Schulwechsel. Ein neuer Anfang.

Die Sommerferien sind zu Ende. Ein neuer Lebensabschnitt steht für Paul an: Die weiterführende Schule. Diesmal fiel uns die Wahl erheblich leichter als bei der Grundschule damals. Diese Schule sollte es sein und Paul wurde auch problemlos angenomen. Seine zukünftigen Klassenkameraden und seine Klassenlehrerin lernte er noch vor den Sommerferien kennen, das beruhigte ihn schon sehr. Trotzdem stieg seine Unruhe in den letzten Ferienwochen stetig. In den letzten Tagen war er kaum noch zu ertragen und selbst auch kreuzunglücklich mit sich.

Heute war es endlich soweit. Die feierliche Aufnahme der Fünftklässler in die Gesamtschule stand an. Mit Programm und Ansprachen in einer vollgestopften Aula bei über 30 Grad Celsius Außentemperatur. Paul litt. Äußerlich merkte man nur, dass er irgendwie abwesend wirkte. Als sei er ganz woanders. Wir kennen ihn aber besser, innerlich kämpfte er sehr mit sich, um nicht aufzufallen. Endlich wurde seine Klasse aufgerufen, er stürmte förmlich nach vorne, der Schulbegleiter kam kaum hinterher. Und dann passierte etwas, worauf ich schon nicht mehr zu hoffen glaubte. Pauls Klassenlehrerin sah ihn, ging auf ihn zu und dirigierte ihn sanft an ihre Seite. Beim Aufbruch ins Klassenzimmer durch die Menschenmasse achtete sie auf ihn und lotste ihn. Paul stand die Aufregung ins Gesicht geschrieben, aber ihr vertraute er, sie gab ihm Halt. Als nach 45 Minuten die erste Unterrichtsstunde beendet war, trafen wir auf einen deutlich erleichterten Paul samt Schulbegleiter. Paul sprudelte sofort los. Er sitzt direkt gegenüber der Lehrerin, er freut sich ganz doll und fühlt sich viel besser. Ich weiß, dass Pauls ehemalige (aus der ersten Klasse) und zukünftige Sonderpädagogin da sicherlich ihre Finger im Spiel hat und ich bin zutiefst dankbar, dass Paul diesen großartigen Start haben darf. Sich direkt angenommen fühlen kann. Sicherheit bekommt. Ein wunderbarer Anfang. Ein Mutmacher.

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Inklusion – Warum das kämpfen lohnt

Paul ist an seiner jetzigen Schule der erste diagnostizierte Autist. Die Schule gibt es schon sehr lange, ich gehe davon aus, dass im Lauf der Jahre durchaus der eine oder andere undiagnostizierte Autist Schüler dieser Schule war.

Paul ist auch eines der ersten Inklusionskinder an dieser Schule. Jahrzehntelang war es üblich, dass anstrengende Kinder relativ zügig an die nächste Förderschule zwangsverwiesen wurden. Unabhängig davon, ob tatsächlich eine Behinderung vorlag oder nicht. Der Förderschwerpunkt Lernen wurde schon irgendwie passend vergeben. So war es bundesweit, das soll jetzt also kein Angriff auf die Schule sein. Kinder, die offensichtlich behindert waren, hatten erst gar keine Chance auf Regelschule, für sie gab es nur den Weg in die Förderschulen oder in die Tagesbildungsstätte.

Dann kamen wir. Passenderweise trat in Niedersachsen gerade das neue Schulgesetz in Kraft und es gab plötzlich einen Rechtsanspruch auf Inklusion. Niemand konnte uns mehr zwingen, Paul in die Förderschule zu schicken. Und ich kann nicht behaupten, dass sie es nicht wirklich ausdauernd und mit allen Mitteln versucht hätten. Für uns war die Förderschule aber nie eine Option.

Paul besuchte im ersten Schuljahr dann aber nicht die zuständige Grundschule, sondern eine tolle inklusive Grundschule im Nachbarort. Ich schrieb bereits darüber.
Nach deren Schließung blieb aber als einzige echte Option nur die zuständige Grundschule. Und hier knirscht es an vielen Ecken und Enden. Wir müssen um Dinge kämpfen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Die schriftliche Fixierung bereits gewährter Nachteilsausgleiche beispielsweise. Zum Teil sind diese Kämpfe dadurch zu erklären, dass sich wirklich niemand so richtig auskennt, was die gesetzlichen Regelungen für Nachteilsausgleiche trotz bestehender Förderschwerpunkte betrifft. Zum Teil ist es aber durchaus auch Sturheit, die zur Verweigerung führt. Wir sind unbequeme Eltern, weil wir Forderungen stellen. Weil wir uns nicht einschüchtern lassen. Jemand sagte mir mal: „Ihr seid die erste Generation Eltern behinderter Kinder, die die Rechte ihres Kindes kennen und sie auch einfordern. Das ist für die Lehrer sehr ungewohnt. War es doch bisher so, dass sie sich damit nicht auseinandersetzen mussten, weil die Kinder ganz schnell an die Förderschule geschickt wurden.“ Da ist viel wahres dran.

