Verreisen

Wir sind frisch aus dem (gefühlt viel zu kurzen) Urlaub zurück. Ein häufiges Thema in Elternforen ist es, dass autistische Kinder große Probleme mit Urlaub und verreisen haben. Das ist mit Paul anders. Natürlich müssen wir einige Dinge beachten, damit ein Urlaub nicht in Stress ausartet, aber wir profitieren alle davon und können uns vom Alltag erholen.

Wenn wir einen Urlaub planen, beziehen wir Pauls Probleme automatisch in die Planung mit ein. Hotels oder eine Ferienwohnung in einem Komplex kommen deshalb gar nicht erst in Frage. Dieses Jahr haben wir uns ein Ferienhaus gemietet. Mitten im Wald gelegen und mit ausreichend Platz zu den Nachbarn. So konnten die Kinder ungestört schreien und drinnen und draußen herumtoben, ohne dass wir sie ständig zur Ruhe ermahnen mussten, um die Nachbarn nicht zu sehr zu nerven. Wir hatten sogar so eine ruhige Lage erwischt, dass wir fast überhaupt keine Geräusche anderer Menschen hörten, nur das Rauschen der Bäume und das Brechen der Wellen des nahe gelegenen Fjords.

Sobald wir gebucht hatten, haben wir den Kindern gezeigt, wo wir hinfahren. Bilder des Ferienhauses von innen und außen, Karten und Fotos der Umgebung. Wir zeigten Paul, wo er genau schlafen würde, wo wir essen, wie das Bad aussieht. Diese Sicherheit ist wichtig für ihn, so kann er sich darauf einstellen was kommt.

Wenn wir packen, dürfen die Kinder immer eine begrenzte Anzahl ihrer Lieblingsspielzeuge mitnehmen. Paul hat dieses Jahr auch mit mir zusammen die Anziehsachen ausgesucht, die er im Urlaub tragen wollte. Und entschied sich zu meiner Überraschung sogar dafür, eine kurze Hose mitzunehmen. Die trug er dann auch im Urlaub. Das hat er zu Hause dieses Jahr noch nicht über sich gebracht. Ganz wichtig und hilfreich für Paul ist es, dass wir sein eigenes komplettes Bettzeug in den Urlaub mitnehmen. Nicht nur die Bettwäsche sondern Bettdecke und Kissen und Bettlaken. Dadurch hat er auch in fremden Betten das gewohnte Gefühl beim Einschlafen. Beim ersten Urlaub hatten wir das noch nicht bedacht und das Schlafen war wirklich eine Katastrophe. Seit sein eigenes Bettzeug dabei ist, schläft er sehr viel besser. Auch wenn er in diesem Jahr jeden Abend sehr lange aufblieb, weil er sich nur schwer zum schlafen gehen überwinden konnte, schlief er sehr schnell ein, wenn er dann so weit war ins Bett zu gehen. Und wachte nachts auch nicht öfter auf als zu Hause.

Zu Hause duscht Paul nicht. Wir haben eine Badewanne mit integrierter Dusche, trotzdem badet er nur. Duschen wäre für ihn unerträglich. Im Ferienhaus hatten wir nur eine Duschkabine. Diese zeigten wir Paul vorher auf den Fotos des Hauses. Er reagierte sogar begeistert und freute sich schon Tage vorher auf das Duschen. Wir staunten, blieben aber trotzdem etwas skeptisch. Völlig unnötig, wie sich zeigte. Paul genoss es unter der Dusche zu stehen und forderte es jeden Abend von sich aus ein. Es wäre schön, wenn wir dies auch zu Hause hin bekämen, aber wenn nicht, dann bleibt es eben so, wie es jetzt ist.

Wir machten in diesem Urlaub sehr viele Ausflüge. Da wir wechselhaftes Wetter hatten, konnten wir teilweise erst am Morgen planen, welchen Ausflug wir machen würden. Auch das war aber okay für Paul. Wenn wir uns entschieden hatten, zeigten wir den Kindern, wo wir hinfahren würden und was sie dort erwartet. Wir ließen viel Spielraum in der zeitlichen Planung, um jederzeit auf die aktuellen Bedürfnisse der Kinder reagieren zu können oder bei drohender Überforderung sofort abzubrechen. Tatsächlich hat Paul sehr von den verschiedenen Ausflügen profitiert. Wir hatten ein bunt gemischtes Programm aus kurzen Wanderungen, Besichtigungen und Aktivitäten für die Kinder. Teilweise mussten sie sich erst überwinden, etwas zu probieren (so waren wir z.B. in einem Abenteuerpark für Kinder, bei denen man über Netze auf meterhohe Baumhäuser klettern konnte), waren aber hinterher umso stolzer auf sich. Gerade Paul braucht diese Art Erfolgserlebnisse dringend für sein Selbstbewusstsein. Er überwindet im Urlaub seine Abneigung gegen Herausforderungen sehr viel leichter als zu Hause. Ich weiß nicht, warum das so ist, freue mich darüber aber sehr. Er wurde teilweise schon fast draufgängerisch mutig. So traute er sich an einem Strandnachmittag tatsächlich alleine (unter unserer Aufsicht) ins Meer und tauchte sogar unter!

