Der schmale Grat. Teilhabe oder Überforderung

Ich finde es manchmal sehr schwierig zu entscheiden.
Es ist Fasching und in unserer Nähe fand ein kleiner Faschingsumzug mit anschließender Kinderveranstaltung statt. Paul wollte unbedingt dort hin, wir waren schon öfter dort. Bisher endete es immer mit einem Meltdown seinerseits. Deswegen haben wir Eltern im Vorfeld lange überlegt, ob wir es wagen sollen. Wiegen 2 Stunden Spaß einen schlechten Nachmittag und Abend auf? Möglicherweise auch noch einen schlechten Sonntag? Andererseits möchten wir Paul auch nicht mehr einschränken und ausgrenzen als es ohnehin schon unvermeidbar passiert.

Der entscheidende Faktor war Paul: Er wollte dorthin. Also sind wir hingefahren. Bei recht milden Temperaturen und strahlendem Sonnenschein war der Umzug auch wirklich traumhaft. Die Kinder sammelten „Kamelle“, tanzten zur Musik und riefen fröhlich mit „Helau“. Es gab kein Gedrängel an den Straßen wie man es von den großen Umzügen kennt. Es ist eine Kleinstadt, beinahe dörflich. Auch zur Veranstaltung wollte Paul unbedingt. Also rein ins Getümmel. Dort war es dann auch weniger gemütlich, viele Menschen, wenig Platz und laute Musik. Nach ungefähr einer halben Stunde war Pauls gute Laune verschwunden, er wollte raus. Also sind wir ein wenig vor die Tür gegangen. Dort lief er dann ganz aufgeregt im Kreis herum, wedelte heftig mit den Armen und singsangte vor sich hin. Wir ließen ihn gewähren. Und -was mich sehr berührte- niemand störte sich daran. Es gab kein Getuschel, keine bösen Blicke. Es war einfach so. Nach 20 Minuten fragten wir Paul, ob er nun wieder zur Veranstaltung möchte oder doch lieber nach Hause fahren. Und stürzten ihn damit anscheinend in einen Konflikt. Er wollte eigentlich sehr gerne wieder rein gehen, kam aber immer nur bis knapp hinter die Tür. Dann rannte er wieder hinaus. Nach Hause wollte er aber eigentlich auch nicht. Er wurde immer aufgeregter, reagierte kaum noch auf uns. Er schien wie gefangen in einem Dilemma. Er wollte dabei sein, schaffte es aber eigentlich nicht und merkte das auch. Irgendwann nahmen wir ihm dann die Entscheidung ab und beschlossen, nach Hause zu fahren. Er ließ uns seinen Unmut deutlich spüren, konnte sich aber auch nicht durchringen, doch wieder in den Veranstaltungssaal zu gehen. Und so war dann der restliche Nachmittag erwartungsgemäß eher schlecht und anstrengend für uns alle. Trotzdem sagt Paul, dass es ihm sehr gefallen hat und er auch wieder dorthin möchte.

Jetzt schläft er und ich sitze hier und grübele.
Ist es richtig, ihn wissentlich an seine Grenzen und eventuell darüber hinaus zu bringen?
Hätten wir es ihm verwehren sollen? Mit welcher Begründung? Ich möchte ihn nicht anlügen.
Er zieht aus solchen Erlebnissen immer auch eine Portion Selbstvertrauen, was ich sehr wichtig finde. Bringt es ihm mehr als es ihm an Kraft nimmt?

Ich tendiere eher dazu, es ihn immer wieder versuchen zu lassen. Gerade weil er es möchte.

Wie handhabt ihr das? Kennt ihr solche Situationen? Habt ihr Tipps?

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