenn es nicht geht, …)
            * Sie fahren die „evidence based“ Schiene, wobei evidence halt messbares Verhalten ist, siehe PEP-R und die verlinkte Studie. Die aktuelle Leiterin sagt auf der Website für die Zukunft, dass sie weiterhin auch andere evidenzbasierte Methoden integrieren wollen, wie z.B. „Behavioral interventions or even kognitive behavioral interventions“. Es ist von vorneherein eine Tür offen für ABA-Kram und Konditionierung im Allgemeinen.
            * Ziel des Anbieters ist es, weltweit der dominante Anbieter für lokale Zentren für Autismus-Interventionen zu werden. Das Material wird ja auch schon überteuert vermarktet.

            Ich wiederhole nochmal, dass ich die vielen guten Aspekte, Haltungen und Gedanken nicht leugne oder ablehne. Und ich sage ja auch garnicht, dass du etwas Negatives empfiehlst. Du empfiehlst das, was du kennst und das klingt weitestgehend positiv 🙂

            Ich sage bloß, dass wir in der Verantwortung sind genauer hinzusehen, also über das was wir bisher so allgemein hören/wissen hinaus. Es ist nicht hilfreich sich davor zu verschließen, dass es möglicherweise auch negative Aspekte und bisher nicht gekannte negative Hintergründe gibt. Wir können weiter die guten Dinge tun, die wir für sinnvoll finden. Aber wenn wir das empfehlen (!), vor allem im politischen Kontext, dann müssen wir das beachten. Dann stützen wir damit nämlich auch all das, was neben den positiven Aspekten da noch so alles drinsteckt.

            Ich versteh nicht so wirklich, warum das ein Problem ist. Das hat doch garnichts mit dem zu tun, was einige von euch/uns im Positiven damit bewirken. Du verstehst TEACCH auf eine Art und Weise, eine sehr positive und sinnvolle. Aber das ist halt nicht die einzige und zu sagen, alle andern, die Mist damit bauen, haben’s einfach nur falsch verstanden… naja, ist problematisch, wenn sogar die Anbieter selbst das für kompatibel mit ABA halten und massenweise Autist_innen in Einrichtungen damit kontrolliert werden.

            Ich finde es schön, die hilfreichen Dinge zu empfehlen und dein Beitrag hier ist ein wirklich hilfreicher Text dazu! Um zu verstehen, wie es richtig gehen kann.

            Aber wie gesagt, gerade im politischen Kontext in diesem System, können wir nicht damit rechnen, dass die Leute genau die gleichen Aspekte von TEACCH meinen, die du meinst, wenn von dem Wort die Rede ist.

            Mehr kann ich dazu auch nicht sagen. Ich hab ein bisschen das Gefühl, dass niemand die negativen Seiten sehen will, weil alle das so als DIE Lösung anpreisen. Und genau das ist halt auch eine Gefahr. S.o…

          • Du hast auf den Wiki-Eintrag verwiesen. Genau dort wird aber auch ganz klar differenziert zwischen dem TEACCH-Programm, wie es an einigen Einrichtungen durchgeführt wird und dem daraus entstandenen TEACCH-Ansatz. Das sollte man dann auch bei der kritik klar trennen. Aber ich komme langsam dahinter, woher der wind dabei weht. Vom Prinzip her wird also nicht der Ansatz kritisiert sondern das Programm.

            Dann reden wir natürlich von völlig verschiedenen Dingen. Ich werde das oben im Text nochmal deutlich herausstreichen.