Man merkt Paul im Urlaub den Autismus deutlicher an als zu Hause. Und trotzdem konnte er sich entspannen. Das ist nicht nur unser subjektiver Eindruck, auch Paul bestätigte uns, dass er sich wohl fühlte. Er brauchte nur die Möglichkeit, all die vielen Eindrücke zu verarbeiten und sich ausagieren zu können. Die bekam er natürlich. Mir wurde klar, warum manche glauben, dass Autisten „in ihrer eigenen Welt“ leben, als ich Paul beobachtete. Er lief teilweise wie geistesabwesend am Strand oder bei den Ausflügen neben uns her, zeigte nach außen eher wenig Interesse an den Dingen, die wir ihm erklärten. Nahm aber sehr wohl alles auf und verarbeitete die Eindrücke auf seine Weise nach und nach. So waren wir beispielsweise am Montag in einem Wikingerdorf, wo man das Leben der Wikinger hautnah erleben kann und viele Dinge auch selbst ausprobieren kann. Paul wirkte eher abwesend. Außer auf dem nachgebauten Wikingerschiff, dort fühlte er sich sichtlich wohl. Trotzdem hatte er alles, was wir sahen und erklärten aufgenommen. Darüber sprach er dann aber erst 3 Tage später, als er es offenbar in Ruhe verarbeitet hatte. Begeistert war er auch von unserem Besuch auf dem Leuchtturm und der Aussicht von oben. Auch das zeigte er aber nicht direkt sondern mit Verzögerung. Ich kann aus ganzem Herzen sagen, dass Paul definitiv nicht in „seiner eigenen Welt“ lebt sondern es schlicht nur für unwissende Außenstehende so wirken kann.

Jetzt sind wir wieder zu Hause und Paul hat sehr viel von diesem Urlaub profitiert. Er ist entspannt und wirkt irgendwie gereifter auf uns. Er hat durch diese eine Woche wieder viele kleine Fortschritte gemacht. Das konnten wir auch schon nach allen anderen Urlauben beobachten. Offenbar tut ihm das Verreisen wirklich gut. Wenn wir könnten, würden wir alleine schon deswegen gerne öfter wegfahren.

Paul an einem breiten weißen Sandstrand von der Seite fotografiert. Er trägt eine dunkle Jeans, Turnschuhe, eine blaue Jacke und ein gelbes Käppi. Er schaut auf den Boden.

Einer dieser Momente, in denen es zwar so wirkt, als ob Paul in seiner „eigenen Welt“ sein würde, er aber tatsächlich mit allen Sinnen seine Umgebung in sich aufnimmt.

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7 Kommentare zu “Verreisen

  1. Ich kann da wirklich aus meiner eigenen Perspektive sehr viel von dem nachempfinden, was du da über Paul schreibst. Bspw. hilft es mir auch sehr, wenn ich mir vorher die Örtlichkeit, wo ich hinfahre, sehr genau ansehen kann. Das Internet ist diesbezüglich echt ein Segen – bspw. die Fotos auf den Hotelseiten, google Streetview und solche Dinge. Das war während meiner Schulzeit leider noch nicht so, da sass ich dann auf Klassenreise plötzlich mit anderen Kindern in einem Zimmer in der Jugendherberge, deren Innenräume ich vorher noch nicht kannte, das war fürchterlich, weil zum einen die Klassenkameraden sich in dieser Situation anders verhielten als in der Schule, und weil dann auch noch die Umgebung komplett neu für mich war.

