Medikamente sind keine Bonbons

Ich grolle schon wieder innerlich. Auch schon seit längerer Zeit beobachte ich in einigen Foren und Gruppen den Trend, dass beim kleinsten Problemchen der Eltern mit ihren autistischen Kindern sofort Medikamente empfohlen werden. Nein, nicht für die Eltern (was ja manchmal durchaus Sinn machen würde) sondern für das Kind. Und auch keine harmlosen Traubenzuckerchen sondern Psychopharmaka wie Risperidon*. Die Dinger, für die es ein Betäubungsmittelrezept braucht. Für Kinder. Teilweise sogar Kleinkinder. Nicht etwa von Ärzten oder Psychiatern, nein, diese Empfehlung kommt von anderen Eltern. Klingt schlimm? Finde ich auch. Das liest sich dann so:

A: „Mein Kind arbeitet in der Schule nicht mit.“
B: „Habt ihr keine Medikamente? Lass ihm die verschreiben!“

H: „Mich nervt manchmal, dass mein Kind am Nachmittag so laut ist.“
I: „Mein Kind nimmt seit xy Jahren Risperidon, weil es auch immer lebhaft war.“

M: „Am Wochenende ist meine Tochter immer so früh wach und den ganzen Tag total aufgedreht.“
N: „Seit mein Kind Psychopharmaka bekommt, schläft es länger und ist nicht mehr so flippig und unruhig.“

Diese Beispieldialoge sind nicht oder kaum verkürzt. Fällt euch was auf? Genau: Kein Wort zur Ursachenforschung. Kein Wort darüber, ob man denn etwas an den Hilfen oder Umständen ändern könnte. Kein Wort dazu, dass manche Dinge eben bei vielen autistischen Kindern einfach so sind. Mal ehrlich, wenn ich Paul in eine verpflichtende Ganztagsschule bis 16 Uhr schicken würde, dann wäre er am Nachmittag auch zu nichts mehr zu gebrauchen und würde vermutlich täglich erstmal einen ausgewachsenen Meltdown kriegen. Unter anderem auch deswegen haben wir uns gegen die Förderschule entschieden, weil es dort nur Ganztag gibt. Soviel zum Thema individuelles Eingehen auf jedes Kind, aber das ist ein eigenes Thema wert.
Wenn Paul am Wochenende flippig und unruhig ist, dann weiß ich, dass er wieder eine klarere Strukturierung braucht und richte mich danach. Banale Sachen eigentlich. Auf solche Dinge muss man als Elternteil aber auch erstmal kommen. Genau deswegen fragen ja Eltern auch in Gruppen und Foren um Rat zu solchen Problemen und Problemchen. Wenn dann aber sofort Psychopharmaka empfohlen werden, dann stehen mir einfach die Haare zu Berge.

Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin nicht grundsätzlich gegen die Gabe von Risperidon und Co. Ich sehe diese Mittel allerdings als Ultima Ratio, als allerletzten Lösungsweg, wenn gar nichts anderes mehr hilft und wirklich Not am Mann ist. Keinesfalls sind diese Psychopharmaka bei Kindern zur Dauerbehandlung gedacht. Sie können langfristige und bleibende Nebenwirkungen auslösen. Die Verordnung und Dosierung gehört immer in die Hände eines guten Kinderpsychiaters, der optimalerweise das Kind auch schon länger kennt und auch sinnvoll abschätzen kann, ob nicht erstmal andere Strategien versucht werden sollten.

Auf keinen Fall sollten sich also medizinisch völlig unbedarfte Mütter berufen fühlen, anderen Eltern dazu zu raten. Ich weiß nicht, was sich manche dabei denken. Das Kind einer anderen Familie ist doch kein Versuchskaninchen. Auch wenn man im Internet anonym oder teilweise anonym bleibt, hinter jeder Frage in einem Forum sitzt doch ein verunsicherter Mensch, der teilweise wirklich verzweifelt nach Hilfe und Rat sucht. Dem kann man doch nicht einfach erzählen, er müsse seiner dreijährigen Tochter „einfach nur“ Risperidon geben und dann sei alles gut?

Ich kann solche Empfehlungen auch nicht mit „Ach, er/sie weiß es nicht besser.“ entschuldigen. Weil ich der Meinung bin, dass man als Elter sehr genau wissen sollte, was das Medikament bewirkt, was ich meinem Kind da täglich verabreiche, welche Nebenwirkungen es hat und warum es genau verordnet wurde.

Ich wäre sehr dafür, dass in den Gruppen und Foren zum Thema Autismus eine neue Regel eingeführt wird, die die Empfehlung von Medikamenten generell verbietet. Was sonst teilweise an Unheil angerichtet werden kann, macht mir echt Bedenken.

 

 

 

*In diesem Post klammere ich ADHS-Medikamente explizit aus, weil es sich dabei um eine andere Wirkungsweise, eine andere Indikation und eine andere Substanzengruppe handelt. Ich beziehe mich ausdrücklich auf Neuroleptika und andere dämpfende Medikamente.

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