Ich bin müde

Ich bin es leid, es hängt mir zum Hals raus. Ich frage mich, wofür ich mir das alles noch antue. Warum überhaupt noch Aufklärungsarbeit leisten, wenn dann persönliche Meinung höher bewertet wird als tatsächliche Fakten? Wenn der Wunsch der Eltern nach „normalen“ Kindern akzeptiert werden soll, so lange sie ihr Kind nicht körperlich schädigen? Wenn große Organisationen sich weigern Autisten zuzuhören?

Meiner Meinung nach läuft gerade etwas ganz entsetzlich schief. Ich weiß noch nicht wie ich damit umgehen soll, wenn es toleriert werden soll, an autistischen Kindern „rumzudoktern“, so lange die Kinder ja keinen körperlichen Schaden davontragen. Ich kann diesen Gedankengang nicht nachvollziehen. Bei ABA tragen autistische Kinder auch keinen körperlichen Schaden davon, trotzdem kämpfen wir dagegen an. Unter anderem mit dem Argument, was es psychisch mit den Kindern macht. Das Argument gilt dann plötzlich nicht mehr, wenn es um andere Quacksalbereien geht, die vermeintlich „harmlos“ sind?

Ohne mich.

ABA und gemeingefährliche Quacksalberei

ABA und gemeingefährliche Quacksalberei

In einem meiner Beiträge über ABA schrieb ich, dass ich den Eindruck habe, dass Eltern, die bei ihren Kindern ABA anwenden auch offener für andere fragwürdige Methoden sind. Doch was ich gestern gelesen habe hat mir klar gemacht, dass ich keine Ahnung hatte wie tief die Abgründe tatsächlich sind. Nicht nur Eltern sind offen für dubiose „Therapien“ sondern sie werden sogar von führenden ABA-Anbietern beworben. Und ich rede hier nicht von harmlosen Globuli sondern von der Empfehlung eines „Experten“, der gerade bei Autismus massiv MMS empfiehlt.

In dem Gespräch ging es nicht direkt um MMS sondern um eine unkontrollierte Antibiotikagabe, um den Autismus des Kindes zu „behandeln“. Aber es wurde explizit die Seite von Dr. Klinghardt verlinkt. Der behauptet eben, dass Autismus von Impfungen und Quecksilber verursacht sei, was natürlich völliger Blödsinn ist. Und empfiehlt zur Behandlung die Einnahme von Chlorella-Algen und eben die Gabe von MMS-Einläufen. Das ist hochgradig gefährlicher Bullshit und sollten Eltern diesem Rat folgen, begehen sie Kindesmisshandlung.

Das sollte sich inzwischen auch zu Frau Schramm und Knospe-ABA herumgesprochen haben. Mal ganz davon abgesehen, was solche „Empfehlungen“ über die angeblich ach so tolle Wirkung von ABA aussagen.

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„Es kann doch nicht schaden“? – Diätenwahn

Es ist mal wieder so weit. Alle paar Monate schwappt durch Autismusforen und Facebookgruppen die Diskussion über die sogenannte „Autismusdiät“. Immer dann, wenn mal wieder auf irgendwelchen dubiosen Internetseiten (Kopp, Zentrum der Gesundheit und ähnliche Kaliber) irgendwelche haltlosen Artikelchen gepostet werden oder Arte zum xten Mal den Film über den angeblichen (und längst widerlegten) Zusammenhang zwischen Darmbakterien und Autismus wiederholt. Ab und zu taucht in Foren, auf sozialen Medien und sogar in Postfächern von Elternselbsthilfegruppen auch gezielte Werbung für Internetseiten und Bücher auf, die die Diät bewerben. Guckt man sich diese Seiten und Bücher an, wird eines sofort deutlich: Belege für die Behauptung, dass eine gluten- und caseinfreie Ernährung „Autismussymptome lindert“ oder sogar „Autismus heilt“ (Originalzitate) gibt es keine. Dafür irgendwelche rührseligen Geschichten angeblicher Erfolge und ganz viele Bücher, Nahrungsergänzungsmittel und Co., die man unbedingt erwerben muss. Das erinnert doch stark an die MMS-Szene, nicht wahr? Das Muster hinter solch zweifelhaften Angeboten ist immer ähnlich: Sprich verzweifelte Eltern an, erzählt ihnen von „sensationellen“ Erfolgen und verkauf ihnen dann möglichst viel unnützes Zeug. Dummerweise funktioniert das auch noch ganz wunderbar. In den letzten Tagen habe ich gleich an mehreren Stellen wieder Diskussionen mit Eltern geführt, die auf die Diätmasche angesprungen sind. Sowohl Eltern, die sich jetzt neu für das Thema interessieren, als auch Angehörige, die die Kinder schon länger, teilweise jahrelang, mit dieser Diät traktieren. Was man da teilweise zu lesen bekommt, ist haarsträubend. Besonders auffällig bei diesen Diskussionen ist es, dass man mit rationalen Argumenten wie der oben verlinkten Studie, die ganz klar belegt, dass es keinerlei Zusammenhang zwischen Darmbakterien und Autismus gibt, überhaupt nicht weiterkommt. Das wird nicht nur einfach ignoriert sondern es wird sogar wieder und wieder das Gegenteil behauptet. Und noch viel schlimmer: Ratsuchende Eltern werden aktiv auf die Diät verwiesen, selbst wenn sie nur nach Tipps für den besseren Umgang mit ihren Kindern gefragt haben. Wenn man dann mal nach Belegen fragt, warum weiterhin hartnäckig geleugnet wird, dass die Wissenschaft eben anderer Meinung ist, dann wird plötzlich unterstellt, man würde die Personen ja persönlich angreifen oder beleidigen. Vollkommen irrational. Exemplarisch picke ich mir jetzt mal ein paar Aussagen der Diätanhänger raus und beantworte sie hier.

