Von Null auf Overload in 10 Minuten

Gestern fand in der hiesigen Autismusambulanz zum zweiten Mal ein Familiennachmittag statt. Der erste Familiennachmittag war einfach entspannt und toll, die Kinder haben miteinander gespielt, während die Erwachsenen sich bei Kaffee und Kuchen unterhielten. Beide Kinder waren begeistert und so freuten sie sich sehr auf den gestrigen Nachmittag und waren schon ganz hibbelig.

Leider ging es diesmal beinahe nach hinten los (rw). Die Tische waren in einem anderen Raum aufgebaut, der leider eine ganz schlechte Akustik hat. Der Raum eignet sich wunderbar für Vorträge, aber nicht, wenn mehrere Menschen durcheinander sprechen, Geschirr klappert und Kinder spielen. Das verwebt sich zu einem großen und lauten Geräuschteppich. Ich beschreibe mal meine Empfindungen, weil Paul sich nicht so differenziert ausdrücken kann. Ich hörte ein Wirrwarr von Stimmen und Gesprächen und hatte das Gefühl, von jedem Gespräch ein paar Wörter und Satzfetzen aufzuschnappen, war aber kaum in der Lage zu verstehen, was mir Pauls Therapeutin erzählen wollte, obwohl sie mir direkt gegenüber saß. Ich musste auf ihren Mund gucken, um ihr überhaupt folgen zu können und hab trotzdem nur etwas mehr als die Hälfte des Gesagten verstanden. Dazu kam dann das Klappern von Geschirr und bei jedem noch lauteren Geräusch zuckte ich förmlich zusammen. Wie muss es da erst Paul ergangen sein, der ja generell akustisch sehr empfindlich ist? Er saß jedenfalls ein paar Minuten neben mir und aß ein Stück Kuchen. Als er dann allerdings von seiner Therapeutin (die er wirklich sehr mag) angesprochen wurde, vergrub er seinen Kopf an meinem Bauch und ich sollte ihn „verstecken“. Das bedeutet, dass ich ihn dann mit meinen Armen von der Umwelt abschirme oder ihn manchmal sogar unter meine Jacke nehme. Und ich verstand ihn, ich glaube, ich wusste ziemlich genau, was in ihm vorging. Er weinte fast.

Zum Glück gab es eine Ausweichmöglichkeit, die Kinder konnten draußen auf dem Spielplatz spielen, was Paul und sein kleiner Bruder dann auch ausgiebig genossen. In der hintersten Ecke, so weit wie möglich weg vom Geschehen. Ich kann es ihnen nachempfinden.

Faszinierend zu beobachten war es aber auch, wie verschieden Autisten sind und reagieren. Paul, der ja gemeinhin als relativ unauffällig gilt, war der einzige von ungefähr 8 anwesenden Autisten, der derart große Probleme mit der Akustik hatte. Den anderen schien es nicht so viel oder gar nichts auszumachen. Was wieder bestätigt, dass „Kennst du einen Autisten, kennst du genau einen“ zutrifft.

Paul selbst hat die Enttäuschung und Reizüberflutung des Nachmittags dann doch noch ganz gut weggesteckt, er lernt immer besser, sich selbst zu regulieren und für ihn hilfreiche Handlungen wie Stimming einzusetzen.

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4 Kommentare zu “Von Null auf Overload in 10 Minuten

  1. In einer Autismus-Ambulanz würde ich da etwas mehr Mitdenken erwarten. Daß viele Autisten gerade akutisch nicht gut bis gar nicht filtern können, ist ja nun nichts Neues mehr. Dann einen solchen Raum für das Treffen zu wählen, war mal mindestens gedankenlos!

    • Gedankenlos? Ja. Aber ihnen daraus direkt einen Vorwurf zu machen, ist mir zu hart. Offenbar bin ich ja auch eine Ausnahme mit meinen Empfindungen, zumindest scheint es den meisten anderen nicht wirklich etwas ausgemacht zu haben. Die Kritik habe ich allerdings gestern auch schon geäußert und werde es auch noch mal in Ruhe ansprechen. Ich vermute, dass das Kaffeetrinken eigentlich draußen statt finden sollte, dann aber witterungsbedingt kurzerhand nach innen verlegt wurde. Und da eben der nächstgelegene Platz genommen wurde.

  2. Pingback: Froschs Blog: » Im Netz aufgefischt #269

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