Der Umgang mit den Nachbarn

Wir wohnen in einer Mietwohnung in einem Mehrfamilienhaus. Das bedeutet natürlich, dass direkt um uns herum andere Menschen leben, die natürlich auch mal den Lärm unserer Kinder ertragen müssen. Dieser Lärm geht auch durchaus über das „übliche“ Maß Kinderlärm hinaus. Das birgt natürlich Konfliktpotenzial. Wie gehe ich also damit um?

Ich fange mal ganz am Anfang an: Als wir auf der Suche nach einer neuen Wohnung waren, weil in der alten Wohnung die Situation zu eskalieren drohte und wir außerdem auch ein weiteres Kind planten, achteten wir schon bei den Angeboten darauf, uns nur Wohnungen im Erdgeschoss anzusehen. Damit niemand unter uns wohnen muss und sich das Getrampel und Geklopfe von Paul mehrere Stunden täglich anhören muss. Außerdem achteten wir auf halbwegs gute Lärmdämmung. Vorher wohnten wir in einem Altbau. Dort konnte man sogar die Gespräche der Nachbarn obendrüber verfolgen, wenn man das wollte. Sowas wollten wir keinesfalls wieder. Uns war da schon bewusst, dass Paul durchaus lauter ist als ein Durchschnittskind. Auch das stundenlange Schreien oder Sirenengeheul ließ sich ja nicht einfach so unterbinden. Da wir aber auch nicht die finanziellen Mittel haben, in ein freistehendes Einfamilienhaus mit viel Platz drumrum zu ziehen (was eben so einige Probleme gar nicht erst aufkommen ließe), haben wir zu guter Letzt eine halbwegs vernünftig gedämmte Wohnung bezogen.

Als wir einzogen, stellten wir uns bei den Nachbarn vor. Das hier ist ein Haus mit 6 Parteien pro Hauseingang, also nicht so riesig, dass man völlig anonym bleibt. In unserem Eingang stellten wir uns also allen vor. Da erwähnten wir allerdings nicht, dass Paul Autist ist. Das wussten wir zu diesem Zeitpunkt auch noch gar nicht. nur, dass es manchmal eben etwas lauter zugeht. Die Nachbarn nahmen das wohlwollend auf. „Endlich mal wieder ein Kind im Haus“.

Eineinhalb Jahre später bekam Paul die Diagnose (und sein Geschwisterchen) und kurz darauf eskalierte es hier etwas unschön. Vorher rümpften nur manche Nachbarn die Nase darüber, dass Paul nicht zurück grüßte, wenn sie grüßten. Sie hielten ihn vermutlich für schlecht erzogen. Einen Nachbarn traf es besonders hart: Paul schrie jedesmal laut los, wenn er ihn sah. Gerade dieser Mann ist aber die Geduld in Person und hat sich nie etwas daraus gemacht. Er blieb gleichbleibend freundlich. Inzwischen führt Paul manchmal mit ihm kleine Gespräche, wenn man sich im Treppenhaus oder draußen trifft. Sie bauten sogar schon mal einen Schneemann zusammen.
Mit anderen Nachbarn hatten wir nicht soviel Glück. Als bei Paul der Kindergarten begann, wurde er am Morgen immer mit dem Taxi abgeholt. Weil unser Eingang ungünstig liegt, mussten wir vorne an der Straße warten. Die ersten Tage schrie Paul dabei immer gellend. Eines morgens ging ein Fenster auf und eine Frau keifte heraus, dass sie sofort das Jugendamt und die Polizei verständigen würde, wenn wir „das Gör nicht endlich zum Schweigen“ brächten. Garniert mit ein paar wüsten Beschimpfungen. Was glaubte sie denn, was wir versuchten? Paul ließ sich aber nicht ablenken, bestechen oder ähnliches. Er schrie einfach. Aus Erfahrung war uns schon klar, dass dies nur vorübergehend so ist. Es war einfach diese neue Situation am Morgen, die erst zur Routine werden musste. Trotzdem überlegte ich fieberhaft. Die Beschimpfungen und Drohungen der Nachbarin hatten mich massiv aus der Fassung gebracht. Ich entschied mich für den „Frontalangriff“. Ich schrieb eine Mitteilung, die ich ausdruckte und an die umliegenden Haustüren klebte. Sinngemäß:

