ABA – Bericht eines „Klienten“

Wobei Klient in diesem Zusammenhang wirklich extrem zynisch klingt, Opfer wäre wohl die bessere Wortwahl.

Den folgenden Bericht habe ich für die Facebookseite ABA und andere Therapien – Wir klären auf übersetzt. Da er aber so weit wie möglich verbreitet werden sollte, damit sich auch wirklich niemand mehr in Ausreden und typische ABA-Rhetorik flüchten kann, veröffentliche ich die Übersetzung auch hier.

Der Originalbeitrag stammt von der Facebookseite von Amethyst Schaber.
Link zur Quelle:

https://www.facebook.com/notes/amythest-schaber/then-we-did-it-again-and-again-and-again/1632106577053627

Hier die vollständige Übersetzung inklusive der einleitenden Worte von Amethyst Schaber:

 

Dann haben wir es wieder getan. Und wieder. Und wieder.

Das Folgende ist der wahre Bericht eines Siebzehnjährigen über seine Erfahrungen mit der Angewandten Verhaltensanalyse oder ABA, auch bekannt als Verhaltensmodifizierung, Gehorsamkeitsausbildung oder Umwandlungstherapie. Dieses Zeugnis ist wichtig und muss geteilt werden, weil es aus der Sichtweise von der autistischen Person stammt, die mit ABA behandelt wurde, dem „Klienten“.

Berichte aus der Innensicht wie dieser sind stark. Sie sind es, die die Misshandlung und den Missbrauch ans Licht bringen. Es sind die Geschichten von Überlebenden, die aufklären, uns lehren und hoffentlich die Wirkung haben, etwas zu ändern. Erfahrungsberichte wie dieser sind wichtig für die Behindertenrechtsbewegung, aber wenn Überlebende laut sprechen, werden ihre Geschichten zu häufig unterdrückt oder von denjenigen bezweifelt, die diese Therapien anbieten und von diesen Systemen des medizinisch sanktionierten Missbrauchs profitieren. Diese Überlebenden müssen geschützt werden, und ihre Erfahrungen so viel wie möglich geteilt.

Ich habe die Grammatik oder Rechtschreibung nicht editiert, und der Inhalt ist genau so, wie es mir zuerst präsentiert wurde, inklusive einiger Schimpfwörter. Der Autor wollte hier auch anonym bleiben, aber der ursprüngliche Inhalt ist als Reblogg auch auf meinem Blog zu finden. (Blog von Amethyst Schaber A.d.Ü.) Zu guter Letzt lebt der Autor noch mit dem Elternteil zusammen, der ihn den ABA Sitzungen unterworfen hat, die auch weiterhin andauern.

Massive Triggerwarnung für: Institutionalisierter Ableismus, medizinischer Missbrauch, Selbstbeherrschung, Kindesmisshandlung, Folter, antiautistischer Ableismus, „ruhige Hände“, emotionaler und psychologischer Missbrauch, Manipulation, Gehorsamkeitsausbildung, gewaltsamer Ableismus, Verletzung.

„ABA Sitzung 1 Niederschrift

Sie haben allein mit meiner Mutter gesprochen. Sie reichten ihr einen Fragebogen mit meinen Gesundheitsdetails und Daten darauf. Sie fragten nicht mich, sie stellten Fragen an sie wie, “Und hat der Patient heute gegessen?” und “Wie ist das Kind mit dem Körperkontakt?” “Wie ist er mit dem Augenkontakt?” “Wie sieht es mit seiner Sprache aus?”

Das Ganze ungeachtet der Tatsache dass, als wir hereingegangen sind, ich ziellos angefangen habe, mit einem 12 oder 13 jährigen Autisten zu plaudern, der neben uns saß, und die Person, die Mutter interviewte, klar hören konnte, dass meine Sprache gut war. Sie haben den Verhaltensplan mit ihr abgestimmt, nicht mit mir, Verhalten, welches ausgerottet werden soll und so.

Nach diesen einleitenden Fragen wurden wir in eines der Therapiezimmer mitgenommen. Sie haben uns hingesetzt und haben eingehend Fragen über meine Interessen und Gewohnheiten gestellt. Sie stellten diese größtenteils an die Mama, den Dingen wie “Wie oft am Tag tut er [Ding]?” Als Mama gesagt hat, dass ich im Internat bin, so dass es besser sei mich zu fragen, haben sie angefangen, mit mir etwas mehr zu sprechen. Sie haben gefragt, wie meine Lieblings-TV-Shows waren, was ich gern mit meiner Freizeit tat, was meine Lieblings-Nahrungsmittel, Süßigkeiten, Getränke, usw. waren.

