Sozialkontakte

Ganz speziell: Warum der Satz „Aber der braucht doch soziale Kontakte“ so pauschal ziemlich unsinnig ist.

Die Kinderärztin sagt es. Das SPZ sagt es. Die Sachbearbeiterin beim Hilfeplangespräch sagt es. Pauls Verwandte sagen es: „Das Kind braucht dringend mehr Kontakt zu Gleichaltrigen“ Meist kommen danach dann Vorschläge wie „Gehen Sie mit ihm zum Kinderturnen.“ „Sucht ihm eine Mannschaftssportart im Verein.“ „Wenn er sich nicht verabredet, müsst ihr das eben für ihn übernehmen“ und ähnliche Sätze. Und ich? Ich verdrehe die Augen. Mal sichtbar, mal nur innerlich. Warum?

Eigentlich liegt die Erklärung auf der Hand. Zumindest wenn man sich mal etwas eingehender mit Autismus beschäftigt hat. Autismus beinhaltet Probleme mit der sozialen Interaktion und zusätzlich haben Autisten eine Reizfilterschwäche. Beides wirkt sich unmittelbar darauf aus, wie sich Sozialkontakte gestalten und ob sie überhaupt möglich sind.

Paul hat den ganzen Vormittag lang in der Schule soziale Kontakte. Er ist ständig von Menschen umgeben. Von vielen Menschen. Es ist laut, es ist wuselig, es ist teilweise (Pausen) sehr unstrukturiert. Paul setzt die meiste Kraft dafür ein, in diesem Wirrwarr von Reizen die relevanten herauszufiltern. Er hat keinen automatischen Filter, wie ihn neurotypische Menschen besitzen. Er nimmt erstmal alles ungefiltert auf und muss dann sortieren.
Dazu kommt, dass Paul (wie viele Autisten) nonverbale Signale kaum oder gar nicht wahrnimmt. Und viele Aussagen wörtlich nimmt. Dadurch kommt es immer wieder zu Missverständnissen. Mit Lehrern und Klassenkameraden. Unter anderem zur Übersetzung solcher sozialen Situationen hat Paul seine Schulbegleitung. Aber trotzdem ist das für ihn anstrengend und kraftraubend.
Paul weiß nicht, wie man angemessen Kontakte herstellt und sie dann auch aufrecht hält. Für Paul ist jedes Kind, was drei Worte mit ihm wechselt, gleich sein Freund. Er versteht nicht, dass zu einer Freundschaft mehr gehört als einfach nur nebeneinander im Unterricht zu sitzen. Er freut sich, einen Freund gefunden zu haben und ist dann bitter enttäuscht, wenn dieser „Freund“ sich von ihm abwendet, mit anderen Kindern spielt und ihm keine Aufmerksamkeit mehr schenkt. Oder, noch schlimmer, er dann von seinen vermeintlichen Freunden plötzlich gehänselt, geärgert und verspottet wird. Das verletzt ihn zutiefst, weil er es einfach nicht versteht. Natürlich greifen in solchen Situationen auch Lehrer und Schulbegleiter ein, aber das ändert ja nichts an Pauls Gefühlen.

Am Mittag kommt Paul von der Schule nach Hause und ist erstmal völlig geschafft. Vom Unterricht, den vielen Reizen, die er verarbeiten musste und den vielen sozialen Interaktionen. Er braucht dann Zeit zum runterfahren und um sich zu erholen. Seine „Löffel“ für den Tag sind so gut wie erschöpft. Wer die „Löffeltheorie“ noch nicht kennt, dem empfehle ich an dieser Stelle diesen Beitrag:

https://autistenbloggen.wordpress.com/2015/12/23/aber-du-siehst-gar-nicht-krank-aus-die-loeffeltheorie/

