ABA – Der Umgang mit Kritik will gelernt sein

Der gestrige Tag bot ein absurdes Beispiel dafür, wie im Internet mit ABA-Kritikern umgegangen wird.

Die Vorgeschichte ist in wenigen Worten erzählt. Eine Bloggerkollegin und Mutter eines autistischen Kindes stolperte vor ein paar Tagen über ein Fortbildungsangebot zum „Verhaltenstechniker“. Die Ausschreibung verhieß nichts Gutes. Und siehe da: Binnen 3 Tagen bzw. 40 Stunden inklusive Onlinetraining sollen Eltern, Schulbegleiter (!) und ABA Co-Therapeuten zum Verhaltenstechniker ausgebildet werden. Meine Bloggerkollegin schrieb auf ihrem Blog darüber, dass es ihr Angst machen würde. Das geht mir übrigens ähnlich, wenn man die genaue Beschreibung liest, die ich allerdings aus gutem Grund hier nicht verlinken möchte.

Heute wurde es dann plötzlich interessant. Ein Verein, der diese Fortbildung beworben hatte, fühlte sich anscheinend durch die persönliche Meinung dieser Mutter angegriffen. Und verfasste einen öffentlichen Statusbeitrag auf Facebook, in dem die Mutter namentlich erwähnt wurde und ihre Ängste ins Lächerliche gezogen wurden. Diesen Beitrag sah logischerweise nicht nur die Angesprochene. Es passierte etwas, mit dem die Seitenadministratoren anscheinend überhaupt nicht gerechnet hatten. Die namentlich erwähnte Mutter eines autistischen Kindes fand dies so gar nicht lustig. Und nicht nur sie. ABA polarisiert. Das ist nicht neu und das weiß man, wenn man sich länger und intensiv mit Autismus befasst. Ich selbst bin ein strikter Gegner von ABA und vertrete diese Meinung auch öffentlich. Und dann flatterte mir diese „Klarstellung“ über meine Timeline. Also kommentierte ich den Beitrag. Wie andere Facebookuser ebenfalls. Und auf einmal -schwupps- waren die Kommentare gelöscht. Natürlich nur die kritischen. Auch wurde nebenbei immer mal der Beitrag editiert, der Name der Mutter wurde irgendwann völlig aus dem Posting gelöscht. Vermutlich wurde den Verantwortlichen irgendwann dann auch mal klar, dass sie sich rechtlich auf sehr dünnem Eis bewegen (rw). An der Stellungnahme zum Thema ABA-Fortbildung änderte sich allerdings nichts. Also kommentierte ich erneut. Diesmal ging ich sachlich auf den Inhalt ein und zeigte ein paar Brüche in der Argumentation auf. Ich finde es eben einfach unlogisch, wenn man im ersten Punkt erwähnt, dass diese Fortbildung für fachfremde Personen vorgesehen ist, im zweiten Punkt dann aber Bedenken damit zerstreuen möchte, dass ja vor jedem Eingriff in das Verhalten des Kindes eine „kognitive Analyse unter Einbeziehung der Wahrnehmungsbesonderheiten“ vorgenommen wird. Wie habe ich mir das denn vorzustellen? Da beurteilt der Schulbegleiter eines Kindes (schlimmstenfalls ein FSJler, der über Autismus nicht mehr weiß, als dass es da einen Film drüber gibt), welche Funktion es hat, wenn dieses Kind auf dem Schulhof im Kreis läuft? Und warum es dann schreit und um sich schlägt, wenn man es festhält? Oh weh. Es wurde in der Klarstellung auch erwähnt, dass diese Kinder ein so normales und lebenswertes Leben wie möglich führen sollen und zusätzlich wurde natürlich wieder das volle Leidregister gezogen, in dem auf „Inkontinenz, selbstverletzendes Verhalten, schwere Verhaltensstörungen, mangelnde Sprache und Selbständigkeit“ sowie „fehlende soziale und schulische Fähigkeiten“ hingewiesen wurde. Ja, das alles kann zum Autismus gehören. Und ja, es ist sehr schwer damit umzugehen als Eltern, das verstehe ich durchaus. Paul hat auch solche Phasen, in denen er sich selbst schlägt oder mit aller Wucht gegen die Wand oder Türen rennt und es tut mir in der Seele weh. Das rechtfertigt aber kein ABA. Gerade die Erwähnung des selbstverletzenden Verhaltens (aber nicht nur die) zeigt mir eben, dass die Kritik berechtigt ist. Es wird eben nicht hinterfragt, warum sich das Kind selbst verletzt sondern es wird als Hindernis betrachtet, das es zu beseitigen gilt.
Jedenfalls war auch dieser Kommentar nach wenigen Minuten von der Seite gelöscht. Zwischendurch verschwand auch der Beitrag von der Seite und wurde wenige Minuten später erneut gepostet. Ein ziemliches Verwirrspiel. Antworten auf die Kommentare gab es zu keiner Zeit. Aus der Reaktion schließe ich allerdings, dass weder Kritik noch sachlicher Austausch zu diesem Thema von den Seitenbetreibern erwünscht sind. Ein Kommentar durfte tatsächlich länger stehen bleiben. Auch nicht wirklich überraschend, da dieser Kommentar äußerte, man müsse froh und dankbar sein, wenn einem solche Therapien zur Verfügung stünden, sonst würde aus dem Kind ja nie etwas werden und es würde überhaupt nichts lernen und später sabbernd im Heim landen. Die Antworten darauf, waren dann aber wohl auch wieder nicht genehm, jedenfalls kann ich den Kommentar nicht mehr finden.

Lieber Verein, euer Verhalten war in höchstem Maße unprofessionell. Vor ein paar Tagen habt ihr Bilder gepostet, die für Inklusion werben. Und heute löscht ihr die Aussagen erwachsener Autisten und Andersdenkender von eurer Seite? Ist euch klar, dass Inklusion das genaue Gegenteil von dem ist, was ihr da propagiert und heute gezeigt habt?

Da bekommt das ABA-Fachwort „Löschungstrotz“ doch gleich eine ganz neue Bedeutung. Wenn das Thema nicht so ernst wäre, würde ich herzhaft lachen.

Edit: Ich reiche hiermit den Link zum Blogpost, an dem sich die Situation entzündete, nach.
http://ellasblog.de/warum-ich-es-heute-mit-der-angst-zu-tun-bekam/

Das Blog ist ohnehin sehr lesenswert.