  4. Pingback: Markierungen 10/05/2015 - Snippets

  5. Ich gebe zu, ich habe mich nur oberflächlich mit TEACCH beschäftigt, und mir wurde dies auch wirklich nur als Orientierungs- und Strukturhilfe beschrieben. Da fiel mir auf, dass ich das eh schon immer gemacht habe, und mit meinen Kindern nach Bedarf angepasst. Dass TEACCH auch zur Verhaltensformung in aktiver Form dienen soll, war mir gar nicht bewusst mangels Wissen. Bei mir gab es diesbezüglich auch keine Belohnungssysteme, weil das immer was von „Überreden“ oder gar „Erpressung“ hat (ist aber nur meine Meinung). Erfolg ist eigentlich immer die stärkste Belohnung.
    Bei meiner Tochter veränderte sich das Verhalten automatisch durch die Hilfestellungen. Aber das war quasi dann der positive Nebeneffekt. Ich habe ihr letztendlich Vorschläge gemacht oder erklärt, wie ich bestimmte Dinge manage, und sie hat sich dann selbst ihren Weg erarbeitet, um an ihr Ziel zu kommen. Aber das ist für mich ein völlig normaler Umgang mit Kindern.
    Wenn man sich „nur die Rosinen heraus pickt“ (RW), darf man das dann nicht mehr TEACCH nennen? Wie könnte man „Therapien“ sonst hilfreich benennen?
    Meiner Meinung nach gibt es ja nirgends im Leben ein Programm, welches man zu 100% übernimmt.
    Wenn ich also etwas empfehle, muss ich Beispiele nennen, kann erwähnen, dass es aus dieser oder jener Richtung kommt, aber… und dann müsste ich ja wieder erklären, was ich nicht empfehle, weil…
    Wie kann man also Hilfen für Autisten strukturiert aufzeigen, ohne dass es den Rahmen sprengt?
    Ähnlich ist es ja mit SOKO, welches immer wieder empfohlen wird. Es kommt immer darauf an, wie es eingesetzt wird, und was das Ziel sein soll.
    (Sorry, wollte das Thema jetzt nicht sprengen.)

    • Hallo sinnesstille,

      du stellst gute Fragen, find ich. Ich denke schon, dass du das TEACCH nennen kannst, wenn das der Name ist, unter dem du kennengelernt hast was du machst. Es ist ja auch ein wesentlicher Bestandteil des Ansatzes und, das streitet niemand ab, hilfreich und sinnvoll 🙂
      Ich denke nur nicht, dass man einfach nur TEACCH im Allgemeinen ohne weitere Erklärung oder Einschränkung pauschal empfehlen sollte.

      Denn dieser „Anbieter aus den USA“, wie im Zusatz zu lesen, ist eben nicht irgendein Anbieter. Das ist die Universität, die TEACCH entwickelt hat und vertreibt und die stark konditionierenden Anteile stammen nicht von irgendwem, sondern vom Entwickler und seinen Nachfolgern, die sich dafür anscheinend immer weiter öffnen. Es ist also nicht sicher, dass Menschen das gleiche mit TEACCH meinen, wie du/wir. Daher finde ich es sehr wichtig, dass wir dazu genauer beschreiben, was wir meinen, Beispiele bringen und die wichtigen Punkte hervorheben. Es darf eben nicht dazu eingesetzt werden, Menschen rund ich im Uhr in (aufgezwungene) Strukturen zu pressen, ihr Verhalten nach willkürlichem Muster zu kontrollieren und formen, etc. Ihr habt ja geschafft das in euren Beiträgen sehr schön deutlich zu machen. Also wie es sein „sollte“.

      Ich finde solche Therapieempfehlungen generell schwierig. Einerseits brauchen wir sie, weil wir ja irgendwie mit Menschen kommunizieren müssen und ihnen sagen müssen, woran sie sich orientieren können (insbesondere wenn sie ganz „neu“ im Thema sind und sicher erstmal völlig überfordert, was jetzt eigentlich zu tun ist, was gut ist, was nicht). Andererseits bergen Pauschalempfehlungen halt immer die Gefahr, auch Schaden anrichten zu können, weil sie für manche Menschen vielleicht nicht geeignet sind, aber einfach als Standard bei allen durchgezogen werden. Das ist die Gefahr hinter einer EU-Richtlinie. Schlimmstenfalls, wenn da ABA durchgesetzt wird, aber auch jede andere Methode, die von oben als Standard festgelegt wird, sehe ich kritisch. Oder eben, weil die Methoden anders ausgelegt werden, wie es in diesem Fall möglich ist.