„Es kann doch nicht schaden“

Doch. Kann es. Eine streng gluten- und caseinfreie Ernährung kann einem Kind im Wachstum im Extremfall irreparable Gesundheitsschäden zufügen. Das reicht von Wachstumsstörungen bis hin zu geistigen Schäden. Nicht umsonst bekommen Eltern zöliakiekranker oder milcheiweißallergischer Kinder eine spezielle Ernährungsberatung von den Krankenkassen bezahlt, bei der es unter anderem um die Vermeidung von Nährstoffmangeln geht. Sicherlich sind gesundheitliche Schäden dadurch sehr, sehr selten, aber die Diät schadet auch noch in einem ganz anderen Bereich, nämlich psychologisch. Du bist nicht richtig, du brauchst eine Diät.

„Einen Versuch ist es wert.“

Da weiß ich immer nicht, was ich von diesem Scheinargument halten soll. Ganz oft (aber nicht nur) kommt dieser Satz nämlich von Eltern, die ansonsten recht beratungsresistent sind, wenn es darum geht, äußere Umstände zu verbessern, um dem autistischen Kind zu helfen. Den Tagesablauf strukturieren und durchplanen, um den Kind Sicherheit zu geben? Viel zu umständlich. Das Kinderzimmer umgestalten und Rückzugsorte schaffen? Das macht ja Arbeit. Akzeptieren, dass das Kind ein Problem mit dem Haarekämmen hat und eine pflegeleichte Frisur wählen? Kommt gar nicht in Frage.
Aber für die Umsetzung der Diät, die ja nicht gerade unkompliziert ist, sind dann plötzlich Kapazitäten da. Selbstverständlich muss auch nur das Kind auf Eis, Kuchen, Schokolade und Co. verzichten, die Eltern sind keinesfalls dazu bereit. Ich frage mich dann öfter, ob sie das Kind unbewusst dafür bestrafen, dass es so ist wie es ist.

„Der Arzt hat zwar keine Unverträglichkeit festgestellt, aber trotzdem.“

Da schüttelt es mich jedes Mal. Wenn man nachfragt, ob denn mal beim Arzt auf Zöliakie oder Milcheiweißallergie getestet wurde, erntet man entweder vielsagendes Schweigen oder eben den genannten Satz. Meist wird gar nicht erst ein Arzt konsultiert sondern einfach auf „blauen Dunst“ losdiätet. Und wenn ein Arzt befragt wurde, der aber weder eine Allergie noch eine Zöliakie oder sonstige Erkrankung, die eine spezielle Ernährung bedingt, festgestellt hat, dann wird eben ein „Biomediziner“ oder Heilpraktiker befragt. Die wollen natürlich Geld verdienen und finden auch prompt das Gewünschte. Natürlich mit Tests, die auch schon aus eigener Tasche teuer zu bezahlen sind und in keinem unabhängigen Labor bestätigt werden können. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

„Aber bei uns hilft es“

Okay, ich gebe mich geschlagen. Die Diät bewirkt wohl doch etwas. Oder? Forscht man mal genauer nach, relativiert sich das schnell wieder. Die Diätbewerber schreiben selber, dass man die Diät mindestens 6 Monate, besser ein Jahr lang, ausprobieren soll, damit sich Erfolge einstellen können. Wer auch nur einen Hauch von Ahnung von kindlicher Entwicklung hat, wird an dieser Stelle stutzen und sagen „Aber Kinder entwickeln sich doch sowieso innerhalb von ein paar Monaten weiter“. Richtig. Und genau darauf setzt diese Diät auch. Autistische Kinder entwickeln sich zwar anders und oft langsamer als andere Kinder, aber natürlich lernen auch sie dazu. Und sobald auch nur in irgendeinem Bereich ein winziger Fortschritt erzielt wurde, wird alles auf die Diät geschoben. Voilà, es funktioniert scheinbar. Ein anderer Punkt, der in den Erfolgsberichten immer wieder auftaucht ist, dass die Kinder „viel ruhiger“ sind. Das wiederum können tatsächlich auch Anzeichen für einen Nährstoffmangel sein.

„Man sollte für alles offen sein“

Zu guter Letzt noch mein Lieblingsargument der letzten paar Tage. Das ist vom Prinzip her die Forderung, alle medizinischen und biologischen Kenntnisse über Bord zu werfen und jede noch so absurde Idee ernst zu nehmen. Ob nun Diäten, MMS, Brokkolikapseln oder Elektroschocktherapien.
Darauf gibt es von mir nur eine Antwort:

„Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein“