Inklusion, die den Namen nicht verdient

Ich schrieb im letzten Jahr, wie gut die Inklusion an Pauls Grundschule umgesetzt wurde. Ein wahres Paradies. Leider grätschte uns ja die Sparpolitik dazwischen und Paul wechselte samt seiner Klassenkameraden die Schule. Zum Glück wurde der Klassenverbund so erhalten, aber alles andere wechselte: Schule, Lehrer, Materialien, leider auch die Schulbegleitung. Das Schlimmste am Wechsel ist aber die Einstellung der neuen Schule zum Thema Inklusion. Sie empfinden sie als lästige Pflicht und als Bürde. Leider merkt man das auch deutlich.

Wir wurden in die Schule geladen zum Lehrergespräch. Ich weiß schon, warum wir da prinzipiell zu zweit hingehen. Alleine hat man ziemlich schlechte Karten als Elternteil. Und heute war es besonders extrem: Mein Mann und ich saßen 3 Personen gegenüber, der Klassenlehrerin, dem Sonderpädagogen und der Referendarin, die momentan in der Klasse arbeitet. Anfangs sagten wir nochmal klar und deutlich, dass aktuell Testungen laufen, ob Paul eventuell ein zusätzliches ADHS und eine Dyskalkulie hat, und dass sich in den nächsten Wochen jemand aus der Praxis mit der Schule in Verbindung setzen würde. Wir Eltern merken ja schließlich auch, wo Probleme auftreten und kümmern uns dementsprechend. Das wurde erstmal nur nickend zur Kenntnis genommen.

Und dann ging es auch direkt los. Wir wurden darauf hingewiesen, dass wir in den nächsten Tagen einen Brief nach Hause bekommen, es aber zu ihrer Pflicht gehört, vorher mit uns zu reden. Dann bekamen wir eine ausführliche Aufzählung, was unser Sohn alles gut oder schlecht macht im Unterricht. Ich hakte das erste Mal ein als es hieß, er müsse ja beim lautgetreuen Schreiben besser werden und fragte nach, ob da denn berücksichtigt wird, dass er eine auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung hat und welcher Nachteilsausgleich ihm diesbezüglich gewährt wurde. Das brachte die Lehrerin zum ersten Mal etwas aus dem Konzept, der Sonderpädagoge schaltete sich zwar ein und erzählte ausführlich, was zum lautgetreuen Schreiben alles dazu gehört, aber meine Frage nach dem Nachteilsausgleich blieb erstmal unbeantwortet. Kein besonders guter Gesprächsauftakt.

In der Art ging es weiter. „Also beim Erzählen von freien Geschichten hat Paul aber große Probleme!“ Ja, das wissen wir und wir erklärten (mal wieder), dass dies bei Autisten ein verbreitetes Problem ist und dies auch im Rahmen der Nachteilsausgleiche berücksichtigt werden sollte. Uns schwante zu diesem Zeitpunkt schon nichts besonders Gutes mehr. Deutsch sei ansonsten relativ okay, aber Mathe… Dies könne er nicht, jenes könne er nicht und solches könne er auch nicht. Stimmt, wissen wir. Wobei „nicht können“ der falsche Ausdruck ist. Er kann es schon, aber nicht unter allen Bedingungen und in jeder Situation. Ich vergleiche das immer mit einer alten Kommode. Er weiß, wie er rechnen muss oder wie das Ergebnis lautet, aber diese Information liegt in einer Schublade der Kommode, die gerade klemmt. Er bekommt die Schublade nicht auf und hängt dementsprechend fest. Manchmal hilft dann eine Pause. Da waren wir uns auch tatsächlich einig mit den Lehrern. Nicht einig waren wir uns darüber, wie man sonst damit umgeht. Vor ein paar Wochen wurde ich gebeten zu protokollieren, wie genau Paul bei den Hausaufgaben arbeitet. Ich sollte aufschreiben, ob er schriftlich oder mit Hilfsmittel oder im Kopf rechnet und den Schmierzettel (bei schriftlicher Rechenweise) mit in die Schule geben. Außerdem wurde mal abgeglichen, was er in 15 Minuten zu Hause und in 15 Minuten in der Schule schafft. Da klafft eine riesige Lücke. Das wundert mich aber auch nicht. Er hat durch mich eine 1:1-Betreuung in reizarmer Umgebung. Das kann die Schule so nicht leisten (klar) und seine Schulbegleitung…nein, das lasse ich jetzt weg, das wird vermutlich mal ein Extra-Beitrag. Jedenfalls erfüllt er in Mathe also die Anforderung für die Versetzung nicht.

