Nachteilsausgleiche in der Schule

Heute ist mal wieder Weltautismustag. Diesen möchte ich unter das große Motto „Teilhabe“ stellen. Was braucht Paul, um an der Gesellschaft teilhaben zu können? Daraus picke ich mir den kleinen Bereich schulische Bildung. Und beschränke mich auf das Thema Nachteilsausgleiche.

Was sind Nachteilsausgleiche? Die nüchterne Definition sieht so aus: “

Als Nachteilsausgleich wird die Gewährung von Unterstützungsangeboten bei Leistungsfeststellungen und Lernstandserhebungen bei einer diagnostizierten Beeinträchtigung bezeichnet. Die Gewährung von Hilfen im diesem Sinne ist während der gesamten Schulzeit möglich.
Davon zu unterscheiden sind Abweichungen von den allgemeinen Grundsätzen der Leistungsbewertung, d.h. die Anforderung an die Leistung sowie die Bewertung der Leistung selbst.

Der Nachteilsausgleich ist Teil des individuellen Förderplanes.

Für Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen ist zu prüfen, ob bei der Anfertigung bewerteter schriftlicher Arbeiten ein Nachteilsausgleich zu gewähren ist (z. B. durch Pausen, längere Bearbeitungsdauer, Anpassung der Aufgabenformate, zusätzliche Hilfsmittel).“ Quelle: http://www2.nibis.de/nibis.php?menid=11355

Grundlage aller Nachteilsausgleiche ist letztendlich Artikel 3 des Grundgesetzes: Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Klingt eigentlich total einfach und nachvollziehbar. Da hat ein Kind also Nachteile aufgrund einer Behinderung. Diese müssen durch geeignete Maßnahmen ausgeglichen werden. Man nennt das auch Chancengleichheit.

Leider ist das in der Praxis oft ein riesiges Problem. Autismus sieht man nämlich nicht. Und da wird es zum Glücksspiel, ob dem Autisten alle benötigten Nachteilsausgleiche in der Schule gewährt werden. Weil es davon abhängt, ob die zuständigen Lehrkräfte verstehen (wollen), wie umfassend sich diese unsichtbare Behinderung tatsächlich auf die Kinder auswirkt. Wenn es ganz schlecht läuft, rennt man da schon gegen eine Mauer aus Unvrrständnis und Verweigerung. Vielleicht hat man aber auch Glück und zumindest ein bissvhen Verständnis ist da. Das bedeutet dann aber immer noch nicht, dass das Kind alles bekommt, was es benötigt. Da muss teilweise Schrittchen für Schrittchen um jeden einzelnen Nachteilsausgleich gerungen werden. Die Arbeitszeitverlängerung wird vielleicht durchgewunken, aber eine Befreiung von Gruppenarbeiten, weil der Autist mit den sozialen Anforderungen überfordert ist, geht ja nun wirklich nicht. Oder das allseits verhasste Thema Hausaufgabenbefreiung. Ja schlimm, dass das autistische Kind nach der Schule so völlig erschöpft ist (weil die Bedingungen nicht unbedingt besonders inklusiv sind), dass es bei der kleinsten Anforderung in einen Meltdown stürzt, aber das ganze System der Schule ist nun mal darauf ausgelegt, dass Schülerinnen und Schüler zu Hause stundenlang arbeiten müssen. Also da kann ja absolut kein Nachteilausgleich möglich gemacht werden. Das geht wirklich nicht, bitte verstehen Sie das doch.

Aber selbst wenn der seltene Fall eintreten sollte, dass alle benötigten Nachteilsausgleiche gewährt werden, ist man noch lange nicht auf der sicheren Seite. Es gibt Lehrkräfte, die benutzen die Gewährung von Navhteilsausgleichen als Druckmittel gegen ihre Schüler. Da gibt es dann beispielsweise keine Pause, weil der Schüler oder die Schülerin sich angeblich unangemessen verhalten hat. So werden Kinder in den Overload getrieben. Und hinterher natürlich sanktioniert (bis hin zum Schulverweis), WEIL sie einen Overload oder Meltdown hatten. Furchtbar, aber leider höre ich so etwas immer wieder mal.

