Liebt mich mein Kind?

Diese Frage wird gerade auf Facebook hoch und runter diskutiert. Genauer: Was kann ich als Elter als Liebesbeweis meines Kindes verlangen. Klingt seltsam, oder? Finde ich auch. Auslöser der Diskussion ist dieses unsäglich Video, was in den letzten Tagen viral ging. Was in diversen Boulevard-Blättern Schlagzeilen wie „Ihn zu umarmen ist das größte Geschenk“ machte. In diesem Video (ich verzichte bewusst auf den Link) erzählt ein Vater eines autistischen jungen Mannes über die Beziehung zu seinem Sohn. Wie furchtbar doch das Zusammenleben mit ihm war, weil er selbst- und fremdaggressiv sei. Und wie ihm geraten wurde, ihn ins Heim zu geben. Und wie er -der heldenhafte Vater- sich entschieden hat, für seinen Sohn zu kämpfen. Und wie seine Frau (nicht der Vater, nanu?) alles gelesen hat, was sie über Autismus in die Finger bekommen konnte. Und wie sich beide entschlossen, ein ABA-Zentrum einzurichten, um ihren Sohn gefügig zu machen. Verzeihung, in dem Video heißt es natürlich „ihn zu erziehen“. Sieht dann konkret so aus: Sohn ist durch ein lautes Husten seines Vaters irritiert und schlägt nach dem Vater. Man hätte dem Sohn jetzt natürlich einfach Lärmschutzkopfhörer anbieten können. Oder in ein Kissen husten, wie man es auch macht, wenn das Baby gerade neben einem eingeschlafen ist und man husten muss. Aber unsere heldenhaften Eltern machten ja ABA und so wurden ihm die Schläge als Kommunikationsmittel abtrainiert. Wie genau wird nicht erwähnt, aber wer sich lange genug mit ABA befasst hat, kann es sich sicherlich denken. Und weil man einmal dabei ist, kann man dem Sohn noch viel mehr Dinge antrainieren, ach nein „ihn erziehen“. Zum Beispiel Küsschen geben auf Kommando oder sich umarmen lassen. Toll, oder? Und dann setzt man sich vor eine Kamera und erzählt mit Tränen in den Augen, dass es ja das größte Geschenk sei, dass der Sohn sich umarmen lässt. Weil man ja endlich wisse, dass er einen auch liebt.

Ich hätte einen Aufschrei der Entrüstung erwartet. Immerhin wird in dem Video sehr deutlich gesagt, dass man den Sohn mit ABA so weit gebracht hat. Allgemein wirkt das Verhalten des Sohnes und der Umgang mit dem Vater total angespannt. Für mich sieht es so aus, als hätte der Sohn Angst etwas falsch zu machen und würde versuchen, seinem Vater jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Mich hat das sehr an einen verprügelten Hund erinnert. Inklusive der geduckten Körperhaltung.

Zu meinem Entsetzen empörte sich allerdings kaum einer. Im Gegenteil, fast alle fanden das Video total „entzückend“, „inspirierend“, „toll“ und lobten überschwänglich den Vater. Selbst Menschen, die ich bisher für gestandene ABA-Gegner hielt. Offenbar ist das „Liebe zeigen“ ein echter Trigger für viele Eltern autistischer Kinder. Es zählt scheinbar nur als Zeichen der Liebe, wenn das Kind Körperkontakt zulässt. Auch gegen seinen Willen und auch, wenn es total unangenehm ist. Ich frage mich, ob in den letzten Jahren mal jemand wirklich zugehört hat, wenn Autisten über ihre Wahrnehmung und ihre Gefühle sprachen und schrieben? Wie kommen eigentlich plötzlich alle auf das schmale Brett, dass ein „bisschen ABA“ und ein „bisschen Zwang“ zu Körperkontakt schon in Ordnung sei, wenn dadurch die Eltern sich endlich richtig geliebt fühlen können?

