Ergotherapie. Ein Abschied.

Lieber Ergotherapeut,

als du Paul kennenlerntest, war er 4 Jahre alt und die Autismusdiagnose noch ganz frisch. Paul sprach erst seit ein paar Monaten ein wenig, konnte weder seine Bedürfnisse kommunizieren noch auf Fragen antworten. Zu dir hatte er aber sofort einen Draht. Du kamst von Anfang an näher an ihn heran als die meisten anderen Menschen. Auf dich konnte er sich einlassen. Mal mehr, mal weniger gut, aber irgendwas ging immer. Am Anfang standen sehr viele, sehr offensichtliche Baustellen. Motorik, Raum-Lage-Wahrnehmung, Hand-Auge-Koordination und so weiter. Ich weiß nicht wie, aber du hast es geschafft, dass schon nach wenigen Wochen erste Verbesserungen spürbar waren.

Kurz vor der Einschulung standen natürlich schulische Dinge im Vordergrund. Stifthaltung, Kraftdosierung, schneiden. Paul hat die Ausmalbilder gehasst, obwohl du dir wirklich die Mühe gemacht hast, Bilder passend zu seinen Interessen zu finden. Ausgemalt hat er sie immer. Dir zuliebe. Zuhause hatten wir keine Chance, dass er freiwillig malt, aber du hast das hinbekommen.

Nach der Einschulung standen weiter die schulischen Anforderungen im Vordergrund. Als im Kunstunterricht für ein Projekt Knoten gemacht werden mussten, hast du innerhalb einer Therapiestunde geschafft, was wir jahrelang vergeblich versuchten. So viele Dinge funktionierten bei dir plötzlich, an denen wir alleine schier verzweifelten.

Ganz nebenbei führte Pauls Vertrauen zu dir auch dazu, dass er sich immer mehr öffnete. Er sprach mit dir über Dinge, die ihn bewegten. Über Gefühle. Über seine Erlebnisse und Interessen. In den letzten Jahren warst du einer der Stützpfeiler, um sein Selbstbewusstsein aufzubauen.

Ihr habt auch schwere Phasen miteinander gehabt. Als Paul nach der Schule immer zu müde und erschöpft war, um noch Leistung zu bringen, hast du trotzdem einen Weg gefunden, ihn zu fördern. Wenn er die Mitarbeit verweigerte, hast du immer so lange mit ihm verhandelt, bis ihr einen Kompromiss gefunden habt. Ich habe dich dafür heimlich bewundert.

In letzter Zeit standen in der Förderung hochkomplexe Themen an. Handlungsplanung, Arbeitsabläufe, Strukturierung und Aufgaben, die Aufmerksamkeit und Konzentration über längere Zeiträume forderten. Paul hat mit dir diskutiert wie ein Weltmeister. Und ihr habt es geschafft. Miteinander.

Wir Eltern fühlten uns bei dir ebenfalls immer gut aufgehoben. Wenn wir Fragen hatten, Sorgen, Probleme, du warst für uns da. Wir haben voneinander gelernt. Deine Sichtweise war stets eine Bereicherung, deine Tipps zu Materialien und Hilfsmitteln immer passend.

Nach 6 Jahren geht ein völlig anderer Paul aus deiner Tür. Selbstbewusst. Diskutierfreudig. Und von den anfänglichen Riesenbaustellen ist kaum noch etwas zu bemerken.

Wir werden dich vermissen. Und können unsere Dankbarkeit kaum angemessen in Worte fassen. Danke für alles!

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Ein Beispiel für Autismustherapie

Es wird immer wieder gefragt, was denn nun eigentlich bei so einer Autismustherapie passiert. Das ist durchaus schwierig zu erklären, weil es für diesen Begriff keine festgelegten Richtlinien gibt. Trotzdem möchte ich heute mal ein Beispiel dafür aufzeigen, wie Autismustherapie sein kann. Ich persönlich bevorzuge allerdings nach wie vor die Bezeichnung „Förderung“. Paul wird nicht „therapiert“ im eigentlichen Sinn sondern er wird gefördert.