      Ich kann mir gut vorstellen, dass durch mehr Orientierung und Strukturierung natürlich auch das sichtbare Verhalten von Autist_innen sich ändert, das ist ja an sich nichts Schlimmes. Wir verändern uns und entwickeln uns alle weiter, lernen dazu, etc. Wenn es einem besser geht und man weniger gestresst ist, dann wird man das in der Regel auch von außen merken. Der Punkt ist, dass nicht die Änderung des Verhaltens Selbstzweck sein darf, sondern es muss immer darum gehen, dass ein Mensch zufriedener ist und sich wohler fühlt. Nicht, dass er der Umwelt durch angepassteres Verhalten weniger Umstände macht, obwohl es ihm innerlich eben nicht gut dabei geht. Das ist die Gefahr, wenn wir die Innensicht nicht berücksichtigen und das ist für sehr viele Autist_innen tägliche Lebensrealität. Ich denke wir alle, die hier gerade schreiben, wissen und beachten das und darum erzähle ich ja nichts Neues 🙂

      Ich bleibe dabei, dass TEACCH ein komplexerer Ansatz ist, der sehr viel Gutes enthält, aber auch von vorneherein Aspekte, die weniger harmlos sind und die wir nicht ausblenden dürfen, wenn wir es empfehlen.

      • Die Änderung des Verhaltens IST NICHT der Zweck im TEACCH-Ansatz. Das ergibt sich aber durch die zunehmende Entspannung. Der Zweck im TEACCH-Ansatz ist, Autisten ein möglichst selbständiges Leben zu ermöglichen. Ja, ich weiß, das Programm in den USA sieht das anders. Und heißt trotzdem auch TEACCH. Finde ich auch extrem mistig, kann ich nun aber auch nicht beeinflussen.

        Wenn wir so penibel sein wollen, dass wir nicht zwischen Ansatz und Programm unterscheiden dürfen, dann dürfen wir gar nichts empfehlen. Keine Ergotherapie, weil es da ja welche gibt, die KIT anbieten. Keine Logopädie, weil es da welche gibt, die PECS machen. Kein Sozialkompetenztraining, weil es da welche gibt, die nur auf Norm trainieren wollen. Wir dürfen keine Kopfhörer empfehlen, weil die ja von manchen als stigmatisierend gesehen werden. Keine Psychotherapie, weil es da auch fragwürdige Ansätze gibt. Keine Medis bei Komorbiditäten, weil manche paradox reagieren. Keine schweren Decken, weil Festhaltetherapie ähnlich ist. Beliebig erweiterbar.

        • Ich verstehe nicht mehr, worum es gerade geht. Auf meine wesentlichen Punkte gehst du garnicht mehr ein? Ich habe doch nirgendwo gesagt, dass du irgendwas davon beeinflussen könntest? Ich verstehe nicht, auf welcher Ebene wir gerade kommunizieren.

          Ich weise nur darauf hin, dass nicht „irgendein Programm in den USA“, sondern die Erfinder, Vertreiber und Entwickler der Methode TEACCH eben nicht so rein harmlos angelegt haben / anlegen, wie es von vielen hier bei uns eingesetzt wird. Außerdem öffnet sich die Methode scheinbar immer stärker hin zu ABA. Das auszublenden halte ich für gefährlich, unabhängig davon wie sinnvoll viele Kernbestandteile eingesetzt werden können. Das spricht für euch und für viele gute Therapeut_innen mit Sachverstand. Alles was ich sage ist, dass wir es nicht pauschal empfehlen sollten, als DIE Methode als Alternative zu ABA, sondern mit weiteren Erklärungen und Einschränkungen, so wie du das in deinem Beitrag demonstriert hast. Das trifft übrigens auch auf alle anderen von dir genannten Maßnahmen zu.