Wisst ihr, ich verstehe sogar sehr gut, dass es schmerzhaft ist, wenn das eigene Kind Körperkontakt, Umarmungen und Küsse drastisch ablehnt und sich sogar dagegen wehrt. Paul war und ist auch so. Ja, es tut weh als Mutter, wenn man sein Kind voller Stolz in den Arm nehmen möchte und es tritt nach einem. Wenn man es nach einem bösen Sturz tröstend in den Armen wiegen will und es läuft schreiend vor einem weg. Aber auch das ist nun mal eine mögliche Facette von Autismus. Ich als Elter habe die Wahl: Stelle ich meine Bedürfnisse über die des Kindes und trainiere ihm an, dass es Körperkontakt ertragen muss (mit all den Konsequenzen daraus), um mir die Illusion einer Zuneigungsbekundung zu errichten? Denn freiwillig wird mich mein Kind auch mit Training nicht umarmen und ein aufrichtiger Liebesbeweis sieht anders aus als eine mechanische Berührung. Oder bin ich bereit, meinem Kind die Zeit zur Entwicklung zu geben und lasse mich auf seine Art der Kommunikation ein? Ich würde wetten, dass auch Kinder, die jede Form von Körperkontakt ablehnen, ihren Eltern trotzdem zeigen, dass sie sie lieben. Bei Paul war und ist es so. Er zeigt mir seine Liebe durch sein Vertrauen zu mir (ein Vertrauen, dass ich nicht durch ABA und erzwungenen Körperkontakt missbrauchen würde), er zeigt seine Liebe, indem er darauf besteht, dass ich ihm seine Bettdecke zurecht zupfe, obwohl Papa das eben so gut kann. Er zeigt mir seine Liebe indem er mich an allen seinen Sorgen und seinen Freuden teilhaben lässt. Er bastelt für mich. Er versucht mir einen Gefallen zu tun, damit ich mich freue. All dies sind überdeutliche Zeichen seiner Liebe. Ich brauche dafür keine Umarmungen (auch wenn ich mich trotzdem darüber freue, dass es inzwischen manchmal dazu kommt). Das rührt jetzt natürlich nicht Millionen Menschen zu Tränen wie dieser Werbespot, aber ich wäre ohnehin schon damit zufrieden, wenn mein Text ein kleiner Denkanstoß wäre.

Meine Fragen an ABA-Befürworter

In den letzten Tagen lief ja die Diskussion rund um ABA mal wieder auf verschiedenen Plattformen. Leider blieben auch jetzt wieder viele Fragen unbeantwortet.

Liebe ABA-Befürworter, ich verstehe euch nicht. Da habt ihr die Möglichkeit mit den „bösen ABA-Gegnern“ direkt zu diskutieren und eure Argumente abseits der üblichen ABA-Rhetorik mal sachlich darzulegen und dann nutzt ihr diese Chance nicht. Warum nicht? Deshalb stelle ich meine Fragen jetzt hier. In der Hoffnung, dass es vielleicht doch noch sachliche Antworten von euch darauf gibt. Um zu vermeiden, dass ich mir anhören muss, dass das ja nicht so gesagt worden wäre, werde ich nach Möglichkeit Zitate und Quellenangaben nennen.

1. Warum argumentiert ihr mit wissenschaftlicher Evidenz und zitiert die angebliche Wirksamkeit z.B. aus den Lovaas-Studien, wenn ihr doch selbst sagt, dass das „moderne ABA“ mit dem von Lovaas überhaupt nichts mehr zu tun hat?

Beispiel:

Trotz der Unterbrechung des Lernprozesses haben Verhaltensforscher, sich verlassend auf die Prinzipien der Lerntheorie, effektive Methoden entwickelt, um autistische Kinder zu unterrichten. Forschungen über drei Jahrzehnte hinweg von Dr. Ivar Lovaas und seinen Kollegen an der Universität von Kalifornien (UCLA) haben überzeugend demonstriert, dass intensive, frühe Intervention die Funktionen von autistischen Kindern verbessern kann.

Zwei Nachbehandlungsstudien, die 1987 und 1993 publiziert wurden, haben gezeigt, dass 9 von 19 Kindern, welche intensive Verhaltensbehandlung erhielten, reguläre Klassen erfolgreich abschließen konnten.

Quelle: Knospe ABA

Vielfältige wissenschaftliche Effektivitätsstudien belegen, dass durch sog. „EIBI (Early Intensive
Behavioural Intervention)-Programme, die eine

  • sehr früh einsetzende (bis zum 5. Lebensjahr),
  • autismusspezifische,
  • verhaltenstherapeutisch orientierte,
  • hoch intensive Intervention (30-40 Std./Woche) einsetzen,

alle geförderten Kinder signifikante Lernfortschritte machen, 30-40% sogar ein annähernd normales
Funktionsniveau erreichen können.

