Wir sind Autismus


Wir sind Autismus-Banner

Am Wochenende fand in Dresden die 14. Bundestagung von „Autismus Deutschland e.V.“ (ehemals „Hilfe für das autistische Kind“) statt. Im Vorfeld hatte ich überlegt dort teilzunehmen, immerhin bin ich Mitglied in einem Regionalverband von „Autismus Deutschland e.V.“ Und wir sind bequeme Mitglieder, da wir mit den Menschen aus dem Regionalverband und ihrer Sicht auf Autismus überhaupt nicht übereinstimmen, nutzen wir auch die dortigen Angebote nicht. Ich hatte mal in einem Kommentar kurz geschildert, was mich so gestört hat: Bisher dachte ich allerdings, dass diese Leidmentalität (so nenne ich es für mich) eher die Ausnahme als die Regel ist. Anscheinend habe ich mich geirrt.

Mit Interesse verfolgte ich die Tweets direkt von der Bundestagung. Mein Interesse schlug allerdings ziemlich bald in ungläubiges Staunen und blankes Entsetzen um. Auf dem Blog Quergedachtes kann man die Zusammenfassungen einiger Vorträge nachlesen.

Es wird unter anderem behauptet, dass Asperger-Autisten ja quasi keine „echten“ Autisten wären, da sie ja kommunizieren können. Und Autismus in vielen Fällen ohnehin nur eine Modediagnose sei. Und sowieso eine Autismusdiagnose nur dann valide sei, wenn sie zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr gestellt werde. Nein, ich denke mir das nicht aus. Und nein, das sind nicht etwa Meinungen von unwissenden Besuchern der Veranstaltung. Diese Aussagen stammen alle von Rednern, Fachleuten, die von „Autismus Deutschland e.V.“ eingeladen wurden bzw. die sogar Funktionen im Bundesverband ausüben. Ich komme mir gerade vor wie auf einer Zeitreise in die 1950er Jahre des letzten Jahrtausends.

Ich gehöre übrigens genau zur Zielgruppe von „Autismus Deutschland e.V.“. Versteht es sich doch als Selbsthilfeorganisation für die Angehörigen von Autisten. Den Vorträgen folgend wohl hauptsächlich um die Eltern von „Kanner“-Autisten. So wie Paul also. Der bei der Diagnose 4 Jahre alt war. Mensch, da haben wir ja wohl noch mal Glück gehabt.

Es war nicht „Autismus Deutschland e.V.“, der mir nach der Diagnose aufzeigte, was ich nun damit anfangen kann. Es war nicht „Autismus Deutschland e.V.“, der mir Wege aufzeigte, mein Kind zu erreichen. Es war auch nicht „Autismus Deutschland e.V.“, der mir erklären konnte, wie Paul die Welt sieht.
Nein, es waren die erwachsenen Autisten, die mir durch ihre Blogs, Foren, Bücher und Facebookgruppen unschätzbare Hilfen gaben. Diese erwachsenen Autisten, denen „Autismus Deutschland e.V.“ jetzt nicht mal zuhören will, vor deren Blogs sogar gewarnt wird, weil sie Falschinformationen verbreiten würden. Wtf? Ohne diese vielen Erklärungen und Hilfestellungen wäre Paul wohl nicht da, wo er heute ist. Die Erfahrungsberichte sind unschätzbar wertvoll für mich.

Nein, „Autismus Deutschland e.V.“, die Falschinformationen verbreitet ihr! „Autisten sind nicht in der Lage, eine Reise zu planen?“ Das ist ein schlechter Witz. Willkommen in der Wirklichkeit. An eurer Stelle, „Autismus Deutschland e.V.“ würde ich ganz schnell den Dialog suchen und lernen. Damit nicht noch mehr eurer Mitglieder feststellen, dass ihr nicht wisst, wovon ihr redet.

Mehr zur Aktion „Wir sind Autismus“ und jede Menge weitere Blogbeiträge dazu findet ihr unter:
http://blog.realitaetsfilter.com/wir-sind-autismus/

Werbeanzeigen