TEACCH und Paul

Paul wird nach dem TEACCH-Ansatz gefördert. Wobei „gefördert“ nicht der richtige Begriff ist, TEACCH ist eine Grundhaltung, die keine speziellen Techniken vorschlägt.

TEACCH geht davon aus, dass die Schwierigkeiten bei Autisten auf der anderen Wahrnehmung basieren. Außerdem beachtet es die Schwierigkeiten bei der Generalisierung, die oft auftretende hohe Ablenkbarkeit (z.B. durch Außenreize) und die erschwerte Handlungsplanung. Die ethische Grundhaltung von TEACCH ist dabei wertneutral und an der jeweiligen Person orientiert. Das langfristige Ziel ist es nicht, Autisten zu unauffälligen „Normmenschen“ zu machen sondern ihnen die passenden Werkzeuge zu geben, um ein möglichst selbständiges Leben führen zu können und die Teilhabe zu vereinfachen. Bei der Auswahl dieser „Werkzeuge“ orientiert man sich an der aktuellen Entwicklung, den persönlichen Bedürfnissen, den individuellen Stärken und auch Schwächen. Es gibt also keine Anleitung, die besagt: „Wenn Situation X eintritt, machen Sie mit dem Kind Handlung Z“. Das halte ich ohnehin nicht für sinnvoll. TEACCH legt auch sehr viel Wert auf die Umfeldarbeit und die Aufklärung über Autismus. Was nutzt es auch, wenn ein Kind in einer Trainingssituation in der Therapie etwas erlernt, was es dann zu Hause nicht umsetzen kann weil alles anders ist?
Bei TEACCH wird sehr häufig Visualisierung gewählt. Durch Piktogramme, Bildkarten, Fotos oder farbige Markierungen, räumliche Trennungen und Sichtbarmachung zeitlicher Abfolgen. Auch da wird aber genau darauf geachtet, welche Bedürfnisse der jeweilige Mensch hat. Eher weniger als gleich zuviel. Nach Möglichkeit sollen die Hilfen später auch wieder Stück für Stück zurückgefahren werden können, weil sie sich selbst überflüssig gemacht haben.

Soviel zur Theorie. Wie sieht das denn nun aber ganz praktisch z.B. bei Paul aus?

Ein wenig hatte ich in meinem Beitrag „Und was macht ihr dagegen?“ schon geschrieben. Als wir mit der Autismustherapie (eigentlich nicht wirklich das passende Wort, aber so nennt es sich nun mal) begannen, war von Anfang an das Ziel klar: Paul ist Autist und er darf (natürlich!) Autist bleiben. Aber wir wollten lernen, wie wir ihm helfen können in der Welt zurecht zu kommen. Damals war es für uns alle eine sehr schwierige Zeit. Natürlich besonders für Paul. Wir begannen ja gerade erst zu begreifen, dass er nicht immerzu schreit, weint, sich und uns verletzt, weil er wütend oder trotzig oder bösartig ist. Er war einfach heillos überfordert. Ihm fehlte Sicherheit, alles stürmte unkontrolliert auf ihn ein, er war eigentlich im Dauer-Overload. Ich wünsche mir heute noch, dass wir viel früher erfahren hätten, was mit ihm los ist, wir hätten ihm eine Menge ersparen können. Wir haben zwar auch vor der Diagnose manche Dinge instinktiv richtig gemacht (Rückzugsmöglichkeiten, Berührungen vermeiden u.Ä.), aber eben auch ganz viel falsch.
Am Anfang fanden erstmal lange Gespräche mit der Therapeutin statt. Wir sprachen über die Wahrnehmung, über die Notwendigkeit klarer Strukturen, welche Dinge und Situationen offensichtlich besonders belastend für Paul sind, wie sich das äußert und was er besonders gern mag, seine Stärken und Vorlieben. Sie erklärte uns, wie wichtig das Umfeld ist. Dass es quasi essentiell ist, dass das Umfeld sich auf den Autisten einstellt und seinen Bedürfnissen so weit wie möglich entgegen kommt. Damit er überhaupt erstmal die Möglichkeit bekommt, zur Ruhe zu kommen und sich zu öffnen. Zu der Zeit war Paul ungefähr 90% seiner Wachzeit nicht wirklich ansprechbar für uns. Heute kann ich mir das nur noch sehr schwer wieder in Erinnerung rufen.