Quelle: IFA-Bremen

Daraus resultiert:

2. Wieso schweigt ihr so hartnäckig, wenn ihr darauf hingewiesen werdet, dass Lovaas seine Ergebnisse nur unter Anwendung von Aversiva, Schlägen und Co. erreicht hat und zusätzlich seine Studienteilnehmer sehr selektiv ausgewählt hat (nur die erfolgversprechenden Kinder durften in die ABA-Gruppe, der Rest wurde aussortiert bzw. in die Kontrollgruppe gesteckt, die Voraussetzungen waren also in beiden Gruppen von vornherein ungleich)?

3. Warum leugnet ihr, dass eines der Kernziele von ABA darin besteht, dass die Kinder sich nicht mehr autistisch verhalten? Obwohl genau damit doch ABA begründet wird?

ABA und AVT haben als Hauptziele den Abbau von Verhaltensproblemen, wie Zwängen oder Selbststimulation und den Aufbau oder die Erweiterung von angemessenen Fähigkeiten, wie die Erweiterung kommunikativer Funktionen oder angemessenem Sozialverhalten

Quelle: Vera Bernard-Opitz

Es geht darum, dass die Kinder ihr gelerntes autistisches Verhalten vergessen und ein neues erlernen

Quelle: Hermann Cordes (IFA-Bremen)

4. Warum argumentiert ihr, dass Inklusion für Autisten nur dann möglich sei, wenn sie vorher mit ABA therapiert worden sind? Wisst ihr nicht, dass Inklusion bedeutet, jemanden zu anzunehmen wie er ist?

Hier ein Film der reformpädagogischen Grundschule, die mein Sohn besucht. Das er so viel gelernt hat und dort teilnehmen und mitmachen kann, verdanken wir der angewandten Verhaltensanalyse (ABA)

Quelle: Kommentar einer Mutter auf der Seite von Aktion Mensch

5. Warum seid ihr nicht in der Lage klipp und klar zu schildern, wie genau ABA bei euch umgesetzt wird. Warum werden da immer nur vage Andeutungen gemacht? Warum wird immer der „Spaß“ des Kindes so betont, dann aber die Frage nicht beantwortet, wer diesen Spaß denn nun definiert?

Wir haben immer SPASS bei der Erarbeitung neuer Ziele- denn zu 80 % sollen die Kinder bei der Sache Spass und Lust haben. Das erarbeiten der Ziele soll nur 20 % betragen.

Quelle: Eine Mutter auf der Facebookseite von Aktion Mensch.

Meine Erfahrung ist vielmehr, und da versuchen wir uns so gut es geht nach dem in einem Workshop gelernten zu richten, dass ABA zu ⅔ daraus besteht eine gute Zeit miteinander zu haben und zu ⅓ aus kurzen, zum jeweiligen Zeitpunkt für das Kind leistbaren, Aufgaben.

Quelle: Ein Vater auf der Facebookseite von Aktion Mensch.

6. Wenn das Kind die Aufgaben bereits leisten kann, warum muss es sie denn erst erlernen?

Siehe 2. Zitat unter Punkt 5.

7. Wenn es bei ABA überwiegend darum geht eine positive Zeit mit dem Kind zu verbringen, wofür braucht man dann ABA?

Dann würde es ja reichen, wenn statt 40 Stunden Therapie pro Woche nur 10 bezahlt werden würden. Ich werde ja auch nicht für das Spielen mit meinen Kindern bezahlt.

8. Wenn es bei ABA darum geht, dass die Eltern lernen, die Besonderheiten ihres Kindes kennenzulernen und die Umgebung entsprechend zu gestalten, warum macht man dann nicht lieber einen Elternkurs oder lernt von erwachsenen Autisten?

Die Teilnahme am Bremer Elterntraining hat bei uns bewirkt, dass wir als Eltern die Verhaltensauffälligkeiten, die Störungen in der Interaktion und Kommunikation unseres Sohnes erkennen und verstehen können. Wir haben gelernt, wie wir im Alltag mit ihm umgehen müssen bzw. Situationen gestalten müssen, wie wir unsere Kommunikation und Interaktion mit unserem Sohn strukturieren müssen, auf dass er sich im Alltag zurecht findet

Quelle: Kommentar einer Mutter bei Aktion Mensch

Wir als Familie konnten unheimlich viel lernen was das Verhalten unserer Tochter angeht. Wir können es besser verstehen und finden Wege damit umzugehen.

Quelle: Facebookseite der Aktion Mensch

9. Warum behaupten Sie immer wieder, dass das kritisierte ja das „falsche“ ABA sei, sind aber nicht in der Lage zu definieren, was denn nun das „richtige“ ABA ist? Ist Ihnen bewusst, dass jeder ABA-Anbieter so argumentiert?

