Morgendliches Wecken

Ich schreibe oft, dass ich den erwachsenen Autisten sehr dankbar bin für ihre Erfahrungsberichte und ihre Beschreibungen aus der Innensicht. Viele ihrer Aussagen lösen bei mir einen richtigen Aha-Effekt aus. So auch beim Thema Morgenritual.

Unsere Morgen waren jahrelang sehr unerfreulich. Dabei haben wir ihn immer ganz sanft und liebevoll geweckt. Zumindest unserer Meinung nach. Wir haben ihn leicht gestreichelt und ihn mit leiser Stimme angesprochen. Er wachte auf und war direkt mehr als nur schlecht gelaunt. Er motzte los und ging sofort in die Verweigerung. Waschen, wickeln, anziehen und frühstücken ging eigentlich nie ohne Ärger und Theater ab. Bis hin zu ausgewachsenen Meltdowns.

Ich las also bei der Frage einer verzweifelten Mutter in einer Autismusgruppe auf Facebook sehr interessiert mit. Sie hatte mit ihrer Tochter ähnliche Probleme und suchte nach Rat. Erwachsene Autisten analysierten den morgendlichen Ablauf ihrer Familie und wiesen darauf hin, dass das Wecken mit kuscheln und Körperkontakt möglicherweise der Auslöser der Probleme sein könnte. In mir fing es an zu arbeiten. Es kam mir plötzlich total logisch vor, dass die Berührungen Paul sofort in einen Overload treiben können.

Wir setzten den Rat der Autisten um und kauften für Paul einen Wecker. Er selbst durfte ihn auswählen und entschied sich für Darth Vader. Ich finde es ganz angenehm, dass der nicht durchdringend piept oder klingelt. Da hätte ich auch Bedenken gehabt, dass ein zu schrilles Geräusch Paul ebenfalls in den Overload treibt.

Und es funktionierte auf Anhieb. Jeden Morgen, wenn der Wecker klingelt, steht Paul selbständig auf und schaltet ihn aus. Früher rief er uns dann, damit wir ihn wickeln und anziehen konnten, inzwischen geht er selbständig auf die Toilette und kann sich auch schon fast alleine anziehen. Dank eines visualisierten Tagesplanes hat er den morgendlichen Ablauf sehr gut gelernt und ihn für sich ritualisiert. Dabei sollte man ihn nicht unterbrechen, weil ihn das nach wie vor aus der Bahn werfen würde. Aber generell ist jeder Morgen hier viel entspannter geworden. Klar gibt es hin und wieder immer noch Gemotze, wenn Paul keine Lust auf Schule hat. Aber das Aufstehen an sich läuft einfach viel besser. Angenehmer Nebeneffekt des Weckers: Selbst wenn Paul noch müde ist und am liebsten weiter schlafen würde, ist es der Wecker, der ihn weckt und nicht wir Eltern. Er schimpft dann zwar manchmal auf den Wecker, früher ging er dann aber direkt auf uns los. Klar, weil wir ihn ja geweckt hatten und damit in seinen Augen „Schuld daran“ waren. Das kommt jetzt gar nicht mehr vor. Jetzt schimpft er nur noch, wenn ich vergessen habe, den Wecker am Wochenende auszuschalten.

Manchmal bewirkt die Änderung einer Kleinigkeit ganz viel.

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2 Kommentare zu “Morgendliches Wecken

  1. Bei uns übernimmt der Hund das Wecken. Mein Sohn macht regelmäßig ein Spiel daraus. Versteckt sich unter der Decke und Hund muß suchen.

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