Wir fingen klein an mit der Strukturierung nach TEACCH. Wir bastelten einen Tagesplan und legten für alles bestimmte Uhrzeiten fest, um erstmal Verlässlichkeit und Sicherheit in den täglichen Abläufen für Paul zu schaffen. Wir visualisierten markante Stationen auf dem Tagesplan durch Piktogramme. Anfangs nur 3 oder 4. Als wir merkten, dass dieser Plan Paul hilft, kamen noch ein paar dazu. Es war aber mitnichten so, dass der ganze Tag minutiös durchgeplant wurde. Wir hatten Piktogramme für den morgendlichen Ablauf – Aufstehen, Anziehen, Frühstück, Zähneputzen, zum Taxi gehen. Ein Piktogramm für die jeweilige Nachmittagsgestaltung – Garten oder Spielplatz oder Spazieren gehen oder zu Hause bleiben, und dann wieder ein paar mehr für die Abendroutine – Baden (2mal pro Woche), Abendessen, Zähneputzen, Schlafengehen. Im Badezimmer hing neben dem Waschbecken eine kleine Zahnputzroutine aus 4 Bildern. Wir gestalteten Pauls Zimmer reizärmer indem wir für seine geliebten Spielsachen ein Regal mit geschlossenen Kisten statt offenen Fächern anschafften und bauten ihm unter seinem Hochbett eine Rückzugshöhle, ein wenig an Snoezelen-Räumen orientiert. Das war alles für den Anfang. Und es war ein absoluter Durchbruch. Verblüffend. Paul nahm den Plan quasi sofort an und man konnte zusehen wie er sich entspannte. Aus dem Tagesplan wurde bald ein Wochenplan von Montag bis Sonntag. Nach nur 2 Monaten gestaltete Paul den Plan jeden Sonntag Abend mit mir zusammen. Nach einem Jahr ignorierte er ihn zunehmend und schickte zu der Zeit auch seinen Tagesplan im Kindergarten in die Pause. Er sagte, er bräuchte ihn momentan nicht mehr. Zu Hause schafften wir den detaillierten Wochenplan bald zu Gunsten eines groben Familienplaners mit nur noch 2 Bildern pro Tag (Kindergarten und Nachmittagsgestaltung) ab. Inzwischen hängt auch der ungenutzt an der Wand, Paul hat in seinem Zimmer einen großen Monats-Wandkalender, in dem auch nur noch besondere Dinge wie Besuche bei den Großeltern weiter weg, Ferien, Geburtstage oder Arzttermine eingetragen werden. Das reicht ihm aus.

Mit der Therapeutin lernte er anfangs erstmal das strukturierte Handeln kennen. Es gibt bei TEACCH dafür sogenannte Korb- oder Tablettaufgaben. Dabei wurden die verschiedenen Arbeitsschritte durch unterschiedliche Symbole in nebeneinander stehenden Körbchen eingeteilt. Diese Einteilung fand sich ebenfalls als eine Art „Liste“ am „Arbeitsplatz“ wieder und wurden dann der Reihe nach abgearbeitet. Da wurde aber natürlich auch darauf geachtet, was Paul interessieren könnte und in welchen Bereichen er Förderung brauchte. Auch hier ein Beispiel. Obstsalat machen zur Förderung der Feinmotorik. Im ersten Korb lag dann das Obst. Im zweiten ein Trockentuch. Im dritten ein Messer und eine Schüssel. Im vierten zwei Löffel. Der Ablauf war dann also: Das Obst nehmen, abwaschen und abtrocknen, schälen und schneiden und zum Schluss aufessen und alles wieder in den „Fertig“-Korb stellen. Natürlich wurde nicht von ihm verlangt, dass er das alleine macht sondern er wurde dabei begleitet und unterstützt. Auch da ganz nach seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Und an schlechten Tagen durften die Körbe einfach Körbe sein und es wurde nur geschaut, was Paul gerade machen wollte. Mittlerweile braucht er auch keine Körbe mehr, eine geschriebene Aufgabenliste reicht. Nächste Woche möchte Paul mit seiner Therapeutin Kekse backen. Das hat er sich gewünscht. Also haben sie sich hingesetzt, gemeinsam die nötigen Arbeitsschritte besprochen (Stichwort Handlungsplanung), ein Rezept ausgesucht und den Einkaufszettel geschrieben. Nächste Woche fahren sie dann gemeinsam einkaufen und backen die Kekse. Das ist Förderung auf so vielen verschiedenen Ebenen. Klar muss Paul auch mal Aufgaben machen, die er nicht so mag, aber es wird auch nichts von ihm verlangt, was nicht möglich für ihn wäre. Und auch bei den „doofen und anstrengenden Aufgaben“ (Zitat Paul) endet es für ihn immer mit einem positiven Gefühl. Daraus zieht er viel Stärke und Selbstbewusstsein, er traut sich zunehmend an komplexere Aufgaben heran und ist Neuem gegenüber nicht mehr so abweisend. Ich bin unglaublich stolz auf ihn. Und an ganz schlechten Tagen wie letzte Woche, als er kaum aufnahmefähig war, weil er noch unter den Nachwirkungen des Geburtstages seines Bruders litt, wurden dann einfach die Anforderungen minimiert. Weil TEACCH davon ausgeht, dass Überforderung kontraproduktiv ist.