Der eine behauptet, dass Knospe „richtiges“ ABA sei, der nächste sagt, dass das ABA kommerzieller Anbieter prinzipiell abzulehnen sei usw.

Ich verstehe auch nicht wovon Sie eigentlich reden, denn das was Sie als ABA bezeichnen ist kein ABA.

Quelle: Facebookseite der Aktion Mensch

10. Wenn man Ihnen ABA-Praxisvideos zeigt, auf denen deutlich erkennbar ist, dass die dort vorgeführten Kinder sehr wohl kommunizieren (verbal und nonverbal) und deutlich ausdrücken, wie unangenehm die Situation für Sie ist, warum gehen Sie dann nicht darauf ein? Oder kommen wieder nur mit der „das ist das falsche ABA“-Nummer?

11. Warum ignorieren Sie Erfahrungsberichte von Autisten oder ehemaligen Therapeuten, die ABA erlebt haben oder kommen mit der „das war ja das falsche ABA“-Argumentation?

Dieser Bericht ist doch alles andere als repräsentativ. Da wurde offenbar nicht nach den strengen Ethikstandards gearbeitet, die normalerweise bei ABA/AVT Anwendung finden. Leider gibt es auch Schwarze Schafe, wie in diesem Fall. Deshalb ist doch aber nicht prinzipiell eine Methode schlecht.

Quelle: Facebookseite von Aktion Mensch

12. Warum ignorieren Sie generell die Innensicht von Autisten, ihre Erklärungen und ihre Meinung über ABA bzw. unterstellen Kritikern pauschal Nichtwissen?

Jeder beruft sich auf irgendwelche Einzelinformationen – gepaart von Einzelinformationen von anderen Nichtwissenden. Man muss nicht zu allem eine Meinung haben- vorallem wenn man wenig bis keine Ahnung hat .

Quelle: Kommentar auf dem Blog Innerwelt

13. Warum verwaschen Sie Diskussionen über ABA indem Sie ABA mit ganz anderen Ansätzen vermischen und dann so tun als wäre das alles ABA?

Die Lösung war ein Teller, so ein bunter Kinderteller, dass war dann sein Teller. Er hatte ihn immer beim Essen. Die herausfordernde Situation wurde so gelöst, dass ich mich wenn ich mit kochen fertig war, kurz neben meinen Sohn gesetzt habe. Ich habe ihm seinen Teller gegeben und die Eisenbahn durfte nochmal fahren. Dann haben wir Sie gestoppt und mein Sohn ist aufgestanden, hat seinen Teller zu seinem Platz getragen. Als ich das das erstmal erlebt habe, habe ich geweint. Ich war so froh und glücklich, dass mir jemand geholfen, das zu lösen. Die Eisenbahn kommt bis heute auf einen Parkplatz neben dem Eßtisch, damit er weiß, dass er sie nach dem Essen wieder haben kann.

Quelle: Facebookseite der Aktion Mensch

Das Vorgehen im Zitat hat mit ABA bzw. Behaviorismus überhaupt nichts zu tun, wurde aber als Beispiel angeführt. Im Behaviorismus geht es um Konditionierung, die dort ganz klar nicht erfolgt ist.

14. Sie wissen angeblich, dass Autismus eine Entwicklungsverzögerung ist, ignorieren das dann aber bei der Formulierung der Therapieziele. Wieso?

Kein wörtliches Zitat, aber es wurde argumentiert, dass man als Eltern doch wollen müsse, dass das 6jährige Kind gefälligst alleine zum Bäcker gehen und Brötchen kaufen kann. Oder das vielzitierte Windelproblem. Ein Kind mit 4 Jahren muss windelfrei sein.

Beides würde ich nicht mal unbedingt von einem „Normkind“ verlangen bzw. erwarten. Und gerade autistische Kinder haben im Regelfall eine Pflegestufe. Die haben sie nicht, weil sie mit ein wenig Übung in der Lage sind, alles wie gleichaltrige normal-entwickelte Kinder zu tun.

15. Warum fühlt ihr euch immer gleich persönlich angegriffen, droht mit Anzeigen oder schreibt von Hetze, wenn euch Fragen gestellt werden und eure gewählte Therapieform kritisiert wird?

Blockiert wird, wer mich persönlich angreift, denn auf diesem Niveau diskutiere ich nicht und es dient dem Schutz meiner Person.