Dabei könnte es alles ganz einfach sein. Kinder sind verschieden, sie haben unterschiedliche Stärken und Schwächen. Manche brauchen mehr Zeit, manche weniger. Manche benötigen auch im Unterricht eine Sonnenbrille. Manche sind in Mathe auf dem Stand eines Zehntklässlers, können sich aber nicht die Schnürsenkel zubinden. Und das gilt nicht nur für autistische Kinder. Ich wünsche mir zum Weltautismustag 2019, dass Kinder sein dürfen wie immer sie sind und auch so angenommen werden. In der Schule und im Leben. Wir würden alle davon profitieren.

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Schulwechsel. Ein neuer Anfang.

Die Sommerferien sind zu Ende. Ein neuer Lebensabschnitt steht für Paul an: Die weiterführende Schule. Diesmal fiel uns die Wahl erheblich leichter als bei der Grundschule damals. Diese Schule sollte es sein und Paul wurde auch problemlos angenomen. Seine zukünftigen Klassenkameraden und seine Klassenlehrerin lernte er noch vor den Sommerferien kennen, das beruhigte ihn schon sehr. Trotzdem stieg seine Unruhe in den letzten Ferienwochen stetig. In den letzten Tagen war er kaum noch zu ertragen und selbst auch kreuzunglücklich mit sich.

Heute war es endlich soweit. Die feierliche Aufnahme der Fünftklässler in die Gesamtschule stand an. Mit Programm und Ansprachen in einer vollgestopften Aula bei über 30 Grad Celsius Außentemperatur. Paul litt. Äußerlich merkte man nur, dass er irgendwie abwesend wirkte. Als sei er ganz woanders. Wir kennen ihn aber besser, innerlich kämpfte er sehr mit sich, um nicht aufzufallen. Endlich wurde seine Klasse aufgerufen, er stürmte förmlich nach vorne, der Schulbegleiter kam kaum hinterher. Und dann passierte etwas, worauf ich schon nicht mehr zu hoffen glaubte. Pauls Klassenlehrerin sah ihn, ging auf ihn zu und dirigierte ihn sanft an ihre Seite. Beim Aufbruch ins Klassenzimmer durch die Menschenmasse achtete sie auf ihn und lotste ihn. Paul stand die Aufregung ins Gesicht geschrieben, aber ihr vertraute er, sie gab ihm Halt. Als nach 45 Minuten die erste Unterrichtsstunde beendet war, trafen wir auf einen deutlich erleichterten Paul samt Schulbegleiter. Paul sprudelte sofort los. Er sitzt direkt gegenüber der Lehrerin, er freut sich ganz doll und fühlt sich viel besser. Ich weiß, dass Pauls ehemalige (aus der ersten Klasse) und zukünftige Sonderpädagogin da sicherlich ihre Finger im Spiel hat und ich bin zutiefst dankbar, dass Paul diesen großartigen Start haben darf. Sich direkt angenommen fühlen kann. Sicherheit bekommt. Ein wunderbarer Anfang. Ein Mutmacher.

Inklusion – Warum das kämpfen lohnt

Paul ist an seiner jetzigen Schule der erste diagnostizierte Autist. Die Schule gibt es schon sehr lange, ich gehe davon aus, dass im Lauf der Jahre durchaus der eine oder andere undiagnostizierte Autist Schüler dieser Schule war.

Paul ist auch eines der ersten Inklusionskinder an dieser Schule. Jahrzehntelang war es üblich, dass anstrengende Kinder relativ zügig an die nächste Förderschule zwangsverwiesen wurden. Unabhängig davon, ob tatsächlich eine Behinderung vorlag oder nicht. Der Förderschwerpunkt Lernen wurde schon irgendwie passend vergeben. So war es bundesweit, das soll jetzt also kein Angriff auf die Schule sein. Kinder, die offensichtlich behindert waren, hatten erst gar keine Chance auf Regelschule, für sie gab es nur den Weg in die Förderschulen oder in die Tagesbildungsstätte.

Dann kamen wir. Passenderweise trat in Niedersachsen gerade das neue Schulgesetz in Kraft und es gab plötzlich einen Rechtsanspruch auf Inklusion. Niemand konnte uns mehr zwingen, Paul in die Förderschule zu schicken. Und ich kann nicht behaupten, dass sie es nicht wirklich ausdauernd und mit allen Mitteln versucht hätten. Für uns war die Förderschule aber nie eine Option.

