„Die Schulbegleitung muss sich selbst überflüssig machen“

Man hört und liest diese oder ähnliche Aussagen immer wieder. Wörtlich wie oben oder ähnlich formuliert wie in „Aber die Eltern/die Schulbegleitung wird nicht immer da sein, also muss Autist frühzeitig lernen, ohne zurecht zu kommen“.

Ich halte diese Einstellung für falsch. Speziell, wenn sie -wie in diesem Fall, der mich zum Schreiben angeregt hat- auch noch dann hervorgekramt wird, wenn ein Kind durch eine kurzfristige Abwesenheit des Schulbegleiters zum Opfer von Mobbing und körperlichen Übergriffen wird. So als wäre das Kind daran selbst schuld, weil es bisher nicht gelernt hat, wie es das vermeiden kann. Oder als wäre der Schulbegleiter schuld, weil er dem Kind nicht die nötige Sozialkompetenz beigebracht hat. Nein, ich sauge mir das nicht aus den Fingern, so unglaublich es auch klingt, beide Aussagen wurden sinngemäß so getroffen.

Ich fange mal grundsätzlich an. Eine Schulbegleitung ist eigentlich ein Hilfsmittel. Wie eine Brille oder ein Rollstuhl. Nur sind die Einschränkungen von Autisten nicht auf den ersten Blick so offensichtlich wie bei einem Schüler, der nicht laufen kann und deshalb einen Rollstuhl benutzt. Schulbegleiter sind häufig Dolmetscher bei sozialer Interaktion und für die Anweisungen der Lehrer, sie gleichen motorische Defizite aus, helfen bei der Strukturierung und der Orientierung. Einige dieser Dinge verbessern sich bei vielen autistischen Kindern im Laufe der Zeit, andere Probleme bleiben ein Leben lang bestehen.
Niemand käme wohl auf die Idee, einem Rollstuhlnutzer zu sagen, dass er den jetzt aber lange genug hatte und endlich gelernt haben muss, wie er gehen kann. Kein Amt käme an und würde bei einem Kurzsichtigen die Stunden zu reduzieren, an denen er die Brille trägt mit der Begründung, dass er ja lernen müsste, selbständig zu sehen. Bei Schulbegleitern passiert aber genau dies ständig. Es wird argumentiert damit, dass Autist ja endlich gelernt haben müsste, alleine klarzukommen. So als ob plötzlich soziale Interaktion nicht mehr rätselhaft wäre, nonverbale Signale problemlos gelesen werden können, Aufgabenstellungen nicht mehr missverständlich sind und Reizüberflutung nicht mehr vorkommt. Und tatsächlich, einige Autisten lernen früher oder später, ausreichend zu kompensieren, um nicht mehr auffällig zu sein. Sie erarbeiten sich Strategien, um den Schultag zu überstehen. Trotz allem sind Autisten sehr häufig Opfer von Mobbing und Ausgrenzung. Das lässt sich nicht wegdiskutieren.

Natürlich gibt es die Fälle, in denen irgendwann kein Schulbegleiter mehr nötig ist, das bestreite ich auch gar nicht. Mir geht es wirklich um solche kruden Argumentationen wie „Es ist später als Erwachsener sehr schwer, Hilfe in Form einer persönlichen Assistenz zu bekommen, deswegen soll das Kind frühzeitig ohne Hilfe zurechtkommen.“ Diese Haltung geht davon aus, dass die Beeinträchtigung nur temporär ist und sich irgendwann schon wieder legen wird. So ist es aber nicht.

Natürlich entwickeln sich auch autistische Kinder, nur eben anders. Eines werden sie aber nie sein. Neurotypisch. Und deshalb ist es wichtig, dass man in jedem Einzelfall den persönlichen Unterstützungsbedarf berücksichtigt und nicht mit der Pauschalkeule drauf haut.

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17 Kommentare zu “„Die Schulbegleitung muss sich selbst überflüssig machen“

  1. “Es ist später als Erwachsener sehr schwer, Hilfe in Form einer persönlichen Assistenz zu bekommen, deswegen soll das Kind frühzeitig ohne Hilfe zurechtkommen.”

    Schlussfolgerung daraus müsste wohl eher sein, dass das derzeitige Hilfesystem für erwachsene Autisten offensichtlich völlig scheiße ist und daran dringend mal gearbeitet werden müsste.
    Aber das kostet ja wieder Geld, das gerade für die ärmsten Säue im Land am liebsten niemand ausgeben mag.

    Sorry für die Kraftausdrücke. Mir ist heute nicht danach, sozialverträglichere Formulierungen zu suchen.