Sie haben mich nach der Schule gefragt, was ich studierte, und ob ich mich für Uni usw. interessierte. Sie haben schnell festgestellt, dass ich liebe zu lesen und herausgefunden habe, dass mein größtes spezielles Interesse Dichtung des 20. Jahrhunderts ist. Mama hatte ihnen das vorher erzählt. Ich habe erklärt, dass ich viel für meine Unibewerbung lesen muss, und dass ich viel über einen Bereich der Literatur wissen musste, und dass 20. Jahrhundert-Dichtung der Bereich ist, den ich am meisten liebe zu forschen.

Sie legten dann die Verstärker fest, die sie verwenden würden. Sie haben von mir mein Telefon weggenommen. Sie haben Mama beauftragt, zur folgenden Sitzung jedes einzelne meiner Dichtungsbücher mitzubringen und mir keine mehr zu kaufen. Sie haben Mama gesagt, dass mir „Magic Stars“ (Süßigkeit A.d.Ü.) nicht erlaubt wurden (ich werde gewöhnt..) außerhalb der Sitzungen, haben meine Harry Potter Bücher genommen, haben Mama gesagt, dass mir nicht erlaubt sei, Hannibal außerhalb eines Zusammenhangs als Verstärker zu sehen, haben versucht, mir meine Musik zu nehmen, aber ich habe gesagt, dass das unmöglich war, weil es alles in der Cloud ist, so dass ich im Stande sei, darauf zuzugreifen, egal was sei.

Als sie gesagt haben, dass mir nicht erlaubt würde, Dichtung zu lesen, flippte ich verdammt aus. Ich habe gesagt, dass ich sie für Uni Anwendungen habe, und sie haben gesagt „Gut, dann benimm dich besser” und meine Mama aus dem Zimmer geschickt, so dass sie mit mir arbeiten konnten. An diesem Punkt kamen zwei andere Therapeuten herein, also gab es 4 von ihnen und 1 von mir. Sie nahmen mir die Bücher weg, die Mama mich hat mitbringen lassen, auch das was ich in meinem Elternhaus für die Ferien hatte. Das hat meine Sammlung der Dichtung von Auden eingeschlossen, an der mein Herz und Seele hängt, mein Larkin und mein Ginsberg. Meine Lieblingsdichter.

An diesem Punkt bin ich in Panik geraten. Ich habe angefangen, wie ein Verrückter zu stimmen, meine Hände auf den Seiten meines Kopfs reibend, um zu versuchen, mich zu beruhigen und das Summen in meinem Kopf zu stoppen, das aus der Panik kam, von meinem Selbst getrennt zu werden. Fehler Nummer 1. Sie haben mir gesagt aufzuhören, und ich habe nicht auf sie gehört. Fehler Nr. 2. Sie haben dann meine Hände körperlich genommen.

Dieser Schmerz, weil ich Körperkontakt mit Leuten nicht mag, zu denen ich kein sehr gutes Verhältnis habe, verursachte einen Meltdown, der sich wie Stromschläge anfühlte. Ich habe geschrien und habe angefangen, zu weinen und zu schreien, damit sie mich nicht berühren, verzweifelt versuchend, meine Hände aus ihrem Griff zu bekommen. Fehler Nr. 3. An diesem Punkt hielten zwei von ihnen mich fest, einer an jedem Arm. Als ich versucht habe loszukommen, haben die anderen zwei mich im Wesentlichen zum Boden gerungen, zwangen mich auf die Knie, dann mich auf meinen Rücken zu legen. So hielten sie m,ich fest, während ich schrie und schrie und versuchte los zu kommen.

Drei Männer und eine Frau, die meinen Kopf runterdrückte, so konnte ich nicht ihn von Seite zu Seite werfen oder in auf den (ein bisschen ausgepolsterten, wie auf Kinderspielplätzen) Fußboden knallen. Ich weiß nicht, wie lange sie mich so gehalten haben, aber es war, bis ich so viel geschrien und so viel gekämpft hatte, dass ich erschöpft zusammenbrach und an diesem Punkt war …, wo ich weiterhin weinte und den Schmerz fühlte, aber unfähig war irgendetwas dagegen zu tun, weil meine Muskeln gerade nicht mehr reagierten. Es waren mindestens zwanzig Minuten.

An diesem Punkt sind sie von mir runter gegangen, und einer der Männer hat mich aufgehoben. Ich fühlte mich wie ein Zombie. Sie haben mich zu einem Tisch mit einem Stuhl auf beiden Seiten geführt, und ich habe mich auf einen von ihnen gesetzt. Sie haben mir einen Becher mit Wasser gegeben (die Art Becher wie bei Kleinkindern), und ehrlich war ich so erschöpft, dass es mir egal war und ich aus dem gottverdammten Kleinkindbecher getrunken habe. Die Frau, die die Sitzung führte, saß mir gegenüber und begann sehr gönnerhaft darüber zu sprechen, dass sie Wutanfälle nicht dulden. Ich konnte nicht wirklich hören, es ist ähnlich gewesen als ob ich im Inneren von einem Schwimmbad war. Ich denke, dass ich zustimmend genickt habe.