          Ich halte viele davon für sehr sinnvoll in individueller Kombination und Zusammenstellung, je nach Wünschen und Bedürfnissen der jeweiligen Autist_innen, würde aber immer betonen, dass nichts davon vollumfänglich zu empfehlen ist. Nicht für jede Person, nicht für jede Lebensphase und nicht in jeder Anwendungsart (das hast du ja in deinem Beitrag hier auch geschrieben, dass es sein kann, dass Menschen das unterschiedlich aufnehmen und du hier eure Perspektive beschreibst). Es gibt eben viele Anbieter, die all diese potenziell sinnvollen Methoden nicht immer im Sinne des Autisten einsetzen. Manche Methoden sind dabei stärker geeignet Schaden anzurichten, z.B. eben durch den Umfang (das komplette Leben damit durchstrukturieren/-kontrollieren) oder durch den theoretischen Unterbau (auch die kognitive Verhaltenstherapie basiert eben auf behavioristischen Hintergründen, wenn sie auch weitere wichtige Aspekte hinzugefügt hat).

          TEACCH hat sinnvolle Anteile und problematischere Anteile und je nach Anwender überwiegt halt das Eine oder das Andere. Ich wiederhole mich auch grade nur noch, also höre ich an dieser Stelle auf.

          • Ich glaube, Ihr meint das Gleiche 😉 :
            Zitat von annaautland
            „Ich halte viele davon für sehr sinnvoll in individueller Kombination und Zusammenstellung, je nach Wünschen und Bedürfnissen der jeweiligen Autist_innen, würde aber immer betonen, dass nichts davon vollumfänglich zu empfehlen ist.“
            Eben weil man nicht beeinflussen kann, was andere aus einem Therapie-Ansatz machen.
            Also macht es immer Sinn, bei einer Empfehlung Beispiele zu nennen, ebenso aber vor kontraproduktiven Methoden zu warnen, und, was mir immer wichtig ist, dies zu begründen.
            Ich hoffe, ich habe das so richtig wiedergegeben.

          • Um nochmal bildlich zu werden: Du kritisierst Birnen. Ich schreibe aber über Äpfel. Deswegen ist es sinnlos, auf jeden Punkt einzeln einzugehen. Wir haben im offenen Brief Äpfel empfohlen, nicht Birnen.
            Die Äpfel haben weder Elemente von ABA noch ist deren erklärtes Ziel die Verhaltensänderung. Bei den Äpfeln wird auch nicht standardmäßig mit dem PEP-R gearbeitet.
            Das mag bei den Birnen anders sein. Die bekommt man allerdings in Europa nicht zu kaufen, soweit ich informiert bin.

            Klar muss man bei jedem Therapieansatz und bei jedem Therapeuten immer genau hingucken. Missbrauch ist logischerweise immer möglich. Da ist allerdings egal, welcher Name (oder welche Obstsorte) da oberflächlich benutzt wird, wenn jemand eine Therapieform für was auch immer missbrauchen will, dann wird er das tun, wenn ihn niemand aufhält. Andersrum muss dann aber auch gelten, dass nicht vom Missbrauch weniger gleich auf die gesamte Therapie rückgeschlossen werden kann.

            Und doch, ich habe das Gefühl, dass du sehr wohl die Entwickler mit dem TEACCH-Ansatz gleich setzt. Allerdings haben die Entwickler das TEACCH-Programm viel später entwickelt, deswegen muss der TEACCH-Ansatz nicht schlecht sein.