Quelle: Facebookseite von Aktion Mensch
Das war eine Reaktion auf die Frage, ob die schreibende Autistin selbst mit ABA therapiert wurde oder wird.

Nun ist es aber mal genug mit der Hetzerei.

Quelle: Facebookseite von Aktion Mensch

16. Das Kind/der Jugendliche möchte also nicht auf die Toilette gehen. Statt zu ergründen, warum dies so ist, wird er also dazu „angeleitet“ (gegen seinen erklärten Willen!), weil das einfach so beschlossen wurde. Mit welchem Recht dürfen Eltern über die intimsten Bereiche des Kindes entscheiden und dabei auch noch Fremde involvieren?

Wenn M. morgens aufsteht ist das erste, dass er lernen muss alleine auf die Toilette zu gehen. Das macht er aber nicht von sich aus. Deshalb ist mein erster Programmpunkt, ihn anzuleiten die Toilette aufzusuchen. Dazu gibt es eine Routine, die abgesprochen ist, damit ich es auch mal delegieren kann.

Quelle: Facebookseite der Aktion Mensch (Hervorhebungen von mir)

17. Wie soll ein autistisches Kind Selbständigkeit erlernen, wenn ihm durch ABA jegliche Entscheidungsfreiheit genommen wird? Fällt Ihnen der Widerspruch nicht auf oder ignorieren Sie ihn bewusst?

Siehe vorheriges Zitat

18. Warum ignorieren Sie Ihr Bauchgefühl als Eltern?

Das war schon sehr konsequent und auf den ersten Blick hart.

Quelle: IFA-Bremen

19. Sie berufen sich so gerne darauf, dass dieses Programm wissenschaftlich wäre und die Therapeuten qualifiziert. Wie passt das damit zusammen, dass Eltern, Schulbegleiter, Babysitter, Erzieher, Lehrer und sogar Klassenkameraden ebenfalls ABA an dem autistischen Kind praktizieren sollen? Woher sollen deren Fachkenntnisse kommen, um das autistische Verhalten korrekt zu analysieren?

Einerseits wird damit argumentiert, dass die Verhaltensanalyse der wichtigste Punkt sei, man erstmal den Grund für das Verhalten herausfiltern müsse, um dann andererseits völlige Laien ohne jegliche Ausbildung oder mit einem Wochenendkurs auf das Kind los zu lassen.

20. Essen wird also wirklich nicht als Verstärker eingesetzt? 

Für jede richtige Antwort bekam Paulo ein Lob oder durfte ein Gummibärchen naschen.

Quelle: IFA-Bremen

21. Wenn doch nur ABA bzw. alle auf Behaviorismus basierende Therapien (da ja gerne vermischt wird)  für Fortschritte sorgen können, wie erklären Sie sich die teilweise gravierenden Fortschritte bei anderen autistischen Kindern, die eben nicht von den Eltern therapiert werden und Intensivprogramme absolvieren?

22. Warum behaupten Sie, dass „irgendwas mit Gummibärchen“ eine falsche Vorstellung sei, die Kritiker von ABA haben, genau dies taucht aber immer wieder in den Erfahrungsberichten auf?

ich habe letztes Jahr als Einzelfallhelfer ein Kind mit Autismus betreut sie war so aggressiv das innerhalb von 1 1/2 15 Einzelfallhelfer an diesem Kind dran waren und die Flucht ergriffen haben . mit Hilfe einer autismusfachfrau habe ich ihr dieses verhalten ab trainiert in dem wenn sie aggressiv war habe ich sie zur Seite gesetzt und wenn sie in Situationen wo sie andere gekniffen und geschlagen hatte es ohne ausgehalten hat bekam sie ein Stück Gummibärchen . bei jeder Aufforderung der Lehrer tickte sie völlig aus sie war 8 . ich währe gern auf Ursachen Forschung gegangen weil ich der Meinung bin das dieses verhalten ein Grund hatte aber die Zeit hatte ich nicht da die Schule sehr uneinsichtig war . aber es hatte geklappt dadurch dass sie weniger aggressiv war nahmen die Kinder wieder mehr Kontakt zu ihr auf und seine ist richtig glücklich . und wir haben einen Schulwechsel beantragt . ich bin dort auch auf sehr viel Kritik gestoßen dass ich sie dressierte aber wenn ich heute sehe wie schön sie mit anderen Kindern spielen kann ohne sie zu masakrieren dann denke ich dass ich es richtig gemacht habe .