Sie haben dann einige Karteikarten mit Bildern darauf herausgeholt und haben mich sagen lassen, was ich sehe, ob ich gut sei, meine Sprache gut ist. Ich konnte mich kaum hören, Das Schwimmbadsyndrom und all dies, aber ich weiß, dass ich antwortete. Sobald sie begriffen haben, dass ich das konnte, haben sie Storyboards mit Bildern gebracht und haben mich die Geschichten erzählen lassen. Auch gut. Sie haben mir 15 Minuten mit meinem Telefon danach gegeben.

Dann haben sie angefangen mich zu trainieren, dass ich Augenkontakt auf den Befehl “Augen” hin zu halten. Sie haben versucht, das mit dem Essen als Belohnung zu tun, was nicht funktioniert hat, weil ich lieber auf etwas Schokolade verzichte als Augenkontakt für mehr als einen Moment zu halten. So hat die Frau mein Kinn ergriffen und hat mich gezwungen, ihr in die Augen zu schauen.

Ich habe unkontrollierbar angefangen, mit meinen Händen auf meine Knie zu trommeln, also haben sie “ruhige Hände!“ gesagt und meine Hände festgehalten, mit den Handflächen gegen den Schreibtisch gedrückt und zählten langsam bis drei. Ich habe sie dort gelassen, so lange ich gekonnt habe. Sie haben verschiedene Belohnungssysteme versucht, um zu veranlassen, dass ich in ihre Augen schauen würde, nichts hat funktioniert. Ich habe fortgesetzt, mit meinen Händen zu stimmen und nach den dritten “ruhigen Hände!” und Festhalte-Ritual, haben sie sie an den Armlehnen des Stuhles festgeschnallt, auf dem ich saß. Er hatte extra für diesen Zweck angebrachte Riemen.

Sie haben den gewünschten Augenkontakt erreicht, indem sie gesagt haben, dass, wenn ich ihn 3 Minuten halten könnte, sie mir 9 Minuten mit dem Auden geben würden, den sie mir weggenommen hatten, 4 Minuten Blickkontakt = 12 Minuten der Dichtung und so weiter. Ich habe Augenkontakt gehalten, bis ich geweint habe, mein Kopf nach unten hängend, meine Augen fest geschlossen, am Stuhl festgeschnallte Hände. Sie ließen mich so sitzen bis ich aufgehört habe zu weinen, gaben mir dann das Buch (ich hatte geschafft, sie auf 15 Minuten hochzuhandeln). Dann haben wir es wieder getan. Und wieder. Und wieder.

Danach haben sie mit Körperkontakttraining angefangen. Händedrucke zuerst, ich hielt 3 aus, bevor ich angefangen habe, gleichzeitig mit der anderen Hand zu stimmen. Sie haben “ruhige Hände!“ gesagt und meine Hände jedesmal an meinen Seiten festgehalten bis sie bis 3 gezählt haben. Sobald ich drei Mal Handschütteln und Augenkontakt hintereinander ausgeführt hatte, sind sie zu Umarmungen übergegangen. Die schrecklich waren. Stichwort Meltdown. Stichwort Unterdrückung.

Sie haben mit den Umarmungen bis zum Ende der 4-stündigen Sitzung (inklusive Interessensermittlung) weiter gemacht und dann bin ich abgereist.“

ABA-Rhetorik in Stichpunkten

In Diskussionen rund um das Thema ABA (Applied Behavior Analysis) tauchen bestimmte Argumente der ABA-Befürworter immer wieder auf. Diese möchte ich mal im einem Post zusammenfassen und setze meine Erklärungen und Antworten dagegen.

1. ABA ist die einzige evidenzbasierte Methode.

Das Argument stimmt insofern, als dass ABA tatsächlich die am häufigsten wissenschaftlich untersuchte Methode ist. Allerdings ist der Schluss, der fälschlicherweise daraus gezogen wird, dass ABA damit auch gleichzeitig die wirkungsvollste Therapieform sei, schlicht falsch. Es werden auch heutzutage noch Studienergebnisse genannt, die eine angeblich 47%ige Erfolgsquote angeben. Dabei wird einfach „vergessen“, dass diese „Erfolge“ nur unter Anwendung von Aversiva, Schlägen und Elektroschocks erreicht wurden und sich auch nur auf das Ergebnis beim Wiederholen eines bekannten IQ-Tests und die mögliche Beschulung in einer Regelschule bezogen. Der IQ-Test wurde schlicht auswendig gelernt und die Beschulung an einer Regelschule bezieht sich rein auf das Verhalten des Kindes. Außerdem sortierte Lovaas bei dieser Studie alle Kinder, die von vornherein nicht so erfolgversprechend zu sein schienen, schlicht gleich aus.