            Noch ein Beispiel zur Verdeutlichung: Frau Kamp-Becker hat früher sehr viel vernünftige Dinge über Autismus gesagt und geschrieben. Erst seit ein paar Jahren hat sie ihre Meinung völlig geändert und sich den finanziellen Interessen gebeugt (Ressourcenkonflikte). Deswegen ist doch nicht plötzlich schlecht, was sie früher geschrieben hat. Das behält doch trotzdem seine Richtigkeit.

        • Bezüglich Offener Brief: „Gesagt“ wird im Prinzip, dass ABA schlecht ist für autistische Menschen. Empfohlen werden „Äpfel“ (für den Hausgebrauch; in Einrichtungen können sie durchaus „ungenießbar“ sein) und ignoriert werden dabei die autistischen Menschen, die bereits das Schlechte oder Ungenießbare erfahren haben oder erfahren werden, auf die auch „ungenießbare“ Äpfel wie ABA wirken, insbesondere wenn sie dem wieder ausgesetzt sind („Retraumatisierung“). Und sei es nur, dass sie sie sehen. Wenn autistische Menschen geschützt werden sollen, warum dann nur augenscheinlich und nicht tiefer gehend, wenn schon die Möglichkeit genutzt wird?
          Ich würde dies gerne als Sensbilisierung verstanden wissen und nicht quasi als Affront.

  6. Vielleicht kann ich noch etwas zum Thema PEP-R (resp. PEP-3, das ist die aktuelle Version, jedoch nur in englisch erhältlich) beisteuern.
    Der PEP-3 ist ein standartisiertes förderdiagnostisches Instrument. Es geht hier also darum, zu sehen, wo das Kind in verschiedenen Entwicklungsbereichen (z.B. Feinmotorik, Grobmotorik, Sprachverständnis etc.) steht. Es wird bei Kindern mit einem Entwicklungsalter bis zu 6 Jahren angewandt. Er beinhaltet auch Beobachtungen zur Wahrnehmung (z.b. wie reagiert das Kind auf akustische Signale oder wie fasst es verschiedene unterschiedliche Texturen an) und zum Verhalten (nimmt das Kind z.b. Dinge in den Mund, wird es abgelenkt durch bestimmte Materialien). Der Sinn des PEP-3 ist (daher auch förderdiagnostisches Instrument) es, für die Förderung zu wissen, auf welchem Nivea man ansetzen soll und ob es (Wahrnehmungs)Kanäle gibt, auf die das Kind besonders gut oder besonders schlecht reagiert.

    Natürlich ist das immer eine Interpretation der durchführenden Person. Der PEP wird jedoch meist bei nonverbalen, starkbetroffenen Kindern durchgeführt (bei Kindern mit einem höheren Entwicklungsniveau kann er gar keine Aussagen mehr machen) und da beruht ja eigentlich alles auf Beobachtung und Interpretation der fördernden/begleitenden Personen.

    Beim TEACCH-Ansatz gibt es jedoch noch ein zweites föderdiagnostisches „Verfahren“, nämlich die informelle Förderdiagnostik. Da wird sehr spezifisch auf die einzelne Person geschaut und nicht verglichen, keine Norm als Verlgeich genommen. Hier wird geschaut, welche Hilfestellungen eine Person braucht, um etwas bestimmtes neues zu lernen (z.b. Art der Strukturierung, Art der Anleitung, Beschaffenheit des Materials etc.). Die informelle Förderdiagonstik kann auf jeden Bereich und für jede Person, unabhängig von Alter und Entwicklungsstand angewandt werden und natürlich sehr stark die Wünsche der Person einbeziehen (was möchte sie lernen?). Aber gerade weil sie so individuell ist, gibts dazu natürlich keinen „Testkoffer“, keine „Testanleitung“ und ist daher viel schwieriger anzuwenden als der PEP – in meinen Augen jedoch viel aussagekräftiger.

    Der PEP kann meiner Meinung nach eine grobe Einschätzung geben, wo begonnen werden kann, mit einem Kind zu arbeiten. Hilfreich ist er nur, wenn er von einer erfahrerenen Person durchgeführt wird, die aus den Ergebnissen Förderempfehlungen oder Empfehlungen für die „Vereinfachung“ des Alltags ableiten kann.