Den letzten Teil zur Umfeldarbeit halte ich kurz. Wir haben regelmäßig Termine zur Elternberatung bzw. zum Austausch. Dabei geht es um akute Probleme (haben wir sehr selten), neue Interessen (um sie z.B. gezielt zu fördern), neue Förderziele, Fortschritte und (wenn nötig) neue „Werkzeuge“. Außerdem finden Beratungen der Lehrer, der Schulbegleitung und der beteiligten Therapeuten (in Pauls Fall mit dem Ergotherapeut) statt. Damit alle „an einem Strang ziehen“.


Kritik an TEACCH: Ich habe keine Kritik. Aber natürlich ist der TEACCH-Ansatz basierend auf der kognitiven Verhaltenstherapie (also das Gegenteil vom Behaviorismus) auch ein ziemlich mächtiges Instrument. Auch er kann natürlich (wie eigentlich jede Form von Förderung/Therapie irgendwie) missbraucht werden, um Menschen zu schaden. Man sollte also auch hier immer wieder genau hinschauen, ob auch wirklich der allerwichtigste Grundsatz „Streben nach dem Optimum, nicht der Heilung“ eingehalten wird und wirklich der Autist als Taktgeber im Mittelpunkt steht. Ich habe auch schon gehört, dass ABA in Kombination mit TEACCH-Elementen durchgeführt wird und das dann als TEACCH deklariert wird. Wie diese beiden völlig verschiedenen Lerntheorien und ethischen Grundhaltungen zusammenpassen sollen, kann ich mir allerdings persönlich nicht erklären. Darüber gibt es auch kaum Informationen zu finden, wenn ihr also etwas habt, dann immer her damit. Und es wird auch manchmal kritisiert, dass die Visualisierung und Strukturierung nach TEACCH Autisten eher noch mehr einzwängen und starrer in ihren Abläufen und Routinen machen würde. Paul ist das komplette Gegenteil, er löst sich eben dadurch immer mehr, weil er zunehmend an Sicherheit gewinnt, aus sich heraus lernt, sich selbst zu strukturieren und von sich aus die äußeren Hilfen immer weniger benötigt. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass andere da eben wirklich auch anders reagieren. Da sollte dann aber wieder der ethische Grundgedanke hinter TEACCH greifen.

Ich habe sicherlich bei Weitem nicht alle Aspekte von TEACCH erfassen können. Ich bin auch kein Fachmann. Ich habe mir zwar vieles angelesen und erlernt, aber es gibt sicherlich Punkte, die ich einfach nicht weiß. Sollte ich also etwas gravierendes übersehen haben, lasst es mich einfach wissen.


Edit vom 04.10.2015: Da es offensichtlich zu Missverständnissen kam, hier nochmal die deutliche Differenzierung und Klarstellung. Mein Text bezieht sich ausschließlich auf den TEACCH-Ansatz. Ich distanziere mich ausdrücklich vom TEACCH-Programm, wie es von bestimmten Einrichtungen in den USA (keine Ahnung, ob auch woanders) durchgeführt wird. Dieses Programm weicht vom TEACCH-Ansatz in mehreren gravierenden Punkten ab. Unter anderem wird in diesem Programm auch operant konditioniert. etwas, was dem Grundgedanken hinter dem TEACCH-Ansatz deutlich entgegen geht.

