„Aber bei den schweren Fällen ist ABA okay“

Wahlweise kann man in das obige Zitat statt ABA auch diverse andere intensive behavioristische Therapieformen (BET, MIA etc.) einsetzen.

Blödsinn!

Das ist zwar ein gern genommenes Argument, aber schlicht total unsinnig. In letzter Zeit musste ich es leider wieder öfter lesen. Sogar von Autisten selbst. Es macht mich wütend und fassungslos. „Aber die nonverbalen Kinder, die noch nicht mal alleine auf die Toilette gehen können, für die ist diese Therapieform geeignet“. Nein, ist sie nicht. Die Argumente gegen ABA, die ich hier auf diesem Blog auch schon gesammelt und selbst verfasst habe, sind viel tiefgreifender. Wer damit argumentiert, dass nonverbale Autisten ja durch frühe intensive Interventionen auf der Basis operanter Konditionierung für ihre Eltern leichter händelbar seien, hat den Kern der Kritik an ABA völlig verfehlt. Oder noch nie etwas davon gehört, dass Menschenrechte für alle Menschen (oder sind nonverbale autistische Kinder keine Menschen?) gelten und dass die UN-Behindertenrechtskonvention recht eindeutig aussagt, dass behinderte Menschen ebenfalls das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit haben. ABA dürfte dazu in deutlichem Widerspruch stehen. Jedes Kind in Deutschland hat das Recht auf eine Erziehung ohne seelische Bestrafung und entwürdigende Maßnahmen. Auch das ignorieren des Kindes bei unerwünschtem Verhalten ist eine seelische Bestrafung. Gemeinhin vielleicht besser als Liebesentzug bekannt. Um nur ein Beispiel zu nennen. Mag sein, dass manche der ABA-Relativierer vielleicht selbst noch zum essen ungeliebter Lebensmittel gezwungen wurden. Heutzutage ist das in der Kindererziehung schlicht nicht mehr zulässig. Und es geht tatsächlich auch ohne das. Davon abgesehen, dass die meisten, die dies erleben mussten, selbst genau wissen, dass diese Brechstangen-Methode garantiert nicht dafür gesorgt hat, dass man das verhasste Lebensmittel jetzt voller Genuss im täglichen Speiseplan hat. Oder doch? Dann dürft ihr gerne hier kommentieren.

Ich weiß immer noch nicht, woher diese Abgrenzung kommt. Warum sich manche Menschen rausnehmen, sich selbst als „besser“ oder „höherwertig“ zu sehen als ein nonverbales autistisches Kind. Ihr seid es nicht. Ihr könnt vielleicht sprechen, euch selbst den Po abwischen und alleine einkaufen. Aber wenn ihr meinem Sohn das Menschsein und seine elementaren Grundrechte absprecht, dann seid ihr garantiert nicht mehr wert als er, der prinzipiell erstmal an das Gute im Menschen glaubt und sich nicht vorstellen kann, dass es Menschen gibt, die ihn und seine Persönlichkeit um jeden Preis verändern wollen, damit es für sein Umfeld bequemer ist. Mir ist jemand wie mein Sohn allemal lieber. Er möchte die Menschen nicht verändern, er kann sie so annehmen wie sie eben sind. Da ist euch so ein „schwerer Fall“ offenbar menschlich weit voraus. Vielleicht könnt ihr etwas von ihm lernen.

Disclaimer: Ich bin mir sehr bewusst, dass dieser Beitrag wenig sachlich ist und bestimmt nicht zur Entspannung entstandener Fronten zwischen ABA-Befürwortern bzw. ABA-Relativierern und scharfen ABA-Kritikern beiträgt. Das ist mir im Moment aber auch völlig egal. Ich habe sachliche Beiträge darüber geschrieben, warum ich ABA kritisiere. Dies jetzt ist ein Rant, weil eben diese sachlichen Beiträge offenbar geflissentlich ignoriert wurden. Das ist mein persönliches Blog, hier wird es auch manchmal emotional.

 

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3 Kommentare zu “„Aber bei den schweren Fällen ist ABA okay“

  1. Pingback: Der Streit um ABA bei DRadio Wissen | dasfotobus

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