Ich könnte mir tausend Dinge vorstellen, die ich lieber machen würde, als mit Lehrern über bürokratischen Kleinkram zu streiten. Vor allem, weil ich trotz aller Schwierigkeiten recht zufrieden bin, wie es für Paul in der Schule läuft. Er ist glücklich, fühlt sich wohl. Von den Sachen, die im Hintergrund ablaufen, bekommt er kaum etwas mit. Die deutliche Mehrheit seiner Lehrer ist toll und engagiert. Die Probleme sind wirklich eher bürokratischer Natur. Wir diskutieren über Sachen, wo ich denke „Meine Güte, einfach schriftlich fixieren, was ihr gerade an Nachteilsausgleichen gewährt und das in die Schülerakte legen. Das kann doch nicht so schwer sein.“ Ich verstehe da auch ganz ehrlich nicht, wo das Problem liegt. Und ich weiß nicht, wie ich es noch erklären kann. Manchmal zweifele ich, ob sich der Kampf lohnt. Ob es das wert ist. Andererseits weiß ich natürlich, dass ohne schriftliche Fixierung der Nachteilsausgleiche Paul derjenige ist, der das ausbaden muss. Spätestens nach dem Wechsel auf die weiterführende Schule. Also bleibt ja nichts weiter, als wieder und wieder darum zu bitten, etwas schriftliches aufzusetzen und der Schülerakte hinzuzufügen.

Inzwischen weiß ich, dass wir etwas bewegen. Dass sich unser Kampf auszahlt. Wir sind diejenigen, die gegen Wände anrennen bis sich ein Loch auftut. Durch dieses Loch können dann andere gehen, ohne selbst all die Kämpfe erneut fechten zu müssen. Konkret wurde mir kürzlich von der Mutter eines autistischen Kindes gesagt, dass unsere Rektorin bei der Schulanmeldung zu ihr meinte: „Autist? Kein Problem, wir haben schon einen, das bekommen wir schon hin.“ Dafür lohnt sich all die Mühe. Dafür lasse ich gerne meine Nerven. Wenn die Eltern dieses Kindes deutlich weniger kämpfen und diskutieren müssen als wir, dann war es all die Mühe und die Tränen wert. Auch wenn es mich schon ein wenig wehmütig macht, dass es überhaupt nötig ist, dass wir uns den Mund fusselig reden müssen. Optimal wäre es, wenn nicht immer jemand Vorreiter sein müsste, um anderen den Weg zu ebnen, sondern es von Anfang an reibungslos funktionieren würde. Das Recht auf Inklusion ist ein Menschenrecht, daran gibt es normalerweise gar nichts zu diskutieren. Sollte es zumindest nicht.

Trotz allem sind es Aussagen wie die dieser anderen Mutter, die mir Kraft geben. Die mir zeigen, dass unser Weg richtig und wichtig ist. Wir lassen uns nicht entmutigen.

 

Inklusion, die den Namen nicht verdient

Ich schrieb im letzten Jahr, wie gut die Inklusion an Pauls Grundschule umgesetzt wurde. Ein wahres Paradies. Leider grätschte uns ja die Sparpolitik dazwischen und Paul wechselte samt seiner Klassenkameraden die Schule. Zum Glück wurde der Klassenverbund so erhalten, aber alles andere wechselte: Schule, Lehrer, Materialien, leider auch die Schulbegleitung. Das Schlimmste am Wechsel ist aber die Einstellung der neuen Schule zum Thema Inklusion. Sie empfinden sie als lästige Pflicht und als Bürde. Leider merkt man das auch deutlich.

Wir wurden in die Schule geladen zum Lehrergespräch. Ich weiß schon, warum wir da prinzipiell zu zweit hingehen. Alleine hat man ziemlich schlechte Karten als Elternteil. Und heute war es besonders extrem: Mein Mann und ich saßen 3 Personen gegenüber, der Klassenlehrerin, dem Sonderpädagogen und der Referendarin, die momentan in der Klasse arbeitet. Anfangs sagten wir nochmal klar und deutlich, dass aktuell Testungen laufen, ob Paul eventuell ein zusätzliches ADHS und eine Dyskalkulie hat, und dass sich in den nächsten Wochen jemand aus der Praxis mit der Schule in Verbindung setzen würde. Wir Eltern merken ja schließlich auch, wo Probleme auftreten und kümmern uns dementsprechend. Das wurde erstmal nur nickend zur Kenntnis genommen.