In den letzten Wochen arbeitete Paul mit seiner Therapeutin an einem Projekt. Diese Projekte zeichnen sich dadurch besonders aus, dass sie ihn unbemerkt auf ganz vielen Ebenen fordern und fördern. In diesem Fall in (unter anderem) folgenden Punkten:

  • Erstellen und Aufschreiben eines Ablaufplanes, um das gewünschte Ziel zu erreichen -> Handlungsplanung
  • Beschaffen einer Vorlage durch Recherche im Internet -> Ausformulierung einer konkreten Fragestellung, Umgang mit dem PC
  • Übertragen des Entwurfes auf ein Stück Holz -> Handlungsplanung, Problemlösung, Motorik und Konzentration
  • jemanden darum bitten, das Werkstück auszusägen -> soziale Interaktion und Kommunikation
  • Abschleifen -> Kraftdosierung, Motorik, Konzentration und Ausdauer
  • Lackieren des Werkstückes -> Überwindung, sich auf eine unbekannte Tätigkeit einzulassen, Hilfestellung und Erklärung einfordern, Motorik und Kraftdosierung
  • Bemalung -> Motorik und Krafteinsatz

Das alles wurde natürlich sehr eng von der Therapeutin begleitet, zu der er ein sehr inniges Verhältnis hat. Die soziale Interaktion und Kommunikation mit ihr fällt ihm schon sehr leicht. Und wenn es dann auch noch um ein Thema geht, was ihm sehr viel bedeutet, ist er einfach glücklich und überwindet sich auch sehr viel leichter zu ihm bisher unbekannten Dingen. Das fördert dann auch sein Selbstbewusstsein ganz enorm.

Heute durfte er dann das Ergebnis seiner Arbeit mit nach Hause nehmen. Darauf hat er schon sehnsüchtig gewartet und in den letzten Tagen ganz oft nachgefragt, ob es denn auch wirklich pünktlich fertig sei und er es dann mitnehmen dürfe.

Hier nun auch für euch das Ergebnis:

Aus Holz ausgesägtes und grün-schwarz lackiertes Auto mit schwarzen, beweglichen Reifen und aufgemalten Türen und Fenstern

 

Erkennt ihr es? Es ist Mr. Beans Auto. Paul ist, völlig zu recht, sehr stolz auf sich. Und wir auf ihn.

Natürlich werden in der Förderung noch ganz viele andere Dinge gemacht. Seien es alltagspraktische Tätigkeiten wie Einkaufen und Kochen, gemeinsamer Sport oder das Erarbeiten von Bewältigungsstrategien. Manchmal snoezelen sie auch einfach „nur“ zusammen im Entspannungsraum und sprechen über die Dinge, die Paul so bewegen.

Warum die Relativierung von ABA schadet

Offensichtlich haben manche Menschen die Kritik an ABA nur ziemlich oberflächlich gelesen. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum es immer noch das total falsche Bestreben gibt, ABA als Verhaltenstherapie zu relativieren. Und leider gleichzeitig dann auch zu legitimieren. Gerne genommen mit „Mein Kind/ich selber hatte (kognitive) Verhaltenstherapie, und das hat mir total geholfen. Deshalb seid ihr doof, wenn ihr ABA pauschal ablehnt!“

In der Schule würde es jetzt heißen: „Thema verfehlt, 6, setzen!“. Kognitive Verhaltenstherapie ist eben gerade kein ABA. Es ist nicht mal nahe dran an ABA. Der Name ist ähnlich, aber eigentlich sind es zwei völlig gegensätzliche Konzepte. Niemand der ABA-Kritiker, die ich kenne, wettert pauschal gegen Verhaltenstherapie. Ich z.B. betone immer wieder in meinen Beiträgen, dass meine Kritik sich explizit auf den Behaviorismus und das dahinter stehende Menschenbild bezieht. Dass ich die operante Konditionierung sowohl als theoretisches Konstrukt als auch in der Praxis ablehne.

Von daher ist es schlicht unverschämt, wenn mir (oder anderen) dann vorgeworfen wird, wir würden Eltern von nützlicher (kognitiver) Verhaltenstherapie abhalten, weil wir uns öffentlich gegen ABA einsetzen und es scharf kritisieren. Wir können nichts dafür, dass manche offensichtlich selbst nicht genau wissen, was denn nun ABA ist und was nicht. Dazu zähle ich übrigens auch ABA-Anwender, die sich da auch oft überfordert zeigen. Wenn euch etwas unklar ist an den durchaus nicht ganz einfach zu verstehenden Texten, dann fragt doch nach anstatt wild herum zu interpretieren!

Danke!