Antwort auf die „Stellungnahme zur Kritik an ABA“

Eigentlich wollte ich mich in diesem Blog nicht schon wieder mit ABA beschäftigen müssen, aber das, was Herr Schramm da öffentlich gestellt hat, möchte ich doch nicht unkommentiert lassen. Zum Nachlesen: Stellungn_Kritik_ABA_April15

Der Vergleich mit Leugnern des Klimawandels lässt schon in der Einleitung erahnen, dass es mit Sachlichkeit in der Stellungnahme wohl nicht besonders weit her sein wird. So ist es dann auch. Die Kritiker von ABA sind laut Herrn Schramm nur eine kleine aber laute, un- bzw. fehlinformierte Gruppe von Menschen, die einfach nur wütend ihren Glauben in die Welt tragen, weil sie neidisch darauf sind, dass ihnen diese Möglichkeit verwehrt geblieben ist.

Ähm….nein.
An dieser Einschätzung stimmt irgendwie gar nichts. Diejenigen, die öffentlich ihre Stimmen gegen ABA erheben, sind nicht alleine. Sie sind die Sprachrohre. Dahinter stehen aber eine Menge mehr Menschen als es vielleicht den Anschein haben mag. Immer wieder lese ich von Eltern autistischer Kinder, denen ABA vorgeschlagen wurde, die aber nach der Einführung entsetzt abgelehnt haben. Von Eltern, die lieber ganz auf autismusspezifische Therapien verzichten als ihre Kinder ABA auszusetzen. Nur erheben die nicht ihre Stimme im Internet und in der Öffentlichkeit sondern sie nicken schweigend, wenn das Thema darauf kommt.
Ich bin weder un- noch fehlinformiert, was ABA angeht. Ich denke, dies geht auch aus meinen vorherigen Beiträgen zu dem Thema hervor. Im Gegenteil. Meine persönliche Empfindung ist, dass die Mehrheit der ABA-Kritiker sich mehr und intensiver mit den theoretischen und praktischen Ausführungen der ABA-Industrie auseinandergesetzt hat als viele der Anwender. Wir wissen mehr über die angebliche Evidenz, mit der ABA so gerne beworben wird. Wissen mehr über die Entstehungsgeschichte und die Hintergründe. Wissen, wie die Studien, die die angebliche Evidenz belegen sollen, entstanden sind. Haben uns mit den ethischen Fragen, den Menschenrechten und der UN-Behindertenrechtskonvention auseinandergesetzt. Kennen die übliche Argumentationslinie von ABA-Befürwortern, von wegen die Autisten würden ja unbehandelt zwangsläufig in Einrichtungen landen, unbeschulbar und nicht gesellschaftsfähig.
Wütend? Nein, wütend bin ich nicht. Mein Kind wird kein ABA erleben müssen. Und nein, normale Erziehung hat nichts mit ABA zu tun, auch die 1000fachste Wiederholung macht die Behauptung nicht wahr. Ein schönes Beispiel, was meine Erziehung von ABA unterscheidet:

Zitat einer ABA-Trainerin, deren Institut auch in der Stellungnahme verlinkt ist:

Es ist natürlich nicht gemeint, dass ein Kind absichtlich solchen Situationen ausgesetzt wird, damit dann der Entzug dieser Dinge als Verstärker gilt. Es geht viel mehr darum, dass es vor allem im Alltag immer wieder Situationen gibt, die das Kind erlebt, die wir nicht unbedingt steuern können; von denen wir zuvor vielleicht auch gar nicht wissen, dass diese unangenehm für das Kind sind.

Zum Beispiel mit der Geräuschkulisse. Das Kind geht zur Schule; an sich hat die Lehrerin die Klasse ganz gut unter Kontrolle. Doch an diesem Tag ist alles ausser Rand und Band und ziemlich laut. Dem Kind mit Autismus wird das Ganze recht schnell zuviel. Es würde jetzt normalerweise aus der Überforderung heraus vielleicht sogar um sich treten, schreien, toben, etc. Doch die Lehrerin erkennt die Situation rechtzeitig und spricht dem Kind vor: mir ist das zu laut, ich möchte raus. Das Kind spricht das nach und verhält sich weiterhin trotz dieser Geräuschkulisse angemessen. Als Belohnung darf das Kind nun in dem ruhigen Nebenzimmer Zeit allein oder auch mit wenigen anderen ruhigen Kindern verbringen. Der Verstärker in diesem Fall dafür, dass das Kind angemessenes Verhalten und Sprache einsetzte, ist der Entzug der lauten Geräuschkulisse und damit ein negativer Vetrstärker.