Ausführlichere Erläuterungen zur Wissenschaftlichkeit und Evidenz von ABA gibt es hier
http://blog.realitaetsfilter.com/2015/05/06/die-wissenschaft-von-aba/

und hier
http://autismus-kultur.de/autismus/eltern/heilt-aba-autismus.html


2. Ohne ABA sind autistische Kinder nicht „inklusionsfähig“.

Da hat jemand Inklusion nicht verstanden. So gar nicht. Bei Inklusion geht es eben nicht darum, dass sich diejenigen anpassen, die inkludiert werden sollen. Sondern darum, dass sie genau so angenommen werden wie sie sind.
Das Argument gibt es auch in der Variante: „Ohne ABA könnte mein Kind diese Schule gar nicht besuchen.“ Die Antwort ist identisch. In dem Fall ergänze ich sie aber noch um eine Anmerkung. Wenn das Kind ohne ABA nicht auf dieser Schule sein könnte, dann ist das ein deutliches Indiz dafür, dass das Kind ständig über seine Belastungsgrenzen getrieben wird. Wenn es angenommen würde, wie es ist, müsste es also nicht die Dauer-Überforderung erdulden und es würde eine bessere Schulform für es gewählt? Vielleicht sogar eine Schule, bei der Inklusion keine Worthülse ist?

3. ABA fördert die spätere Selbständigkeit bzw. ermöglicht diese erst.

Das kann gar nicht funktionieren. Ich kann nicht einem Kind erst jegliche eigenständige Entscheidung entziehen, ihm jeden einzelnen Schritt und jede Handlung vorgeben und dann ernsthaft erwarten, dass es später nicht mehr auf das hört, was andere sagen und plötzlich selbständig Entscheidungen trifft. Außerdem wird ja systematisch vermittelt, dass die eigenen Entscheidungen und Empfindungen des Kindes „falsch“ sind. Wer also behauptet, dass ein Kind durch das vorherige entmündigen („Nur ich weiß was gut für dich ist!“) lernt, wie es mündige Entscheidungen zu seinem eigenen Besten treffen kann, der ist entweder sehr naiv oder sehr verblendet.

4. Ohne ABA wird das autistische Kind ja niemals von der Windel loskommen/ niemals sprechen lernen und endet später im Heim. 

Das ist ein sehr beliebtes Verkaufsargument der ABA-Anbieter. Man macht den Eltern, die natürlich das Beste für ihr Kind wollen erstmal so richtig schön Angst. Dummerweise ist das Argument so brutal wie blödsinnig. Da zeigt sich nämlich der Behaviorismus in seiner vollen Pracht. Behaviorismus geht davon aus, dass ein Mensch am Anfang nur eine Art „leere Hülle“ ist, die nur durch zugefügte Reize von außen Dinge erlernt. Radikaler Behaviorismus, wie ihn Skinner, der „Urvater“ von ABA, vertrat, geht davon aus, dass es so etwas wie ein Lernen aus Interesse oder innerem Antrieb und Wissensdrang schlicht nicht gibt. Diese Ansicht ist schon seit etlichen Jahrzehnten überholt. Weswegen es ABA-Befürworter auch nicht wirklich mögen, wenn sie auf die Wurzeln von und die Theorie hinter ABA angesprochen werden.

Und mal ehrlich: Was ist denn so schlimm daran, wenn ein autistisches Kind nicht spricht? Es kommuniziert trotzdem nur eben anders. Durch sein Verhalten, durch Zeigen, durch Talker, Bilder, Schrift etc.
Wenn ein Kind nicht von der Windel loskommt, dann sollte man nach der Ursache Ausschau halten. Es kann an der Wahrnehmung liegen, an Muskelschwäche, an fehlender Signalübermittlung oder schlicht auch an Angst. Je nach Auslöser muss man das Thema von einer anderen Seite aus angehen.
Und das Heim? Ja, die Vorstellung kann beängstigend sein. Das kann ich nachvollziehen. Aber Heime werden ohnehin immer seltener, im Rahmen der Inklusion setzen sich immer mehr offene Wohnformen durch, die ich als Eltern für mein Kind jederzeit vorziehen würde. Auch bei hohem Betreuungsbedarf. Und außerdem gibt auch ABA keinerlei Garantie dafür, dass es bei intensivem Einsatz tatsächlich die genannten Ergebnisse bringt. Zu den Erfolgsquoten habe ich ja weiter oben schon geschrieben.