„Liebe Nachbarn,
uns ist bewusst, dass das morgendliche laute Geschrei für Sie eine Belästigung darstellt. Wir bemühen uns darum, eine Lösung dafür zu finden. Unser Sohn ist Autist und ungewohnte Situationen sind für ihn eine große Herausforderung. Momentan kann er sich noch nicht anders als durch lautes Schreien verständlich machen. Wir gehen davon aus, dass sich die Situation in ein paar Tagen oder Wochen wieder entspannt. Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten. Falls Sie weitere Fragen haben, sprechen Sie uns bitte einfach an.

Mit freundlichen Grüßen
Familie Butterblume
Hausnummer xxx
Telefonnummer“

Die meisten Nachbarn nahmen das recht wohlwollend auf. Ich hörte, wie sie sich im Treppenhaus darüber austauschten und den Brief wohl „mutig“ fanden. Direkt angesprochen hat uns keiner darauf. Allerdings gab es auch keine weiteren Beschimpfungen mehr und die Dame, die da aus dem Fenster gekeift hatte, schlich in den nächsten Monaten immer mit gesenktem Kopf an uns vorbei. Nur ein paar wenige Nachbarn grüßen seit dem Brief nicht mehr. Ein Pärchen wechselt sogar die Straßenseite, wenn sie uns sehen. Damit können wir aber leben, auch wenn es schon irgendwie verletzend ist. Wir sind ja keine Aussätzigen.

Natürlich sind durch den Brief nicht alle Probleme gelöst und es ist jetzt alles eitel Sonnenschein. Unsere Kinder sind trotzdem laut und ich verstehe, wenn Nachbarn davon genervt sind. Auch sie haben ja ein Recht auf Ruhe. Ich kann aber nur versuchen, den „Schaden“ zu begrenzen. Und das tue ich auch. Ich bringe meinen Kindern bei, dass im Treppenhaus nicht geschrien oder getobt wird. Allerdings bringe ich ihnen das seit mehreren Jahren bei und es klappt immer noch nicht zuverlässig. Viele Dinge muss man bei ihnen eben sehr viel häufiger wiederholen, ehe sie „sitzen“. Und wenn der Große mitten in der Nacht einen Meltdown hat und schreit und tobt, dann ist mir vollkommen klar, dass die Nachbarn uns dafür vermutlich gerade hassen. Aber ich kann es nicht unterbinden. Lösungen und Alternativen brauchen einfach sehr viel Zeit. Ich zucke nicht mit den Schultern und sage „Ist mir egal“. Im Gegenteil. Aber ich kann eben nicht zaubern.

Auf Twitter kam die Frage auf, ob man als Nachbar ansprechen dürfe, dass man sich durch Geräusche eines Behinderten gestört fühlt. Ich kann natürlich nur für mich sprechen. Ich sage: Ja, bitte. Mir ist es lieber, wenn die Nachbarn mich direkt ansprechen. Dann kann ich notfalls erklären, was warum so ist. Und ich kann dem Nachbarn zuhören. Vielleicht findet sich ja sogar eine Lösung, die für beide Parteien befriedigend ist. Wenn ich beispielsweise weiß, dass über dem Kinderzimmer das Schlafzimmer der Nachbarn liegt, dann lasse ich meinen Sohn nachts nicht in seinem Zimmer schreien sondern bringe ihn in das Elternschlafzimmer. Und der Nachbar kann vielleicht den Lärm besser ertragen, wenn er sieht, dass wir versuchen ihn zu reduzieren. Wenn er merkt, dass auch seine Bedürfnisse wahr genommen werden.