Weiter ging´s: Weil er in Deutsch so große Probleme hat (Jetzt doch?) wird er wohl auch die Anforderungen in den anderen Fächern nicht erreichen (hier relativ fadenscheinige Begründung von wegen Texte lesen einsetzen). Und deshalb müssen wir unbedingt den Förderschwerpunkt Lernen beantragen, damit er zieldifferent unterrichtet und in die 3. Klasse versetzt werden kann. Ich erwähnte es irgendwo schon mal: Ich habe kein Problem damit, wenn Paul den Förderschwerpunkt Lernen irgendwann bekommt. Ich lehne es nicht prinzipiell ab, ihn darauf zu überprüfen. Ich rege mich gerade darüber auf, wie das jetzt geschehen soll und womit das begründet wird. Leider teilweise mit klaren Falschaussagen, bei denen ich hoffe, dass sie wirklich nur dem Unwissen geschuldet sind. Nachteilsausgleiche wurden (entgegen anderslautender Aussagen bisher) nicht wirklich umgesetzt. Begründet wurde dies heute z.B. so: „Paul hat ja den Förderschwerpunkt KME, damit können wir ihm leider keinen Nachteilsausgleich für Autismus gewähren.“ Das ist schlicht sachlich vollkommen falsch. Nachteilsausgleiche sind unabhängig von einem eventuell festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf. Ein Nachteilsausgleich soll (wie der Name schon sagt) die behinderungsbedingten Nachteile eines Schülers ausgleichen. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Darauf gibt es einen glasklaren Rechtsanspruch, der an keine Bedingungen außer einen geeigneten Nachweis des Bedarfes (z.B. durch ein ärztliches Gutachten) geknüpft ist.
„Wir können ihm doch nicht in allen Fächern einen Nachteilsausgleich gewähren.“ Auch falsch. Selbstverständlich kann ein Nachteilsausgleich auch sämtliche Fächer umfassen, wenn es erforderlich ist.
Jetzt wird es paradox: „In der 2. Klasse gibt es ja noch keine Zensuren, deshalb wäre es unsinnig, den Aufwand mit den Nachteilsausgleichen zu treiben. So mit Klassenkonferenz und so.“ Ja, es ist bürokratischer Aufwand und das tut mir ja auch leid, aber so ist es im Gesetz nun mal geregelt. Den unkonventionellen Weg mit Übernahme der bestehenden Ausgleiche aus der Schülerakte wollten sie ja nicht gehen. Ich möchte dieser Aussage aber mal eine andere entgegen stellen, die im selben Gespräch fiel: „Wenn Sie nicht auf unseren Vorschlag mit dem Förderschwerpunkt Lernen eingehen, dann können wir Ihren Sohn nicht versetzen.“ Den Förderschwerpunkt zu beantragen stellt nicht weniger bürokratischen Aufwand dar als die Festlegung der Nachteilsausgleiche. Viel mehr irritiert mich daran aber, dass Paul bisher die ihm zustehenden Nachteilsausgleiche nicht bzw. nur sporadisch gewährt wurden, aber vehement die Idee von sich gewiesen wird, dass dies einen guten Teil dazu beigetragen hat, dass seine Versetzung gefährdet ist. Das ist schon irgendwie ziemlich bitter.
Das sich dann noch herausstellte, dass sich keiner der Anwesenden mit den Materialien der eigenen Schulbehörde zum Thema Autismus in der Schule und Nachteilsausgleiche befasst hat, war dann auch schon fast egal. Das rundet das Bild einfach nur ab.

Ein bisschen Leben kam noch mal auf, als wir erwähnten, dass jemand aus der Praxis des Kinderpsychiaters in die Schule kommt und sich selbst ein Bild machen will. Erste Reaktion: „Also für diese ganzen Gespräche habe ich ja gar keine Zeit, jedes Kind hat normalerweise 20 Minuten pro Schuljahr und wir sitzen auch schon wieder eine Stunde hier.“ Ich erzählte dann die etwas geschönte Variante wie er auf Pauls Erzählung über die Schule reagiert hat. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten wir beispielsweise noch am gleichen Tag die Schulbegleitung ersetzt und als er hörte wie es mit den Nachteilsausgleichen steht, dachte ich kurz, er würde gleich vor Wut durch die Decke gehen. Außer ein paar betretenen Blicken kam da auch kaum eine Regung bei den Lehrern. „Was hat das denn mit uns zu tun?“ war die Frage. Ich erklärte, dass er eine fachärztliche Stellungnahme abgeben wird, die sich auch mit den Zuständen in der Schule befasst und die sehr klare Ansagen zu den Nachteilsausgleichen enthalten wird. Ich erwähnte auch, dass diese Stellungnahme zur Beurteilung des weiteren Bedarfes der Schulbegleitung herangezogen wird (die Lehrerin möchte sie unbedingt behalten, arbeitet aber momentan dagegen, ohne es selbst zu merken) und gegebenenfalls auch Eingang in die Schülerakte finden wird. Ich weiß nicht genau, was davon ihnen klar machte, dass dies kein lustiges oder nerviges Spielchen von uns Eltern ist, auf jeden Fall wurden plötzlich eifrig Notizen gemacht.