5. Die Kinder lieben ABA doch und haben ganz viel Spaß dabei. 

Diese Taktik finde ich persönlich besonders perfide. Meist wird dann
auf irgendwelche Aussagen ABA-therapierter Kinder verwiesen, die das
dann angeblich mal gesagt haben sollen und ihren Eltern ja „sooooooo
dankbar“ sind, dass sie dank ABA so viel lernen durften. Woher soll das Kind denn wissen, wie die Alternativen ausgesehen hätten? Und wer garantiert mir, dass diese (sehr seltenen) Aussagen nicht ebenfalls ankonditioniert worden sind? Wie deckt sich das mit den Berichten erwachsener Autisten und ausgestiegener Therapeuten, die davon reden, wie ABA und ähnliche Therapieformen sich tatsächlich auf die seelische Gesundheit auswirken?

6. ABA ist zu 75-90% (die Zahlenangaben schwanken) Spaß für die Kinder.

Das hält meist tieferem Nachbohren nicht stand. Was „Spaß“ ist definieren die Eltern und Therapeuten. Ich habe Videos gesehen, in denen ganz klar sichtbar wurde, dass die Definition des Kindes absolut nicht mit der der Eltern übereinstimmte.

7. Wenn wir ABA nicht gehabt hätten, wäre unsere Familie zerbrochen und unser Kind wäre im Heim, wo es medikamentös ruhig gestellt würde. Ist das die bessere Alternative?

Da wird massiv das Leiden der Eltern in den Vordergrund geschoben, um z.B. ethische Bedenken zur Seite zu wischen. Bei dieser Art von Argumentation möchte ich den Eltern eine Therapie nahelegen. Es ist nicht gesund und der Entwicklung eines Kindes (egal ob autistisch oder nicht) nicht förderlich, wenn das Kind für den Fortbestand der Ehe der Eltern verantwortlich gemacht wird. Außerdem werden dabei die Bedürfnisse des Kindes völlig in den Hintergrund geschoben, so als ob es keinerlei Rechte hätte.

8. Verleugnung der Geschichte von ABA

Die 47% Erfolgsquote von Lovaas werden gerne zitiert. Wird man in der Diskussion konkreter, was die Methoden von Skinner und Lovaas beispielsweise angeht, heißt es, dass man das natürlich heutzutage ganz anders sieht und selbstverständlich total verurteilt, wie das damals so gelaufen ist. Heutzutage würde ja „neues“ ABA ohne Aversiva durchgeführt. Hakt man da konkret ein wie das mit dem Entzug von Lieblingsdingen als Verstärker aussieht oder dem Verweigern von Rückzug, wird gerne das Thema gewechselt. Darüber spricht keiner gerne. Dabei ist das eine der wesentlichen Säulen von ABA, auch vom „modernen Spaß-ABA“. Man nutzt die Interessen des Kindes um es dazu zu bringen, dass es kooperiert bzw. tut, was man verlangt. Dazu entzieht man die Interessen dem direkten Zugriff des Kindes. Es muss sie sich verdienen. Und dann gibt es da auch noch das Ignorieren, wenn das Kind „unerwünschtes Verhalten“ oder „Löschungstrotz“ zeigt. Das ist schlicht Liebesentzug und fällt unter die verbotenen psychischen Strafen in der Kindererziehung.

9. Wenn man ABA schlecht findet, dann war es nicht das richtige ABA/ haben die Eltern oder Therapeuten etwas falsch gemacht

Eines der „Totschlagargumente“, die quasi selbstimmunisierend sind. Ironischerweise wird das von allen ABA-Befürwortern so angebracht. Obwohl kommerzielle Anbieter wie Knospe sagen, dass nur ihr ABA das „richtige“ ist. Und die ATZs wiederum sagen, dass das „kommerzielle ABA“ (wie bei Knospe und Co.) ganz schlecht ist und nur ihres das „gute“. Ich kann mir da inzwischen das Lachen nicht mehr verkneifen. Und frage dann gerne nach der ganz konkreten Definition des jeweiligen „richtigen“ ABA. Meist werde ich dann noch kurz unsachlich beschimpft und bepöbelt, bekomme aber keine konkrete Antwort.