Deswegen halten wir die Nachmittage auch so frei wie möglich. Damit Paul sich erholen kann und am nächsten Tag wieder genug Kapazitäten für die Schule zur Verfügung hat. Wenn wir ihm diese Zeit nicht geben würden und ihn immer weiter fordern würden, würde er schlichtweg irgendwann komplett zusammenbrechen. Dann  würde er auch den Schulvormittag nicht mehr bewältigen können. Deshalb gibt es momentan so gut wie gar keine sozialen Kontakte zu Gleichaltrigen außerhalb der Schule. Natürlich wünschen wir uns für Paul echte Freundschaften und würden das voll unterstützen. Aber es geht im Augenblick einfach nicht. Jede soziale Interaktion, die am Nachmittag zusätzlich statt findet, kostet Paul auch zusätzliche Kraft. Kraft, die er momentan einfach nicht aufbringen kann. deshalb sind gegenseitige Spielbesuche hier sehr selten und deshalb geht Paul nicht zum Kinderturnen oder macht eine Mannschaftssportart.

Und genau deshalb verdrehe ich immer die Augen, wenn mal wieder der Spruch kommt, dass Paul viel mehr Kontakt zu Gleichaltrigen braucht. Auch hier gilt mal wieder: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.“

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6 Kommentare zu “Sozialkontakte

  1. Ich kenne den Zinober „Der Bub braucht doch Freunde“…
    Maxi hat wenn, dann falsche Freunde. Ein Junge haut ihn zum Beispiel und erzählt ihm dann, dass er das darf, weil er ja sein Freund sei. Und Maxi? Der glaubt das. Habe ich mir den Mund fusselig geredet, bis er es endlich eingesehen hatte, dass ein guter Freund niemanden schlägt… 😦
    Jetzt hat Maxi wieder keinen Freund. Aber wirklich traurig darüber ist er auch nicht. In der Schule kommt er ja den ganzen Tag mit Gleichaltrigen zusammen… ich finde NICHT, dass unsere Kinder Freunde brauchen. Wenn, dann suchen sie sich schon ihre Leute- aber nur, wenn unsere Jungs es zulassen!

  2. Das erinnert mich an meine Kindheit und Schulzeit. Ich stufte auch viel zu leicht Mitschüler als Freunde ein, nur weil sie mit mir redeten und fragte mich dann, warum sie so gemein zu mir waren, sobald man in der Gruppe war oder nur zu dritt. So gesehen bleiben aus meiner Schulzeit praktisch keine Freunde zurück, weil sie sich immer doof verhielten, sobald mehr dabei waren. Echte Freunde tun sowas nicht.

    Die Nachmittage und Abende verbrachte ich oft alleine. In der Zeit hatte ich zum Glück als Hobby Gitarre spielen (und Unterricht), und entwickelte auch mein Spezialinteresse Wetter/Meteorologie. Ich konnte mich also zunehmend gut alleine beschäftigen. Meine Eltern machten sich auch Sorgen, weil ich so wenig Kontakte hatte. Einmal schickten sie mich auf den Kinderspielplatz unterhalb vom Haus, ich sollte unbedingt mit den anderen Kindern spielen. Die meisten waren jünger als ich. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, stand ein paar Minuten untätig und unschlüssig herum, fühlte mich total fehl am Platz, und ging wieder heim. Damit war das erledigt. Ich denke, man kann niemanden zwingen, wenn er nicht will. Sie wussten nichts von meinem Autismus, und dass mich erzwungene Sozialkontakte anstrengten, dass ich mit Ablehnung schwer umgehen konnte, und dass ich gerade mit jüngeren und Gleichaltrigen die meisten Probleme hatte.

    Autisten suchen und finden ihre Sozialkontakte, wenn ihnen danach ist. Damals (vor über 20 Jahren) war das ohne Internet noch schwieriger. Heute gibt es doch so viele Möglichkeiten, selbstständig in Foren und Gruppen zu stöbern, Leute kennenzulernen, ohne sich in die Augen sehen zu müssen, den Smalltalk zu überspringen, ohne Gruppendynamik, und sich genauso schnell zurückzuziehen, indem man das Internet zumacht.

    Und ich seh es durchaus positiv, längere Zeit alleine geblieben zu sein, denn sonst hätte ich nicht meine Spezialinteressen entwickeln können, und aufgrunddessen zu studieren. Diese „Leerlaufzeit“ wird ohnehin immer seltener, Menschen sind ständig in Kommunikation, nehmen sich immer weniger Zeit für sich selbst. Aus der Not lässt sich auch eine Tugend machen, in Pauls Fall: einen freien Nachmittag haben.