Und dann ging es auch direkt los. Wir wurden darauf hingewiesen, dass wir in den nächsten Tagen einen Brief nach Hause bekommen, es aber zu ihrer Pflicht gehört, vorher mit uns zu reden. Dann bekamen wir eine ausführliche Aufzählung, was unser Sohn alles gut oder schlecht macht im Unterricht. Ich hakte das erste Mal ein als es hieß, er müsse ja beim lautgetreuen Schreiben besser werden und fragte nach, ob da denn berücksichtigt wird, dass er eine auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung hat und welcher Nachteilsausgleich ihm diesbezüglich gewährt wurde. Das brachte die Lehrerin zum ersten Mal etwas aus dem Konzept, der Sonderpädagoge schaltete sich zwar ein und erzählte ausführlich, was zum lautgetreuen Schreiben alles dazu gehört, aber meine Frage nach dem Nachteilsausgleich blieb erstmal unbeantwortet. Kein besonders guter Gesprächsauftakt.

In der Art ging es weiter. „Also beim Erzählen von freien Geschichten hat Paul aber große Probleme!“ Ja, das wissen wir und wir erklärten (mal wieder), dass dies bei Autisten ein verbreitetes Problem ist und dies auch im Rahmen der Nachteilsausgleiche berücksichtigt werden sollte. Uns schwante zu diesem Zeitpunkt schon nichts besonders Gutes mehr. Deutsch sei ansonsten relativ okay, aber Mathe… Dies könne er nicht, jenes könne er nicht und solches könne er auch nicht. Stimmt, wissen wir. Wobei „nicht können“ der falsche Ausdruck ist. Er kann es schon, aber nicht unter allen Bedingungen und in jeder Situation. Ich vergleiche das immer mit einer alten Kommode. Er weiß, wie er rechnen muss oder wie das Ergebnis lautet, aber diese Information liegt in einer Schublade der Kommode, die gerade klemmt. Er bekommt die Schublade nicht auf und hängt dementsprechend fest. Manchmal hilft dann eine Pause. Da waren wir uns auch tatsächlich einig mit den Lehrern. Nicht einig waren wir uns darüber, wie man sonst damit umgeht. Vor ein paar Wochen wurde ich gebeten zu protokollieren, wie genau Paul bei den Hausaufgaben arbeitet. Ich sollte aufschreiben, ob er schriftlich oder mit Hilfsmittel oder im Kopf rechnet und den Schmierzettel (bei schriftlicher Rechenweise) mit in die Schule geben. Außerdem wurde mal abgeglichen, was er in 15 Minuten zu Hause und in 15 Minuten in der Schule schafft. Da klafft eine riesige Lücke. Das wundert mich aber auch nicht. Er hat durch mich eine 1:1-Betreuung in reizarmer Umgebung. Das kann die Schule so nicht leisten (klar) und seine Schulbegleitung…nein, das lasse ich jetzt weg, das wird vermutlich mal ein Extra-Beitrag. Jedenfalls erfüllt er in Mathe also die Anforderung für die Versetzung nicht.

