Schmerzhaft mitten ins Mutterherz

…traf mich vollkommen unerwartet eine Aussage von Paul gestern.

„Papa, es tut mir leid, dass ich manchmal so bekloppt bin. Aber ich bin immer so aufgeregt.“

Autsch.

Natürlich wurde ihm von seinem Papa sofort versichert, dass er nicht „bekloppt“ ist. Dass es okay ist, „aufgeregt“* zu sein. Und dass wir ihn genauso lieben wie er ist. Und der Tag ging dann auch unbeschwert weiter. Aber es nagt an mir. Es schmerzt mich, so etwas von meinem geliebten Kind zu hören. Ich weiß nicht, wie er darauf kommt, dass er „bekloppt“ sei. Von uns hat er das definitiv nicht. In letzter Zeit gab es zunehmend Anzeichen, dass Paul merkt, dass er anders ist als andere Kinder. Anders als seine Klassenkameraden. Dass sie Dinge scheinbar spielend bewältigen, die ihm riesige Probleme bereiten. Wir haben manchmal darüber gesprochen, eher beiläufig. Ich weiß nicht, ob er weiß, dass er Autist ist. Er weiß, dass er in manchen Sachen einfach (noch) mehr Hilfe braucht als die anderen. Und dass er deshalb eine Schulbegleitung hat. Das Wort Autismus ist hier keineswegs ein Tabu, aber es gab auch noch kein explizites „Aufklärungsgespräch“. Ich habe es versucht, aber Paul wollte nicht mit mir darüber reden. Auch wenn er nachfragt darf meine Antwort nicht länger als ein oder zwei Sätze sein. Dann hält er sich die Ohren zu und will nichts mehr hören, läuft weg oder wechselt das Thema. Ich merke, dass ihn etwas beschäftigt und vermute, dass er tatsächlich selbst darüber nachdenkt. Er lässt mich aber nicht an seinen Gedanken teilhaben. Das macht mir Sorgen. Ich suche noch nach den richtigen Worten, dem richtigen Moment, der richtigen Gelegenheit, der richtigen Methode.

*Wenn Paul nervös, unruhig oder überreizt ist, flattert er viel mit den Armen, läuft im Kreis und gibt Geräusche von sich. Wir fragen ihn dann, ob er aufgeregt ist oder wütend oder unsicher. Daraus hat sich dann wohl das „aufgeregt“ als Sammelbegriff entwickelt.

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14 Kommentare zu “Schmerzhaft mitten ins Mutterherz

  1. hm, mein Sohn wollte deinem ganz ähnlich nichts darüber hören anfangs. Es war ihm zuviel. Dennoch bemerkte er, das er anders ist. Und das andere ihn dafür ausschlossen. 2 Jahre lang ging mein Sohn davon aus, das er eklig ist, weil dies mal die Lehrerin als Erklärung für das Verhalten der anderen Schüler vermittelte. Bis heute Frage ich mich, was diese Frau geritten hat, sowas einem Kind zu sagen.
    Trotz allem schien er auf der Suche nach dem Grund, aber er suchte auf seine kindliche Art und weniger bei mir als bei anderen. Aber die hatten eben andere Erklärungen als „du bist autistisch. “

    Mit der Zeit wurde so aus einem immer fröhlichen, offenen Jungen ein sehr vorsichtiger Kerl, der gerne würde aber resigniert hat.
    Ich habe es dennoch nie aufgegeben, kam aber nie wirklich an ihn ran.
    Ich glaube auch, das der Begriff Autismus so unfassbar und groß ist. Eklig, bekloppt. Das sind eher Begriffe, die er für sich auch erfassen konnte.
    Ehrlich gesagt kam der erste richtige Klick mit dem ersten Schattenspringer. Er liesst sehr gerne Comics und kann da richtig eintauchen und den Tag, wie er immer wieder aufgeregt zu mir lief und vorlas und mir immer wieder beteuerte „Mama, das kenne ich, Mama so bin ich auch“, werde ich nie vergessen.