  3. Meine Tochter ist genau so und der Text hätte von mir kommen können. Wir halten unserer Kleinen auch soweit wie möglich nachmittags den Rücken frei zum erholen. Nur so funktioniert sie im Alltag soweit, daß sie halbwegs mit allem mitkommt. Freunde gibt es auch nur imaginäre, jeder der mal nett war wird in den Himmel gehoben und die Kinder die wirklich an einer Freundschaft mit ihr interessiert sind, findet sie blöd und behandelt sie recht mies weil sie ihr viel von der so wichtigen Energie klauen. Was ich festgestellt habe (auch bei mir selber) ist, daß Menschen/Kinder mit ähnlichen Hirnkonstrukten wenig bis gar keine Energie nehmen. Vielleicht ist das ne Chance auf Sozialkontakte ohne Energieschwund.

  4. Ja, kann mich vielem anschließen, was du schriebst, und auch vielem, was die Vorkommentatoren schrieben. Diesen “Aber du brauchst doch Freunde, mit denen du auch mal reden kannst, jeder braucht Freunde“- Satz haben mir meine Eltern auch immer wieder gesagt, und so eine “Wir verabreden dich mal“- Aktion hat meine Mutter auch _einmal_ mit einem direkt über uns wohnenden Klassenkamerad gemacht – sie scheiterte grandios. Wir waren dann zwar gemeinsam in einem Zimmer, spielten dann aber beide für uns, lol. Ich konnte mit dem nichts anfangen, denn wie gesagt, mit dem sass ich ja schon sieben Stunden im Klassenzimmer zusammen, was sollte man sich dann spätnachmittags noch erzählen? War recht schweigsam, dieser “gemeinsame“ Spielenachmittag.

    Letztlich höre ich diesen berühmten Satz erst seit ganz wenigen Jahren nicht mehr von meiner Mutter (die immer sehr viele Leute um sich herum braucht…), aber ich glaube, so langsam hat sie es akzeptiert oder sich zumindest damit abgefunden, dass ich glücklich sein kann, ohne mich jeden Tag mit irgend jemand ganz real zu treffen – ich bin ja auch erst 40, hat also nicht allzu lange gebraucht, diese Erkenntnis. ;=)

    Ja, ich halte soziale Kontakte auch für wichtig. Aber sie müssen nicht zwingend face2face erfolgen. Gerade heutzutage gibt’s da ja die schon erwähnten Alternativen, wo das mit der Inklusion gefühlt besser als im “Reallive“ zu funktionieren scheint – jedenfalls was Autisten angeht.
    Nö, verdreh bitte weiter die Augen, von meiner Sichtweise ;=) aus ist das schon ok so, wie du das registrierst.

  5. Ich hatte immer nur eine beste Freundin, das hat mir gereicht. Mich haben andere Kinder als Kind nicht interessiert. Ich weiß noch, was ich selbst für mich immer gespielt habe, aber an andere Kinder kann ich mich gar nicht erinnern. Fand ich halt langweilig. In der Schule hatte ich immer eine beste Freundin, allerdings waren die auch meistens erstmal auf mich zugekommen, das ging fast nie von mir aus.

    Die Schulzeit hatte mich misstrauisch gemacht, ich war auch auf einer sozial nicht so super Schule, wo auch Prügeleien und Messerattacken stattfanden (nicht an mir, aber es waren da wohl Leute aus unserer Klasse auch dabei). Ich verhielt mich lieber abweisend gegenüber neuen Leuten, oder eben aggressiv, denn wer zuerst angreift, hat die Oberhand. Als Kind hätte ich erzwungene Freunde vermutlich entweder tätlich angegangen oder hätte die eben als meine Diener behandelt, ihnen alles vorgeschrieben und sie angemotzt.

    Momentan habe ich eine gute Freundin und einen festen Freund, damit bin ich voll ausgelastet und zufrieden. Ich brauche keine weiteren Freunde, höchstens Beziehungen.

  6. Pingback: Medienübersicht: Januar 2016 | Tobias Loschinski

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