    Was das Duschen angeht: Das gelingt bei mir sehr viel leichter, seit ich mir einen Massage – Entspannungs – Brause – Duschkopf angeschraubt habe und das Einfachmodell vom Vermieter eingemottet habe. Es gibt Tage, wo ich das duschen nur mit einem extrem harten, punktierten Strahl ertragen kann, und dann gibt es Tage, wo es mir nur gelingt, mich beim duschen zu entspannen, wenn es eben ein möglichst luftiger, verteiltes geplätscher ist. Holt euch, sofern ihr so was noch nicht habt doch auch mal so ein Teil mit 6, 7, 8 möglichen Duschstrahloptionen, vielleicht gelingt das bei Paul dann ja auch besser, wenn er sich den Wasserdruck entsprechend seines jeweils gerade aktuellen Körpergefühls selbst auswählen kann.

    Ich bekam btw. von meiner Mum damals öfter „Du hast mich teilweise erst am Ende des Urlaubs auf Dinge angesprochen, die dir gefielen und die du gerne noch mal gemacht hättest, da war es aber dann schon zu spät, weil wir längst wieder zu Hause waren, warum hast du mir das nicht gleich gesagt oder gezeigt, dann hätten wir das noch mal gemacht“ zu hören… 😉
    Ich fühlte mich in diesen Momenten übrigens durchaus „in meiner eigenen Welt“, aber es war ein sehr angenehmes Gefühl, weil man es umso mehr und intensiver aufsaugen und für später abspeichern konnte, je weniger „störende“ andere Dinge man währenddessen wahrnahm, die einem ablenkten. Und entsprechend oft versuchte ich, in dieses „Alles andere ausblenden“ – Gefühl zu kommen – in solchen Momenten konnte mich dann meine Mutter zwar ansprechen, aber die Antworten kamen dann entweder gar nicht (weil ich diesen „alles ausblenden“ – Zustand bereits erreicht hatte), oder aber nur sehr knapp („Ja“, „Nein“ oder so, wenn ich noch nicht bis in diesen vorgedrungen war).
    Wahrgenommen, was mir gesagt wurde, hatte ich dann aber trotzdem alles, aber ich wollte bzw. konnte in dem Moment dann eben nicht mehr antworten.

    • Vielen Dank, dass du deine Erfahrungen mit mir teilst. Den Tipp mit der Dusche werden wir auf jeden Fall ausprobieren, vielleicht klappt es ja. Wäre das hier keine Mietwohnung und das Bad nicht so winzig, hätten wir wohl schon auf eigene Kosten eine zusätzliche Duschkabine einbauen lassen.

      Was du zum Ansprechen schreibst, kann ich bei Paul so bestätigen. In diesen Momenten bzw. Phasen ist er sehr viel schwerer ansprechbar. Wir vermeiden es dann auch so gut es eben geht.

  2. Ein sehr schönes Urlaubsfoto…gefällt mir wirklich gut!

    Mein Kopfkissen so wie auch meinen eigenen Bezug, nehme ich ebenfalls grundsätzlich mit wenn ich mal irgendwo anders übernachten muss…selbst ein Krankenhausaufenthalt hat mich nicht davon abgehalten (wenigstens) mein eigenes Kopfkissen mitzunehmen.

    Duschen in einer Badewanne mit integrierter Dusche, das ginge bei mir ebenfalls auf keinen Fall. Duschen in einer Duschkabine, damit habe ich keine Probleme…aber in einer Badewanne duschen, das ginge und geht auch heute noch nicht. (In einer Duschkabine steht es sich doch ganz anders als in einer Badewanne.)

    Baden in einer Badewanne könnte ich jedoch auch nicht…ich mag nicht das Gefühl im Wasser zu sitzen…da würde ich mich dann eher lieber ganz einfach so an einem Waschbecken waschen…jedoch schwimmen im Wasser gefällt mir immer sehr.

  3. Oh genau da fahren wir mit unseren Autisten (11 und 8) auch hin!!! Es ist so toll da. Wir lieben die Ruhe und den Rückzugsort Ferienhaus. Gerade beim Großen frage ich mich oft, Was nimmt er jetzt wahr? Ist es nur anstrengend oder auch schön für ihn? Liebe Grüße 🙂

  4. Das mit dem Zeit zum verarbeiten brauchen kenne ich auch von mir selber. Ich kann einfach noch nichts dazu sagen, solange ich es noch nicht fertig durchdacht hab. Damit haben viele Leute ein Problem. Inzwischen hab ich mir für die meisten Situationen nichtssagende Allgemeinsätze überlegt, die akzeptiert werden, das stößt andere zumindest nicht vor den Kopf.
    Insgesamt ist es einfacher, neue Dinge auszuprobieren, wenn sowieso schon alles anders ist. Sonst ist es immer die Überwindung, eine einzelne Sache jetzt plötzlich anders machen zu müssen… Im Urlaub passt es mehr ins Gesamtpaket.

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