Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Es war einmal ein Junge. Er war von Anfang an ein ziemlich ungewöhnliches Kind. Eines Tages, der Junge war noch sehr jung, stand in seinem liebsten Raum in seinem Zuhause plötzlich ein Baum. Größer als er selbst und mit seltsamen goldenen Bällen daran. Das fand er total entsetzlich und er brüllte, damit dieser Baum wieder verschwinden sollte. Doch die großen Menschen, die auch dort wohnten, verstanden ihn nicht und so blieb dieser Baum einfach dort stehen. Es wurde dunkel und einer der großen Menschen steckte einen Stecker in ein Loch in der Wand und plötzlich leuchtete der Baum. Der Junge hörte sofort auf zu weinen und zu schreien und staunte mit offenem Mund. Lichter liebte er über alles und der Baum war plötzlich gar nicht mehr bedrohlich und beängstigend sondern leuchtete so schön wie die Lichter an den Fenstern, die in den Wochen zuvor auch so plötzlich auftauchten und die er ebenfalls total faszinierend fand.
Am nächsten Tag waren die großen Menschen seltsam unruhig und aufgeregt. Der Junge war verwirrt. Und dann klingelte es auch noch so schrecklich laut und noch mehr große Menschen kamen, die alle auf ihn einredeten und seltsame Pakete mit buntem Papier unter den Baum stellten. Außerdem wollten die neuen großen Menschen den Jungen alle in den Arm nehmen und küssen und kitzeln. Das war so furchtbar für ihn, dass er gar nicht mehr aufhören konnte zu weinen und sich erst beruhigen konnte als er alleine im Halbdunkeln in seinem vertrauten Bettchen lag und den gewohnten tanzenden Sternen an der Decke zusah. Nachdem er ein wenig geschlafen hatte, traute er sich wieder vorsichtig in den Raum mit dem Baum, hielt aber einen Sicherheitsabstand zum Baum und den großen Menschen. Diese nahmen jetzt die seltsamen bunten Pakete und brachten sie zu ihm. Sie sagten ihm, er solle sie „auspacken“. Doch der Junge wusste nicht, was damit gemeint sei. Es machte ihm Angst, wie sie aussahen und sich anfühlten. Er wollte sie nicht anfassen oder in seiner Nähe haben. Er weinte wieder. Also packten die großen Menschen die Geschenke für ihn aus und er sah plötzlich interessante Gegenstände aus dem fiesen Raschelpapier auftauchen. Da aber die Angst die Neugier überwog, ignorierte er die Gegenstände lieber. Erst am nächsten Tag, als die großen Besucher-Menschen nicht mehr da waren, erkundete er nach und nach die verschiedenen Spielzeuge und sie gefielen ihm. Besonders toll waren aber trotzdem einfach die vielen funkelnden Lichter am Weihnachtsbaum und in den Fenstern. Die konnte er stundenlang versunken betrachten. Und er war traurig, dass sie im Januar dann wieder eingepackt wurden.

Das war Pauls erstes Weihnachten. Im folgenden Jahr fand er die Weihnachtsdeko und die Lichterketten direkt von Anfang an toll und war auch beim Aufstellen des Weihnachtsbaumes dabei, damit er davon nicht wieder überrascht wird. Er hielt zwar weiterhin respektvollen Abstand zum Baum, hatte aber keine Angst mehr vor ihm. Je älter er wird desto mehr genießt er die Weihnachtszeit. Er hilft inzwischen beim Dekorieren, achtet darauf, dass die Weihnachtsbeleuchtung wieder genauso angeordnet wird wie im Vorjahr und schmückt den Weihnachtsbaum mit mir zusammen. Auch für die Geschenke hatten wir relativ schnell eine Lösung gefunden. Sie waren einfach nicht mehr verpackt und er wusste ein paar Jahre lang bereits vorher, was genau er geschenkt bekommen würde. Nein, wir fanden das gar nicht schlimm oder hatten das Gefühl, dass da die Spannung fehlen würde. Im Gegenteil. Es nahm eine Menge Overload-Potenzial aus der Situation. Inzwischen (seit etwas mehr als einem Jahr jetzt) dürfen die Geschenke auch verpackt sein und er reißt sie selber auf. Dieses Jahr wusste er auch nicht mehr vorher, was genau drin sein würde.