    Zur „Übungsanleitung“ von Schoppler kann ich nur sagen, dass ich mir diese gekauft habe, als ich neu angefangen habe, mit schwerbetroffenen, nonverbalen Kindern mit Autismus zu arbeiten. Da wäre ich oft froh gewesen um klare Übungen und Hinweise, was man einem Kind als nächstes beibringen soll (ABA macht das ja sehr genau, ich glaube, das ist ein Grund, warum es bei vielen Eltern gut ankommt). Ich konnte jedoch nichts daraus anwenden, weil 1. mir die „Anleitungen“ nicht entsprochen haben, 2, vieles in meinen Augen unnötige Fertigkeiten waren. Es verstaubt immer noch in meinem Bücherregal und ich denke, das Buch kann man höchstens als „historisches Zeitzeugnis“ sehen… Wichtig ist doch, dass Ansätze weiterentwickelt werden und nicht auf dem Niveau stehen bleiben, das sie hatten, als der „Erfinder“ sie entwickelt hat. Und sehr wichtig finde ich auch, dass ein „Erfinder“ nicht hochgelobt wird – ein Ansatz ist nur das, was die einzelen Personen aus ihm machen.

    Natürlich bleibt da noch die Frage, wer den bestimmt, was wichtig ist für ein Kind/eine Person zu lernen. TEACCH gibt hier meiner Meinung nach keine Antwort – der Ansatz bietet Hilfsmittel dazu, mit Inhalt füllen muss man ihn selber. Und das ist natürlich immer eine Gratwanderung.

    TEACCH bietet meiner Meinung nach viele sehr gute Hinweise für die Förderung, aber auch für die Alltagserleichterung von Menschen mit Autismus. Aber TEACCH ist kein Allheilmittel, wie wohl kein anderer Ansatz oder Programm. Das sehe ich so als Person, die schon seit einigen Jahren in der Förderung von Kindern mit Autismus und in der Beratung von Familien arbeitet, aber auch als selbstbetroffene Person

    • Ich fand diesen Einblick sehr hilfreich, vielen Dank!
      Es ist gut zu wissen, dass in diesem PEP-R noch mehr drinsteckt als die Einordnung von Verhalten in angemessen und abnormal. Auch wenn er halt ein rein funktionales Messinstrument bleibt, wenn ich das richtig verstehe. Und damit bleibt meine Kritik daran bestehen. Wenn man damit „abnormale(s) Verhalten oder Wahrnehmung“ identifiziert und das dann als Grundlage für Interventionen heranzieht, OHNE die Innensicht, die individuelle Funktion, die Ursachen einzubeziehen, dann ist das gefährlich.

      Es ist gut, dass es in der Praxis (hoffentlich) oft differenzierter zugeht und die Bedürfnisse der autistschen Menschen stärker einbezogen werden. Aber ich kenn den Therapiebetrieb und Einrichtungen der „Behindertenhilfe“ halt auch von innen und weiß, dass oft der schnellste und einfachste Weg genommen wird, der machbar ist.

      Den Abschnitt über Weiterentwicklung von Methoden und deren Erfinder etc. kann ich so unterschreiben. Es bedeutet aber halt auch, dass wir im Blick behalten müssen, wie die Vertreiber der Methode ihre Idee weiterentwickeln. In diesem Fall scheinen sie sich ja doch auf ihre behavioristischen Wurzeln zu besinnen :/ Jedenfalls habe ich diesen Eindruck vom Anbieter gewonnen und das sollten wir unbedingt im Blick behalten.

      Wie gesagt, nutzen wir, was gut und sinnvoll ist, aber blenden wir nicht die schwierigeren Aspekte aus, indem wir Empfehlungen ohne Einschränkungen aussprechen. Es wär schön, wenn wir sagen könnten „Hey, macht alle diese und jene Methode, die ist total super und hat keine Nachteile/Gefahren“, das würde es wesentlich einfacher machen. Aber so einfach ist es halt leider nicht.