Quelle: öffentliche Facebookseite (Die Tippfehler stammen so aus dem Original-Kommentar. Das wiederum bringt mich zurück zu Frage 19 und der Qualifizierung)

 

Ich bin wirklich gespannt, ob ich Antworten bekomme. Die Hoffnung stirbt ja zuletzt.

ABA – Bericht eines „Klienten“

Wobei Klient in diesem Zusammenhang wirklich extrem zynisch klingt, Opfer wäre wohl die bessere Wortwahl.

Den folgenden Bericht habe ich für die Facebookseite ABA und andere Therapien – Wir klären auf übersetzt. Da er aber so weit wie möglich verbreitet werden sollte, damit sich auch wirklich niemand mehr in Ausreden und typische ABA-Rhetorik flüchten kann, veröffentliche ich die Übersetzung auch hier.

Der Originalbeitrag stammt von der Facebookseite von Amethyst Schaber.
Link zur Quelle:

https://www.facebook.com/notes/amythest-schaber/then-we-did-it-again-and-again-and-again/1632106577053627

Hier die vollständige Übersetzung inklusive der einleitenden Worte von Amethyst Schaber:

 

Dann haben wir es wieder getan. Und wieder. Und wieder.

Das Folgende ist der wahre Bericht eines Siebzehnjährigen über seine Erfahrungen mit der Angewandten Verhaltensanalyse oder ABA, auch bekannt als Verhaltensmodifizierung, Gehorsamkeitsausbildung oder Umwandlungstherapie. Dieses Zeugnis ist wichtig und muss geteilt werden, weil es aus der Sichtweise von der autistischen Person stammt, die mit ABA behandelt wurde, dem „Klienten“.

Berichte aus der Innensicht wie dieser sind stark. Sie sind es, die die Misshandlung und den Missbrauch ans Licht bringen. Es sind die Geschichten von Überlebenden, die aufklären, uns lehren und hoffentlich die Wirkung haben, etwas zu ändern. Erfahrungsberichte wie dieser sind wichtig für die Behindertenrechtsbewegung, aber wenn Überlebende laut sprechen, werden ihre Geschichten zu häufig unterdrückt oder von denjenigen bezweifelt, die diese Therapien anbieten und von diesen Systemen des medizinisch sanktionierten Missbrauchs profitieren. Diese Überlebenden müssen geschützt werden, und ihre Erfahrungen so viel wie möglich geteilt.

Ich habe die Grammatik oder Rechtschreibung nicht editiert, und der Inhalt ist genau so, wie es mir zuerst präsentiert wurde, inklusive einiger Schimpfwörter. Der Autor wollte hier auch anonym bleiben, aber der ursprüngliche Inhalt ist als Reblogg auch auf meinem Blog zu finden. (Blog von Amethyst Schaber A.d.Ü.) Zu guter Letzt lebt der Autor noch mit dem Elternteil zusammen, der ihn den ABA Sitzungen unterworfen hat, die auch weiterhin andauern.

Massive Triggerwarnung für: Institutionalisierter Ableismus, medizinischer Missbrauch, Selbstbeherrschung, Kindesmisshandlung, Folter, antiautistischer Ableismus, „ruhige Hände“, emotionaler und psychologischer Missbrauch, Manipulation, Gehorsamkeitsausbildung, gewaltsamer Ableismus, Verletzung.

„ABA Sitzung 1 Niederschrift

Sie haben allein mit meiner Mutter gesprochen. Sie reichten ihr einen Fragebogen mit meinen Gesundheitsdetails und Daten darauf. Sie fragten nicht mich, sie stellten Fragen an sie wie, “Und hat der Patient heute gegessen?” und “Wie ist das Kind mit dem Körperkontakt?” “Wie ist er mit dem Augenkontakt?” “Wie sieht es mit seiner Sprache aus?”

Das Ganze ungeachtet der Tatsache dass, als wir hereingegangen sind, ich ziellos angefangen habe, mit einem 12 oder 13 jährigen Autisten zu plaudern, der neben uns saß, und die Person, die Mutter interviewte, klar hören konnte, dass meine Sprache gut war. Sie haben den Verhaltensplan mit ihr abgestimmt, nicht mit mir, Verhalten, welches ausgerottet werden soll und so.