Wir verabschiedeten uns dann mit dem Hinweis, dass wir nach dem Abschlussgespräch der aktuellen Diagnostik Bescheid geben werden, ob wir dem neuen Förderschwerpunkt Lernen zustimmen werden. Vorher macht es auch einfach keinen Sinn. Wenn Paul tatsächlich eine Dyskalkulie hat, muss man da wieder anders rangehen. Dass dieses Gespräch unbefriedigend für beide Seiten war, ist wahrscheinlich die Untertreibung des Jahres. Ich sehe jedenfalls noch viele schwere Kämpfe auf mich zukommen.

Nachtrag:
Jetzt habe ich doch glatt mein absolutes Lieblingszitat des Gespräches vergessen. Das möchte ich euch aber nicht vorenthalten. Mal gucken, ob ihr auch so schön facepalmen könnt wie wir.
„Mit dem Förderschwerpunkt Lernen können wir ihm ja die Dinge dann auch so erklären, dass er sie versteht!“
Ohne weitere Worte.

„Die Schulbegleitung muss sich selbst überflüssig machen“

Man hört und liest diese oder ähnliche Aussagen immer wieder. Wörtlich wie oben oder ähnlich formuliert wie in „Aber die Eltern/die Schulbegleitung wird nicht immer da sein, also muss Autist frühzeitig lernen, ohne zurecht zu kommen“.

Ich halte diese Einstellung für falsch. Speziell, wenn sie -wie in diesem Fall, der mich zum Schreiben angeregt hat- auch noch dann hervorgekramt wird, wenn ein Kind durch eine kurzfristige Abwesenheit des Schulbegleiters zum Opfer von Mobbing und körperlichen Übergriffen wird. So als wäre das Kind daran selbst schuld, weil es bisher nicht gelernt hat, wie es das vermeiden kann. Oder als wäre der Schulbegleiter schuld, weil er dem Kind nicht die nötige Sozialkompetenz beigebracht hat. Nein, ich sauge mir das nicht aus den Fingern, so unglaublich es auch klingt, beide Aussagen wurden sinngemäß so getroffen.

Ich fange mal grundsätzlich an. Eine Schulbegleitung ist eigentlich ein Hilfsmittel. Wie eine Brille oder ein Rollstuhl. Nur sind die Einschränkungen von Autisten nicht auf den ersten Blick so offensichtlich wie bei einem Schüler, der nicht laufen kann und deshalb einen Rollstuhl benutzt. Schulbegleiter sind häufig Dolmetscher bei sozialer Interaktion und für die Anweisungen der Lehrer, sie gleichen motorische Defizite aus, helfen bei der Strukturierung und der Orientierung. Einige dieser Dinge verbessern sich bei vielen autistischen Kindern im Laufe der Zeit, andere Probleme bleiben ein Leben lang bestehen.
Niemand käme wohl auf die Idee, einem Rollstuhlnutzer zu sagen, dass er den jetzt aber lange genug hatte und endlich gelernt haben muss, wie er gehen kann. Kein Amt käme an und würde bei einem Kurzsichtigen die Stunden zu reduzieren, an denen er die Brille trägt mit der Begründung, dass er ja lernen müsste, selbständig zu sehen. Bei Schulbegleitern passiert aber genau dies ständig. Es wird argumentiert damit, dass Autist ja endlich gelernt haben müsste, alleine klarzukommen. So als ob plötzlich soziale Interaktion nicht mehr rätselhaft wäre, nonverbale Signale problemlos gelesen werden können, Aufgabenstellungen nicht mehr missverständlich sind und Reizüberflutung nicht mehr vorkommt. Und tatsächlich, einige Autisten lernen früher oder später, ausreichend zu kompensieren, um nicht mehr auffällig zu sein. Sie erarbeiten sich Strategien, um den Schultag zu überstehen. Trotz allem sind Autisten sehr häufig Opfer von Mobbing und Ausgrenzung. Das lässt sich nicht wegdiskutieren.