      Und nein, das bedeutet nicht, dass man deswegen garnichts mehr empfehlen kann. Es sollte halt nur immer an eine differenziertere Erklärung geknüpft sein, wie das in diesem Blogbeitrag beispielhaft geschah. Der Therapiemarkt macht das nunmal notwendig.

  7. @butterblumenland (Es gibt keine weitere Kommentarebene, darum hier)

    Ich spreche weder von Äpfeln, noch von Birnen (und hoffe es kommt mir nur so vor, dass das herablassend klingt und du meinst es nicht so), sondern von einem komplexen Förderansatz, der neben dem, was du beschreibst auch noch andere Dinge beinhaltet Wenn du es mit Obst gesagt haben willst: Du empfiehlst Äpfel. Ich sage, es gibt verschiedene Sorten von Äpfeln und manche sind besser, als andere geeignet einen Apfelkuchen daraus zu backen. Darum sind Äpfel an sich weder gut noch schlecht. Es ist eben nicht so einfach. Äpfel sind TEACCH. Es gibt verschiedene Ausprägungen, Bestandteile, etc, die gab es schon immer (und nicht erst in den letzten Jahren, diese konditionierenden Trainingseinheiten z.B. sind nichts Neues). Es gibt bei so einem komplexen Ding an dem über so viele Jahrzehnte so viele Menschen beteiligt waren, nicht DIE einzige richtige Interpretation.

    Ich sage also nirgendwo, TEACCH sei schlecht. Ich sage aber auch nicht, es sei uneingeschränkt zu empfehlen. Ich sage, viele Bestandteile davon sind (für manche Menschen) gut, andere sind es nicht.

    Oder um beim Kamp-Becker-Beispiel zu bleiben: Ich sage nicht, Kamp-Becker hat immer nur Scheiße geschrieben. Ich sage aber auch nicht, Kamp-Beckers Bücher sind sehr zu empfehlen. Sondern ich sage, welche Bücher konkret empfehlenswert sind und welche nicht.

    Ich habe wirklich den Eindruck, du liest nur die Punkte meiner Beiträge, in denen etwas Negatives steht und generalisierst das?

    Ratlose Anna, die jetzt hier aussteigt.

    • Die Kommentare sortieren sich automatisch unter den jeweils letzten der selben Ebene, wenn es keine weitere Unterebene gibt, bleiben also chronologisch lesbar. Einfach auf „Antwort“ im nächsthöheren Beitrag gehen, wo es möglich ist.

      Nein, es ist nicht herablassend gemeint. Ich wollte nur verdeutlichen, dass wir im Prinzip von verschiedenen Therapieformen sprechen, obwohl sie den gleich Namen haben. Würde das TEACCH-Programm in den USA jetzt nichts mit TEACCH im Namen haben sondern meinetwegen „Autisten passgerecht biegen“, heißen, dann könnte man die beiden Dinge eindeutiger auseinander halten. Und damit wäre dann auch klar, dass ich zwar kritisieren kann, dass „Autisten passgerecht biegen“ operant konditioniert, dies aber nicht auf den TEACCH-Ansatz übertragen kann.

      Du empfiehlst konkrete Bücher von Kamp-Becker, ich empfehle konkret den TEACCH-Ansatz. Du lehnst bestimmte Bücher von Kamp-Becker ab, ich lehne das TEACCH-Programm ab.

      Und ja, ich bin tatsächlich bisher davon ausgegangen, dass deine Kritik auch dem TEACCH-Ansatz gilt, deshalb generalisiere ich das klar. Weil mein Beitrag ja den Ansatz zum Thema hatte und nicht das Programm. Beim Programm stimme ich in allen Kritikpunkten mit dir überein.