    Ich hätte ihn damals nur Vokal aufgenommen und es Fuchskind geschickt. Ich wollte mich damit bei ihr bedanken, da sie da etwas geschafft hatte, was ich nicht vermochte.

    Inzwischen hat er sich mit dem Thema ausgesöhnt und kann auch mit mir darüber reden. Aber es hatte lange gedauer, bis es soweit war.

    Soll heißen: Gib nicht auf!

    Jede andere Erklärung ist besser als die, die ihm andere liefern und es nicht so gut mit ihm meinen.

  2. um es vielleicht noch zu verdeutlichen, was ich meine.
    Jedes „du kannst das nicht so gut wie die anderen“, impliziert ein Unvermögen. Jedes „du bist anders“ eine Abwehrhaltung, denn man will ja nicht anders sein oder weniger gut.
    Die Beteuerungen danach, das es doch ok ist und gut wie es ist und man es liebt hat, blabla, sind ernst gemeint, ohne Frage…kommen aber nach einem du kannst das nicht, nicht mehr wirklich an.

    Wie würde es dir denn gehen, wenn dir immer wieder jemand sagt, das du es nicht kannst oder nicht so gut wie andere oder das du anders bist.
    Manche steuern gegen, indem sie Autismus als was Besonders hinstellen.
    Verständliche Reaktion, aber in meinen Augen auch falsch.
    Denn dann stehen sie voller Inbrunst vor den anderen und sagen „Ich bin was besonderes“ Das kann gehörig nach hinten los gehen.

    Ein Mittelweg wäre es und glaube mir, selbst ich hatte und habe oft Schwierigkeiten den zu finden.

    • Ich habe mich vermutlich unklar ausgedrückt. Nicht wir sagen „Du kannst das nicht“ sondern er stellt fest, dass er etwas nicht kann und fragt dann nach. Daraufhin antworten wir dann wie oben beschrieben. Wir sagen ihm auch nicht, dass er „anders“ ist. Das habe ich oben jetzt nur verkürzt so umschrieben. Unsere Erklärungen laufen auf der Schiene „Jeder Mensch hat Stärken und auch Schwächen. Was dir leicht fällt, damit haben andere Probleme. Dafür können sie dann wieder andere Dinge, mit denen du jetzt (noch) Probleme hast.“ „Dinge“ steht in diesem Fall für meist ein ganz konkretes Beispiel. Z.B. kann er gut lesen, aber noch keine Schnürsenkel sicher binden.
      Den „Schattenspringer“ habe ich hier, das ist vielleicht wirklich einen Versuch wert.

  3. Es tut mir sehr zu leisen, dass Paul in der Situation sagte er sei „bekloppt“, wobie er diese Erklärung vermutlich von anderen Kindern aufgeschnappt hat. Ich könnte da leider auch keinen guten Rat geben, mich nur Maedel anschließen. Vielleicht ist es einfacher, wenn er sich selber „belesen“ kann. Ich würde aber vermutlich auch mal versuchen mit ihm ein generelles Gespräch über Stärken und Schwächen zu führen, dass jeder Mensch individuell Stärken und Schwächen hat – egal ob behindert oder nicht… Ich hoffe, dass er erkennt, dass er nicht bekloppt ist, sondern einfach nur ein Individuum 😉 LG

    • Danke.

      Er weiß, dass Menschen verschieden sind, das war irgendwie auch schon immer ein Thema. Auch im Kindergarten schon. Er weiß, warum manche Menschen im Rollstuhl sitzen, dass manche keinen Sport treiben dürfen, es unterschiedliche Hautfarben gibt, Menschen, die an Gott glauben usw. Vielleicht kam auch deswegen dieser Satz von ihm so überraschend für mich. Dass er frustriert ist, weil er etwas nicht kann, was er können will, war irgendwie schon sehr lange ein Thema. Dass er sich selbst dafür abwertet auch. Dass er aber glaubt sich entschuldigen zu müssen, das ist neu.