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Warum ich meinen Europaabgeordneten bat, die Autismus-Deklaration NICHT zu unterschreiben

Einige haben es bestimmt mitbekommen. Durch Foren und Facebookgruppen ging der Aufruf, die jeweiligen Europaabgeordneten zu bitten die Autismus-Deklaration des Europaparlamentes zu unterschreiben. Auch Autismus Deutschland e.V. rief auf der Webseite dazu auf, doch zu unterschreiben und die Europaabgeordneten zu informieren. Ich halte das für falsch. Es geht nämlich bei dieser Deklaration mitnichten darum, einfach ein Bewusstsein für Autismus zu schaffen, wie ich es fälschlicherweise als Erklärung in einem Forum las. Es geht um die systematische Erfassung aller Autisten in Europa und die Durchsetzung einheitlicher Standards für Diagnose und Therapie. Und ganz nebenbei auch noch um die Förderung der Forschung zur Früherkennung.

Mir stellen sich ja schon bei der europaweiten systematischen Erfassung sämtliche Nackenhaare auf und ich assoziiere das mit der deutschen Geschichte, wo solche Erfassungslisten nie zum Guten genutzt wurden.
Aber es geht ja noch weiter. Gleich in Punkt 2 steht, dass es zwar keine Heilung gibt, aber es „wissenschaftlich anerkannte“ frühe und intensive Interventionen gibt, die helfen, die Symptome von Autismus zu überwinden und ein späteres selbständigeres Leben zu ermöglichen. Die Formulierung mit dem „wissenschaftlich anerkannt“ und „frühe und intensive Interventionen“ lassen nur einen möglichen Schluss zu: Hier soll einzig und allein ABA als Therapieform anerkannt und promotet werden. In Punkt 3 wird die Wichtigkeit früher Diagnosen hervorgehoben, um noch früher eingreifen zu können.

Ich übersetze einfach mal den Wortlaut, damit sich auch diejenigen ohne ausreichende Englischkenntnisse ein Bild machen können:

1. Autismus ist eine lebenslange Gehirnstörung, die während der frühen Kindheit eintritt und ungefähr 1% der Bevölkerung betrifft. Die Ausprägung reicht von milden bis schweren Behinderungen in den Fähigkeiten zum Verstehen täglicher Abläufe, Kommunikation und sozialer Interaktion. Die Ursachen des Autismus werden derzeit noch untersucht.

2. Es gibt derzeit kein Heilmittel für Autismus, aber es hat sich gezeigt, dass frühzeitige und intensive Interventionen helfen können, die Symptome zu überwinden oder abzumildern und den Grad der späteren Unabhängigkeit zu erhöhen.

3. Trotz der Wichtigkeit der frühen Diagnose, um die entsprechende Unterstützung und Ausbildung zur Verfügung zu stellen, fehlt die Früherkennung in Europa.

4. Die Kommission und der Rat werden ersucht, die akkurate Früherkennung und Diagnose von Kindern und Erwachsenen mit Autismus zu unterstützen.

5. Die Kommission und der Rat werden auch ersucht, sich einen strategischen und ganzheitlichen Ansatz anzunehmen, um auf die Herausforderungen zu antworten, denen Menschen mit Autismus in ihrem Leben ausgesetzt sind.
Eine europäische Strategie sollte darauf abzielen, Forschung über Autismus sowie Prävalenzstudien zu fördern und Austausch über die besten evidenz-basierten Methoden des Eingreifens bei Kindern mit Autismus sowie Unterstützung und Wohnmöglichkeiten für Erwachsene zu fördern.

6. Diese Deklaration wird zusammen mit den Namen der Unterzeichner zum Rat und der Kommission geschickt.

Quelle: http://www.autismeurope.org/files/files/written-declaration-on-autism-to-the-ep.pdf

Leider ist es jetzt schon zu spät, noch etwas im Vorfeld unternehmen zu können. Die Zeichnungsfrist endete am 27.07. Es haben 419 von 751 Mitgliedern unterzeichnet, damit kam die erforderliche einfache Mehrheit zusammen. Die Deklaration wird an die einzelnen EU-Institutionen weitergeleitet zur Umsetzung. Jetzt müssen wir der Dinge harren, die da kommen.

Nachklapp zu ABA und gefährliche Quacksalberei

Mein letzter Beitrag über die Verbindung zwischen ABA und Quacksalberei hat inzwischen die betreffende Person erreicht. Sie war so sprachlos, dass sie gleich eine Antwort darauf geben musste.

In meiner Email, die Butterblumenland gepostet hat, steht ganz klar drin, dass ich NICHT die Antibiotikagabe empfehle.