Natürlich gibt es die Fälle, in denen irgendwann kein Schulbegleiter mehr nötig ist, das bestreite ich auch gar nicht. Mir geht es wirklich um solche kruden Argumentationen wie „Es ist später als Erwachsener sehr schwer, Hilfe in Form einer persönlichen Assistenz zu bekommen, deswegen soll das Kind frühzeitig ohne Hilfe zurechtkommen.“ Diese Haltung geht davon aus, dass die Beeinträchtigung nur temporär ist und sich irgendwann schon wieder legen wird. So ist es aber nicht.

Natürlich entwickeln sich auch autistische Kinder, nur eben anders. Eines werden sie aber nie sein. Neurotypisch. Und deshalb ist es wichtig, dass man in jedem Einzelfall den persönlichen Unterstützungsbedarf berücksichtigt und nicht mit der Pauschalkeule drauf haut.

Ein guter Tag

Heute war wieder einer dieser richtig guten Tage. Einer der Tage, an dem man merkt, dass der Weg, den man geht, richtig und gut ist. Ein Tag, der einen für schlechtere Tage entschädigt und Kraftreserven aufbaut. Ich möchte ihn gern mit euch teilen.

Heute morgen rutschte Paul mit seinen Schuhen auf dem frisch gefallenen Schnee aus und fiel hin. Normalerweise ein Anlass für ihn, sich sofort umziehen zu müssen, auch wenn nichts schmutzig wird. Diesmal nicht. Er stand auf, klopfte sich ab und ging einfach weiter. Heute mittag kam er aus der Schule und wurde mit der Planänderung, dass wir in 20 Minuten losfahren, um mit ihm Winterstiefel zu kaufen, konfrontiert – und freute sich. Gerade Schuhekaufen hat hier schon für gewaltige Dramen und das Finden unkonventioneller Lösungen gesorgt. Nach 2 unvergesslichen Auftritten im Schuhladen (Kind schweißgebadet und völlig am Ende, Eltern schweißgebadet) haben wir lange mit einer Pappschablone seiner Füße ohne ihn Schuhe gekauft, ihn zu Hause ausprobieren lassen und den Rest wieder umgetauscht. Ein Vorgehen, was ich Eltern sehr weiterempfehlen kann, es ist sehr entspannend. Heute jedenfalls fuhren wir gemeinsam los (den Ausweichplan mit der Schablone hätte es trotzdem gegeben, auch wenn das bei Stiefeln schwieriger ist mit der Passform als bei normalen Schuhen) und waren nach 10 Minuten wieder raus aus dem Laden. Mit einem strahlendem Paul, der sich seine Stiefel ganz alleine ausgesucht und anprobiert hatte. Ich wurde mutig und fragte, ob er nicht auch gleich noch neue Hosen kaufen wolle. Das passte ganz gut, weil er erst Samstag meckerte, dass er kaum noch welche hätte, die er anziehen würde. Die Überraschung passierte: Er sagte ja. Also rein in den (fast leeren) Klamottenladen und verschiedene Hosen ausgesucht. Er probierte tatsächlich in der Umkleidekabine die Hosen an. Bisher völlig undenkbar. Aussuchen ging immer noch an guten Tagen, aber anprobieren in einer Umkleidekabine? Niemals. Bis heute. Paul handelte dann für sich auch noch eine neue Mütze raus, die nicht unbedingt nötig gewesen wäre, aber er hat einfach super verhandelt und argumentiert. Da konnte ich dann natürlich nicht nein sagen.

Einfach großartig.

Und als krönenden Abschluss gab es bei ihm heute noch ein Diktat zurück. Nur 2 Fehler. Ich bin einfach nur wahnsinnig stolz auf ihn. Und freue mich, dass in der Schule offenbar langsam ankommt, dass Autismus nicht mit einer kognitiven Behinderung gleichzusetzen ist. Vor ein paar Wochen sollte er in Deutsch (und Mathe) noch auf das Niveau vom Anfang der 1. Klasse zurückgestuft werden.

Paul ist ebenfalls sehr stolz auf sich, das merkt man ihm an. Aus solchen Erfolgserlebnissen zieht er immer viel Kraft und Selbstbewusstsein. Und ich würde ihn jetzt am liebsten umarmen und knuddeln, gebe mich aber auch mit dem von ihm angebotenen High-Five zufrieden. Und freu mich einfach.