Fatal an diesem Argument ist allerdings, dass Eltern, die sich auf ABA eingelassen haben, bei ausbleibenden „Erfolgen“ ebenfalls mit solchen Aussagen abgespeist werden. „Dann habt ihr halt etwas falsch gemacht.“

10. Eltern brauchen Wahlfreiheit

Mein neues Lieblingsargument. Wirklich. Es hat mich jedenfalls zum Lachen gebracht. Was Therapien angeht haben Eltern durchaus sowas wie Wahlfreiheit in Deutschland. Man kann als Eltern bequem entscheiden, ob man mit dem Kind Heilpädagogik macht, ein Sozialkompetenztraining, ein ATZ aufsucht, einfach aus Spaß Reiten geht oder auch schlicht gar nichts besonderes. Man braucht kein ABA für Wahlfreiheit bei Therapien. Und im Gegenzug möchte ich darauf hinweisen, dass die hier geforderte „Wahlfreiheit“ dort aufhört, wo die Freiheit und die Rechte des Kindes eingeschränkt werden. Man hat auch keine Wahlfreiheit, wenn es darum geht, ob Kinder geschlagen werden dürfen. Man kann nicht wählen, ob man dem Kind heute etwas zu essen gibt oder erst in 4 Tagen. Und da sind wir auch schon wieder bei dem Hauptargument gegen ABA. Ethik, Moral und die Menschenrechte. Wenn ich mich an Dinge wie „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ und „Es darf kein Mensch aufgrund seiner Behinderung diskriminiert werden“ halte, dann ist die Luft für ABA schon sehr dünn. Zur Diskriminierung zählt nämlich auch, Menschen auszuschließen, weil sie sind wie sie sind. Und sie verbiegen zu wollen mit der Begründung, dass sie sich ihre Teilhabe an der Gesellschaft erstmal verdienen müssten. Ja, ich hör schon den Aufschrei, dass das ja auch kein ABA-Befürworter so gesagt hätte. So deutlich nicht. Aber denkt man die Argumentation mal zu Ende, läuft es doch genau darauf hinaus.

11. Das ganze Leben ist Konditionierung

Wenn man dann so ziemlich alle anderen Argumente durch hat, greifen ABA-Befürworter ganz tief in die Trickkiste. „Kindererziehung ist immer Konditionierung!“ oder auch „Wenn du arbeiten gehst, dann ist der Lohn am Monatsende auch nur ein Verstärker.“ Da kommt dann das einfach gestrickte Menschenbild hinter ABA so richtig schön zum Vorschein. die Theorie hinter dem operanten Konditionieren geht (fälschlicherweise wie wir seit 50 Jahren wissen) davon aus, dass der Mensch immer eine Belohnung braucht. Um das zu widerlegen, muss man nicht erst lange in der theoretischen Psychologie oder der Hirnforschung lesen. So ziemlich jeder kennt das Sprichwort „Aus Fehlern wird man klug“. Würde der Mensch also tatsächlich nur dann etwas tun oder lernen, wenn es gesichert hinterher eine positive Verstärkung dafür gibt, dann wäre die Menschheit schon ausgestorben, bevor sie sesshaft geworden wäre. Und denken wir nur mal an die großen Erfinder. Nehmen wir einen Edison, einen da Vinci, einen Kepler oder eine Marie Curie. Keinem von ihnen winkte eine Belohnung, zum Teil wurden sie sogar verfolgt und ausgelacht. Und trotzdem haben sie weiter geforscht. Der Mensch lernt von klein auf aus einem Forschungs- und Wissensdrang heraus. Kleine Kinder kippen immer wieder das Wasser aus dem Trinkbecher aus, um zu erforschen, ob es auch beim 5. Mal noch eine Pfütze bildet. Sie werfen Schlüsselbunde auf den Boden, um zu überprüfen, ob sie auch diesmal wieder nach unten fallen und so toll klappern. All dies geschieht nicht aus einer Konditionierung heraus. Im Gegenteil, da die Kinder meist sofort sanktioniert werden (Mama schimpft oder guckt böse und nimmt den Becher weg) müssten sie nach der Logik hinter ABA sofort damit aufhören und das Verhalten für immer abstellen.
Und noch etwas: Wäre ABA ein normales Erziehungskonzept, würde nicht im §1631 im BGB stehen, dass Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben, bei dem seelische Verletzungen nicht zulässig sind. Nichts anderes als seelische Verletzungen werden aber autistischen Kindern zugefügt, wenn sie ignoriert werden (Liebesentzug), weil sie sich nicht verhalten, wie es Therapeut oder Eltern wünschen. Natürlich hinterlässt es seelische Spuren, wenn das Kind nur dann angenommen und geliebt wird, wenn es „normal“ wirkt. Auch darüber können leider erwachsene Autisten viel berichten.

12. „Menschen, die eine positive Entwicklung durch ABA gemacht haben, werden nicht gehört“

Falsch. Sie können sich selbstverständlich jederzeit zu Wort melden. Das passiert nur irgendwie nicht. Ihnen wird nicht (wie gerne behauptet wird) der Mund verboten und sie werden auch nicht eingeschüchtert. Wenn man positive Berichte liest, dann immer nur von Eltern oder Anbietern. Gerade bei den Eltern bewundere ich immer die hellseherischen Fähigkeiten, die sie offenbar besitzen. „Ohne ABA wäre mein Kind im Heim und ruhiggespritzt“ (Originalzitat aus einem Kommentar unter einem Blogbeitrag von Aktion Mensch zur Einstellung der ABA-Förderung). Dass sich autistische Kinder auch entwickeln, kommt bei ABA-Verfechtern einfach nicht vor.

