Ein Traum zum Weltautismustag 2018

Ich sitze hier mit meiner Lieblingskaffeetasse, die den ironischen Aufdruck „Ich lebe in meiner eigenen Welt. Aber das ist okay, man kennt mich da“ trägt. Auf meiner Timeline bei Facebook häufen sich heute natürlich die Artikel zum Weltautismustag. Leider überwiegen gruselige Fremdbeschreibungen, was Autismus sei und wie schwer es die betroffenen Angehörigen hätten. Wertschätzende Beiträge sind (bisher) eher die Ausnahme und Autisten selbst kommen fast überhaupt nicht zu Wort. Ich will gar nicht leugnen, dass es oft schwer ist für Eltern und andere Angehörige von Autisten. Die Kämpfe um passende Hilfen, ewige Wartelisten und der Behördenkrieg sind mir nur zu vertraut. Trotzdem finde ich, dass es in der Berichterstattung über Autismus, besonders zum Weltautismustag, mehr Ausgewogenheit und weniger defizitlastige Stimmen geben sollte. Ich fange an zu träumen. Was wäre, wenn ich wirklich in meiner eigenen Welt leben würde?

In meiner Welt gäbe es keine Kampagnen, die rein darauf abzielen, den Menschen zu vermitteln, dass es Autismus gibt. (autism-awareness). Es wäre überhaupt nicht nötig, Spendengelder zu sammeln, indem man Autismus als familienzerstörendes Monster darstellt.

In meiner Welt würde die Forschung nicht um die möglichen Ursachen von Autismus kreisen sondern wie man die Gesellschaft möglichst barrierearm gestalten kann, damit auch Autisten die Teilhabe möglich ist.

In meiner Welt würde es das Wort „Inklusion“ nicht geben. Weil es einfach nicht nötig wäre, einen Begriff dafür zu haben, dass Menschen verschieden sind und auf unterschiedliche Barrieren stoßen, die dann selbstverständlich berücksichtigt werden würden. Sowas wie Sondereinrichtungen hätte es in meiner Welt gar nicht erst gegeben und die Einwohner meiner Welt würden Berichte über separate Schulen, Werkstätten für behinderte Menschen oder Heime als Schauermärchen abtun.

In meiner Welt müssten nicht andauernd neue Diagnostiken und Berichte beigebracht werden, um benötigte Hilfestellungen zu bekommen. Einfach jeder Mensch würde schnell und unbürokratisch Hilfe bekommen, wenn er sie braucht. Ohne fachärztliche Stellungnahmen, langwierige Antragsformulare und dauernde Rechtfertigungen.

In meiner Welt würde nicht andauernd erwähnt werden, was ein Autist angeblich alles nicht kann. Wir würden uns auf die Stärken und Möglichkeiten fokussieren. Ich bin der Meinung, auch das würde bei vielen Menschen schon ein Umdenken bewirken. Ich kenne Eltern, die total verzweifelt sind, weil ihnen zwar in aller Ausführlichkeit gesagt wird, was ihr autistisches Kind alles nicht oder gar niemals können wird (ich habe es selbst oft genug so erlebt), aber nicht,wo die Stärken liegen. Dabei hat wirklich jeder Mensch irgendetwas, was er gut kann.

In meiner Welt gäbe es dann selbstverständlich auch keinen Bedarf an normangleichenden Therapieformen. Weil es nicht nötig wäre, Menschen in ein enggestricktes Schema zu pressen.

Ja, manchmal würde ich wirklich gern in meiner eigenen Welt leben. Aber das geht nicht, wir leben alle auf dieser Welt und ferne Planeten werden wohl auch nicht zu meinen Lebzeiten besiedelt. Also bleibt mir wohl nur,diese Welt in Rahmen meiner Möglichkeiten zu verbessern. Seid ihr dabei?

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4 Kommentare zu “Ein Traum zum Weltautismustag 2018

  1. In Deiner Welt müßte ich mir als blinde Mama nicht von jedem selbst ernannten Experten erklären lassen was meine Kinder für mich zu machen hätten, weil ich so vieles angeblich nicht kann. Da hätte keiner meine anderthalbjährige Tochter gefragt „Na, hilfst Du der mama“, wohlgemerkt im Straßenverkehr.

  2. Ich finde das Wort „unbürokratisch“ ganz furchtbar. Denn es suggeriert, daß Bürokratie generell etwas Schlechtes sei. Dabei ist Bürokratie die Festlegung und Anwendung von Regeln, es ist die Voraussetzung für die Gleichbehandlung von Menschen.
    Nach Katastrophen oder Unglücken sprechen Politiker auch immer wieder von „unbürokratischer Hilfe“. Da frage ich mich jedesmal: Wie soll das aussehen? Gehen die Politiker da mit einem Bündel Geldscheine hin und verteilen einfach an die Menschen, die sie zufällig gerade antreffen? So ganz beliebig, ohne jegliche Prüfung, ohne Nachvollziehbarkeit?
    Deswegen erschließt sich mir auch in diesem Blogtext der Satz „Einfach jeder Mensch würde schnell und unbürokratisch Hilfe bekommen, wenn er sie braucht“ nicht. Wie soll das ablaufen? Wer am lautesten nach Hilfe verlangt, bekommt diese? Und die Introvertierten, die sich nicht klar artikulieren, die bleiben zurück?
    Gerade, um Ungleichbehandlung zu vermeiden, um den Introvertierten genauso zu helfen wie denjenigen, die laute und energische Fürsprecher haben, braucht es doch klare Regeln und Kriterien, also Bürokratie.
    Und es braucht auch festgelegte Diagnosekriterien. Ich habe es selbst schon in meiner Nachbarschaft erlebt, daß Menschen, die unzuverlässig und unpünktlich sowie nicht kritikfähig sind, plötzlich auf die Idee kommen, daß sie autistisch seien und daß man deshalb jetzt jeder die Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit zu akzeptieren hätte und auch nicht mehr widersprochen werden darf. Es fallen Sätze wie „Heute bin ich mal autistisch“.
    Wenn man „unbürokratische Hilfe“ als Maxime hat, dann müsste man das alles akzeptieren. Man hätte ja keinerlei Regelwerk mehr, nach dem man entscheiden könnte, wer wirklich Hilfe braucht und wer das nur behauptet.
    Dieser Satz, den ich zitiert habe, endet mit „wenn er sie braucht“. Wie will man aber dieses „wenn er sie braucht“ entscheiden, wenn man keinerlei Bürokratie haben will? In so einer undefinierten und widersprüchlichen Welt möchte ich nicht leben.

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