Nach diesen einleitenden Fragen wurden wir in eines der Therapiezimmer mitgenommen. Sie haben uns hingesetzt und haben eingehend Fragen über meine Interessen und Gewohnheiten gestellt. Sie stellten diese größtenteils an die Mama, den Dingen wie “Wie oft am Tag tut er [Ding]?” Als Mama gesagt hat, dass ich im Internat bin, so dass es besser sei mich zu fragen, haben sie angefangen, mit mir etwas mehr zu sprechen. Sie haben gefragt, wie meine Lieblings-TV-Shows waren, was ich gern mit meiner Freizeit tat, was meine Lieblings-Nahrungsmittel, Süßigkeiten, Getränke, usw. waren.

Sie haben mich nach der Schule gefragt, was ich studierte, und ob ich mich für Uni usw. interessierte. Sie haben schnell festgestellt, dass ich liebe zu lesen und herausgefunden habe, dass mein größtes spezielles Interesse Dichtung des 20. Jahrhunderts ist. Mama hatte ihnen das vorher erzählt. Ich habe erklärt, dass ich viel für meine Unibewerbung lesen muss, und dass ich viel über einen Bereich der Literatur wissen musste, und dass 20. Jahrhundert-Dichtung der Bereich ist, den ich am meisten liebe zu forschen.

Sie legten dann die Verstärker fest, die sie verwenden würden. Sie haben von mir mein Telefon weggenommen. Sie haben Mama beauftragt, zur folgenden Sitzung jedes einzelne meiner Dichtungsbücher mitzubringen und mir keine mehr zu kaufen. Sie haben Mama gesagt, dass mir „Magic Stars“ (Süßigkeit A.d.Ü.) nicht erlaubt wurden (ich werde gewöhnt..) außerhalb der Sitzungen, haben meine Harry Potter Bücher genommen, haben Mama gesagt, dass mir nicht erlaubt sei, Hannibal außerhalb eines Zusammenhangs als Verstärker zu sehen, haben versucht, mir meine Musik zu nehmen, aber ich habe gesagt, dass das unmöglich war, weil es alles in der Cloud ist, so dass ich im Stande sei, darauf zuzugreifen, egal was sei.

Als sie gesagt haben, dass mir nicht erlaubt würde, Dichtung zu lesen, flippte ich verdammt aus. Ich habe gesagt, dass ich sie für Uni Anwendungen habe, und sie haben gesagt „Gut, dann benimm dich besser” und meine Mama aus dem Zimmer geschickt, so dass sie mit mir arbeiten konnten. An diesem Punkt kamen zwei andere Therapeuten herein, also gab es 4 von ihnen und 1 von mir. Sie nahmen mir die Bücher weg, die Mama mich hat mitbringen lassen, auch das was ich in meinem Elternhaus für die Ferien hatte. Das hat meine Sammlung der Dichtung von Auden eingeschlossen, an der mein Herz und Seele hängt, mein Larkin und mein Ginsberg. Meine Lieblingsdichter.

An diesem Punkt bin ich in Panik geraten. Ich habe angefangen, wie ein Verrückter zu stimmen, meine Hände auf den Seiten meines Kopfs reibend, um zu versuchen, mich zu beruhigen und das Summen in meinem Kopf zu stoppen, das aus der Panik kam, von meinem Selbst getrennt zu werden. Fehler Nummer 1. Sie haben mir gesagt aufzuhören, und ich habe nicht auf sie gehört. Fehler Nr. 2. Sie haben dann meine Hände körperlich genommen.

Dieser Schmerz, weil ich Körperkontakt mit Leuten nicht mag, zu denen ich kein sehr gutes Verhältnis habe, verursachte einen Meltdown, der sich wie Stromschläge anfühlte. Ich habe geschrien und habe angefangen, zu weinen und zu schreien, damit sie mich nicht berühren, verzweifelt versuchend, meine Hände aus ihrem Griff zu bekommen. Fehler Nr. 3. An diesem Punkt hielten zwei von ihnen mich fest, einer an jedem Arm. Als ich versucht habe loszukommen, haben die anderen zwei mich im Wesentlichen zum Boden gerungen, zwangen mich auf die Knie, dann mich auf meinen Rücken zu legen. So hielten sie m,ich fest, während ich schrie und schrie und versuchte los zu kommen.

Drei Männer und eine Frau, die meinen Kopf runterdrückte, so konnte ich nicht ihn von Seite zu Seite werfen oder in auf den (ein bisschen ausgepolsterten, wie auf Kinderspielplätzen) Fußboden knallen. Ich weiß nicht, wie lange sie mich so gehalten haben, aber es war, bis ich so viel geschrien und so viel gekämpft hatte, dass ich erschöpft zusammenbrach und an diesem Punkt war …, wo ich weiterhin weinte und den Schmerz fühlte, aber unfähig war irgendetwas dagegen zu tun, weil meine Muskeln gerade nicht mehr reagierten. Es waren mindestens zwanzig Minuten.