13. Autisten sind behindert und können deshalb nicht für sich selbst sprechen.

Da denkt man, noch schlimmer könnte es nicht werden. Und dann sowas. Und weil ich das nicht glauben würde, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gelesen hätte, hier der genaue Wortlaut: „Was mich auch sehr irritiert, die Gegner von ABA sind i.d.R. selber betroffene Menschen im autistischen Spektrum mit definierten Schwierigkeiten z.B. im Sozialverhalten oder in der Kommunikation. Ich finde es richtig und wichtig, auch von ihnen Meinungen und Rückmeldungen zu erhalten. Es bedeutet jedoch, dass es in der Wahrnehmung bzw. Verarbeitung von ihnen ggü. neurotypischen Menschen Abweichungen gibt. Da ist doch eine Diskussion und Konsensfindung von vornherein ausgeschlossen.“ (komplette Wiedergabe, die Abkürzungen stammen aus dem Originalzitat).

Das ist also das Gedankengut von ABA-Verfechtern. Autisten wüssten also aufgrund ihrer anderen Wahrnehmung sowieso nicht, was gut für sie ist und deshalb soll man sie bloß nicht ernst nehmen oder ihnen gar zuhören. Immerhin haben sie ja Schwierigkeiten mit dem Sozialverhalten und der Kommunikation. Deswegen müsse man sie besser bevormunden.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Das ist auf so vielen Ebenen zutiefst verstörend für mich. Ableismus in Reinform. Ich möchte mir nicht ausmalen, was diese Haltung für deren autistische Kinder bedeutet. Die kriegen von klein auf vermittelt, dass ihre Wahrnehmung falsch und defizitär sei. So defizitär, dass sie dringend ignoriert werden muss und sie gefälligst darüber zu schweigen haben. Grauenhaft.

An die Kritiker meiner Beiträge

Liebe Kritiker,

natürlich steht es euch frei, meine Art des Schreibens, die Themen meiner Beiträge, meine Argumentation und mich als Person total „blöd“, „aggressiv“, „uninformiert“ und „kontraproduktiv“ zu finden. Ich habe weder den Anspruch, es allen Menschen recht machen zu wollen noch die Illusion, dass dies überhaupt möglich sei.

Aber bleibt doch bitte fair in euren Bewertungen und Meinungsäußerungen. Ich stelle mich gerne sachlichen Diskussionen und bin immer bereit dazu zu lernen. Sachlich bedeutet allerdings nicht, dass ihr mir Dinge unterstellt, die ich nicht getan habe und dann von mir Stellungnahmen dazu einfordert. Sachlich ist es auch nicht, wenn ihr Quellen von mir einfordert, diese dann ignoriert und Themen-Hopping betreibt.

Ich bin übrigens auch nicht fehlerfrei und ein ganz normaler Mensch mit Ecken und Kanten. Ich habe nie behauptet, dass ich generell für alle Menschen spreche oder gar für alle Autisten. Auf meinem Blog, meiner Facebookseite, Twitter oder in verschiedenen Foren äußere ich meine persönliche Meinung. Ich schreibe über mein Wissen und meine persönlichen Erfahrungen. Bei Beiträgen mit allgemeinem Bezug wie Therapieformen, Diät oder MMS orientiere ich mich an nachprüfbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen, öffentlich verfügbaren Quellen (die ich auf Plausibilität prüfe) und auch Erfahrungsberichten. Manchmal gebe ich diese Quellen auch an, manchmal nicht. Selbst wenn ich sie nicht angebe, kann man einfach per Nachricht oder Kommentar danach fragen. Entgegen mancher Behauptungen schalte ich nämlich kritische Kommentare durchaus frei (was man auch direkt nachlesen kann, wenn man sich mal Kommentarverläufe anschaut).

Ja, ich bin manchmal zynisch, sarkastisch und ironisch in meinen Beiträgen. Auch da greift wieder: Ich habe nicht den Anspruch, es allen recht machen zu wollen. Wem mein Tonfall oder meine Art der Meinungsäußerung nicht passt, der muss mich nicht lesen. So einfach ist das.

Exemplarisch greife ich mir jetzt mal ein paar der Vorwürfe der letzten Zeit auf und antworte darauf.

„Du maßt dir an, für alle Autisten zu sprechen!“

Nein. Habe ich nicht und werde ich nie.