Wir feiern auch nicht mehr mit vielen Personen auf einmal, das funktioniert einfach nicht. Wir haben eine Möglichkeit gefunden wie wir die stressigen Feiertage entzerren können. Statt direkt an Weihnachten entweder mit vielen Personen zu Hause zu sitzen oder von einer Familie zur anderen zu hetzen, erstreckt sich bei uns Weihnachten jetzt über mehrere Wochenenden. Am letzten Wochenende vor Weihnachten fahren wir zu den Großeltern weiter weg und feiern dort zum ersten Mal. So richtig mit Baum und Festmahl und Bescherung. Zu Hause feiern wir dann in ganz kleinem Kreis an Heiligabend, die Großeltern hier am Ort kommen nur kurz zum Kaffeetrinken und der anschließenden Bescherung vorbei, am nächsten Tag besuchen wir sie kurz zum Mittagessen. Es gibt genug Ruhezeiten und Rückzugsmöglichkeiten für Paul. Trotzdem kommt es natürlich immer wieder mal zu kleineren und größeren Problemen (ich denke da gerade an letztes Jahr), aber in Summe kommen wir so viel entspannter durch die Weihnachtszeit.

Genau dies ist doch der Sinn von Weihnachten, oder nicht? Entspannt mit den Menschen zusammen sein, die man liebt. Und das kann man eben auch recht unkonventionell. Es steht nirgendwo geschrieben, dass man mit 10 Leuten und mehr Weihnachten begehen muss, wir lieben uns und freuen uns nicht weniger, wenn wir uns nicht direkt Heiligabend sondern eben rund um Weihnachten sehen. Paul hat mir da sehr geholfen, althergebrachte „Weil man das eben so macht!“ zu hinterfragen und zu verändern. Kann ich nur weiterempfehlen. Schafft euch eure eigenen Rituale, mit denen ihr alle euch wohlfühlen könnt.

Frohe (Rest-)Weihnachten euch allen da draußen.

Oh, du fröhliche

In den letzten Wochen wurde an einigen Stellen im Internet diskutiert: Mögen Autisten Weihnachten oder nicht? Meine Meinung dazu: Das ist genauso individuell und von Autist zu Autist verschieden wie die persönliche Lieblingsfarbe.
Paul mag Weihnachten. Er wartet jedes Jahr sehnsüchtig auf seinen Adventskalender. Dieses Jahr hat er es sogar geschafft, wirklich nur 1 Türchen pro Tag aufzumachen 😉 Er liebt die Weihnachtsdekoration mit den vielen Lichtern – und achtet darauf, dass sie ungefähr genauso aussieht wie im vorigen Jahr. Schon ab August erzählte er uns, was er sich zu Weihnachten wünscht – Geschenke findet er einfach toll. Inzwischen dürfen die Geschenke auch eingepackt sein, das war ein großes Problem für ihn als er jünger war. Er singt gerne Weihnachtslieder und hat in diesem Jahr sogar eine Rolle bei der Weihnachtsfeier seiner Schule übernommen (ich bin sehr stolz auf ihn).

Eigentlich sollte also einem entspannten Heiligabend nichts im Weg stehen…
Eigentlich.
Doch kurz nach der Bescherung eskalierte die Situation. Der Auslöser* war ein Geschwisterstreit um die Benutzung eines Geschenkes des kleinen Bruders. Jonathan wollte es nicht hergeben, aber Paul wollte unbedingt sofort auch damit spielen. Kurz danach knallten die Türen, Paul schrie die Großeltern an, sie sollten verschwinden und versuchte, mich aus der Wohnung zu werfen. Ich war die Böse, weil ich ihn zu bremsen versuchte. Die armen Großeltern saßen da wie vom Blitz getroffen, so hatten sie Paul noch nie erlebt. Sie verabschiedeten sich dann auch relativ bald.

Und ich habe wieder eine Menge gelernt. Einen so heftigen Meltdown hatte Paul lange nicht mehr. Ich habe seine Kompensationsfähigkeiten in letzter Zeit wohl zu sehr überschätzt. Ich muss wieder mehr auf seine Zeichen achten.

Ein happy End gab es dann trotzdem noch. Nach 2 Stunden spielten die Geschwister friedlich miteinander neben dem duftenden Weihnachtsbaum. Paul selbst sagte heute, dass ihm dieses Weihnachten besonders gut gefallen hat.

Ich hoffe, ihr hattet ebenfalls ein paar schöne Stunden im Kreise eurer Lieben. Ich wünsche euch noch ein schönes Restweihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

* Die eigentliche Ursache dürfte wohl die Hektik und Unruhe der Weihnachtsvorbereitungen in Kombination mit der Aufregung gewesen sein.