Weiter ging´s: Weil er in Deutsch so große Probleme hat (Jetzt doch?) wird er wohl auch die Anforderungen in den anderen Fächern nicht erreichen (hier relativ fadenscheinige Begründung von wegen Texte lesen einsetzen). Und deshalb müssen wir unbedingt den Förderschwerpunkt Lernen beantragen, damit er zieldifferent unterrichtet und in die 3. Klasse versetzt werden kann. Ich erwähnte es irgendwo schon mal: Ich habe kein Problem damit, wenn Paul den Förderschwerpunkt Lernen irgendwann bekommt. Ich lehne es nicht prinzipiell ab, ihn darauf zu überprüfen. Ich rege mich gerade darüber auf, wie das jetzt geschehen soll und womit das begründet wird. Leider teilweise mit klaren Falschaussagen, bei denen ich hoffe, dass sie wirklich nur dem Unwissen geschuldet sind. Nachteilsausgleiche wurden (entgegen anderslautender Aussagen bisher) nicht wirklich umgesetzt. Begründet wurde dies heute z.B. so: „Paul hat ja den Förderschwerpunkt KME, damit können wir ihm leider keinen Nachteilsausgleich für Autismus gewähren.“ Das ist schlicht sachlich vollkommen falsch. Nachteilsausgleiche sind unabhängig von einem eventuell festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf. Ein Nachteilsausgleich soll (wie der Name schon sagt) die behinderungsbedingten Nachteile eines Schülers ausgleichen. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Darauf gibt es einen glasklaren Rechtsanspruch, der an keine Bedingungen außer einen geeigneten Nachweis des Bedarfes (z.B. durch ein ärztliches Gutachten) geknüpft ist.
„Wir können ihm doch nicht in allen Fächern einen Nachteilsausgleich gewähren.“ Auch falsch. Selbstverständlich kann ein Nachteilsausgleich auch sämtliche Fächer umfassen, wenn es erforderlich ist.
Jetzt wird es paradox: „In der 2. Klasse gibt es ja noch keine Zensuren, deshalb wäre es unsinnig, den Aufwand mit den Nachteilsausgleichen zu treiben. So mit Klassenkonferenz und so.“ Ja, es ist bürokratischer Aufwand und das tut mir ja auch leid, aber so ist es im Gesetz nun mal geregelt. Den unkonventionellen Weg mit Übernahme der bestehenden Ausgleiche aus der Schülerakte wollten sie ja nicht gehen. Ich möchte dieser Aussage aber mal eine andere entgegen stellen, die im selben Gespräch fiel: „Wenn Sie nicht auf unseren Vorschlag mit dem Förderschwerpunkt Lernen eingehen, dann können wir Ihren Sohn nicht versetzen.“ Den Förderschwerpunkt zu beantragen stellt nicht weniger bürokratischen Aufwand dar als die Festlegung der Nachteilsausgleiche. Viel mehr irritiert mich daran aber, dass Paul bisher die ihm zustehenden Nachteilsausgleiche nicht bzw. nur sporadisch gewährt wurden, aber vehement die Idee von sich gewiesen wird, dass dies einen guten Teil dazu beigetragen hat, dass seine Versetzung gefährdet ist. Das ist schon irgendwie ziemlich bitter.
Das sich dann noch herausstellte, dass sich keiner der Anwesenden mit den Materialien der eigenen Schulbehörde zum Thema Autismus in der Schule und Nachteilsausgleiche befasst hat, war dann auch schon fast egal. Das rundet das Bild einfach nur ab.

Ein bisschen Leben kam noch mal auf, als wir erwähnten, dass jemand aus der Praxis des Kinderpsychiaters in die Schule kommt und sich selbst ein Bild machen will. Erste Reaktion: „Also für diese ganzen Gespräche habe ich ja gar keine Zeit, jedes Kind hat normalerweise 20 Minuten pro Schuljahr und wir sitzen auch schon wieder eine Stunde hier.“ Ich erzählte dann die etwas geschönte Variante wie er auf Pauls Erzählung über die Schule reagiert hat. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten wir beispielsweise noch am gleichen Tag die Schulbegleitung ersetzt und als er hörte wie es mit den Nachteilsausgleichen steht, dachte ich kurz, er würde gleich vor Wut durch die Decke gehen. Außer ein paar betretenen Blicken kam da auch kaum eine Regung bei den Lehrern. „Was hat das denn mit uns zu tun?“ war die Frage. Ich erklärte, dass er eine fachärztliche Stellungnahme abgeben wird, die sich auch mit den Zuständen in der Schule befasst und die sehr klare Ansagen zu den Nachteilsausgleichen enthalten wird. Ich erwähnte auch, dass diese Stellungnahme zur Beurteilung des weiteren Bedarfes der Schulbegleitung herangezogen wird (die Lehrerin möchte sie unbedingt behalten, arbeitet aber momentan dagegen, ohne es selbst zu merken) und gegebenenfalls auch Eingang in die Schülerakte finden wird. Ich weiß nicht genau, was davon ihnen klar machte, dass dies kein lustiges oder nerviges Spielchen von uns Eltern ist, auf jeden Fall wurden plötzlich eifrig Notizen gemacht.

Wir verabschiedeten uns dann mit dem Hinweis, dass wir nach dem Abschlussgespräch der aktuellen Diagnostik Bescheid geben werden, ob wir dem neuen Förderschwerpunkt Lernen zustimmen werden. Vorher macht es auch einfach keinen Sinn. Wenn Paul tatsächlich eine Dyskalkulie hat, muss man da wieder anders rangehen. Dass dieses Gespräch unbefriedigend für beide Seiten war, ist wahrscheinlich die Untertreibung des Jahres. Ich sehe jedenfalls noch viele schwere Kämpfe auf mich zukommen.

Nachtrag:
Jetzt habe ich doch glatt mein absolutes Lieblingszitat des Gespräches vergessen. Das möchte ich euch aber nicht vorenthalten. Mal gucken, ob ihr auch so schön facepalmen könnt wie wir.
„Mit dem Förderschwerpunkt Lernen können wir ihm ja die Dinge dann auch so erklären, dass er sie versteht!“
Ohne weitere Worte.