Es gibt viele solcher Situationen im Alltag – ABA/VB wird ja nun mal nicht nur in einer stillen Ecke an einem bestimmten Tisch durchgeführt- und da ist es dann wichtig, diese Situationen zu erkennen und die Verstärkung dementsprechend einzusetzen.

Das bedeutet im Klartext: Wenn das Kind einen Overload hat, darf es erst dann den Ort der Qual verlassen, wenn es sich aus der Außenperspektive „angemessen“ verhält und nachplappert, was ihm vorgesagt wird. Und selbst danach muss es sich noch „richtig“ verhalten, ehe es dann irgendwann erlöst wird.
Obwohl es selbst weder etwas für die unruhigen und lauten Mitschüler kann, noch für die Lehrerin, die an diesem Tag ihre Klasse eben nicht im Griff hat.

Mein Weg ist da klarer: Wenn mein Sohn durch Unruhe im Klassenzimmer so sehr beeinträchtigt wird, dass er kurz vor einem Overload steht, darf er es natürlich verlassen. Er muss nicht erst so weit kommen, dass er überhaupt schreien und treten als letzten Ausweg wählen müsste. Das funktioniert übrigens wunderbar in einer inklusiven Klasse an einer Regelgrundschule – womit auch die Aussage, Autisten wären ohne ABA ja nicht beschulbar und schon gar nicht inkludierbar, ad absurdum geführt sein dürfte. Wie man hier auf meinem Blog nachlesen kann, gehört mein Sohn auch nicht zu den angeblich „leichter betroffenen“ Asperger-Autisten, bevor diese Ausrede auch noch angeführt wird.

Glauben? Ist meine Ablehnung von ABA ein Glauben? Eher nein. Meine Ablehnung beruht auf ethischen Grundsätzen, Fakten und Wissen. Aber wenn wir schon mal beim Thema „Glauben“ sind. Die Aussage „besucht meine Seminare oder kauft mein Buch, damit ihr mitreden könnt“ kenne ich zu gut aus der „alternativmedizinischen“ Szene. Von MMS-Befürwortern habe ich das schon etliche Male in genau diesem Wortlaut gehört. Ich lass das jetzt mal so stehen. Und überlege laut, warum ABA-Eltern auch viel eher zu fragwürdigen Methoden wie Diäten, Biomedizin und MMS greifen. Ob das wohl doch etwas mit der Grundhaltung zu Autismus zu tun haben könnte?

Bin ich neidisch darauf, dass ich selbst nicht in den „Genuss“ von ABA gekommen bin? Warum sollte ich? Ich halte mich für einen ganz brauchbaren Menschen. Das ist natürlich rein subjektiv.

Ich schreibe schon wieder einen halben Roman, sorry liebe Leser. Ich bemühe mich, den Rest möglichst kurz zu halten.

Das Argument, dass ja Behörden die Kosten für ABA in manchen Fällen übernehmen, geht einfach nur nach hinten los. Zum Glück ist es nämlich bisher nur in Einzelfällen so. Und sie übernehmen das nicht, weil es der einzige evidenzbasierte Ansatz wäre, sondern weil bestimmte Lobbyisten dafür mächtig die Werbetrommel rühren und den Eltern fröhlich Tipps für die richtigen Formulierungen in den Anträgen auf Kostenübernahme in die Hand gedrückt werden. Ich erinnere da an eine gewisse Anhörung im Landtag in Baden-Württemberg, die ja nun wirklich einer ABA-Werbeveranstaltung gleichkam. Eben damit die Kosten zukünftig übernommen werden. Auch dort fielen Äußerungen wie „sonst den Rest des Lebens in Einrichtungen, nicht beschulbar, arme Eltern“.

Von einer Stellungnahme eines führenden ABA-Anbieters hätte ich mir erheblich mehr Sachlichkeit erwartet. Fachliche Argumente statt persönlicher Angriffe. Am schlimmsten daran finde ich, dass in diesem Dokument erneut mehrfach der Name einer Mutter eines Autisten genannt wird, nur weil sie es gewagt hat, ihre Meinung zu äußern. Das hat schon etwas von moderner Hexenjagd. Und ist absolut unangemessen. Sollen Kritiker auf diese Art eingeschüchtert werden? Wäre das nicht gewesen, hätte ich mir vielleicht nur ein müdes Lächeln abgerungen statt hier darüber zu schreiben. Aber dieser Umgang mit Andersdenkenden weckt in mir den Gerechtigkeitssinn. Und deshalb melde ich mich wieder zu Wort.

Ich stehe hinter der Stellungnahme von Autismus Mittelfranken. Ich stehe hinter der angesprochenen Mutter. Ich lehne ABA ab und werde mich auch weiterhin klar und deutlich öffentlich dazu positionieren. Ich bin mir sicher, dass wir nicht alleine sind.

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