An diesem Punkt sind sie von mir runter gegangen, und einer der Männer hat mich aufgehoben. Ich fühlte mich wie ein Zombie. Sie haben mich zu einem Tisch mit einem Stuhl auf beiden Seiten geführt, und ich habe mich auf einen von ihnen gesetzt. Sie haben mir einen Becher mit Wasser gegeben (die Art Becher wie bei Kleinkindern), und ehrlich war ich so erschöpft, dass es mir egal war und ich aus dem gottverdammten Kleinkindbecher getrunken habe. Die Frau, die die Sitzung führte, saß mir gegenüber und begann sehr gönnerhaft darüber zu sprechen, dass sie Wutanfälle nicht dulden. Ich konnte nicht wirklich hören, es ist ähnlich gewesen als ob ich im Inneren von einem Schwimmbad war. Ich denke, dass ich zustimmend genickt habe.

Sie haben dann einige Karteikarten mit Bildern darauf herausgeholt und haben mich sagen lassen, was ich sehe, ob ich gut sei, meine Sprache gut ist. Ich konnte mich kaum hören, Das Schwimmbadsyndrom und all dies, aber ich weiß, dass ich antwortete. Sobald sie begriffen haben, dass ich das konnte, haben sie Storyboards mit Bildern gebracht und haben mich die Geschichten erzählen lassen. Auch gut. Sie haben mir 15 Minuten mit meinem Telefon danach gegeben.

Dann haben sie angefangen mich zu trainieren, dass ich Augenkontakt auf den Befehl “Augen” hin zu halten. Sie haben versucht, das mit dem Essen als Belohnung zu tun, was nicht funktioniert hat, weil ich lieber auf etwas Schokolade verzichte als Augenkontakt für mehr als einen Moment zu halten. So hat die Frau mein Kinn ergriffen und hat mich gezwungen, ihr in die Augen zu schauen.

Ich habe unkontrollierbar angefangen, mit meinen Händen auf meine Knie zu trommeln, also haben sie “ruhige Hände!“ gesagt und meine Hände festgehalten, mit den Handflächen gegen den Schreibtisch gedrückt und zählten langsam bis drei. Ich habe sie dort gelassen, so lange ich gekonnt habe. Sie haben verschiedene Belohnungssysteme versucht, um zu veranlassen, dass ich in ihre Augen schauen würde, nichts hat funktioniert. Ich habe fortgesetzt, mit meinen Händen zu stimmen und nach den dritten “ruhigen Hände!” und Festhalte-Ritual, haben sie sie an den Armlehnen des Stuhles festgeschnallt, auf dem ich saß. Er hatte extra für diesen Zweck angebrachte Riemen.

Sie haben den gewünschten Augenkontakt erreicht, indem sie gesagt haben, dass, wenn ich ihn 3 Minuten halten könnte, sie mir 9 Minuten mit dem Auden geben würden, den sie mir weggenommen hatten, 4 Minuten Blickkontakt = 12 Minuten der Dichtung und so weiter. Ich habe Augenkontakt gehalten, bis ich geweint habe, mein Kopf nach unten hängend, meine Augen fest geschlossen, am Stuhl festgeschnallte Hände. Sie ließen mich so sitzen bis ich aufgehört habe zu weinen, gaben mir dann das Buch (ich hatte geschafft, sie auf 15 Minuten hochzuhandeln). Dann haben wir es wieder getan. Und wieder. Und wieder.

Danach haben sie mit Körperkontakttraining angefangen. Händedrucke zuerst, ich hielt 3 aus, bevor ich angefangen habe, gleichzeitig mit der anderen Hand zu stimmen. Sie haben “ruhige Hände!“ gesagt und meine Hände jedesmal an meinen Seiten festgehalten bis sie bis 3 gezählt haben. Sobald ich drei Mal Handschütteln und Augenkontakt hintereinander ausgeführt hatte, sind sie zu Umarmungen übergegangen. Die schrecklich waren. Stichwort Meltdown. Stichwort Unterdrückung.

Sie haben mit den Umarmungen bis zum Ende der 4-stündigen Sitzung (inklusive Interessensermittlung) weiter gemacht und dann bin ich abgereist.“