        • Ich glaube nicht, dass andere Kinder damit wirklich etwas zu tun haben, abgesehen von der Wortwahl „bekloppt“. Ich denke, es war seine Art, seine Gefühle dazu auszudrücken und seinen Gedanken Lauf zu lassen. So besonders treffsicher ist er noch nicht, wenn es um die Benennung seiner Gefühle geht, da gibt es schon manchmal recht seltsame Kreationen.

  4. Ihr reagiert falsch und erzeugt damit das Gegenteil. Wenn Ihr wirklich vermitteln wollt, dass mit Paul alles in Ordnung ist, hört auf, zu betonen, dass Ihr ihn genauso liebt, wie er ist. Erst recht nicht in so einer Situation wie der oben beschriebenen.
    Versetzt Euch in die Lage liebender Eltern, die überzeugt sind, dass es keinen Grund gibt, anzunehmen, dass das Kind so etwas wie „bekloppt“ sein könnte. Die hätten folgendermaßen reagiert: „Hä? Du bist doch nicht bekloppt! Wer behauptet denn sowas?“ Stattdessen macht Ihr ein Fass der Beschwichtigung auf, dass Ihr ihn genauso wie er ist liebt. Einem aufmerksamen Kind stellt sich dadurch umgehend die Frage: Ja, wie bin ich denn nun? Was ist dieses „Etwas“, das meinen Eltern diesen Großmut abverlangt? Er mag noch nicht so schöne und erwachsene Worte dafür finden, aber es ist genau das, was er in Eurer Reaktion spürt. Aber statt es ihm schlicht zu verraten, was dieses „Etwas“ ist, ergeht Ihr Euch in noch mehr Beschwichtigungen. Das verwirrt das Kind so sehr, dass es sich schützen, sich die Ohren zuhalten muss.
    Ihr könnt das jetzt nicht mehr korrigieren, denn das Mißtrauen in seine eigene Person ist bereits geweckt. Jetzt hilft nur noch eine klare Ansage.

    • Und wie sollte die dann genau aussehen? Genau da liegt ja das Problem.

      Die Antwort klingt auf mich ziemlich vorwurfsvoll. Ja, wir sind nicht perfekt. Aber ich liebe mein Kind, ich muss es mir nicht vorstellen, wie ich mit ihm reden würde, wenn ich es lieben würde. (tut mir leid, aber die Aussage hat mich hart getroffen). Ich hätte vielleicht die vielen Jahre Vorgeschichte mit in diesen Post packen sollen, die dazu geführt haben, dass wir genau so und nicht anders reagieren. Das wäre allerdings extrem lang geworden, deshalb habe ich es verkürzt.

      • Ich schiebe an dieser Stelle auch noch ein Beispiel nach. Kürzlich kam die Frage „Mama, ich bin klein, oder? Die anderen sind alle größer als ich.“ Sollte ich da dann auch antworten: „Nein, du bist nicht klein, wer sagt denn sowas“?

          • Dass jeder Mensch Stärken und Schwächen hat, der eine hier mehr Hilfe braucht und der andere da? Machen wir doch. Das wurde doch oben von dir kritisiert. Deswegen habe ich ja nachgefragt. Ich kann entweder so tun, als wäre alles in Ordnung und er bildet sich nur etwas ein oder ich bestärke ihn, dass seine Wahrnehmung stimmt und helfe ihm, damit umzugehen. Beides gleichzeitig geht nicht.

          • Ich meine, sag ihm die entscheidenden Worte: „Du bist Autist“. Dass irgendetwas unstimmig ist, weiß er eh schon. Und das ist auch nicht böse gemeint. Habe nur versucht, seine Perspektive nachzuzeichnen.

  5. Pingback: Himmelhochjauchzendzutodebetrübt | butterblumenland

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