„Mein Kind ist Autist“-T-Shirts

Ich wollte meine Meinung zu diesen „ach wie niedlichen“ Autismus-T-Shirts schon länger mal kundtun. Ein aktueller Anlass hat mich wieder daran erinnert.

Um was geht es? Es gibt Online-Shops, die Kleidungsstücke verkaufen, auf denen „lustige“ Sprüche prangen, die Kinder gegenüber allen anderen Menschen als Autist outen. Sowas wie „Ich bin nicht unerzogen, ich bin Autist“ oder „Ich bin Autist, was ist deine Superkraft?“. Und es gibt Eltern, die sowas total toll finden und für ihre Kinder kaufen.

Ich finde das extrem gruselig. Immerhin werden damit Kinder zwangsgeoutet gegenüber allen möglichen Menschen. Kinder, die meist selbst noch gar nicht lesen können, was da auf ihrem Shirt steht. Und auch keinerlei Mitspracherecht haben, ob sie überhaupt geoutet werden wollen. Oder die Folgen eines Totaloutings nicht einschätzen können. Will ich wirklich, dass in der ganzen Stadt bekannt ist, dass mein Kind Autist ist? Bei allen Eltern und Lehrern an der Schule und im Kindergarten des Geschwisterkindes? Bei der tratschenden Nachbarin, die ohnehin immer über alles und jeden herzieht? Der Verkäuferin im Supermarkt, an der Tankstelle und beim Bäcker? Potenziellen zukünftigen Arbeitgebern meiner Kinder oder mir? Will ich mein Kind wirklich selbst in Abseits drängen, wenn dieses Shirt von Menschen gelesen wird, die den üblichen Vorurteilen über Autismus anhängen (falls sie das Wort schon mal gehört haben) und vielleicht ihren Kindern in Folge davon den Umgang mit meinen Kindern verbieten? Weil sie in dem Kind mit dem T-Shirt eine potenzielle Bedrohung sehen, einen angehenden Amokläufer oder Diktator? Das alles wurde immerhin schon irgendwann einmal mit Autismus in Verbindung gebracht, die seriösen Dementi verhallen leider oft ungehört. Schreckliche Vorstellung.

Ich kann nachvollziehen, warum man als Elter auf die Idee kommt, seinem Kind solch ein Kleidungsstück anzuziehen. Man muss sich ein ziemlich dickes Fell wachsen lassen, wenn man mit einem auffälligen autistischen Kind in der Öffentlichkeit unterwegs ist. Da gibt es teilweise wirklich üble Sprüche von Wildfremden zu hören. Angefangen von harmlosen Erziehungsratschlägen über Aufforderungen zur Gewalt („Dem gehört mal recht und links eine gescheuert, dann benimmt er sich auch“) bis hin zu Aussagen, die direkt aus der Nazizeit entsprungen sind („Sowas hätte man früher vergast“). Das tut weh. Immer wieder. Egal, wie dick das Fell inzwischen auch ist.
So ein T-Shirt kann da kurzfristig wie eine gute Idee aussehen. Immerhin zeigt man damit ja deutlich, dass das Kind nicht einfach schlecht erzogen ist oder unfähige Eltern hat. Man demonstriert, dass man als Elternteil nicht dafür verantwortlich ist, wie sich das Kind öffentlich benimmt. Zumindest erhofft man sich diesen Effekt. Ich habe länger darüber nachgedacht. Ich glaube, dass sich dieser Wunsch nicht erfüllt. Einerseits wissen sehr viele Menschen mit Autismus überhaupt nichts anzufangen, was vermutlich zu einem verstärkten Aufkommen von mehr oder weniger blöden Nachfragen führt. Und andererseits werden dadurch auch Menschen erst auf das Kind aufmerksam gemacht, die vielleicht vorher überhaupt keine Notiz von ihm oder seinem Verhalten genommen hätten. Z.B. diese Fraktion „Aber sowas kann man doch heutzutage durch Abtreibung verhindern“. Nein, kann man nicht und ich möchte so ein Thema auch nicht mit mir völlig unbekannten Menschen in der Öffentlichkeit diskutieren. Es kommt so schon ab und zu mal dazu, das muss ich nicht noch forcieren.

Jetzt kommt sicherlich das Argument „Aber mein Kind ist so eingeschränkt, das bekommt sowieso nicht mit, was andere sagen“. Das bezweifele ich. Selbst, wenn das Kind jetzt noch nicht in der Lage ist, mit der Umwelt zu interagieren, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch so bleibt. Und gleich gar nicht, ob es wirklich nichts von dem mitbekommt, was um es herum gesprochen wird oder passiert. Autistische Kinder sind in ihrer Entwicklung wahre Wundertüten. Man kann schlicht nicht vorhersagen, wie sie sich entwickeln werden. Und möglicherweise ist es ein Kind wie Paul, von dem Psychiater annahmen, dass er schwerst beeinträchtigt sei und nie zu umfassender sozialer Interaktion fähig, als er 4 Jahre alt war. Inzwischen sind 5 Jahre vergangen und er kann nicht nur lesen, was auf seinem T-Shirt steht sondern versteht auch sehr gut, was um ihn und über ihn gesprochen wird. Das hat er übrigens auch mit 4 Jahren schon wie sich im Nachhinein herausstellte.

„Aber es gibt doch auch erwachsene Autisten, die freiwillig solche Shirts tragen!“. Ja, gibt es. Ist aber eine völlig andere Sache. Die Betonung liegt hier nämlich auf erwachsen. Volljährig. Selbstbestimmt. Sie entscheiden selbst, ob sie sich auf diese Art outen wollen. Sie sind in der Lage, die Vor- und Nachteile abzuwägen. Da habe ich keinerlei Einwände. Im Gegenteil. Es gibt Shirts für Erwachsene, die ich richtig gelungen finde und vielleicht sogar selbst tragen würde.

Mir geht es explizit um die Kinder, die nicht mitreden können, ob sie so ein Shirt tragen wollen. Deren Eltern sich durch ein „Achtung Autist“-Shirt Erleichterung im Alltag verschaffen wollen. Was meiner Meinung nach nicht nur nicht funktioniert, sondern auch langfristig nachteilig sein kann. Deshalb denkt bitte drüber nach, ehe ihr so ein Teil kauft.

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5 Kommentare zu “„Mein Kind ist Autist“-T-Shirts

  1. Pingback: Als Autist outen – wie, wo, wer und überhaupt – Autismus – Keep calm and carry on

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