  2. Zum Thema Schulbegleiter wäre mir aber noch wichtig, dass Fachkräfte diese Aufgabe übernehmen. Dies wird aber in den wenigsten Fällen bezahlt. Was bringt mir ein Schulbegleiter, der keine Ahnung hat von Autismus und super unzuverlässig ist? In unserem Fall hat er gerne verschlafen, wenn Sportfest o.ä. anstand. Ein richtiger Reinfall, der mehr Ärger als Nutzen gebracht hat. Da unser Sohn sich nach dieser Erfahrung nicht noch einmal auf dieses Experiment einlassen wollte, kämpft er sich jetzt allein durch das Schulleben.

    • Zum Thema „Fachkräfte“, leider gibt es keine Vereinbarungen, was eine Schulbegleitung zur Fachkraft macht.

      Viele mir bekannte Fortbildungen verdienen leider noch nicht mal den Namen. Oder sind stark ABA-lastig oder kommen aus der ADHS-Schiene.

      Und auch damit wird oft mehr Schaden angerichtet.

      Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Selbstdisziplin erwarte ich allerdings als Grundvoraussetzung von einem Schulbegleiter und nach mittlerweile 4,5 Jahren würde ich solch einen Schulbegleiter sofort ablehnen.

  3. Ich fragte mich sowieso, warum unsere Schulbegleiterin nur ein Jahr genehmigt wurde… wird Maxis Autismus dann auf wundersamer Weise verschwunden sein? Oh toll! So ein Bullshit!
    Wisst Ihr, wie mir das vorkommt? Als hätten die Ämter Angst, dass sie später Folgekosten durch persönliche Betreuer hätten- daher schnell das Kind auf „normal“ trimmen! Ahhh ich könnte schon wieder die Wand hochgehen, wenn ich sowas nur bedenke!

      • Wir haben alle 4 – 6 Monate ein HPG, ist beim JuAmt so vorgeschrieben. Erfolge überprüfen und Zielsetzung überdenken ist gut.

        Aber es gibt JuÄmter, die davon ausgehen, wenn es nach 2 Jahren nicht erfolgreich beendet werden kann, dass die Hilfe nicht geeignet ist und diese dann einstellen.

        Und DAS geht gar nicht.

        Eingliederungshilfe ist leider für einige Sachbearbeiter ein „Buch mit sieben Siegeln“, sie verstehen das „Instrument“ einfach nicht.

  4. Ja, eine GUTE Schulbegleitung KANN über einen LANGEN Zeitraum hart daran arbeiten, sich „überflüssig“ zu machen.

    Wie lang genau dieser Zeitraum ist und vor allem was DANACH an Coaching notwendig ist, kann man nicht im voraus definieren.

    Die 2-Jahres-Frist, die gerne vor allem von Jugendämtern in „den Ring geworfen“ wird, ist allerdings allergrößter MIST!

    Und selbst WENN, einzelne Tage für die Außenwelt problemlos erscheinen, so weiß NIEMAND welch enormer Kraftaufwand dafür notwendig ist.

    Und ich habe den Satz so dermaßen oft gehört, dass er bei mir Würgereflexe auslöst!!!

    Zitat: „auch noch dann hervorgekramt wird, wenn ein Kind durch eine kurzfristige Abwesenheit des Schulbegleiters zum Opfer von Mobbing und körperlichen Übergriffen wird. So als wäre das Kind daran selbst schuld, weil es bisher nicht gelernt hat, wie es das vermeiden kann. Oder als wäre der Schulbegleiter schuld, weil er dem Kind nicht die nötige Sozialkompetenz beigebracht hat.“

    in diesem Fall sind zwei Faktoren für das Nicht-funktionieren zu nennen:

    Die Kinder, die die Abwesenheit ausgenutzt haben, haben nichts beigebracht bekommen und es wurde schlechte Arbeit allgemein geleistet – denn es muss sich ja was aufgestaut haben.

    Wenn also schlechte Sozialkompetenz – dann bei den anderen Kinder PUNKT!

    Und Lehrer und Schulbegleiter haben NICHT BEMERKT, dass es ein Klima im Klassenverband/Schule gibt, dass es begünstigt, dass es zu diesen Übergriffen kam. Im schlechtesten Fall haben sie durch Bemerkungen dieses sogar gefördert. PUNKT!

    Wenn also schlechte Sozialkompetenz – dann auch bei Lehrern / Schulbegleitung.

    Das Kind, das begleiteten Unterricht hatte und sich vermeintlich sicher fühlte, kann man hier nicht in die Verantwortung nehmen. Denn es vertraute darauf, dass es gut gehen würde.

