„Und was macht ihr dagegen?“

Das ist eine Frage, die mir öfter gestellt wird. Die Antwort darauf lautet immer gleich: „Nichts“ Gegen Autismus kann und will ich nichts tun.

Aber natürlich machen wir eine ganze Menge für und mit Paul. Allerdings ist unser Ziel nicht die „Bekämpfung“ seines Autismus. Unser Ziel ist es, ihm Werkzeuge an die Hand zu geben, damit er in unserer -nicht gerade autistenfreundlichen Welt- zurecht kommt. Ich schrieb schon im Beitrag über den Weg zur Diagnose, dass ich sehr viel recherchiert habe. Ich las über die Entstehung von Autismus, die Symptome und deren verschiedene Ausprägungen und natürlich vor allem über Therapien. Ich landete auf Internetseiten, die eine „vollständige Heilung“ versprachen. Heilung? Wie will man denn eine andere Art der Wahrnehmung „heilen“? Relativ schnell wurde mir klar, dass es nicht nur seriöse Angebote und Therapieformen gibt sondern sich auch jede Menge Scharlatane auf dem Gebiet tummeln, die versuchen, aus der Verzweiflung oder Unwissenheit der Eltern Kapital zu schlagen. Da gibt es teilweise wirklich haarsträubende Dinge zu lesen. Darauf werde ich sicherlich noch einmal gesondert eingehen, das würde diesen Beitrag sprengen.

Die Seiten, die für mich bei meinen Recherchen am wertvollsten waren (und es auch heute noch sind), sind die Blogs erwachsener Autisten. Ich habe den Beitrag Overload, Melt- und Shutdown gleich mehrfach hintereinander gelesen. Da beschrieb jemand meinen Sohn. Endlich verstand ich wirklich, was in ihm vorgeht. Ich kann nur jedem Angehörigen, Lehrer, Therapeuten und Erzieher eines Autisten empfehlen, sich die Zeit zu nehmen, diese Beiträge zu lesen.

Zurück zu Paul. Nach der Diagnose warf ich erst mal meine ganzen Erziehungsansätze über den Haufen. Ich fing an, seine Verhaltensweisen genau zu beobachten und zu hinterfragen. Ich fing an, Regelmäßigkeiten zu entdecken. Zu dieser Zeit fing er an, in den Kindergarten zu gehen. Wir holten ihn mittags ab, weil der ganze Kindergartentag viel zu lang für ihn gewesen wäre. Zu Hause schrie und tobte er immer, kaum war die Wohnungstür geschlossen. Anfangs auch bis zu mehreren Stunden. Ich schimpfte darüber aber nicht mehr sondern stand ihm einfach bei. Bevor jetzt Einwände kommen: Paul liebte die Erzieherinnen und den Kindergarten von Anfang an, dies signalisierte er uns deutlich. Wir zwangen ihn also nicht zum Hingehen. Er war mittags nur einfach völlig überfordert von den ganzen Eindrücken und seiner Aufregung. Nach 2-3 Wochen wurden seine Meltdowns kürzer, nach 6-8 Wochen kamen sie nicht mehr täglich. Nach 6 Monaten hatte Paul sich völlig eingewöhnt und war traurig, wenn wir ihn mittags abholten. Nach knapp einem Jahr war es dann so weit: Er wollte und durfte so lange bleiben wie die anderen Kinder auch. Er platzte fast vor Stolz. Inzwischen ist er mehr als 2 Jahre dort, gehört inzwischen zu den „Großen“ und ist bei Erziehern und Kindern gleichermaßen beliebt.
Zu Hause überlegte ich mir zeitgleich, welche Regel denn nun unbedingt eingehalten werden muss und was überhaupt nicht wichtig ist. Ich richtete unser komplettes Familienleben auf Pauls Bedürfnisse aus. Das klingt jetzt schlimmer als es wirklich war. Wir richteten feste Zeiten für jede Tätigkeit ein. Wir kündigten jede Aktion, jede Tätigkeit im Vorfeld an. Ich bastelte einen Tagesplan mit Piktogrammen, der dann auch im Kindergarten eingeführt wurde. Ich akzeptierte, jede Nacht mit Paul auf dem Schlafsofa zu schlafen und wir versuchten nicht mehr, ihn in sein Bett zu zwingen. Wir legten Prioritäten fest für solche Sachen wie Toilettengang, am Tisch sitzen beim Essen, witterungsangepasste Kleidung und Ähnliches. Ich wurde dadurch sehr kreativ im Finden unkonventioneller Lösungen.

Inzwischen ist Paul ein völlig anderes Kind als vor 2 Jahren als wir die Diagnose bekamen. Er ist selbstbewusst geworden, ausgeglichen, kann super sprechen (manchmal zu viel für meinen Geschmack), isst inzwischen sehr viele Lebensmittel und gestaltet jeden Sonntag Abend seinen Wochenplan selbstständig. Er läuft nur noch sehr selten weg und hat nur noch alle paar Monate mal einen Meltdown. Er erarbeitet sich gerade selbst Strategien, mit belastenden Situationen umzugehen.

Es war und ist ein langer und oft harter Weg für uns und ihn, aber die bisherigen Erfolge geben uns recht. Wir werden weiter nach dem TEACCH-Prinzip mit ihm „arbeiten“ (ein besseres Wort fällt mir gerade nicht ein), er bekommt auch weiterhin Ergotherapie zur Wahrnehmungsförderung und zur Förderung der Feinmotorik. Die Logopädie wird im Sommer abgesetzt.

Ich bin gespannt wie es mit uns weitergeht und werde hier natürlich regelmäßig berichten.