Toleranz ist keine Einbahnstraße. Ich kann nicht von den Nachbarn verlangen, dass sie alles zu tolerieren haben, wenn ich selber nicht einen Schritt auf sie zu gehe. Dadurch sind zwar nicht alle Probleme aus der Welt geschafft, aber es ist ein Schritt für ein besseres Miteinander.

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6 Kommentare zu “Der Umgang mit den Nachbarn

  1. Unsere Emily schreit auch sehr laut. Wir haben gottseidank ein freistehendes Haus gefunden. Allerdings ohne Heizung. Aber das war es uns wert. Lieber nur mit Holz heizen, als ständig Probleme mit Na hbarn zu haben.
    Liebe Grüsse,
    Isabelle

  2. Obwohl ich es mit am besten verstehen kann, wäre es für mich unerträglich, in einem Haus zu wohnen, in dem immer wieder Kinder stundenlang schreien. Ich kann’s ja nicht ausblenden, und Kopfhörer mit lauter Musik sind nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit eine Option. Das wäre für mich eine echt schwierige Situation.

  3. Hallo 🙂

    Ich finde diesen Beitrag sehr wichtig, weil es ja sicherlich vielen von uns so geht. Bis jetzt wurde noch keines meiner Kinder als autistisch diagnostiziert. Lediglich der Ältere hat ein ADHS, was ebenfalls für ordentlich Trubel sorgt bzw. in der Vergangenheit gesorgt hat.

    Auch wir hatten einst eine so unfreundliche, beleidigende Nachbarin, welche daraufhin von anderen, glücklicherweise uns solidarisch zugetanen Nachbarn, angezeigt wurde. Wir zogen dann damals natürlich mit. Zeigten sie also an. Daraufhin musste sie eine saftige Strafe zahlen. Das war ziemlich lehrreich für sie und einige Monate später entschuldigte sie sich sogar für ihr Verhalten.
    Ich finde, kein Kind und auch kein behinderter Mensch und auch die dazugehörigen und/oder mit betroffenen Eltern sollte solche Hasstiraden über sich ergehen lassen müssen. Natürlich verstehen auch wir als Familie, dass Lärm zu gewissen Zeiten und in einem gewissen Ausmaß untragbar ist. Da stimme ich absolut überein. Wichtig ist dann selbstverständlich ein Gespräch und eine gemeinsame Lösung zu suchen und zu finden.

    Ich habe aber das Gefühl, dass das oft gar nicht möglich bzw. nicht gewollt ist. Viele Menschen vereinen sich lieber im Zorn. Solidarisieren sich miteinander, um das Problem mit allen Mitteln, (Beschimpfungen, Vandalismus, Drohungen, Polizei, Jugendamt etc. pp.), aus der Welt zu schaffen. Aber ganz sicher will sich der Großteil damit nicht rational auseinander setzen.

    Prinzipiell geht es nicht einmal um Behinderte Menschen als solches. Der Streitpunkt beginnt sowieso schon beim Thema „Kind(er)“. Ich halte das für eines *der* Probleme dieses Landes, um ehrlich zu sein.

    Nun bin ich froh, inzwischen in einer sehr toleranten Nachbarschaft zu wohnen und übe mich, als gerechten Ausgleich, ebenfalls in Toleranz. Ich weiß, das ist nicht immer so einfach. Zornig, wütend und intolerant zu sein ist jedenfalls einfacher.

    Liebe Grüße, Aada

  4. Pingback: Markierungen 03/07/2016 - Snippets

  5. Danke…Toleranz ist keine Einbahnstraße…so sehe ich das auch. Natürlich kann ein Mensch mit Behinderung nichts für seine Behinderung, aber wenn man von nichtbehinderten Menschen ständig verlangt, dass sie ohne Erklärung absolut tolerant sind, bewegen wir uns immer weiter voneinander weg. Manchmal wirkt ein Gespräch Wunder…auf beiden Seiten. 🙂

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