Von wegen „Der ist doch kein Autist“

Liebe Logopädin aus dem SPZ, die du letzte Woche bei der jährlichen Entwicklungskontrolle die Diagnose eurer eigenen Fachleute angezweifelt hast: Komm doch jetzt einfach mal zu uns nach Hause und sag deinen Satz „Der ist doch kein Autist“ noch mal. Aber vermutlich würdest du den Jungen, der so höflich und aufgeschlossen auf dich reagiert hat („Er hat sogar Blickkontakt aufgenommen“) gerade nicht wiedererkennen. Jetzt, wo er schreiend unter seinem Schreibtisch liegt und um sich schlägt und tritt sobald ich ihm zu nahe komme.

Liebe Logopädin, kannst du dir eigentlich vorstellen, dass ein Autist durchaus in Situationen, auf die er vorbereitet ist, zurecht kommt? Paul wusste genau, was auf ihn zukommt, weil wir es ihm gesagt haben. Und genau deswegen war er so relativ entspannt und konnte sich auf dich einlassen. Dahinter steckt jahrelange Übung und eine Menge Erklärungsarbeit.

Liebe Logopädin, ich habe ja schon eine Menge dummer Sprüche über Autismus gehört. Von Menschen, die einfach ihre Vorurteile gepflegt haben. Und von Menschen, die es einfach nicht besser wussten. Aber so einen Satz von Fachleuten hören zu müssen, hat noch einmal eine andere Qualität. Du hast Paul ganze 20 Minuten lang gesehen, diesmal auch zum allerersten Mal. Du weißt anscheinend nicht, dass sogar deine Vorgängerin die typischen Anzeichen für Autismus wie z.B. Echolalie und Pronomenumkehr bei ihm beobachtet hat. Hast du die Akte nicht gelesen? Sie lag doch direkt vor dir. Inzwischen zeigt sich die Echolalie nur noch sehr selten, Paul hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Und statt dich mit uns zu freuen, stellst du einfach so die ganze Diagnose in Frage?

Liebe Logopädin, du hast durch deinen Arbeitsplatz im SPZ täglich mit behinderten und kranken Kindern zu tun. Solltest du da nicht ein wenig einfühlsamer und vor allem weniger vorurteilsbehaftet sein? Was hast du denn erwartet, wie Paul sein würde? Stumm in der Ecke sitzend und schaukelnd? Wäre er dann autistisch genug gewesen? Dafür kommst du knapp 4 Jahre zu spät, diesem Klischeebild entspricht Paul schon lange nicht mehr. Das bedeutet aber nicht, dass er jetzt nicht mehr autistisch ist.

Liebe Logopädin, denk doch einfach mal darüber nach. Vielleicht ersparst du anderen Eltern dann doch lieber solche Sprüche.

Liebe Grüße

Pauls Mama