  8. Huhu! Wir fangen gerade an… Maxis Zimmer wurde heute nach TEACCH-Ansatz umgeräumt- noch nicht komplett, denn ein Schrank fehlt noch (ist falsch gekommen) aber 90% der Spielsachen sind nun „weggesperrt“. Ein Arbeitsbereich ist ein Schreibtisch mit einem grünen Teppich darunter. Ein Hochbett kam letzte Woche, die Tage werde ich die „Snoozle-Zone“ einrichten.
    Wir hatten einen Tagesplan, als Maxi 4 Jahre war, das war viel zu früh. Jetzte einen zu machen, wäre evtl. unnötig, da er bis 16:00 Uhr in der Schule ist… oder was meinst du? In der KIta hatte er eine praktische Uhr gebastelt, inder alles schön stand und er den Zeiger weiter rutschen konnte.
    (Achja: Maxis kleiner Bruder heißt Paul 😉 )

    • Huhu Kiki,

      mit Spielzeug „weggesperrt“ meinst du aber nicht, dass er nicht mehr dran kommt, oder? Das würde ich nämlich für ziemlich übel halten. Pauls Zimmer sieht inzwischen aus wie ein ganz normales Kinderzimmer. Die Wände voll mit seinen Postern, das Bett mit Aufklebern dekoriert und überall liegt Spielzeug herum. Da muss ich immer mal schauen, dass ich zwischendurch auch mal aufräume, irgendwann ist er dann von seinem eigenen Chaos überfordert, schafft es aber noch nicht alleine, die Dinge dann auch wegzuräumen. Und manche Dinge „müssen“ auch wirklich so stehen bleiben, also bezieh deinen Sohn immer mit ein, wenn du aufräumst oder umräumst.

      Ob ein Tagesplan nützlich ist oder nicht, hängt immer von den Umständen ab. Wenn du das Gefühl hast, es könnte ihm helfen, dann probier es. Wenn er nicht mag, dann eben nicht. Für Piktogramme gibt es online ein kostenloses (für den Privatgebrauch) Programm, was ich auch nutze. http://www.pictoselector.eu
      Wenn die Uhr aus der Kita funktioniert hat, warum nutzt ihr sie nicht einfach weiter?

      Ich hoffe jedenfalls, dass dein Maxi mit den Veränderungen gut zurecht kommt und ihr für euch einen Weg findet.

      • Danke für deine ANtwort!
        Also ich habe die Spielsachen nicht „weggesperrt“, sondern von offenen Regalen in Schränke verstaut. Findet er übrigens super toll sein neu gestaltetes Zimmer. Nur sein Kran musste wieder an die alte STelle.
        Den Tagesplan habe ich heute für die Zeit gemacht, inder er nicht in der Schule ist, eben morgends und abends. Fand er auch toll und hat heute alles „abgearbeitet“ (ist immer hin und hat geguckt, was als nächstes kommt- normalerweise habe ich es immer angesagt.) Ich mache Fotos und stelle sie heute oder morgen auf meinen Blog. 🙂
        Danke für den Link! Ich hab alles selbst gemalt 😉

  9. Hallo,

    vielen Dank für den Artikel ich fand es sehr spannend die Elternperspektive kennen zu lernen.
    ich habe mit Erwachsenen mit frühkindlichem Autismus nach dem Teacch- Ansatz gearbeitet und fand es sehr beeindruckend wie gut das Konzept angenommen wird. Es war eigentlich immer so, dass die Klienten dadurch eigenständiger wurden.

    Zur Raumgestaltung: Ich hatte im Raum alles frei zugänglich, aber in Kisten verwahrt. Und was ich immer wieder unterschätzt habe, war, wie wichtig es ist, den richtigen Platz zu markieren (An der Garderobe, am Esstisch usw.). Das hat den Klienten enorm geholfen sich zu orientieren.

    viele Grüße
    Mara

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s