Sozialkompetenz?

Autisten wird ja gerne nachgesagt, sie besäßen kaum oder keine Sozialkompetenz. Kostenträger sind auch sehr leicht zu überzeugen, für autistische Kinder ein Sozialkompetenztraining zu bezahlen. In Gruppen natürlich. Damit das Kind lernt, wie es sich in Gruppen angemessen verhält. Ich bin da zwiegespalten. Sowohl bei der Definition von Sozialkompetenz als auch bei der Sinnhaftigkeit eines Sozialkompetenztrainings in Gruppen. Es gibt wirklich gute und hilfreiche Angebote, aber die Qualität schwankt sehr stark je nach Anbieter. Für Paul habe ich bisher ein Gruppentraining immer abgelehnt, ich sehe ihn da einfach nicht. Was nicht bedeutet, dass wir ihn nicht trotzdem dabei unterstützen, die Fallen in sozialer Interaktion und Kommunikation zu erklären und ihm Handlungsstrategien aufzuzeigen.

Aber mal ehrlich, braucht dieses Kind wirklich ein Sozialkompetenztraining? Letzte Woche im Warteraum der Kinderklinik: Es stehen dort einige Spielgeräte für Kinder. Paul und Jonathan spielten erst für sich, dann mit einem Jungen, der vermutlich 1-2 Jahre jünger als Paul war. Sie wechselten von Spielgerät zu Spielgerät und schaukelten, wippten und spielten Piraten. Das lief ganz gut. Paul und Jonathan hatten ihren eigenen Plan, der andere Junge war halt einfach dabei. Ab und zu wechselten sie ein paar Worte. So kenne ich das auch. Während wir noch auf den Arztbericht warteten, kam ein kleines Mädchen von vielleicht 2 Jahren dazu und stieg in die Schaukelwippe, die in diesem Moment auch nicht von den Jungen genutzt wurde. Der fremde Junge stürmte sofort hin, baute sich vor dem kleinen Mädchen auf und schrie sie an. „Du darfst nicht mitspielen, hau ab! Du bist nicht mein Freund!“ Damit war Paul offenbar gar nicht einverstanden. Er stieg aus dem Schiff, ging zu der Wippe und sagte laut und bestimmt zu dem Jungen „Lass sie in Ruhe! Sie darf auch mitspielen! Das hast du nicht zu bestimmen!“ Stille im Wartezimmer. Der Junge ließ von dem Mädchen ab. Und ich platzte fast vor Stolz auf Paul.

Natürlich führt sein Gerechtigkeitssinn manchmal dazu, dass er damit gegen ungeschriebene Gesetzte seiner Peer-Group verstößt. Aber warum sollte ich ihm das Abtrainieren wollen? Ich jedenfalls habe ihn gelobt für sein Eingreifen und ihm auch bestätigt, dass das Verhalten des Jungen nicht in Ordnung war. Ich war selbst früher in der Schule die Außenseiterin. Einerseits weil ich eben eine „Streberin“ war und andererseits weil ich einfach nicht eingesehen habe, was an bestimmten Markenklamotten denn nun so erstrebenswert ist oder warum ich bestimmte Menschen blöd finden soll, nur weil andere diese Menschen blöd finden. Ich wollte aber auch gar nicht zu dieser Clique dazugehören. Hätte ich also auch ein Sozialkompetenztraining gebraucht? Und hätte das tatsächlich etwas an meiner Einstellung geändert? Ich denke nicht.

Meiner Meinung nach sollte ein Sozialkompetenztraining nicht so sehr auf die Zugehörigkeit abzielen sondern eben soziale Interaktionen erklären. Sie begreifbar machen statt richtiges Verhalten anzutrainieren.

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7 Kommentare zu “Sozialkompetenz?

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  2. Die Ausgrenzung anderer Menschen ist das Fundament von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Und allzuoft schwimmen Menschen einfach mit dem Strom, lassen sich von ihrer unmittelbaren Umgebung aufzwingen, andere auszugrenzen oder zumindest nicht zu widersprechen, damit sie selbst dazugehören.

    Es ist toll, wenn Menschen einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn haben, wenn sie Unrecht gegenüber Außenstehenden nicht tolerieren, sondern sich aktiv einmischen. Und es wäre sehr schade, wenn gerade heranwachsenden Menschen dieser Gerechtigkeitssinn ausgetrieben würde – und wenn das dann auch noch als „Sozialkompetenz“ deklariert würde.

  3. Maxi hat einmal an einem 6- wöchigem Sozialkompetenztraining teilgenommen. Allerdings war er damals erst 3 und wir hatten noch keine Diagnose. Das SPZ machte es mir schmackhaft, also fuhren wir einmal pro Woche ins Klinikum.
    Beim Abschlussgespräch kam heraus, dass es Maxi nichts gebracht habe. Er habe sich verweigert und kaum am Gruppengeschehen beteiligt…
    Soviel zum Thema.

  4. Auch für unseren Sohn war das Sozialkompetenztraining eine Qual und wir haben es abgebrochen. Wir hatten kurz nach der Diagnose das Gefühl (vermittelt bekommen?), dass ein solches Training und überhaupt eine Therapie unbedingt nötig wäre.
    Er hat einen sehr guten Freund aus der Nachbarschaft, den er regelmäßig sieht und bei dem und dessen Eltern er sich so sicher fühlt, dass er seine Sozialkompetenz mit diesen ganz nebenbei trainieren kann. Diesen Kontakt fördern wir, wo es nur geht. Und auch in der Schule klappt es wohl recht gut in der Klasse, wobei er nie auf die Idee kommen würde, mit Klassenkameraden seine Freizeit zu verbringen. Aber das muss er auch nicht. Wir haben nicht das Gefühl, dass er ein spezielles (Gruppen-)Training bräuchte. Er lernt in seinem Umfeld und wir reden viel über erlebte Situationen. Ich denke, für ihn passt das so.

  5. gerechtigkeit abtrainieren? srsly?
    niemals! wer rettet denn dann unsere welt vor dem ethischen untergang? 😉

    sozialkompetenztraining sollte vielmehr vermitteln wie andere empfinden – ethisch, kulturell oder meinetwegen auch moralisch (ich hasse moral, da es unlogisch ist in den meisten fälllen. ich stehe auf ethik.).
    damit der autist sich entscheiden kann wie er rüberkommen will, ohne sich perplex in einem gewitter aus gegenreaktionn, die ihn ägstigen und deprimieren, wiederzufinden (RW).

    oder anders ausgedrückt:
    “Meiner Meinung nach sollte ein Sozialkompetenztraining nicht so sehr auf die Zugehörigkeit abzielen sondern eben soziale Interaktionen erklären. Sie begreifbar machen statt richtiges Verhalten anzutrainieren.“ –> totally agree!!

    beste grüße, aspiek

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