Stimmt. Sie hat extra geschrieben, dass ihre Worte natürlich keine Empfehlung sind, aber dies ein sehr interessantes Thema sei und Dr. Klinghardt sich sehr gut damit auskenne. Sie hätte aber klar stellen müssen, dass die Gabe von Antibiotika überhaupt nichts mit Autismus zu tun haben und zudem durchaus gefährlich sein kann. Immerhin beruft sich ja gerade ihre Firma so sehr auf wissenschaftliche Evidenz.

Ferner habe ich nicht geschrieben, dass Autismus mit Borreliose gleichzusetzen ist, sondern lediglich, dass Dr. Klinghardt angeblich herausgefunden haben soll, dass 80% seiner Patienten mit ASS eine Borreliose haben. (Ich habe NICHT geschrieben, dass ich diese Aussage unterstütze!)

Sarkasmus on Nein, natürlich unterstützt sie diese Aussage keineswegs. Ich schreibe ja auch immerzu Dinge im Internet, die ich total ablehne. Sarkasmus off Die Verlinkung auf die Seite von Dr. Klinghardt war bestimmt auch nur ein Versehen und keinesfalls der schlecht versteckte Hinweis, sich dort weiter zu informieren.

Es handelt sich daher mal wieder um ein gutes Beispiel, wie Dinge mutwillig verdreht werden, um nicht nur Knospe-ABA, sondern auch ABA ins schlechte Licht zu rücken.

Ich brauche ABA gar nicht mutwillig in ein schlechtes Licht zu rücken, das machen sie schon ganz alleine. Wäre ABA so wirkungsvoll, wie sie es behaupten, dann müssten nicht zusätzlich diverse Quacksalbereien direkt oder indirekt empfohlen werden. Ich brauche mir nur die Seite der „ABA-Eltern“ anzugucken, um zu wissen, wie groß der Zusammenhang zwischen ABA und Kindesmisshandlung durch Chelattherapie (es gibt Todesfälle dadurch, auch unter autistischen Kindern), MMS, Sauerstoffüberdrucktherapie, „Entgiftung“, gfcf-Diät und Co. tatsächlich ist. Auf solche kruden Ideen kommen Eltern, die den Autismus ihres Kindes mit aller Macht bekämpfen wollen. Die Rhetorik kennen wir doch? Zitat von der Knospe-Homepage „den Autismus zu besiegen“. So schließt sich der Kreis.

Auf das Thema MMS und die Hirngespinste von Dr. Klinghardt ging Frau Schramm dann auch nicht weiter ein, was mich leider nicht überrascht hat. Wünschenswert wäre an dieser Stelle eine deutliche Distanzierung gewesen. Man wird ja wohl mal träumen dürfen. Mir ist natürlich klar, dass die „Biomediziner“ und die ABA-Anbieter sich gegenseitig in die Karten spielen.

Achtung Insiderwitz Krieg ich jetzt mein Popcorn?


Update 18.06.2015

Natürlich ist die Aussage, die diesen und den letzten Blogpost ausgelöst hat, nicht der einzige Hinweis auf die Verflechtungen zwischen ABA und Biomedizin. Wenn man genauer hinschaut, fallen einem die Hinweise auch so auf.

Werfen wir doch mal einen kurzen Blick auf die Homepage.

Es findet sich unter den ABA-Artikeln ein Nachruf auf Dr. Rimland. In diesem Nachruf wird mehrmals die biomedizinische Behandlung erwähnt und gelobt. Ein kurzer Auszug (Hervorhebungen von mir):

Knospe_Rimland

Dr. Rimland ist der Gründer von ARI (Autism Research Institute) und DAN! (Defeat Autism Now!). „Defeat Autism Now!“. Das lasse man sich mal ganz langsam auf der Zunge zergehen…“Bekämpfe Autismus jetzt!“. Unter diesem Label wurden verschiedene biomedizinische Behandlungen entwickelt und getestet. Rimland selbst verkündete immer wieder, dass ABA alleine keinesfalls ausreichend sei, um den Autismus zu besiegen. DAN! hat eigentlich schon ein eigenes Kapitel im „Kuriositätenkabinett des Grauens im Umgang mit Autisten“ verdient. Schlimmer geht es fast nimmer.
Was ist dann also von diesem Nachruf zu halten, der eben nicht nur den Einsatz für die Verbreitung von ABA lobt sondern ganz explizit auch unterschiedliche biomedizinische Ansätze von Impfgegnerschaft bis Autismusdiät lobend erwähnt?