    Auch DAS habe ich bereits genau SO erlebt.

    Unsere Bewilligung läuft immer bis zum nächsten HPG und beim Zwerg problemloser als damals beim Großen. Weil dort bewiesen wurde, dass Autismus nicht heilt, die Probleme nicht verschwinden und SCHLECHTE Schulbegleiter einen hohen Schaden anrichten!

    Aber einen Coach für den Großen haben wir wieder nur für einen kurzen Zeitraum und unter falschen Voraussetzungen bewilligt bekommen. Und weil auch hier die Zusammenarbeit nicht funktionierte, hat unser Sohn es beendet.

    Und Begleitung / Coaching hat NICHTS damit zu tun, dass die Person nicht selbstständig leben könnte, wie immer wieder verallgemeinernd betont wird und zur Empfehlung einer Unterbringung in einer Einrichtung führt.

    Es heißt schlicht und ergreifend, dass ein Übersetzer benötigt wird, den man „ungestraft“ alles fragen kann.

    Niemand käme auf die Idee, einem gehörlosen Menschen den Gebärdendolmetscher zu verweigern!

    • „Niemand käme auf die Idee, einem gehörlosen Menschen den Gebärdendolmetscher zu verweigern!“

      Leider doch, Anita. Ich recherchiere gerade als Auftragsarbeit für einen Roman. Dort geht es auch um Hilfen für schwerhörige Schüler. Dabei bin ich auf Texte gestoßen, wo genau das verweigert wurde: ein Gebärdendolmetscher für einen schwerhörigen Schüler in der Regelschule. Nicht nur bei unseren autistischen Kindern passiert Unbeschreibliches, bei vielen anderen behinderten jungen Menschen gibt es mittlerweile ähnliche Auswüchse in der Verweigerung von Hilfen.

  5. Traurig, diese Abfertigungsmentalität. Genau die gleichen Sätze höre ich auch noch nach 10 Jahren noch, wenn es um adäquate Hilfen geht. Dabei ist es eine einzige Lüge, denn gerade für erwachsene Studenten zum Beispiel gibt es viel mehr Hilfen als für die Schüler. Und die Geschichte mit dem Rollstuhlfahrer und dem Brillenträger habe ich auch schon vor bald 20 Jahren bei den Müttern gelesen, die in der Selbsthilfe viel geleistet haben und ich habe sie in Briefen an die Lehrer und in Beiträgen auch immer als Beispiele zitiert und veröffentlicht. Hat sich etwas geändert? Leider nein. Wird sich etwas ändern? Irgendwann ja. Ich glaube fest daran.

  6. Du hast absolut Recht mit Deinem Text !
    Wir hatten allerdings in bisher fünf Schuljahren das Glück, immer eine Schulbegleitung für so gut wie alle Stunden zu haben. Bisher waren es sieben Personen. Natürlich wird immer wieder gesagt, dass die Schulbegleitung sich bald…irgendwann zurück ziehen soll. Aber gerade jetzt im fünften Schuljahr ist der Bedarf deutlich gestiegen. Leider, wie hier schon geschrieben wurde, wegen Übergriffen und das in den Pausen.
    Nun werde ich die o.g. Argumentation in meinen Ordner übernehmen, denn sie ist sehr klar und verständlich 😉
    Das Beispiel mit dem Rollstuhlfahrer nehme ich aber gerne. Generell, wenn es darum geht, warum mein Sohn dieses oder jenes nicht machen kann – warum er Nachteilsausgleiche benötigt. Einem Rollstuhlfahrer kann man auch nicht sagen: „Jetzt nehm mal am Einhundertmeterlauf teil. Wie, Du kannst das nicht ? Dann bekommst Du leider keine gute Note im Fach Sport !“

  7. Wir hatten ja leider das Pech, dass ein Schulbegleiter mit „nicht notwendig“ abgelehnt wurde. Jetzt, mit Vorbereitung auf das Berufsleben, heißt es: „Ihre Tochter brauchte doch in der Schule auch keine Begleitung, wieso sollte sie jetzt eine Arbeitsassistenz brauchen?“ (Das war im Übrigen nur mal beiläufig in einem Gespräch mit dem AA erwähnt.) Gleichzeitig aber wird empfohlen, lieber in eine I-Firma oder gleich in eine Werkstätte zu gehen. Was jetzt? Logisches Denken – ausverkauft. Das ganze System krampft doch gewaltig.
    ‚tschuldigung, bin heut ziemlich reizbar.

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