„Du verurteilst Eltern autistischer Kinder pauschal!“

Nein. Ich verurteile nicht alle Eltern, die Dinge anders machen als ich. Ich verurteile Eltern, die mangels Informationen Dinge tun, die ihren Kindern schaden können, sich aber den vorhandenen Informationen einfach verweigern. Ich verurteile Eltern, die trotz ausreichender Informationen an einem offensichtlichen Irrweg festhalten. Und ich verurteile Eltern, die auch noch andere Eltern auf diesen Irrweg führen wollen, obwohl sie es besser wissen. Die Verantwortung dafür will nämlich hinterher keiner übernehmen. Eigentlich suche ich den Dialog. Ich möchte wissen, welche Beweggründe andere Menschen für ihr Handeln haben. Und ja, manchmal rege ich mich auch einfach auf und schreibe meinen Frust nieder. Auch da steht dann aber meine Kommentarspalte offen.

„Du reißt Gräben auf, dabei müssen doch alle an einem Strang ziehen.“

Das kann gar nicht funktionieren. Irgendwer wird sich immer durch irgendwas gestört fühlen. Niemals werden wirklich alle in der Autismus-Community ganz an einem Strang ziehen. Wir werden glühende ABA-Vertreter nicht davon überzeugen können, dass die Lerntheorie, auf der ABA basiert, überholt ist. Wir werden niemanden überzeugen können, sein Kind nicht weiter mit MMS zu vergiften, wenn der sich simpelsten medizinischen und chemischen Grundlagen entzieht und lieber an Wunder glaubt. Wir können es nur immer wieder argumentativ versuchen. Das mache ich.

„Ihr habt im offenen Brief an die EU TEACCH empfohlen. Das ist untragbar und deshalb mache ich nicht mit.“

Es ist vollkommen okay, dass du das so nicht mittragen kannst. Die einfachste Lösung wäre es gewesen, die entsprechende Zeile einfach wegzulassen und den Brief trotzdem abzuschicken. Es sei denn, dir ist vollkommen egal, was die EU so macht, dann kann man das auch einfach ignorieren. Am wenigsten hilfreich ist es da, sich seitenlang negativ über die Leute zu äußern, die sich die Mühe gemacht haben, den Brief zu schreiben und selbst gar nichts zu tun. Du hättest ja auch gerne einen Alternativvorschlag machen können.

„Wenn ihr so weitermacht, dann ist kein Austausch mit Fachleuten/Entscheidern mehr möglich!“

Das beziehe ich jetzt einfach auch mal auf mich. Es gibt momentan doch ohnehin kaum vernünftigen Austausch mit den genannten Gruppen. Der Austausch mit ihnen wird auch nicht in Gang kommen, wenn man einfach schweigt aus Angst, dass sie sich sonst eventuell abwenden könnten.

„Du schaltest ja keine kritischen Kommentare frei“

Das ist eine glatte Lüge. Ich schalte kritische Kommentare sehr wohl frei und stelle mich auch gerne der Diskussion. Was ich nicht freischalte ist Werbung, die mit dem Thema des Beitrages nicht zu tun hat, Spam und Werbung für MMS und andere schädliche Therapien. Alles andere durfte bisher ungehindert passieren, manchmal dauert es einfach nur ein bisschen mit der Freischaltung, ich sitze nämlich nicht rund um die Uhr am PC.

Es gibt sicher noch mehr, was ich jetzt gerade vergessen habe. Ich möchte jetzt aber noch einen Aufruf loswerden:

Liebe Kritiker, es ist vollkommen okay, euren Unmut über die Dinge zu äußern, mit denen ihr hier nicht einverstanden seit. Das will und werde ich auch niemandem verbieten. Aber bei aller berechtigten Kritik bitte ich euch, nicht zu vergessen, dass sich nur dann etwas bewegt, wenn irgendjemand etwas tut. Aufklärung über Autismus funktioniert nur dann, wenn sich auch jemand hinstellt und aufklärt. Die EU erfährt nur dann, dass nicht alle mit dem Etablieren von ABA als einziger Therapieform einverstanden sind, wenn es ihnen jemand mitteilt. Große Organisationen erfahren nur dann, dass sie nicht als Vertreter für die Interessen aller Autisten und Angehörigen agieren, wenn es ihnen jemand sagt. Es wäre schön, wenn ihr euch auch aktiv einbringt, je mehr Stimmen sich äußern desto besser und differenzierter wird das Bild. Es ist nämlich durchaus ziemlich frustrierend, wenn man Zeit und Energie aufwendet für ein Thema, was einem am Herzen liegt und dann hinterher irgendwo lesen muss, was man alles falsch gemacht hat und wie doof man doch ist, ohne dass ein konstruktiver Verbesserungsvorschlag kommt. Oder eben seitens der Kritiker selbst mal etwas auf die Beine gestellt wird. Lasst uns doch gemeinsam daran arbeiten etwas zu verändern. Auch wenn wir nicht immer einer Meinung in allen Dingen sind oder sein können.