Paul besuchte im ersten Schuljahr dann aber nicht die zuständige Grundschule, sondern eine tolle inklusive Grundschule im Nachbarort. Ich schrieb bereits darüber.
Nach deren Schließung blieb aber als einzige echte Option nur die zuständige Grundschule. Und hier knirscht es an vielen Ecken und Enden. Wir müssen um Dinge kämpfen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Die schriftliche Fixierung bereits gewährter Nachteilsausgleiche beispielsweise. Zum Teil sind diese Kämpfe dadurch zu erklären, dass sich wirklich niemand so richtig auskennt, was die gesetzlichen Regelungen für Nachteilsausgleiche trotz bestehender Förderschwerpunkte betrifft. Zum Teil ist es aber durchaus auch Sturheit, die zur Verweigerung führt. Wir sind unbequeme Eltern, weil wir Forderungen stellen. Weil wir uns nicht einschüchtern lassen. Jemand sagte mir mal: „Ihr seid die erste Generation Eltern behinderter Kinder, die die Rechte ihres Kindes kennen und sie auch einfordern. Das ist für die Lehrer sehr ungewohnt. War es doch bisher so, dass sie sich damit nicht auseinandersetzen mussten, weil die Kinder ganz schnell an die Förderschule geschickt wurden.“ Da ist viel wahres dran.

Ich könnte mir tausend Dinge vorstellen, die ich lieber machen würde, als mit Lehrern über bürokratischen Kleinkram zu streiten. Vor allem, weil ich trotz aller Schwierigkeiten recht zufrieden bin, wie es für Paul in der Schule läuft. Er ist glücklich, fühlt sich wohl. Von den Sachen, die im Hintergrund ablaufen, bekommt er kaum etwas mit. Die deutliche Mehrheit seiner Lehrer ist toll und engagiert. Die Probleme sind wirklich eher bürokratischer Natur. Wir diskutieren über Sachen, wo ich denke „Meine Güte, einfach schriftlich fixieren, was ihr gerade an Nachteilsausgleichen gewährt und das in die Schülerakte legen. Das kann doch nicht so schwer sein.“ Ich verstehe da auch ganz ehrlich nicht, wo das Problem liegt. Und ich weiß nicht, wie ich es noch erklären kann. Manchmal zweifele ich, ob sich der Kampf lohnt. Ob es das wert ist. Andererseits weiß ich natürlich, dass ohne schriftliche Fixierung der Nachteilsausgleiche Paul derjenige ist, der das ausbaden muss. Spätestens nach dem Wechsel auf die weiterführende Schule. Also bleibt ja nichts weiter, als wieder und wieder darum zu bitten, etwas schriftliches aufzusetzen und der Schülerakte hinzuzufügen.

Inzwischen weiß ich, dass wir etwas bewegen. Dass sich unser Kampf auszahlt. Wir sind diejenigen, die gegen Wände anrennen bis sich ein Loch auftut. Durch dieses Loch können dann andere gehen, ohne selbst all die Kämpfe erneut fechten zu müssen. Konkret wurde mir kürzlich von der Mutter eines autistischen Kindes gesagt, dass unsere Rektorin bei der Schulanmeldung zu ihr meinte: „Autist? Kein Problem, wir haben schon einen, das bekommen wir schon hin.“ Dafür lohnt sich all die Mühe. Dafür lasse ich gerne meine Nerven. Wenn die Eltern dieses Kindes deutlich weniger kämpfen und diskutieren müssen als wir, dann war es all die Mühe und die Tränen wert. Auch wenn es mich schon ein wenig wehmütig macht, dass es überhaupt nötig ist, dass wir uns den Mund fusselig reden müssen. Optimal wäre es, wenn nicht immer jemand Vorreiter sein müsste, um anderen den Weg zu ebnen, sondern es von Anfang an reibungslos funktionieren würde. Das Recht auf Inklusion ist ein Menschenrecht, daran gibt es normalerweise gar nichts zu diskutieren. Sollte es zumindest nicht.

Trotz allem sind es Aussagen wie die dieser anderen Mutter, die mir Kraft geben. Die mir zeigen, dass unser Weg richtig und wichtig ist. Wir lassen uns nicht entmutigen.